Abitur Hessen Evangelische Religion 2022 · LK

Abiturprüfung Evangelische Religion in Hessen 2022, LK: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · Theodizee: Gott und das Leid · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben. Ein Glaube, der zweifeln lässt (2015)

In seinem Artikel „Zweifelhaft glauben“ greift Arne Bachmann die Skepsis vieler seiner christlich geprägten Zeitgenossen auf. Er erklärt, dass neben dem Gottesglauben Zweifel schon immer im westlich geprägten Denken zu finden waren. Während sich einige aufgrund naturwissenschaftlicher Fakten vom Glauben abwandten, ließen sich andere, beispielsweise Sokrates, vom Zweifel motivieren, Fragen zu stellen, um mit ihnen den Gottesglauben als sinnvoll zu deklarieren. Andere wiederum versuchten, Gott für ihre Suche nach Sicherheit zu missbrauchen.

Besonders dort, wo sich unsere Welt immer schneller verändert, wo Ordnungen schwanken, Lebenskonzepte ihre Selbstverständlichkeit verlieren und unsere eigene Zukunft ungewiss erscheint, steigt die Tendenz, Gott als eine Art Rückversicherung zu nutzen. Dort, wo die gefühlten Risiken der Lebensführung steigen, wächst das Bedürfnis nach Stabilität. Diese wird in Form von bestimmten 5 Vorstellungen gesucht, die absolute Wahrheit beinhalten. Zu Zeiten der Entstehung des christlichen Fundamentalismus waren das zum Beispiel die Jungfrauengeburt, die Irrtumslosigkeit der Bibel oder die Unfehlbarkeit des Papstes. Entscheidend ist hierbei, dass es sich um bestimmte Inhalte oder Institutionen handelt, auf die der Mensch sein Leben aufbaut, um dabei Gott als Garanten der eigenen Sicherheit zu benutzen.

10 Dies ist Götzendienst, da der Mensch Gott in sein eigenes Projekt der Selbstsicherung einspannt. Schon Luther erkannte das und nannte es die securitas 1: Gott wird dazu benutzt, um Sicherheit, Halt und Orientierung zu erlangen, und so wird die berechtigte Suche nach Gewissheit zu einem Götzen.

Gleichzeitig wird klar, warum Menschen sehr gereizt auf jeden Angriff auf ihr Gedankengebäude oder ihr sogenanntes Fundament reagieren: Mit dem Gedankengebäude selbst gerät die gesamte Identität 15 ins Wanken. Und so muss der Mensch mit allen möglichen Mitteln jeden Zweifel von seinem eigenen Gedankengebäude fernhalten. Zuerst mit beißender Polemik, manchmal auch mit der Vermeidung von Situationen, in denen Zweifel aufkommen könnten, und nicht zuletzt auch mit Gewalt.

An dieser Stelle wird plötzlich klar, dass das Projekt der Selbstsicherung, auch wenn es im frommen Gewand daherkommt, so gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Denn da geht es doch 20 darum, dass sich Gott immer wieder in Beziehung zu uns setzt. Folglich kommt es in letzter Konsequenz nicht auf unsere Stimmung, auf unsere Rechtgläubigkeit und unser Wohlverhalten an. Die göttliche Barmherzigkeit ist eine Grundlage, die gewisser ist als unsere theologischen Gedankengebäude. Sich auf die göttliche Zuwendung einzulassen, ist geradezu das Gegenteil jedes Sicherheitsstrebens. Wir können uns selbst nicht gewiss machen. So heißt es im ersten Johannesbrief: „Wenn das 25 Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz“ (1. Johannes 3,20; EÜ 2). Das ist geradezu das Gegenteil des Fundamentalismus. Nicht ich klammere mich ängstlich an bestimmte Glaubenswahrheiten, nicht ich suche verzweifelt nach der einen selig machenden Erfahrung, sondern alles hängt daran, dass sich Gott in Jesus Christus mir schon zugewandt hat. […]

Das bedeutet, dass Zweifel nichts ist, das man von sich wegschieben muss. Zweifel sind nur dann 30 gefährlich, wenn es vor allem darum ginge, selbst die Kraft aufzubringen, an Gott festzuhalten. Gnade selbst im klassischen lutherischen Sinne bedeutet aber, dass Gott uns dort noch hält, wo wir ihn nicht mehr festhalten können. Dort, wo uns der Glaube nicht mehr tragbar erscheint, werden wir dennoch getragen. Und wenn es so genau nicht darauf ankommt, sich seines Glaubens in jedem Moment gewiss zu sein, dann darf man zweifeln. Weil man die Annahme wagt: Wenn es Gott gibt, dann wird er mich 35 nicht aufgrund meiner Zweifel loslassen.

Ebenso ist es mit der Erfahrung der Nähe Gottes. Wäre Gott der, der immer nur nahe ist, dann würde er schnell in unser Projekt der Selbstsicherung eingespannt. Doch der auferstandene Christus weist jede Vereinnahmung von sich, wenn er sagt: „Berühre mich nicht!“ (Johannes 20,17). Jesus Christus entzieht sich hier jedem Versuch, ihn zu begreifen, das heißt: ihn in den Griff zu kriegen. Er ist aber 40 nicht abwesend, sondern ist uns nahe, indem er sich entzieht. Etwas paradox formuliert: Gerade dort, wo wir Gott vermissen, ist er uns vielleicht am nächsten. Denn dort geraten wir in die Nähe zu Jesus Christus, dem Gottverlassenen, der am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ (Matthäus 27,46). So sind die Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens, die Gottverlassenheit und Gottesferne nicht etwa eine Bedrohung des Glaubens, sondern werden am 45 Kreuz Teil des Glaubens.

Der christliche Glaube will nicht einfach alle Rätsel des Lebens aufschlüsseln und zeigen, dass am Ende alles Leid einen Sinn gehabt hat. Am Kreuz zeigt sich, dass Sinnlosigkeit und Absurdität real sind, dass sie auch manchmal den Sieg davontragen. Doch Ostern ist das Zeichen dafür, dass diese Absurdität nicht das letzte Wort haben wird. Folglich kann es ein Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott 50 sein, wenn man sich dieser Absurdität und den Zweifeln aussetzt. Und zu den intensivsten Erfahrungen im Glauben gehört es, gemeinsam zu zweifeln, gemeinsam Gott zu vermissen und so zu erfahren: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Doch ist dies immer noch zu wenig. Hier wäre der Zweifel mehr ein notwendiges Übel. Etwas, das 55 man eben erträgt. Und dort, wo der Zweifel Vertrauen untergräbt, Ängste freisetzt und lähmend wirkt, kann man ihm auch kaum etwas abgewinnen. Aber es gibt eine Seite am Zweifel, die durchaus kreativ sein kann. Zweifel raubt der Welt ihre Selbstverständlichkeit und öffnet so neue Horizonte. Somit kann er auch Ausdruck von Wachheit und Lebendigkeit sein. Er versetzt Festes in Bewegung und sorgt für eine Unruhe, in der etwas Neues Form gewinnen kann.

60 Denn man kann sich seiner Sache manchmal zu gewiss sein; daher kann ein völliges Fehlen von Zweifeln ein Indiz dafür sein, dass man seine Welt schon so hingenommen hat, wie sie ist. Von Jesus Christus wird aber berichtet, wie er Gewissheiten infrage gestellt hat, wie er überhaupt die Art von Fragen gestellt hat, die Zweifel wecken und Horizonte öffnen. Die Welt hinterfragen, sich selbst hinterfragen, noch seine eigenen Zweifel anzweifeln, darum geht es auch im christlichen Glauben.

65 Der christliche Glaube gleicht mehr der Feier eines Geheimnisses und beinhaltet so auch Momente der Unbestimmtheit, der Ungewissheit und Offenheit. So ist es vielleicht auch angebracht, sich und anderen Zeiten intensiver Unbestimmtheit zuzugestehen. Bei manchen wird es notwendig sein, sich für eine Zeit lang von ihren Glaubensgemeinschaften zu distanzieren, damit sie ihren Glauben bewahren können. Besser wäre es allerdings noch, wenn in den Glaubensgemeinschaften selbst mehr 70 Platz für solche Prozesse wäre. Dabei scheint es wichtig, auch neue Fragen zuzulassen und mit althergebrachten Wahrheiten zu ringen, um dann festzustellen, dass nicht alle unsere menschlichen Gedankengebäude so unumstößlich sind, wie sie manchmal den Anschein erwecken. Der Zweifel stellt alte Orientierungen infrage und im günstigsten Fall öffnet er uns für eine Neuorientierung. Dieses Eröffnen von Neuem ist die positive Seite des Zweifels. Zweifel setzt Prozesse in Gang. Und mögen 75 diese auch riskant sein, so ist es manchmal noch riskanter, auf einem Standpunkt zu beharren, denn man gerät in Gefahr, sich vor dem Leben abzuschirmen.

Manchmal lässt sich aus dem Zweifel eine Vorwärtsbewegung gewinnen, ein Umdenken herbeiführen, ein Veränderungsprozess anstoßen. Und manchmal sorgt der Zweifel dafür, dass nun gerade das Altbekannte am Glauben neu erschlossen werden muss. Wenn beispielsweise Schöpfung nicht mehr 80 zwangsläufig als ein wundersames Handeln Gottes in sieben Tagen begriffen wird, dann kann man entweder aufhören, an die Schöpfung zu glauben, oder sich auf eine Entdeckungsreise begeben, wie Schöpfung noch verstanden werden kann. Man kann sich damit beschäftigen, was andere gedacht, geglaubt und geschrieben haben, und kann die Frage auch eine Zeit lang in der Schwebe lassen. Doch neben alldem ist eine Warnung auszusprechen.

85 Es gibt eine Gefahr beim Zweifel, die nichts damit zu tun hat, dass Gewissheiten untergraben werden oder der Glaube bedroht wird. Die Beschäftigung mit den eigenen Zweifeln, das Ringen um eigene Formulierungen des Glaubens und das Stellen von Sinnfragen kann manchmal zu einer exzessiven Beschäftigung mit sich selbst führen. Dann wird man unempfindlich für den anderen.

Daher: Wenn die Unbestimmtheit des Glaubens zu bedrückend wird, ist manchmal die sinnvollste Kur 90 dagegen, von sich selbst wegzuschauen. Das kann sich zum Beispiel im engagierten Einsatz für andere zeigen. Denn wenn man nicht mehr damit rechnet, alle Fragen und Zweifel ganz geklärt zu bekommen, wird man auch freier, sich für andere einzusetzen und Gott unterwegs zu begegnen.

1 securitas – (lat.) Sicherheit

2 EÜ – Abkürzung für „Einheitsübersetzung“, eine deutsche Bibelübersetzung für den liturgischen Gebrauch im römisch-katholischen Gottesdienst, die unter Beteiligung evangelischer Theologen erarbeitet wurde

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben Ein Glaube, der zweifeln lässt, in: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler (Hg.): Warum wir mündig glauben dürfen, Witten 2015, S. 23–27.

Hinweise

Arne Bachmann (*1985): deutscher evangelischer Theologe

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung

Material

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben. Ein Glaube, der zweifeln lässt (2015)

In seinem Artikel „Zweifelhaft glauben“ greift Arne Bachmann die Skepsis vieler seiner christlich geprägten Zeitgenossen auf. Er erklärt, dass neben dem Gottesglauben Zweifel schon immer im westlich geprägten Denken zu finden waren. Während sich einige aufgrund naturwissenschaftlicher Fakten vom Glauben abwandten, ließen sich andere, beispielsweise Sokrates, vom Zweifel motivieren, Fragen zu stellen, um mit ihnen den Gottesglauben als sinnvoll zu deklarieren. Andere wiederum versuchten, Gott für ihre Suche nach Sicherheit zu missbrauchen.

