Aufgabe 1: Ballistische Schutzwesten · Abitur NRW Chemie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Kunststoffe · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung: Ballistische Schutzwesten
Fachspezifische Vorgaben
Ballistische Schutzwesten, auch „kugelsichere Westen“ genannt, sollen Personen, die sie tragen, vor tödlichen Verletzungen durch Projektile aus Schusswaffen bewahren. Polizeikräfte weltweit nutzen sie im Dienst.
Das Geschoss bleibt nach einem Beschuss in der Weste und die Energie des Einschlags wird auf eine möglichst große Fläche verteilt. Damit dies sicher gelingt, bestehen die Kleidungsstücke aus einem Faser-Kunststoff-Verbund (FKV), einem Werkstoff, bei dem Verstärkungsfasern in einen Kunststoff (Matrix) eingebettet werden. Der FKV muss sehr reißfest sein und darf auch bei hohen Temperaturen nicht schmelzen.
Herstellung der Matrix
Die Matrix besteht aus einem Copolymer, das aus α-Methylstyrol und einem kurzkettigen Polyester-Präpolymer gebildet wird.
Herstellung der Verstärkungsfasern
Es gibt unterschiedliche Verstärkungsfasern, die sich für den Einsatz in einer solchen Art von Schutzweste eignen. Am häufigsten werden Fasern aus Polyaramid oder Hochleistungspolyethen verwendet. Hochleistungspolyethen besteht aus völlig unverzweigten, d. h. nur linearen Ketten, während die Polymerketten in normalem Polyethen auch Verzweigungen haben. Beide Kunststoffe, Polyaramid und Hochleistungspolyethen, werden nach der Herstellung zuerst gesponnen und danach verstreckt, so dass große Bereiche mit parallelen Molekülketten entstehen (kristalline Bereiche). Die fertigen Fasern bettet man bei der Matrixbildung ein, es entsteht eine Platte aus einem Faser-Kunststoff-Verbund.
Zusatzinformationen:
Kristallisationsgrad: Die Kristallisation ist der Übergang eines Kunststoffs in einen hochgeordneten Zustand. Der Kristallisationsgrad gibt an, welcher Anteil des Werkstoffs diesen Zustand erreicht hat.
Zugfestigkeit: Ein Probekörper mit definierten Abmessungen wird mittels einer Prüfmaschine auseinandergezogen. Die maximale Kraft pro mm² bis zum Zerreißen ist die Zugfestigkeit.
Tabelle 1: Kristallisationsgrad und Zugfestigkeit von Polyaramid und verschiedenen Polyethen-Sorten
Werkstoff
Kristallisationsgrad
Zugfestigkeit
Polyaramid
52 %
2800 – 2900 N/mm²
Hochleistungspolyethen
85 %
3000 – 4000 N/mm²
Polyethen (HD)¹
55 – 75 %
27 N/mm²
¹ Polyethen (HD): Polyethen mit einer hohen Dichte (0,94 g/cm³ bis 0,97 g/cm³)
1.
Geben Sie den Reaktionstyp der Synthese des Polyester-Präpolymers sowie die zugehörigen Monomere an. Erläutern Sie die Bildung des Polyester-Präpolymers mithilfe einer Reaktionsgleichung mit Strukturformeln und erklären Sie, wie man die Reaktion steuern kann, um die Ausbeute am Produkt zu erhöhen. [22 Punkte]
2.
Erklären Sie die Teilschritte, in denen aus α-Methylstyrol durch Zugabe eines organischen Peroxids Poly-α-methylstyrol entsteht. Geben Sie für diese Schritte jeweils Reaktionsschemata an. Begründen Sie, weshalb in Schutzwesten das Copolymer aus α-Methylstyrol und dem Polyester-Präpolymer statt Poly-α-methylstyrol eingesetzt wird. [18 Punkte]
3.
Vergleichen Sie unter Verwendung passender Strukturformelausschnitte die zwischenmolekularen Wechselwirkungen in Polyaramid und in Hochleistungspolyethen. Erklären Sie den Einfluss von Verzweigungen in Polyethenketten auf diese Wechselwirkungen. Diskutieren Sie, welche Vorteile der FKV gegenüber Verstärkungsfasern allein bietet. [20 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Reaktionstyp der Synthese des Polyester-Präpolymers
Lösung: Veresterung / Polykondensation / nucleophile Substitution / Additions-Eliminierungsreaktion
1. Monomere der Synthese des Polyester-Präpolymers
Lösung: Maleinsäure (cis-Butendisäure) und But-2-en-1,4-diol (2-Buten-1,4-diol)
1. Erläuterung der Bildungsreaktion des Polyester-Präpolymers
Lösung: Eine Carboxygruppe des Maleinsäure-Moleküls reagiert mit einer Hydroxygruppe des Buten-1,4-diol-Moleküls unter Abspaltung eines Wasser-Moleküls und Bildung einer Estergruppe.