Besonders dort, wo sich unsere Welt immer schneller verändert, wo Ordnungen schwanken, Lebenskonzepte ihre Selbstverständlichkeit verlieren und unsere eigene Zukunft ungewiss erscheint, steigt die Tendenz, Gott als eine Art Rückversicherung zu nutzen. Dort, wo die gefühlten Risiken der Lebensführung steigen, wächst das Bedürfnis nach Stabilität. Diese wird in Form von bestimmten 5 Vorstellungen gesucht, die absolute Wahrheit beinhalten. Zu Zeiten der Entstehung des christlichen Fundamentalismus waren das zum Beispiel die Jungfrauengeburt, die Irrtumslosigkeit der Bibel oder die Unfehlbarkeit des Papstes. Entscheidend ist hierbei, dass es sich um bestimmte Inhalte oder Institutionen handelt, auf die der Mensch sein Leben aufbaut, um dabei Gott als Garanten der eigenen Sicherheit zu benutzen.

10 Dies ist Götzendienst, da der Mensch Gott in sein eigenes Projekt der Selbstsicherung einspannt. Schon Luther erkannte das und nannte es die securitas 1: Gott wird dazu benutzt, um Sicherheit, Halt und Orientierung zu erlangen, und so wird die berechtigte Suche nach Gewissheit zu einem Götzen.

Gleichzeitig wird klar, warum Menschen sehr gereizt auf jeden Angriff auf ihr Gedankengebäude oder ihr sogenanntes Fundament reagieren: Mit dem Gedankengebäude selbst gerät die gesamte Identität 15 ins Wanken. Und so muss der Mensch mit allen möglichen Mitteln jeden Zweifel von seinem eigenen Gedankengebäude fernhalten. Zuerst mit beißender Polemik, manchmal auch mit der Vermeidung von Situationen, in denen Zweifel aufkommen könnten, und nicht zuletzt auch mit Gewalt.

An dieser Stelle wird plötzlich klar, dass das Projekt der Selbstsicherung, auch wenn es im frommen Gewand daherkommt, so gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Denn da geht es doch 20 darum, dass sich Gott immer wieder in Beziehung zu uns setzt. Folglich kommt es in letzter Konsequenz nicht auf unsere Stimmung, auf unsere Rechtgläubigkeit und unser Wohlverhalten an. Die göttliche Barmherzigkeit ist eine Grundlage, die gewisser ist als unsere theologischen Gedankengebäude. Sich auf die göttliche Zuwendung einzulassen, ist geradezu das Gegenteil jedes Sicherheitsstrebens. Wir können uns selbst nicht gewiss machen. So heißt es im ersten Johannesbrief: „Wenn das 25 Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz“ (1. Johannes 3,20; EÜ 2). Das ist geradezu das Gegenteil des Fundamentalismus. Nicht ich klammere mich ängstlich an bestimmte Glaubenswahrheiten, nicht ich suche verzweifelt nach der einen selig machenden Erfahrung, sondern alles hängt daran, dass sich Gott in Jesus Christus mir schon zugewandt hat. […]

Das bedeutet, dass Zweifel nichts ist, das man von sich wegschieben muss. Zweifel sind nur dann 30 gefährlich, wenn es vor allem darum ginge, selbst die Kraft aufzubringen, an Gott festzuhalten. Gnade selbst im klassischen lutherischen Sinne bedeutet aber, dass Gott uns dort noch hält, wo wir ihn nicht mehr festhalten können. Dort, wo uns der Glaube nicht mehr tragbar erscheint, werden wir dennoch getragen. Und wenn es so genau nicht darauf ankommt, sich seines Glaubens in jedem Moment gewiss zu sein, dann darf man zweifeln. Weil man die Annahme wagt: Wenn es Gott gibt, dann wird er mich 35 nicht aufgrund meiner Zweifel loslassen.

Ebenso ist es mit der Erfahrung der Nähe Gottes. Wäre Gott der, der immer nur nahe ist, dann würde er schnell in unser Projekt der Selbstsicherung eingespannt. Doch der auferstandene Christus weist jede Vereinnahmung von sich, wenn er sagt: „Berühre mich nicht!“ (Johannes 20,17). Jesus Christus entzieht sich hier jedem Versuch, ihn zu begreifen, das heißt: ihn in den Griff zu kriegen. Er ist aber 40 nicht abwesend, sondern ist uns nahe, indem er sich entzieht. Etwas paradox formuliert: Gerade dort, wo wir Gott vermissen, ist er uns vielleicht am nächsten. Denn dort geraten wir in die Nähe zu Jesus Christus, dem Gottverlassenen, der am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ (Matthäus 27,46). So sind die Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens, die Gottverlassenheit und Gottesferne nicht etwa eine Bedrohung des Glaubens, sondern werden am 45 Kreuz Teil des Glaubens.

Der christliche Glaube will nicht einfach alle Rätsel des Lebens aufschlüsseln und zeigen, dass am Ende alles Leid einen Sinn gehabt hat. Am Kreuz zeigt sich, dass Sinnlosigkeit und Absurdität real sind, dass sie auch manchmal den Sieg davontragen. Doch Ostern ist das Zeichen dafür, dass diese Absurdität nicht das letzte Wort haben wird. Folglich kann es ein Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott 50 sein, wenn man sich dieser Absurdität und den Zweifeln aussetzt. Und zu den intensivsten Erfahrungen im Glauben gehört es, gemeinsam zu zweifeln, gemeinsam Gott zu vermissen und so zu erfahren: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Doch ist dies immer noch zu wenig. Hier wäre der Zweifel mehr ein notwendiges Übel. Etwas, das 55 man eben erträgt. Und dort, wo der Zweifel Vertrauen untergräbt, Ängste freisetzt und lähmend wirkt, kann man ihm auch kaum etwas abgewinnen. Aber es gibt eine Seite am Zweifel, die durchaus kreativ sein kann. Zweifel raubt der Welt ihre Selbstverständlichkeit und öffnet so neue Horizonte. Somit kann er auch Ausdruck von Wachheit und Lebendigkeit sein. Er versetzt Festes in Bewegung und sorgt für eine Unruhe, in der etwas Neues Form gewinnen kann.

60 Denn man kann sich seiner Sache manchmal zu gewiss sein; daher kann ein völliges Fehlen von Zweifeln ein Indiz dafür sein, dass man seine Welt schon so hingenommen hat, wie sie ist. Von Jesus Christus wird aber berichtet, wie er Gewissheiten infrage gestellt hat, wie er überhaupt die Art von Fragen gestellt hat, die Zweifel wecken und Horizonte öffnen. Die Welt hinterfragen, sich selbst hinterfragen, noch seine eigenen Zweifel anzweifeln, darum geht es auch im christlichen Glauben.

65 Der christliche Glaube gleicht mehr der Feier eines Geheimnisses und beinhaltet so auch Momente der Unbestimmtheit, der Ungewissheit und Offenheit. So ist es vielleicht auch angebracht, sich und anderen Zeiten intensiver Unbestimmtheit zuzugestehen. Bei manchen wird es notwendig sein, sich für eine Zeit lang von ihren Glaubensgemeinschaften zu distanzieren, damit sie ihren Glauben bewahren können. Besser wäre es allerdings noch, wenn in den Glaubensgemeinschaften selbst mehr 70 Platz für solche Prozesse wäre. Dabei scheint es wichtig, auch neue Fragen zuzulassen und mit althergebrachten Wahrheiten zu ringen, um dann festzustellen, dass nicht alle unsere menschlichen Gedankengebäude so unumstößlich sind, wie sie manchmal den Anschein erwecken. Der Zweifel stellt alte Orientierungen infrage und im günstigsten Fall öffnet er uns für eine Neuorientierung. Dieses Eröffnen von Neuem ist die positive Seite des Zweifels. Zweifel setzt Prozesse in Gang. Und mögen 75 diese auch riskant sein, so ist es manchmal noch riskanter, auf einem Standpunkt zu beharren, denn man gerät in Gefahr, sich vor dem Leben abzuschirmen.

Manchmal lässt sich aus dem Zweifel eine Vorwärtsbewegung gewinnen, ein Umdenken herbeiführen, ein Veränderungsprozess anstoßen. Und manchmal sorgt der Zweifel dafür, dass nun gerade das Altbekannte am Glauben neu erschlossen werden muss. Wenn beispielsweise Schöpfung nicht mehr 80 zwangsläufig als ein wundersames Handeln Gottes in sieben Tagen begriffen wird, dann kann man entweder aufhören, an die Schöpfung zu glauben, oder sich auf eine Entdeckungsreise begeben, wie Schöpfung noch verstanden werden kann. Man kann sich damit beschäftigen, was andere gedacht, geglaubt und geschrieben haben, und kann die Frage auch eine Zeit lang in der Schwebe lassen. Doch neben alldem ist eine Warnung auszusprechen.

85 Es gibt eine Gefahr beim Zweifel, die nichts damit zu tun hat, dass Gewissheiten untergraben werden oder der Glaube bedroht wird. Die Beschäftigung mit den eigenen Zweifeln, das Ringen um eigene Formulierungen des Glaubens und das Stellen von Sinnfragen kann manchmal zu einer exzessiven Beschäftigung mit sich selbst führen. Dann wird man unempfindlich für den anderen.

Daher: Wenn die Unbestimmtheit des Glaubens zu bedrückend wird, ist manchmal die sinnvollste Kur 90 dagegen, von sich selbst wegzuschauen. Das kann sich zum Beispiel im engagierten Einsatz für andere zeigen. Denn wenn man nicht mehr damit rechnet, alle Fragen und Zweifel ganz geklärt zu bekommen, wird man auch freier, sich für andere einzusetzen und Gott unterwegs zu begegnen.

1 securitas – (lat.) Sicherheit

2 EÜ – Abkürzung für „Einheitsübersetzung“, eine deutsche Bibelübersetzung für den liturgischen Gebrauch im römisch-katholischen Gottesdienst, die unter Beteiligung evangelischer Theologen erarbeitet wurde

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben Ein Glaube, der zweifeln lässt, in: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler (Hg.): Warum wir mündig glauben dürfen, Witten 2015, S. 23–27.

Hinweise

Arne Bachmann (*1985): deutscher evangelischer Theologe

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

2 „Von Jesus Christus wird aber berichtet, wie er Gewissheiten infrage gestellt hat, wie er überhaupt die Art von Fragen gestellt hat, die Zweifel wecken und Horizonte öffnen.“ (Material)

Erläutern Sie ausgehend vom Zitat, inwieweit Jesus Gewissheiten seiner Zeit hinterfragt und neue Perspektiven des Glaubens eröffnet hat. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen

Material

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben. Ein Glaube, der zweifeln lässt (2015)

In seinem Artikel „Zweifelhaft glauben“ greift Arne Bachmann die Skepsis vieler seiner christlich geprägten Zeitgenossen auf. Er erklärt, dass neben dem Gottesglauben Zweifel schon immer im westlich geprägten Denken zu finden waren. Während sich einige aufgrund naturwissenschaftlicher Fakten vom Glauben abwandten, ließen sich andere, beispielsweise Sokrates, vom Zweifel motivieren, Fragen zu stellen, um mit ihnen den Gottesglauben als sinnvoll zu deklarieren. Andere wiederum versuchten, Gott für ihre Suche nach Sicherheit zu missbrauchen.

Besonders dort, wo sich unsere Welt immer schneller verändert, wo Ordnungen schwanken, Lebenskonzepte ihre Selbstverständlichkeit verlieren und unsere eigene Zukunft ungewiss erscheint, steigt die Tendenz, Gott als eine Art Rückversicherung zu nutzen. Dort, wo die gefühlten Risiken der Lebensführung steigen, wächst das Bedürfnis nach Stabilität. Diese wird in Form von bestimmten 5 Vorstellungen gesucht, die absolute Wahrheit beinhalten. Zu Zeiten der Entstehung des christlichen Fundamentalismus waren das zum Beispiel die Jungfrauengeburt, die Irrtumslosigkeit der Bibel oder die Unfehlbarkeit des Papstes. Entscheidend ist hierbei, dass es sich um bestimmte Inhalte oder Institutionen handelt, auf die der Mensch sein Leben aufbaut, um dabei Gott als Garanten der eigenen Sicherheit zu benutzen.

10 Dies ist Götzendienst, da der Mensch Gott in sein eigenes Projekt der Selbstsicherung einspannt. Schon Luther erkannte das und nannte es die securitas 1: Gott wird dazu benutzt, um Sicherheit, Halt und Orientierung zu erlangen, und so wird die berechtigte Suche nach Gewissheit zu einem Götzen.

Gleichzeitig wird klar, warum Menschen sehr gereizt auf jeden Angriff auf ihr Gedankengebäude oder ihr sogenanntes Fundament reagieren: Mit dem Gedankengebäude selbst gerät die gesamte Identität 15 ins Wanken. Und so muss der Mensch mit allen möglichen Mitteln jeden Zweifel von seinem eigenen Gedankengebäude fernhalten. Zuerst mit beißender Polemik, manchmal auch mit der Vermeidung von Situationen, in denen Zweifel aufkommen könnten, und nicht zuletzt auch mit Gewalt.

An dieser Stelle wird plötzlich klar, dass das Projekt der Selbstsicherung, auch wenn es im frommen Gewand daherkommt, so gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Denn da geht es doch 20 darum, dass sich Gott immer wieder in Beziehung zu uns setzt. Folglich kommt es in letzter Konsequenz nicht auf unsere Stimmung, auf unsere Rechtgläubigkeit und unser Wohlverhalten an. Die göttliche Barmherzigkeit ist eine Grundlage, die gewisser ist als unsere theologischen Gedankengebäude. Sich auf die göttliche Zuwendung einzulassen, ist geradezu das Gegenteil jedes Sicherheitsstrebens. Wir können uns selbst nicht gewiss machen. So heißt es im ersten Johannesbrief: „Wenn das 25 Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz“ (1. Johannes 3,20; EÜ 2). Das ist geradezu das Gegenteil des Fundamentalismus. Nicht ich klammere mich ängstlich an bestimmte Glaubenswahrheiten, nicht ich suche verzweifelt nach der einen selig machenden Erfahrung, sondern alles hängt daran, dass sich Gott in Jesus Christus mir schon zugewandt hat. […]

Das bedeutet, dass Zweifel nichts ist, das man von sich wegschieben muss. Zweifel sind nur dann 30 gefährlich, wenn es vor allem darum ginge, selbst die Kraft aufzubringen, an Gott festzuhalten. Gnade selbst im klassischen lutherischen Sinne bedeutet aber, dass Gott uns dort noch hält, wo wir ihn nicht mehr festhalten können. Dort, wo uns der Glaube nicht mehr tragbar erscheint, werden wir dennoch getragen. Und wenn es so genau nicht darauf ankommt, sich seines Glaubens in jedem Moment gewiss zu sein, dann darf man zweifeln. Weil man die Annahme wagt: Wenn es Gott gibt, dann wird er mich 35 nicht aufgrund meiner Zweifel loslassen.

Ebenso ist es mit der Erfahrung der Nähe Gottes. Wäre Gott der, der immer nur nahe ist, dann würde er schnell in unser Projekt der Selbstsicherung eingespannt. Doch der auferstandene Christus weist jede Vereinnahmung von sich, wenn er sagt: „Berühre mich nicht!“ (Johannes 20,17). Jesus Christus entzieht sich hier jedem Versuch, ihn zu begreifen, das heißt: ihn in den Griff zu kriegen. Er ist aber 40 nicht abwesend, sondern ist uns nahe, indem er sich entzieht. Etwas paradox formuliert: Gerade dort, wo wir Gott vermissen, ist er uns vielleicht am nächsten. Denn dort geraten wir in die Nähe zu Jesus Christus, dem Gottverlassenen, der am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ (Matthäus 27,46). So sind die Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens, die Gottverlassenheit und Gottesferne nicht etwa eine Bedrohung des Glaubens, sondern werden am 45 Kreuz Teil des Glaubens.

Der christliche Glaube will nicht einfach alle Rätsel des Lebens aufschlüsseln und zeigen, dass am Ende alles Leid einen Sinn gehabt hat. Am Kreuz zeigt sich, dass Sinnlosigkeit und Absurdität real sind, dass sie auch manchmal den Sieg davontragen. Doch Ostern ist das Zeichen dafür, dass diese Absurdität nicht das letzte Wort haben wird. Folglich kann es ein Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott 50 sein, wenn man sich dieser Absurdität und den Zweifeln aussetzt. Und zu den intensivsten Erfahrungen im Glauben gehört es, gemeinsam zu zweifeln, gemeinsam Gott zu vermissen und so zu erfahren: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Doch ist dies immer noch zu wenig. Hier wäre der Zweifel mehr ein notwendiges Übel. Etwas, das 55 man eben erträgt. Und dort, wo der Zweifel Vertrauen untergräbt, Ängste freisetzt und lähmend wirkt, kann man ihm auch kaum etwas abgewinnen. Aber es gibt eine Seite am Zweifel, die durchaus kreativ sein kann. Zweifel raubt der Welt ihre Selbstverständlichkeit und öffnet so neue Horizonte. Somit kann er auch Ausdruck von Wachheit und Lebendigkeit sein. Er versetzt Festes in Bewegung und sorgt für eine Unruhe, in der etwas Neues Form gewinnen kann.

60 Denn man kann sich seiner Sache manchmal zu gewiss sein; daher kann ein völliges Fehlen von Zweifeln ein Indiz dafür sein, dass man seine Welt schon so hingenommen hat, wie sie ist. Von Jesus Christus wird aber berichtet, wie er Gewissheiten infrage gestellt hat, wie er überhaupt die Art von Fragen gestellt hat, die Zweifel wecken und Horizonte öffnen. Die Welt hinterfragen, sich selbst hinterfragen, noch seine eigenen Zweifel anzweifeln, darum geht es auch im christlichen Glauben.

65 Der christliche Glaube gleicht mehr der Feier eines Geheimnisses und beinhaltet so auch Momente der Unbestimmtheit, der Ungewissheit und Offenheit. So ist es vielleicht auch angebracht, sich und anderen Zeiten intensiver Unbestimmtheit zuzugestehen. Bei manchen wird es notwendig sein, sich für eine Zeit lang von ihren Glaubensgemeinschaften zu distanzieren, damit sie ihren Glauben bewahren können. Besser wäre es allerdings noch, wenn in den Glaubensgemeinschaften selbst mehr 70 Platz für solche Prozesse wäre. Dabei scheint es wichtig, auch neue Fragen zuzulassen und mit althergebrachten Wahrheiten zu ringen, um dann festzustellen, dass nicht alle unsere menschlichen Gedankengebäude so unumstößlich sind, wie sie manchmal den Anschein erwecken. Der Zweifel stellt alte Orientierungen infrage und im günstigsten Fall öffnet er uns für eine Neuorientierung. Dieses Eröffnen von Neuem ist die positive Seite des Zweifels. Zweifel setzt Prozesse in Gang. Und mögen 75 diese auch riskant sein, so ist es manchmal noch riskanter, auf einem Standpunkt zu beharren, denn man gerät in Gefahr, sich vor dem Leben abzuschirmen.

Manchmal lässt sich aus dem Zweifel eine Vorwärtsbewegung gewinnen, ein Umdenken herbeiführen, ein Veränderungsprozess anstoßen. Und manchmal sorgt der Zweifel dafür, dass nun gerade das Altbekannte am Glauben neu erschlossen werden muss. Wenn beispielsweise Schöpfung nicht mehr 80 zwangsläufig als ein wundersames Handeln Gottes in sieben Tagen begriffen wird, dann kann man entweder aufhören, an die Schöpfung zu glauben, oder sich auf eine Entdeckungsreise begeben, wie Schöpfung noch verstanden werden kann. Man kann sich damit beschäftigen, was andere gedacht, geglaubt und geschrieben haben, und kann die Frage auch eine Zeit lang in der Schwebe lassen. Doch neben alldem ist eine Warnung auszusprechen.

85 Es gibt eine Gefahr beim Zweifel, die nichts damit zu tun hat, dass Gewissheiten untergraben werden oder der Glaube bedroht wird. Die Beschäftigung mit den eigenen Zweifeln, das Ringen um eigene Formulierungen des Glaubens und das Stellen von Sinnfragen kann manchmal zu einer exzessiven Beschäftigung mit sich selbst führen. Dann wird man unempfindlich für den anderen.

Daher: Wenn die Unbestimmtheit des Glaubens zu bedrückend wird, ist manchmal die sinnvollste Kur 90 dagegen, von sich selbst wegzuschauen. Das kann sich zum Beispiel im engagierten Einsatz für andere zeigen. Denn wenn man nicht mehr damit rechnet, alle Fragen und Zweifel ganz geklärt zu bekommen, wird man auch freier, sich für andere einzusetzen und Gott unterwegs zu begegnen.

1 securitas – (lat.) Sicherheit

2 EÜ – Abkürzung für „Einheitsübersetzung“, eine deutsche Bibelübersetzung für den liturgischen Gebrauch im römisch-katholischen Gottesdienst, die unter Beteiligung evangelischer Theologen erarbeitet wurde

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben Ein Glaube, der zweifeln lässt, in: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler (Hg.): Warum wir mündig glauben dürfen, Witten 2015, S. 23–27.

Hinweise

Arne Bachmann (*1985): deutscher evangelischer Theologe

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

3 Nach Bachmann hat der Zweifel auch eine positive Seite, da er eine Neuorientierung ermöglicht und positive Entwicklungen in Gang setzen kann.

Nehmen Sie Stellung zu der Frage, inwieweit dies auch für den radikalen Zweifel, wie er von Religionskritikern geäußert wird, gelten kann. Berücksichtigen Sie dabei sowohl die Religionskritik Feuerbachs als auch eine aktuelle religionskritische Position. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Fulbert Steffensky: Respekt vor Gott (2015)

Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose, der das

Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe seines

Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt. Er will hingehen

und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn: „Tritt nicht herzu, zieh

5 deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ Mose verhüllt sein

Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt ähnliche Geschichten im Alten

Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.

Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir zwar nicht

aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große Trennung zwischen

10 Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hinter uns, und wir können Gott

sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden. Was verlieren wir, wenn wir diese

geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzählschatz streichen oder wenn sie nicht mehr

maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen

wollen von dem „unzugänglichen Licht“ (1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?

15 Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den Verlust

der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir die neuen

Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung 2 Gottes festzustellen.

Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die Schuhe auszuziehen und das

Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast

20 von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der

mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure

Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze

ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und zu geheimnislos. Manchmal

habe ich nach all dem Positiven ein Gefühl wie nach der Weihnachtszeit, in der man zu viel Gebäck

25 gegessen und wieder Lust auf saure Gurken hat. Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen Ängste vor

Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen onkelhaft geworden,

gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszuziehen. Man verbrennt sich an

ihm keine Füße und keine Hände mehr.

Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über ihn erzählt

30 wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der verstörenden

Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir reden von der Schuld

des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir bekennen sie sozusagen

augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt, so sind sie schon

eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. Als der Prophet Jona dem Volk von Ninive das

35 Gericht Gottes ansagt, bekehrt es sich. Der König ruft die großen Bußtage aus und sagt: „Wer weiß?

Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht

verderben.“ 3 Dieses zögernde „Wer weiß?“ fehlt mir; die Langsamkeit, mit der der Gedanke und die

Gewissheit wachsen, dass Gott größer ist als alle Vernichtungen, die wir uns und anderen antun. Der

Harmonismus, den ich beklage, ist eine Form von Selbstinfantilisierung 4. Wir nehmen uns nicht ernst

40 als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen Zaubertüte, kaum

dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und

alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der

beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über

ein verspieltes Leben, und damit ersparen wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.

45 Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der

Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität 5, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen

angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre Schuld

bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich selber nicht

auszuweichen. Es hat noch nie einen religiösen Versuch, einen Gottesdienst gegeben, ob christlich

50 oder nicht, der nicht anfinge mit der Selbstreinigung; mit einem Akt der Distanzierung von sich selbst,

wie es im Schuldbekenntnis geschieht. […]

Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir selbst. Ich

finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um Gott zu finden und zu

fühlen; dass ich nur im Boden meiner eigenen Seele graben muss, um auf ihn zu stoßen; dass er nicht

55 mehr ist als die Beziehungen, die wir zueinander haben. Könnte es sein, dass wir damit immer mehr

Gott mit uns selbst identifizieren? Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und

unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt reicher

ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes Größe in seiner

herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch entsteht, dass wir

60 Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die Größe der Liebe, die alles

Begreifen übersteigt. Es gibt die Fremdheit der Liebe und der Güte, die sich jedem Verstehen entzieht

und vor der man nur anbetend stehen oder knien kann. […] Das ist keine herrschaftliche Größe, die

uns den Mund verbietet und uns verstummen lässt. Es ist die Größe und Erhabenheit der Liebe. […]

Das Schweigen ist die Weise, die Gottes Größe und sein Geheimnis am meisten respektiert. Aber

65 Schweigen ist das, was unseren Gottesdiensten am meisten fehlt. Das Schweigen wird an allen

möglichen Stellen aufgesucht, in der Meditation, in Schweigeseminaren, in Schweigekursen. Nur in

den Gottesdiensten hat es wenig Platz. […] Auch unsere Gebete sind oft wortgewaltige Mitteilungen

an Gott. Ich wünsche mir wenigstens ab und zu Gottesdienste, in denen wir Gott nichts mitteilen und

nichts von ihm wollen. Religionen sind oft große narzisstische Petitionsveranstaltungen 6. Es ist richtig,

70 dass wir unsere Schreie des Glücks und der Schmerzen im Gottesdienst nicht verbergen. Aber wo hat

die große Absichtslosigkeit einen Platz? […] Wo wollen wir einmal nichts von Gott, außer ihn zu

loben und zu ehren?

Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem

Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben in den

75 letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in dieser neuen

Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch viele

Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns verbrennt und

uns hütet.

Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken, Stuttgart 2015, S. 84–88.

Hinweise

Fulbert Steffensky (*1933): Theologe

Hervorhebungen im Original

1 Sakralität – Heiligung, heilige, fromme Ehrfurcht

2 Verhaustierung (lat. Domestizierung) – ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestizierung zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen; Steffensky überträgt diesen ursprünglich biologischen Begriff der Zähmung auf den religiösen Bereich.

3 Jona 3,9

4 Selbstinfantilisierung – Handlung mit dem Ergebnis, sich selbst zu verkindlichen und geistig unselbstständig zu machen

5 Existenzialität – tiefe, wesentliche Bedeutsamkeit

6 narzisstische Petitionsveranstaltungen – Veranstaltungen, auf denen eigensüchtige Bitten vorgetragen werden

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen

Material

Fulbert Steffensky: Respekt vor Gott (2015)

Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose, der das

Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe seines

Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt. Er will hingehen

und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn: „Tritt nicht herzu, zieh

5 deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ Mose verhüllt sein

Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt ähnliche Geschichten im Alten

Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.

Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir zwar nicht

aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große Trennung zwischen

10 Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hinter uns, und wir können Gott

sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden. Was verlieren wir, wenn wir diese

geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzählschatz streichen oder wenn sie nicht mehr

maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen

wollen von dem „unzugänglichen Licht“ (1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?

15 Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den Verlust

der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir die neuen

Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung 2 Gottes festzustellen.

Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die Schuhe auszuziehen und das

Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast

20 von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der

mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure

Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze

ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und zu geheimnislos. Manchmal

habe ich nach all dem Positiven ein Gefühl wie nach der Weihnachtszeit, in der man zu viel Gebäck

25 gegessen und wieder Lust auf saure Gurken hat. Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen Ängste vor

Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen onkelhaft geworden,

gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszuziehen. Man verbrennt sich an

ihm keine Füße und keine Hände mehr.

Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über ihn erzählt

30 wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der verstörenden

Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir reden von der Schuld

des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir bekennen sie sozusagen

augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt, so sind sie schon

eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. Als der Prophet Jona dem Volk von Ninive das

35 Gericht Gottes ansagt, bekehrt es sich. Der König ruft die großen Bußtage aus und sagt: „Wer weiß?

Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht

verderben.“ 3 Dieses zögernde „Wer weiß?“ fehlt mir; die Langsamkeit, mit der der Gedanke und die

Gewissheit wachsen, dass Gott größer ist als alle Vernichtungen, die wir uns und anderen antun. Der

Harmonismus, den ich beklage, ist eine Form von Selbstinfantilisierung 4. Wir nehmen uns nicht ernst

40 als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen Zaubertüte, kaum

dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und

alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der

beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über

ein verspieltes Leben, und damit ersparen wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.

45 Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der

Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität 5, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen

angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre Schuld

bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich selber nicht

auszuweichen. Es hat noch nie einen religiösen Versuch, einen Gottesdienst gegeben, ob christlich

50 oder nicht, der nicht anfinge mit der Selbstreinigung; mit einem Akt der Distanzierung von sich selbst,

wie es im Schuldbekenntnis geschieht. […]

Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir selbst. Ich

finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um Gott zu finden und zu

fühlen; dass ich nur im Boden meiner eigenen Seele graben muss, um auf ihn zu stoßen; dass er nicht

55 mehr ist als die Beziehungen, die wir zueinander haben. Könnte es sein, dass wir damit immer mehr

Gott mit uns selbst identifizieren? Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und

unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt reicher

ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes Größe in seiner

herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch entsteht, dass wir

60 Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die Größe der Liebe, die alles

Begreifen übersteigt. Es gibt die Fremdheit der Liebe und der Güte, die sich jedem Verstehen entzieht

und vor der man nur anbetend stehen oder knien kann. […] Das ist keine herrschaftliche Größe, die

uns den Mund verbietet und uns verstummen lässt. Es ist die Größe und Erhabenheit der Liebe. […]

Das Schweigen ist die Weise, die Gottes Größe und sein Geheimnis am meisten respektiert. Aber

65 Schweigen ist das, was unseren Gottesdiensten am meisten fehlt. Das Schweigen wird an allen

möglichen Stellen aufgesucht, in der Meditation, in Schweigeseminaren, in Schweigekursen. Nur in

den Gottesdiensten hat es wenig Platz. […] Auch unsere Gebete sind oft wortgewaltige Mitteilungen

an Gott. Ich wünsche mir wenigstens ab und zu Gottesdienste, in denen wir Gott nichts mitteilen und

nichts von ihm wollen. Religionen sind oft große narzisstische Petitionsveranstaltungen 6. Es ist richtig,

70 dass wir unsere Schreie des Glücks und der Schmerzen im Gottesdienst nicht verbergen. Aber wo hat

die große Absichtslosigkeit einen Platz? […] Wo wollen wir einmal nichts von Gott, außer ihn zu

loben und zu ehren?

Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem

Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben in den

75 letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in dieser neuen

Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch viele

Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns verbrennt und

uns hütet.

Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken, Stuttgart 2015, S. 84–88.

Hinweise

Fulbert Steffensky (*1933): Theologe

Hervorhebungen im Original

1 Sakralität – Heiligung, heilige, fromme Ehrfurcht

2 Verhaustierung (lat. Domestizierung) – ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestizierung zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen; Steffensky überträgt diesen ursprünglich biologischen Begriff der Zähmung auf den religiösen Bereich.

3 Jona 3,9

4 Selbstinfantilisierung – Handlung mit dem Ergebnis, sich selbst zu verkindlichen und geistig unselbstständig zu machen

5 Existenzialität – tiefe, wesentliche Bedeutsamkeit

6 narzisstische Petitionsveranstaltungen – Veranstaltungen, auf denen eigensüchtige Bitten vorgetragen werden

2 Setzen Sie Steffenskys Kritik am zeitgenössischen Gottesbild in Beziehung zu Feuerbachs Religionskritik. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material

Fulbert Steffensky: Respekt vor Gott (2015)

Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose, der das

Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe seines

Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt. Er will hingehen

und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn: „Tritt nicht herzu, zieh

5 deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ Mose verhüllt sein

Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt ähnliche Geschichten im Alten

Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.

Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir zwar nicht

aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große Trennung zwischen

10 Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hinter uns, und wir können Gott

sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden. Was verlieren wir, wenn wir diese

geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzählschatz streichen oder wenn sie nicht mehr

maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen

wollen von dem „unzugänglichen Licht“ (1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?

15 Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den Verlust

der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir die neuen

Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung 2 Gottes festzustellen.

Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die Schuhe auszuziehen und das

Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast

20 von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der

mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure

Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze

ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und zu geheimnislos. Manchmal

habe ich nach all dem Positiven ein Gefühl wie nach der Weihnachtszeit, in der man zu viel Gebäck

25 gegessen und wieder Lust auf saure Gurken hat. Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen Ängste vor

Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen onkelhaft geworden,

gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszuziehen. Man verbrennt sich an

ihm keine Füße und keine Hände mehr.

Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über ihn erzählt

30 wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der verstörenden

Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir reden von der Schuld

des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir bekennen sie sozusagen

augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt, so sind sie schon

eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. Als der Prophet Jona dem Volk von Ninive das

35 Gericht Gottes ansagt, bekehrt es sich. Der König ruft die großen Bußtage aus und sagt: „Wer weiß?

Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht

verderben.“ 3 Dieses zögernde „Wer weiß?“ fehlt mir; die Langsamkeit, mit der der Gedanke und die

Gewissheit wachsen, dass Gott größer ist als alle Vernichtungen, die wir uns und anderen antun. Der

Harmonismus, den ich beklage, ist eine Form von Selbstinfantilisierung 4. Wir nehmen uns nicht ernst

40 als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen Zaubertüte, kaum

dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und

alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der

beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über

ein verspieltes Leben, und damit ersparen wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.