1. Steuerung der Reaktion zugunsten einer besseren Produktausbeute
Lösung: Entfernen des entstehenden Wassers (z. B. durch azeotrope Destillation oder Trockenmittel) oder Erhöhung der Konzentration eines der Edukte.
2. Erklärung der Teilschritte der radikalischen Polymerisation von Poly-α-methylstyrol
Lösung: 1. Erzeugung von Startradikalen durch homolytische Spaltung des Peroxids (z. B. thermisch oder photochemisch). 2. Kettenstart: Reaktion des Startradikals mit einem α-Methylstyrol-Molekül unter Bildung eines neuen Kohlenstoffradikals. 3. Kettenwachstum: wiederholte Addition weiterer α-Methylstyrol-Moleküle an das wachsende Radikal. 4. Kettenabbruch: Rekombination zweier Radikale oder Disproportionierung zu nicht-radikalischen Endprodukten.
2. Begründung für den Einsatz des Copolymers anstelle von Poly-α-methylstyrol
Lösung: Poly-α-methylstyrol allein bildet lineare Ketten und ist ein Thermoplast, der bei Wärmeeinwirkung (z. B. durch Einschlagsreibung/hohe Temperaturen) schmelzen würde. Durch den Zusatz des Polyester-Präpolymers, welches reaktive Doppelbindungen enthält, entsteht ein engmaschig vernetzter Duroplast, der nicht schmilzt und die Verstärkungsfasern fest einbettet.
3. Vergleich der zwischenmolekularen Wechselwirkungen in Polyaramid und Hochleistungspolyethen
Lösung: Im Polyaramid bilden sich starke Wasserstoffbrücken zwischen den Carbonylsauerstoffatomen und den NH-Gruppen der Amidbindungen benachbarter Ketten sowie Van-der-Waals-Wechselwirkungen (insbes. π-π-Wechselwirkungen zwischen den Benzolringen). Beim Hochleistungspolyethen wirken ausschließlich Van-der-Waals-Kräfte, die jedoch aufgrund der langen, vollkommen unverzweigten Ketten und der dichten, regelmäßigen parallelen Anordnung in Summe sehr stark sind.
3. Erklärung des Einflusses von Verzweigungen in Polyethenketten
Lösung: Verzweigungen in den Ketten verhindern ein enges, paralleles Aneinanderlagern der Makromoleküle. Dadurch verringern sich der Kristallisationsgrad und die Kontaktfläche zwischen den Ketten, sodass die Van-der-Waals-Kräfte deutlich schwächer ausfallen (geringere Zugfestigkeit, wie bei LD/HD-PE im Vergleich zu UHMW-PE).
3. Diskussion der Vorteile des FKV gegenüber Verstärkungsfasern allein
Lösung: Die Verstärkungsfasern besitzen eine extrem hohe Zugfestigkeit in Faserrichtung, bieten aber allein keinen ausreichenden Querzusammenhalt und keine Formstabilität. Die elastische bzw. zähe Einbettung in die Kunststoffmatrix (Duroplast) fixiert die Fasern in ihrer Lage, schützt sie vor mechanischen und chemischen Einflüssen, verhindert das Auseinandergleiten und verteilt die kinetische Einschlagsenergie eines Geschosses großflächig über den gesamten Verbundwerkstoff.
Reaktionsgleichungen und Strukturformelschemata (Teilaufgaben 1, 2 und 3)
Lösung: Teilaufgabe 1: Reaktionsgleichung mit Strukturformeln zur Bildung des Polyester-Präpolymers: Teilaufgabe 2: Reaktionsschemata der Teilschritte der radikalischen Polymerisation von α-Methylstyrol: - Startreaktion: Homolytische Spaltung R–O–O–R 2 R–O• - Kettenstart: R–O• + CH₂=C(CH₃)C₆H₅ R–O–CH₂–C•(CH₃)C₆H₅ - Kettenwachstum: R–O–[CH₂–C(CH₃)C₆H₅]ₙ• + CH₂=C(CH₃)C₆H₅ R–O–[CH₂–C(CH₃)C₆H₅]ₙ₊₁• - Kettenabbruch: Rekombination zweier Radikale. Teilaufgabe 3: Strukturformelausschnitte der zwischenmolekularen Wechselwirkungen: *Polyaramid (Wasserstoffbrücken):* *Hochleistungspolyethen (parallele Ketten mit Van-der-Waals-Kräften):*
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