45 Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der

Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität 5, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen

angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre Schuld

bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich selber nicht

auszuweichen. Es hat noch nie einen religiösen Versuch, einen Gottesdienst gegeben, ob christlich

50 oder nicht, der nicht anfinge mit der Selbstreinigung; mit einem Akt der Distanzierung von sich selbst,

wie es im Schuldbekenntnis geschieht. […]

Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir selbst. Ich

finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um Gott zu finden und zu

fühlen; dass ich nur im Boden meiner eigenen Seele graben muss, um auf ihn zu stoßen; dass er nicht

55 mehr ist als die Beziehungen, die wir zueinander haben. Könnte es sein, dass wir damit immer mehr

Gott mit uns selbst identifizieren? Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und

unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt reicher

ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes Größe in seiner

herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch entsteht, dass wir

60 Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die Größe der Liebe, die alles

Begreifen übersteigt. Es gibt die Fremdheit der Liebe und der Güte, die sich jedem Verstehen entzieht

und vor der man nur anbetend stehen oder knien kann. […] Das ist keine herrschaftliche Größe, die

uns den Mund verbietet und uns verstummen lässt. Es ist die Größe und Erhabenheit der Liebe. […]

Das Schweigen ist die Weise, die Gottes Größe und sein Geheimnis am meisten respektiert. Aber

65 Schweigen ist das, was unseren Gottesdiensten am meisten fehlt. Das Schweigen wird an allen

möglichen Stellen aufgesucht, in der Meditation, in Schweigeseminaren, in Schweigekursen. Nur in

den Gottesdiensten hat es wenig Platz. […] Auch unsere Gebete sind oft wortgewaltige Mitteilungen

an Gott. Ich wünsche mir wenigstens ab und zu Gottesdienste, in denen wir Gott nichts mitteilen und

nichts von ihm wollen. Religionen sind oft große narzisstische Petitionsveranstaltungen 6. Es ist richtig,

70 dass wir unsere Schreie des Glücks und der Schmerzen im Gottesdienst nicht verbergen. Aber wo hat

die große Absichtslosigkeit einen Platz? […] Wo wollen wir einmal nichts von Gott, außer ihn zu

loben und zu ehren?

Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem

Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben in den

75 letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in dieser neuen

Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch viele

Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns verbrennt und

uns hütet.

Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken, Stuttgart 2015, S. 84–88.

Hinweise

Fulbert Steffensky (*1933): Theologe

Hervorhebungen im Original

1 Sakralität – Heiligung, heilige, fromme Ehrfurcht

2 Verhaustierung (lat. Domestizierung) – ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestizierung zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen; Steffensky überträgt diesen ursprünglich biologischen Begriff der Zähmung auf den religiösen Bereich.

3 Jona 3,9

4 Selbstinfantilisierung – Handlung mit dem Ergebnis, sich selbst zu verkindlichen und geistig unselbstständig zu machen

5 Existenzialität – tiefe, wesentliche Bedeutsamkeit

6 narzisstische Petitionsveranstaltungen – Veranstaltungen, auf denen eigensüchtige Bitten vorgetragen werden

3 „Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch ‚immer schon‘ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens.“ (Material)

Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der lutherischen Rechtfertigungslehre und unter Bezugnahme auf den vorliegenden Text diese Aussage von Steffensky: (35 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens (2004)

Gunda Schneider-Flume beschäftigt sich in ihrem Text mit der Frage, ob die theologische Anthropologie in der Debatte über die Identität des Menschen etwas beizutragen hat. Sie geht dabei der Frage nach, ob und wie die Geschichte Gottes mit den Menschen, die in vielen biblischen Erzählungen deutlich wird, menschliche Identität verändert, bereichert und erneuert.

Wir können Gott [...] nicht denken außerhalb der Geschichten, in denen er sich ereignet: in der Hingabe im Leben und im Tod Jesu Christi, in der Schöpfung am Ostermorgen, am Schöpfungsmorgen und all Morgen neu, in der neuschaffenden Bewegung des Erbarmens im Geist. Wer Gott ist, das erfahren Menschen als in diese Geschichten Verstrickte. Und wer oder was ein Mensch ist, das erschließt sich ihm selbst und anderen aus den Geschichten, in denen er lebt. Deshalb ist kein Mensch „an sich“ definierbar. Seine passive Konstitution ebenso wie seine Aktivität verdankt sich den Geschichten, die ihn umgeben und tragen. [...]

Es ist Aufgabe von konkreter Theologie und Verkündigung, die Geschichte Gottes nicht in einen metaphysischen Rahmenbegriff zu verflüchtigen, sondern sie heilsam, und das heißt befreiend, in die Fülle der Menschen begründenden Geschichten einzuspielen.

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Als Leben in der Geschichte mit Gott ist Glauben eine Ausweitung des Selbst. Dieses wird durch den Glauben davor bewahrt, entweder auf sich selbst reduziert zu werden oder sich ins Unendliche aufzublähen. Kein Mensch muss mit sich selbst anfangen. Zugleich bedeutet Glauben eine Festigung und Bestärkung des Selbst, denn der Glaube entlastet von dem Zwang, sich ständig selbst zu begründen. Der Glaube hat gleichsam seine Identität im Rücken in dem Zuspruch: „erwählt und gewollt“: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Was sie mehr sind, wird ihnen in ihrer Lebensgeschichte zugespielt in Erinnerung an Geschichten der Befreiung von fremdbestimmenden Mächten im eigenen Selbst und in der Umwelt, Mächten, die sich einem Leben in Gerechtigkeit und Erbarmen verschließen und dagegen angehen. Alle Hoffnung auf Freiheit und alles Leiden an Unfreiheit ist in der biblischen Tradition geknüpft an die Geschichte der Herausführung des Volkes Israel aus der ägyptischen Fronarbeit in ein neues Land. Diese Geschichte ist geradezu das Urdatum biblischer Freiheitserfahrung. Freiheit ist nicht ein Ideal, sondern der mühevolle, oft gefährliche Weg des Befreitwerdens auch aus lieb gewordenen Fesseln und Sicherungen heraus. Der Wunsch, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren, meldet sich immer wieder. Unfreiheit ist bequemer und sicherer. Freiheit bedeutet allemal Aufbruch und Wagnis. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Aber Gottes Geschichte ist keine Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte. Der Gedanke einer Entwicklung zu Höherem oder Vollkommenem ist ihr fremd, und sie verläuft nicht nach Gleichmaß und Kontinuität. Der Gedanke der Kontinuität und der Entwicklung steht dem biblischen Zeitverständnis entgegen. Zeit ist nicht die Linie für eine Entwicklung und nicht das Medium der Kontinuität. Nach dem ursprünglichen Zeitverständnis der biblischen Tradition ist Zeit Zeit für, [...] qualifiziert durch die Bewegung seiner Liebe und seines Erbarmens und des Zornes, der allem gilt, was Leben zerstört. Deshalb ereignet sich sein Sein in der Zeit als heilsame Unterbrechung von Unheilszusammenhängen durch die Bewegung des Erbarmens. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst von sich aus werden können. Aus der Perspektive der Geschichte Gottes müssen die Vorstellungen von Entwicklung zu Einheit und Ganzheit verändert werden. Der Gedanke der Entwicklung der Persönlichkeit ist ursprünglich dem organischen Wachstum einer Pflanze nachempfunden. [...] Dagegen steht die in der biblischen Tradition immer wieder erzählte Erfahrung des Neuwerdens. Im Psalm wird diese Erfahrung beschrieben:

„Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.“ (Ps 40,3)

Hier ist die Rede von Rettung aus Bedrängnis, von neuer Standfestigkeit und buchstäblicher Trittsicherheit. Neuwerden ist völlige Umwandlung des Menschen und seiner inneren und äußeren Situation, und diese Umwandlung äußert sich in einem Lied, von dem der Beter bekennt: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben“. (V. 4)

Es geht nicht um Entwicklung, sondern um „ein Eingreifen Gottes“, zu dem die einem Menschen überraschend zukommende neue Wahrnehmung seiner selbst, der Welt und Gottes hinzutritt. [...] Im Neuen Testament wird das Neuwerden mit der Geschichte Jesu Christi zusammengedacht.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2Kor 5,17)

Die Beziehung zu dem Geschehen von Kreuz und Auferstehung durchbricht alte Identitätsstrukturen und feste Kontinuitäten, weil Menschen neu werden, wenn sie jemanden für sich eintreten lassen.

Martin Luther hat davon gesprochen, dass „der Mensch dieses Lebens Gottes bloßer Stoff zu dem Leben seiner zukünftigen Gestalt“ sei.

Gott schafft am Menschen. Der Mensch ist, so fehlbar und bruchstückhaft wie er ist, Stoff der Geschichte Gottes. Das göttliche Schaffen macht die Offenheit und die Hoffnung der Geschichte des Menschen aus.

Die Art und Weise göttlichen Schaffens wird in der biblischen Tradition mit Erbarmen umschrieben. Die Bewegung des Erbarmens steht gegen die Vorstellung der Kontinuität und Ganzheit der Persönlichkeit. Menschen sind des Erbarmens bedürftig, und ihnen widerfährt Erbarmen. Deshalb wird eine Biographie zu eng gesehen, wenn sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der geradlinigen Entwicklung wahrgenommen wird. Deshalb können Menschen neu werden. Im Blick auf Menschen scheint das unglaublich, eher sind wir gewohnt, uns als immer dieselben zu beurteilen und festzuschreiben. Ähnlich ist es im Blick auf Gottes Geschichte. Dass Gott der ist, der umkehrt, der vergibt, der sich wieder erbarmt, dass Gottes Geschichte sich gerade in der Fähigkeit zum „inneren Umsturz“ und zur Neuschöpfung manifestiert, ist die unglaubliche Erfahrung, die Menschen im Glauben machen.

Die Bewegung des Erbarmens als Umsturz kommt im Neuen Testament in dem Verbum „σπλαγχνίζεσθαι“, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, zur Sprache. „Es jammerte ihn“ wird von Jesus von Nazareth angesichts des Volkes erzählt, aber dieses Verb wird auch in den Gleichnissen gebraucht, die Gotteswirklichkeit zur Sprache bringen. Es schreibt die Bewegung des Samariters auf den halbtot am Straßenrand Liegenden hin. Das ist die Unterbrechung skandalöser Alltagswirklichkeit durch lebensschöpferisches Erbarmen, die Gotteswirklichkeit genannt zu werden verdient.

Verstrickt in Gottes Geschichte entgehen Menschen der Tyrannei des gelingenden Lebens, denn alle Schritte, die gelingen, und alle, die nicht gelingen, sind umfangen von der Bewegung des Erbarmens. Deshalb ist Leben kostbar von allem Anfang an. Deshalb ist der Gedanke des Gelingens des Lebens ebenso wie der des Misslingens als Totalperspektive biblischem Denken fremd. Da wo Leben gefährdet und bedroht ist, weiß sich der Glaube in besonderer Weise auf Gott verwiesen. Ewiges Leben, Teilhabe an Gottes Leben ist Zusage für hier und heute. Deshalb sind die Erzähleinheiten der Geschichte Gottes dem modernen Denken an den Stellen fremd, wo es auf Zielgerichtetheit eingeschränkt ist. Im Gegenzug dazu provoziert und bestärkt die Geschichte Gottes den Mut, sich auf Erbarmen einzulassen, die Hoffnung auf das Neuwerden „all Morgen“ und das Vertrauen, dass der Mensch nicht Vagabund im Weltall oder Zufallstreffer der Evolution, sondern erwählt und gewollt ist.

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens. Göttingen 2. Aufl. 2004, S. 65–77.

Hinweis

Gunda Schneider-Flume (*1941): deutsche evangelische Theologin

Aufgaben

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens (2004)

Gunda Schneider-Flume beschäftigt sich in ihrem Text mit der Frage, ob die theologische Anthropologie in der Debatte über die Identität des Menschen etwas beizutragen hat. Sie geht dabei der Frage nach, ob und wie die Geschichte Gottes mit den Menschen, die in vielen biblischen Erzählungen deutlich wird, menschliche Identität verändert, bereichert und erneuert.

Wir können Gott [...] nicht denken außerhalb der Geschichten, in denen er sich ereignet: in der Hingabe im Leben und im Tod Jesu Christi, in der Schöpfung am Ostermorgen, am Schöpfungsmorgen und all Morgen neu, in der neuschaffenden Bewegung des Erbarmens im Geist. Wer Gott ist, das erfahren Menschen als in diese Geschichten Verstrickte. Und wer oder was ein Mensch ist, das erschließt sich ihm selbst und anderen aus den Geschichten, in denen er lebt. Deshalb ist kein Mensch „an sich“ definierbar. Seine passive Konstitution ebenso wie seine Aktivität verdankt sich den Geschichten, die ihn umgeben und tragen. [...]

Es ist Aufgabe von konkreter Theologie und Verkündigung, die Geschichte Gottes nicht in einen metaphysischen Rahmenbegriff zu verflüchtigen, sondern sie heilsam, und das heißt befreiend, in die Fülle der Menschen begründenden Geschichten einzuspielen.

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Als Leben in der Geschichte mit Gott ist Glauben eine Ausweitung des Selbst. Dieses wird durch den Glauben davor bewahrt, entweder auf sich selbst reduziert zu werden oder sich ins Unendliche aufzublähen. Kein Mensch muss mit sich selbst anfangen. Zugleich bedeutet Glauben eine Festigung und Bestärkung des Selbst, denn der Glaube entlastet von dem Zwang, sich ständig selbst zu begründen. Der Glaube hat gleichsam seine Identität im Rücken in dem Zuspruch: „erwählt und gewollt“: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Was sie mehr sind, wird ihnen in ihrer Lebensgeschichte zugespielt in Erinnerung an Geschichten der Befreiung von fremdbestimmenden Mächten im eigenen Selbst und in der Umwelt, Mächten, die sich einem Leben in Gerechtigkeit und Erbarmen verschließen und dagegen angehen. Alle Hoffnung auf Freiheit und alles Leiden an Unfreiheit ist in der biblischen Tradition geknüpft an die Geschichte der Herausführung des Volkes Israel aus der ägyptischen Fronarbeit in ein neues Land. Diese Geschichte ist geradezu das Urdatum biblischer Freiheitserfahrung. Freiheit ist nicht ein Ideal, sondern der mühevolle, oft gefährliche Weg des Befreitwerdens auch aus lieb gewordenen Fesseln und Sicherungen heraus. Der Wunsch, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren, meldet sich immer wieder. Unfreiheit ist bequemer und sicherer. Freiheit bedeutet allemal Aufbruch und Wagnis. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Aber Gottes Geschichte ist keine Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte. Der Gedanke einer Entwicklung zu Höherem oder Vollkommenem ist ihr fremd, und sie verläuft nicht nach Gleichmaß und Kontinuität. Der Gedanke der Kontinuität und der Entwicklung steht dem biblischen Zeitverständnis entgegen. Zeit ist nicht die Linie für eine Entwicklung und nicht das Medium der Kontinuität. Nach dem ursprünglichen Zeitverständnis der biblischen Tradition ist Zeit Zeit für, [...] qualifiziert durch die Bewegung seiner Liebe und seines Erbarmens und des Zornes, der allem gilt, was Leben zerstört. Deshalb ereignet sich sein Sein in der Zeit als heilsame Unterbrechung von Unheilszusammenhängen durch die Bewegung des Erbarmens. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst von sich aus werden können. Aus der Perspektive der Geschichte Gottes müssen die Vorstellungen von Entwicklung zu Einheit und Ganzheit verändert werden. Der Gedanke der Entwicklung der Persönlichkeit ist ursprünglich dem organischen Wachstum einer Pflanze nachempfunden. [...] Dagegen steht die in der biblischen Tradition immer wieder erzählte Erfahrung des Neuwerdens. Im Psalm wird diese Erfahrung beschrieben:

„Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.“ (Ps 40,3)

Hier ist die Rede von Rettung aus Bedrängnis, von neuer Standfestigkeit und buchstäblicher Trittsicherheit. Neuwerden ist völlige Umwandlung des Menschen und seiner inneren und äußeren Situation, und diese Umwandlung äußert sich in einem Lied, von dem der Beter bekennt: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben“. (V. 4)

Es geht nicht um Entwicklung, sondern um „ein Eingreifen Gottes“, zu dem die einem Menschen überraschend zukommende neue Wahrnehmung seiner selbst, der Welt und Gottes hinzutritt. [...] Im Neuen Testament wird das Neuwerden mit der Geschichte Jesu Christi zusammengedacht.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2Kor 5,17)

Die Beziehung zu dem Geschehen von Kreuz und Auferstehung durchbricht alte Identitätsstrukturen und feste Kontinuitäten, weil Menschen neu werden, wenn sie jemanden für sich eintreten lassen.

Martin Luther hat davon gesprochen, dass „der Mensch dieses Lebens Gottes bloßer Stoff zu dem Leben seiner zukünftigen Gestalt“ sei.

Gott schafft am Menschen. Der Mensch ist, so fehlbar und bruchstückhaft wie er ist, Stoff der Geschichte Gottes. Das göttliche Schaffen macht die Offenheit und die Hoffnung der Geschichte des Menschen aus.

Die Art und Weise göttlichen Schaffens wird in der biblischen Tradition mit Erbarmen umschrieben. Die Bewegung des Erbarmens steht gegen die Vorstellung der Kontinuität und Ganzheit der Persönlichkeit. Menschen sind des Erbarmens bedürftig, und ihnen widerfährt Erbarmen. Deshalb wird eine Biographie zu eng gesehen, wenn sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der geradlinigen Entwicklung wahrgenommen wird. Deshalb können Menschen neu werden. Im Blick auf Menschen scheint das unglaublich, eher sind wir gewohnt, uns als immer dieselben zu beurteilen und festzuschreiben. Ähnlich ist es im Blick auf Gottes Geschichte. Dass Gott der ist, der umkehrt, der vergibt, der sich wieder erbarmt, dass Gottes Geschichte sich gerade in der Fähigkeit zum „inneren Umsturz“ und zur Neuschöpfung manifestiert, ist die unglaubliche Erfahrung, die Menschen im Glauben machen.

Die Bewegung des Erbarmens als Umsturz kommt im Neuen Testament in dem Verbum „σπλαγχνίζεσθαι“, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, zur Sprache. „Es jammerte ihn“ wird von Jesus von Nazareth angesichts des Volkes erzählt, aber dieses Verb wird auch in den Gleichnissen gebraucht, die Gotteswirklichkeit zur Sprache bringen. Es schreibt die Bewegung des Samariters auf den halbtot am Straßenrand Liegenden hin. Das ist die Unterbrechung skandalöser Alltagswirklichkeit durch lebensschöpferisches Erbarmen, die Gotteswirklichkeit genannt zu werden verdient.

Verstrickt in Gottes Geschichte entgehen Menschen der Tyrannei des gelingenden Lebens, denn alle Schritte, die gelingen, und alle, die nicht gelingen, sind umfangen von der Bewegung des Erbarmens. Deshalb ist Leben kostbar von allem Anfang an. Deshalb ist der Gedanke des Gelingens des Lebens ebenso wie der des Misslingens als Totalperspektive biblischem Denken fremd. Da wo Leben gefährdet und bedroht ist, weiß sich der Glaube in besonderer Weise auf Gott verwiesen. Ewiges Leben, Teilhabe an Gottes Leben ist Zusage für hier und heute. Deshalb sind die Erzähleinheiten der Geschichte Gottes dem modernen Denken an den Stellen fremd, wo es auf Zielgerichtetheit eingeschränkt ist. Im Gegenzug dazu provoziert und bestärkt die Geschichte Gottes den Mut, sich auf Erbarmen einzulassen, die Hoffnung auf das Neuwerden „all Morgen“ und das Vertrauen, dass der Mensch nicht Vagabund im Weltall oder Zufallstreffer der Evolution, sondern erwählt und gewollt ist.

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens. Göttingen 2. Aufl. 2004, S. 65–77.

Hinweis

Gunda Schneider-Flume (*1941): deutsche evangelische Theologin

2

Setzen Sie das Menschenbild, das dem vorliegenden Text zugrunde liegt, in Beziehung zur Verkündigung Jesu in Wort und Tat und zur Rechtfertigungslehre. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Theodizee: Gott und das Leid

Material

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens (2004)

Gunda Schneider-Flume beschäftigt sich in ihrem Text mit der Frage, ob die theologische Anthropologie in der Debatte über die Identität des Menschen etwas beizutragen hat. Sie geht dabei der Frage nach, ob und wie die Geschichte Gottes mit den Menschen, die in vielen biblischen Erzählungen deutlich wird, menschliche Identität verändert, bereichert und erneuert.

Wir können Gott [...] nicht denken außerhalb der Geschichten, in denen er sich ereignet: in der Hingabe im Leben und im Tod Jesu Christi, in der Schöpfung am Ostermorgen, am Schöpfungsmorgen und all Morgen neu, in der neuschaffenden Bewegung des Erbarmens im Geist. Wer Gott ist, das erfahren Menschen als in diese Geschichten Verstrickte. Und wer oder was ein Mensch ist, das erschließt sich ihm selbst und anderen aus den Geschichten, in denen er lebt. Deshalb ist kein Mensch „an sich“ definierbar. Seine passive Konstitution ebenso wie seine Aktivität verdankt sich den Geschichten, die ihn umgeben und tragen. [...]

Es ist Aufgabe von konkreter Theologie und Verkündigung, die Geschichte Gottes nicht in einen metaphysischen Rahmenbegriff zu verflüchtigen, sondern sie heilsam, und das heißt befreiend, in die Fülle der Menschen begründenden Geschichten einzuspielen.

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Als Leben in der Geschichte mit Gott ist Glauben eine Ausweitung des Selbst. Dieses wird durch den Glauben davor bewahrt, entweder auf sich selbst reduziert zu werden oder sich ins Unendliche aufzublähen. Kein Mensch muss mit sich selbst anfangen. Zugleich bedeutet Glauben eine Festigung und Bestärkung des Selbst, denn der Glaube entlastet von dem Zwang, sich ständig selbst zu begründen. Der Glaube hat gleichsam seine Identität im Rücken in dem Zuspruch: „erwählt und gewollt“: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Was sie mehr sind, wird ihnen in ihrer Lebensgeschichte zugespielt in Erinnerung an Geschichten der Befreiung von fremdbestimmenden Mächten im eigenen Selbst und in der Umwelt, Mächten, die sich einem Leben in Gerechtigkeit und Erbarmen verschließen und dagegen angehen. Alle Hoffnung auf Freiheit und alles Leiden an Unfreiheit ist in der biblischen Tradition geknüpft an die Geschichte der Herausführung des Volkes Israel aus der ägyptischen Fronarbeit in ein neues Land. Diese Geschichte ist geradezu das Urdatum biblischer Freiheitserfahrung. Freiheit ist nicht ein Ideal, sondern der mühevolle, oft gefährliche Weg des Befreitwerdens auch aus lieb gewordenen Fesseln und Sicherungen heraus. Der Wunsch, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren, meldet sich immer wieder. Unfreiheit ist bequemer und sicherer. Freiheit bedeutet allemal Aufbruch und Wagnis. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Aber Gottes Geschichte ist keine Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte. Der Gedanke einer Entwicklung zu Höherem oder Vollkommenem ist ihr fremd, und sie verläuft nicht nach Gleichmaß und Kontinuität. Der Gedanke der Kontinuität und der Entwicklung steht dem biblischen Zeitverständnis entgegen. Zeit ist nicht die Linie für eine Entwicklung und nicht das Medium der Kontinuität. Nach dem ursprünglichen Zeitverständnis der biblischen Tradition ist Zeit Zeit für, [...] qualifiziert durch die Bewegung seiner Liebe und seines Erbarmens und des Zornes, der allem gilt, was Leben zerstört. Deshalb ereignet sich sein Sein in der Zeit als heilsame Unterbrechung von Unheilszusammenhängen durch die Bewegung des Erbarmens. [...]

Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst von sich aus werden können. Aus der Perspektive der Geschichte Gottes müssen die Vorstellungen von Entwicklung zu Einheit und Ganzheit verändert werden. Der Gedanke der Entwicklung der Persönlichkeit ist ursprünglich dem organischen Wachstum einer Pflanze nachempfunden. [...] Dagegen steht die in der biblischen Tradition immer wieder erzählte Erfahrung des Neuwerdens. Im Psalm wird diese Erfahrung beschrieben:

„Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.“ (Ps 40,3)

Hier ist die Rede von Rettung aus Bedrängnis, von neuer Standfestigkeit und buchstäblicher Trittsicherheit. Neuwerden ist völlige Umwandlung des Menschen und seiner inneren und äußeren Situation, und diese Umwandlung äußert sich in einem Lied, von dem der Beter bekennt: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben“. (V. 4)

Es geht nicht um Entwicklung, sondern um „ein Eingreifen Gottes“, zu dem die einem Menschen überraschend zukommende neue Wahrnehmung seiner selbst, der Welt und Gottes hinzutritt. [...] Im Neuen Testament wird das Neuwerden mit der Geschichte Jesu Christi zusammengedacht.

„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2Kor 5,17)

Die Beziehung zu dem Geschehen von Kreuz und Auferstehung durchbricht alte Identitätsstrukturen und feste Kontinuitäten, weil Menschen neu werden, wenn sie jemanden für sich eintreten lassen.

Martin Luther hat davon gesprochen, dass „der Mensch dieses Lebens Gottes bloßer Stoff zu dem Leben seiner zukünftigen Gestalt“ sei.

Gott schafft am Menschen. Der Mensch ist, so fehlbar und bruchstückhaft wie er ist, Stoff der Geschichte Gottes. Das göttliche Schaffen macht die Offenheit und die Hoffnung der Geschichte des Menschen aus.

Die Art und Weise göttlichen Schaffens wird in der biblischen Tradition mit Erbarmen umschrieben. Die Bewegung des Erbarmens steht gegen die Vorstellung der Kontinuität und Ganzheit der Persönlichkeit. Menschen sind des Erbarmens bedürftig, und ihnen widerfährt Erbarmen. Deshalb wird eine Biographie zu eng gesehen, wenn sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der geradlinigen Entwicklung wahrgenommen wird. Deshalb können Menschen neu werden. Im Blick auf Menschen scheint das unglaublich, eher sind wir gewohnt, uns als immer dieselben zu beurteilen und festzuschreiben. Ähnlich ist es im Blick auf Gottes Geschichte. Dass Gott der ist, der umkehrt, der vergibt, der sich wieder erbarmt, dass Gottes Geschichte sich gerade in der Fähigkeit zum „inneren Umsturz“ und zur Neuschöpfung manifestiert, ist die unglaubliche Erfahrung, die Menschen im Glauben machen.

Die Bewegung des Erbarmens als Umsturz kommt im Neuen Testament in dem Verbum „σπλαγχνίζεσθαι“, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, zur Sprache. „Es jammerte ihn“ wird von Jesus von Nazareth angesichts des Volkes erzählt, aber dieses Verb wird auch in den Gleichnissen gebraucht, die Gotteswirklichkeit zur Sprache bringen. Es schreibt die Bewegung des Samariters auf den halbtot am Straßenrand Liegenden hin. Das ist die Unterbrechung skandalöser Alltagswirklichkeit durch lebensschöpferisches Erbarmen, die Gotteswirklichkeit genannt zu werden verdient.

Verstrickt in Gottes Geschichte entgehen Menschen der Tyrannei des gelingenden Lebens, denn alle Schritte, die gelingen, und alle, die nicht gelingen, sind umfangen von der Bewegung des Erbarmens. Deshalb ist Leben kostbar von allem Anfang an. Deshalb ist der Gedanke des Gelingens des Lebens ebenso wie der des Misslingens als Totalperspektive biblischem Denken fremd. Da wo Leben gefährdet und bedroht ist, weiß sich der Glaube in besonderer Weise auf Gott verwiesen. Ewiges Leben, Teilhabe an Gottes Leben ist Zusage für hier und heute. Deshalb sind die Erzähleinheiten der Geschichte Gottes dem modernen Denken an den Stellen fremd, wo es auf Zielgerichtetheit eingeschränkt ist. Im Gegenzug dazu provoziert und bestärkt die Geschichte Gottes den Mut, sich auf Erbarmen einzulassen, die Hoffnung auf das Neuwerden „all Morgen“ und das Vertrauen, dass der Mensch nicht Vagabund im Weltall oder Zufallstreffer der Evolution, sondern erwählt und gewollt ist.

Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens. Göttingen 2. Aufl. 2004, S. 65–77.

Hinweis

Gunda Schneider-Flume (*1941): deutsche evangelische Theologin

3

Die Autorin formuliert: „Die Art und Weise göttlichen Schaffens wird in der biblischen Tradition mit Erbarmen umschrieben.“ (Material)

Diskutieren Sie ausgehend von dieser Aussage, inwieweit das Gottesbild der Autorin in der Frage nach dem Umgang mit Leid angemessen ist. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material 1

Max Rauner: Operation Gavriel (2016)

Eine tödliche Krankheit besucht eine Familie wie ein Gast, der nicht mehr aus dem Haus gehen will.

Er gehört nun dazu, und man muss ihm einen Namen geben. Die Rosenfelds reden von „Duchenne“,

so hieß der Entdecker dieser Form der Muskeldystrophie 1. Duchenne sitzt beim Frühstück mit am

Tisch und beim Abendessen. Duchenne begleitet Gavriel zur Schule und ist auf jedem Ausflug mit

5 dabei. Kerry und Doron wollten nicht mit Gavriel und Duchenne allein sein. Sie bekamen drei weitere

Kinder, alle gesund.

Kerry Rosenfeld sitzt im Wohnzimmer ihres zweistöckigen Klinkerhauses im Nordwesten Londons

und wärmt ihre Hände an einer Tasse Tee, es ist kühl im Haus. Die Kinder sind in der Schule, Fotos

von ihnen schmücken die Wände: Gavriel mit seinen drei Geschwistern, Gavriel im Dinosaurier-

10 kostüm, als er noch gehen konnte. Ein Foto zeigt die Eltern mit Ronald Cohn, dem Arzt aus Kanada,

der die Gene des Jungen verändern möchte. Sie haben ihn nach Gavriels Diagnose über einen

gemeinsamen Freund kennengelernt. Kerry Rosenfeld weiß, dass Gentherapien riskant sind. Sie sagt:

„Wir sind vielleicht verzweifelt, aber wir sind nicht dumm. Ja, mein Junge ist ein Versuchskaninchen.

Aber wenn du nichts tust, heißt das, dass diese Krankheit dein Kind zerstören wird.“ […]

15 Am 17. August 2012, Gavriel ist zehn, erscheint in der Fachzeitschrift Science ein Aufsatz, der die

Wissenschaft verändert. Ein Forscherteam unter der Leitung von Emmanuelle Charpentier und

Jennifer Doudna hat die Immunabwehr von Bakterien studiert und dabei eine Entdeckung gemacht.

Um sich gegen Viren zu wappnen, produzieren die Bakterien ein Molekül, das wie eine winzige

molekulare Schere funktioniert. Es schneidet die DNA 2 feindlicher Viren in Stücke. Das Besondere

20 ist, dass die Scheren mit einem Navigationssystem ausgestattet sind: Ein Adresscode zeigt ihnen an,

bei welcher Sprosse die DNA-Strickleiter 3 zerschnitten werden soll. Charpentier und Doudna haben

herausgefunden, wie man die Adresse beliebig verändern kann. Der DNA-Code, das Buch des Lebens,

kann nun korrigiert werden wie ein Wikipedia-Artikel. Das ist das Versprechen, das an diesem Tag in

die Welt entlassen wird. Die Abkürzung Crispr steht für Clustered Regularly Interspaced Short

25 Palindromic Repeats, aber das muss man sich nicht merken. Wichtig ist, dass Crispr die DNA so

präzise verändern kann wie keine Gentechnik zuvor. Es ist eine Art Genchirurgie. Innerhalb von

Monaten erobert Crispr die Labors weltweit. Die Sensationsmeldungen folgen im Wochentakt: Crispr

schneidet Aids-Virus aus dem Erbgut; Crispr soll Schweineorgane besser transplantierbar machen;

Crispr könnte die Malaria-Mücken ausrotten; Crispr soll mammutähnliche Elefanten erschaffen;

30 Crispr heilt Mäuse von Duchenne-Muskeldystrophie.

Zwei Jahre nach Erscheinen des Science-Artikels bekommt Kerry Rosenfeld einen Anruf aus Kanada.

Ronald Cohn ist am Telefon, der Kinderarzt und Genetiker. An diesem Tag hört sie das Wort Crispr

zum ersten Mal. Sie versteht nicht viel, aber Ronni sagt, man könne die neue Methode an Gavriels

Zellen ausprobieren. Er wolle sie nicht dazu drängen. Aber man könnte versuchen, das Dystrophin-

35 Gen zu korrigieren. An dieser Stelle muss man an das Schicksal eines anderen Jungen erinnern. Denn

schon einmal gab es viel Aufregung um vermeintlich revolutionäre Gentherapien. Doch am

17. September 1999 starb der 18-jährige Jesse Gelsinger in den USA, nachdem Ärzte ihm Billionen

Viren in die Blutbahn gespritzt hatten. Die Viren sollten als U-Boot dienen, um ein Korrekturgen in

die Körperzellen zu bringen. Stattdessen brachten sie Jesse Gelsinger den Tod. Organversagen.

40 Danach wurde es still um die Gentherapien. Nun wird es wieder laut, und das liegt an Crispr. […]

Gavriels Genmutation ist für die Genchirurgen besonders interessant: Ein kleiner Abschnitt seines

Dystrophin-Gens ist doppelt vorhanden. 139.000 von 2,4 Millionen DNA-Sprossen. Man muss das

doppelt vorhandene Stück nur herausschneiden. Zwei Molekularbiologinnen in Cohns

Forschungsgruppe, Daria Wojtal und Dwi Kemaladewi, machen sich an die Arbeit. Sie analysieren

45 Gavriels DNA und verorten die Adresse der Verdopplung. Es ist die Basenfolge

AATATCTTCTTAAATACCCG, sie steht am Anfang und am Ende der Genverdopplung. Daria

Wojtal bestellt die Crispr-Zutaten im Internet. Die Molekülscheren kosten 65 Dollar, das

Adressmolekül sieben Dollar, plus Versandkosten. „Es ist wie Onlineshopping“, sagt sie.

Dwi Kemaladewi vergleicht Gavriels DNA mit einem fehlerhaften Kochrezept. Der fertige Mensch,

50 das ist die Suppe. Aber aus Versehen steht in dem Rezept gleich zweimal die Zeile „Ein Teelöffel

Salz“. Crispr soll die doppelte Anweisung entfernen, damit die Suppe nicht mehr versalzen ist. […]

Cohn hat die Zulassungsbehörde kontaktiert, er will wissen, unter welchen Umständen sie eine

experimentelle Crispr-Medizin genehmigen würde. Er sagt: „Sosehr ich Gavriel eine Medizin geben

möchte, so wenig möchte ich mir in die Hose machen, dass ich, Gott behüte, etwas Schlimmes

55 anstelle.“ Die Viren, die man heute als Genfähren verwende, seien viel besser verträglich als jene

Viren, die Jesse Gelsinger 1999 den Tod brachten. Dennoch kann es sein, dass die Zulassungsbehörde

auch noch Tests an einem Crispr-Affen verlangt. „Dann wird es länger dauern.“ Es gehe um

Sicherheit, sagt Cohn, nicht um den Nobelpreis.

Die Frau, die für Crispr mit hoher Sicherheit den Nobelpreis bekommen wird, ist gerade nach Berlin

60 gezogen. Emmanuelle Charpentier ist die neue Direktorin des Max-Planck-Instituts für

Infektionsbiologie, eine kluge Französin in einem Riesenbüro. Alle paar Wochen fliegt sie durch die

Welt, um einen weiteren Forschungspreis entgegenzunehmen. „Es fühlt sich surreal an“, sagt sie. Vor

ein paar Jahren war sie ein Talent, heute ist sie eine Heldin. Anfangs habe sie mal darüber

nachgedacht, ob sie die Preise ablehnen solle. So wie ihr Vorbild aus Jugendzeiten, der Existenzialist

65 Jean-Paul Sartre. Der lehnte sogar den Literaturnobelpreis ab. Sie hat sich anders entschieden. „Wenn

du die Preise nicht annimmst, wird jemand anderes ausgezeichnet, und mein Forschungsgebiet der

Mikrobiologie bekommt vielleicht nicht die Aufmerksamkeit.“ Sartre blieb sie treu: Übernimm die

Verantwortung für das, was du tust. Sie sagt: „Wir sollten der Öffentlichkeit keine Versprechen geben,

die wir nicht einhalten können.“

1 Muskeldystrophie – Erbkrankheiten, die durch genetische Mutationen verursacht werden und zu Muskelschwäche oder Muskelschwund führen.

2 DNA – Desoxyribonukleinsäure, Träger der Erbinformation

3 Die Bestandteile der DNA sind in Form einer Doppelhelix angeordnet, die – vereinfacht gesagt – wie eine gedrehte Strickleiter aussieht.

Max Rauner: Operation Gavriel, in: Zeit Wissen Nr. 3/2016, 12.04.2016, URL: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/crispr-gentechnik-duchenne-gendefekt-veraenderung-dna (abgerufen am 20.04.2016).

Hinweis

Max Rauner (*1970): deutscher Journalist

1 Fassen Sie die wesentlichen Informationen zur „Operation Gavriel“ zusammen. (Material 1) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Material 1

Max Rauner: Operation Gavriel (2016)

Eine tödliche Krankheit besucht eine Familie wie ein Gast, der nicht mehr aus dem Haus gehen will.

Er gehört nun dazu, und man muss ihm einen Namen geben. Die Rosenfelds reden von „Duchenne“,

so hieß der Entdecker dieser Form der Muskeldystrophie 1. Duchenne sitzt beim Frühstück mit am

Tisch und beim Abendessen. Duchenne begleitet Gavriel zur Schule und ist auf jedem Ausflug mit

5 dabei. Kerry und Doron wollten nicht mit Gavriel und Duchenne allein sein. Sie bekamen drei weitere

Kinder, alle gesund.

Kerry Rosenfeld sitzt im Wohnzimmer ihres zweistöckigen Klinkerhauses im Nordwesten Londons

und wärmt ihre Hände an einer Tasse Tee, es ist kühl im Haus. Die Kinder sind in der Schule, Fotos

von ihnen schmücken die Wände: Gavriel mit seinen drei Geschwistern, Gavriel im Dinosaurier-

10 kostüm, als er noch gehen konnte. Ein Foto zeigt die Eltern mit Ronald Cohn, dem Arzt aus Kanada,

der die Gene des Jungen verändern möchte. Sie haben ihn nach Gavriels Diagnose über einen

gemeinsamen Freund kennengelernt. Kerry Rosenfeld weiß, dass Gentherapien riskant sind. Sie sagt:

„Wir sind vielleicht verzweifelt, aber wir sind nicht dumm. Ja, mein Junge ist ein Versuchskaninchen.

Aber wenn du nichts tust, heißt das, dass diese Krankheit dein Kind zerstören wird.“ […]

15 Am 17. August 2012, Gavriel ist zehn, erscheint in der Fachzeitschrift Science ein Aufsatz, der die

Wissenschaft verändert. Ein Forscherteam unter der Leitung von Emmanuelle Charpentier und

Jennifer Doudna hat die Immunabwehr von Bakterien studiert und dabei eine Entdeckung gemacht.

Um sich gegen Viren zu wappnen, produzieren die Bakterien ein Molekül, das wie eine winzige

molekulare Schere funktioniert. Es schneidet die DNA 2 feindlicher Viren in Stücke. Das Besondere

20 ist, dass die Scheren mit einem Navigationssystem ausgestattet sind: Ein Adresscode zeigt ihnen an,

bei welcher Sprosse die DNA-Strickleiter 3 zerschnitten werden soll. Charpentier und Doudna haben

herausgefunden, wie man die Adresse beliebig verändern kann. Der DNA-Code, das Buch des Lebens,

kann nun korrigiert werden wie ein Wikipedia-Artikel. Das ist das Versprechen, das an diesem Tag in

die Welt entlassen wird. Die Abkürzung Crispr steht für Clustered Regularly Interspaced Short

25 Palindromic Repeats, aber das muss man sich nicht merken. Wichtig ist, dass Crispr die DNA so

präzise verändern kann wie keine Gentechnik zuvor. Es ist eine Art Genchirurgie. Innerhalb von

Monaten erobert Crispr die Labors weltweit. Die Sensationsmeldungen folgen im Wochentakt: Crispr

schneidet Aids-Virus aus dem Erbgut; Crispr soll Schweineorgane besser transplantierbar machen;

Crispr könnte die Malaria-Mücken ausrotten; Crispr soll mammutähnliche Elefanten erschaffen;

30 Crispr heilt Mäuse von Duchenne-Muskeldystrophie.

Zwei Jahre nach Erscheinen des Science-Artikels bekommt Kerry Rosenfeld einen Anruf aus Kanada.

Ronald Cohn ist am Telefon, der Kinderarzt und Genetiker. An diesem Tag hört sie das Wort Crispr

zum ersten Mal. Sie versteht nicht viel, aber Ronni sagt, man könne die neue Methode an Gavriels

Zellen ausprobieren. Er wolle sie nicht dazu drängen. Aber man könnte versuchen, das Dystrophin-

35 Gen zu korrigieren. An dieser Stelle muss man an das Schicksal eines anderen Jungen erinnern. Denn

schon einmal gab es viel Aufregung um vermeintlich revolutionäre Gentherapien. Doch am

17. September 1999 starb der 18-jährige Jesse Gelsinger in den USA, nachdem Ärzte ihm Billionen

Viren in die Blutbahn gespritzt hatten. Die Viren sollten als U-Boot dienen, um ein Korrekturgen in

die Körperzellen zu bringen. Stattdessen brachten sie Jesse Gelsinger den Tod. Organversagen.

40 Danach wurde es still um die Gentherapien. Nun wird es wieder laut, und das liegt an Crispr. […]

Gavriels Genmutation ist für die Genchirurgen besonders interessant: Ein kleiner Abschnitt seines

Dystrophin-Gens ist doppelt vorhanden. 139.000 von 2,4 Millionen DNA-Sprossen. Man muss das

doppelt vorhandene Stück nur herausschneiden. Zwei Molekularbiologinnen in Cohns

Forschungsgruppe, Daria Wojtal und Dwi Kemaladewi, machen sich an die Arbeit. Sie analysieren

45 Gavriels DNA und verorten die Adresse der Verdopplung. Es ist die Basenfolge

AATATCTTCTTAAATACCCG, sie steht am Anfang und am Ende der Genverdopplung. Daria

Wojtal bestellt die Crispr-Zutaten im Internet. Die Molekülscheren kosten 65 Dollar, das

Adressmolekül sieben Dollar, plus Versandkosten. „Es ist wie Onlineshopping“, sagt sie.

Dwi Kemaladewi vergleicht Gavriels DNA mit einem fehlerhaften Kochrezept. Der fertige Mensch,

50 das ist die Suppe. Aber aus Versehen steht in dem Rezept gleich zweimal die Zeile „Ein Teelöffel

Salz“. Crispr soll die doppelte Anweisung entfernen, damit die Suppe nicht mehr versalzen ist. […]

Cohn hat die Zulassungsbehörde kontaktiert, er will wissen, unter welchen Umständen sie eine

experimentelle Crispr-Medizin genehmigen würde. Er sagt: „Sosehr ich Gavriel eine Medizin geben

möchte, so wenig möchte ich mir in die Hose machen, dass ich, Gott behüte, etwas Schlimmes

55 anstelle.“ Die Viren, die man heute als Genfähren verwende, seien viel besser verträglich als jene

Viren, die Jesse Gelsinger 1999 den Tod brachten. Dennoch kann es sein, dass die Zulassungsbehörde

auch noch Tests an einem Crispr-Affen verlangt. „Dann wird es länger dauern.“ Es gehe um

Sicherheit, sagt Cohn, nicht um den Nobelpreis.

Die Frau, die für Crispr mit hoher Sicherheit den Nobelpreis bekommen wird, ist gerade nach Berlin

60 gezogen. Emmanuelle Charpentier ist die neue Direktorin des Max-Planck-Instituts für

Infektionsbiologie, eine kluge Französin in einem Riesenbüro. Alle paar Wochen fliegt sie durch die

Welt, um einen weiteren Forschungspreis entgegenzunehmen. „Es fühlt sich surreal an“, sagt sie. Vor

ein paar Jahren war sie ein Talent, heute ist sie eine Heldin. Anfangs habe sie mal darüber

nachgedacht, ob sie die Preise ablehnen solle. So wie ihr Vorbild aus Jugendzeiten, der Existenzialist

65 Jean-Paul Sartre. Der lehnte sogar den Literaturnobelpreis ab. Sie hat sich anders entschieden. „Wenn

du die Preise nicht annimmst, wird jemand anderes ausgezeichnet, und mein Forschungsgebiet der

Mikrobiologie bekommt vielleicht nicht die Aufmerksamkeit.“ Sartre blieb sie treu: Übernimm die

Verantwortung für das, was du tust. Sie sagt: „Wir sollten der Öffentlichkeit keine Versprechen geben,

die wir nicht einhalten können.“

1 Muskeldystrophie – Erbkrankheiten, die durch genetische Mutationen verursacht werden und zu Muskelschwäche oder Muskelschwund führen.

2 DNA – Desoxyribonukleinsäure, Träger der Erbinformation

3 Die Bestandteile der DNA sind in Form einer Doppelhelix angeordnet, die – vereinfacht gesagt – wie eine gedrehte Strickleiter aussieht.

Max Rauner: Operation Gavriel, in: Zeit Wissen Nr. 3/2016, 12.04.2016, URL: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/crispr-gentechnik-duchenne-gendefekt-veraenderung-dna (abgerufen am 20.04.2016).

Hinweis

Max Rauner (*1970): deutscher Journalist

2 Wenden Sie ein Modell zur ethischen Urteilsbildung auf den vorliegenden Fall an. [35 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition

Material 2

Lukas Troberg: WHAT IF GOD WAS WRONG (2010)

Hinweise

Lukas Troberg (*1984): deutscher Künstler

Das Kunstwerk ist eine Installation im Eingangsbereich des Instituts für Molekulare Biotechnologie Wien. Zum Forschungsgegenstand des Instituts gehören u. a. gentechnische Verfahren zur Bekämpfung von Krankheiten.

Titel auf Deutsch: „Was, wenn Gott sich irren würde/falsch läge“

3 WHAT IF GOD WAS WRONG (Material 2)

Überprüfen Sie unter Bezugnahme auf das Material 2, ob und inwieweit sich der Künstler im Kunstwerk auf biblische Gottesbilder berufen kann. [35 BE]

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