Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022
Thema: Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens (2004)
Gunda Schneider-Flume beschäftigt sich in ihrem Text mit der Frage, ob die theologische Anthropologie in der Debatte über die Identität des Menschen etwas beizutragen hat. Sie geht dabei der Frage nach, ob und wie die Geschichte Gottes mit den Menschen, die in vielen biblischen Erzählungen deutlich wird, menschliche Identität verändert, bereichert und erneuert.
Wir können Gott [...] nicht denken außerhalb der Geschichten, in denen er sich ereignet: in der Hingabe im Leben und im Tod Jesu Christi, in der Schöpfung am Ostermorgen, am Schöpfungsmorgen und all Morgen neu, in der neuschaffenden Bewegung des Erbarmens im Geist. Wer Gott ist, das erfahren Menschen als in diese Geschichten Verstrickte. Und wer oder was ein Mensch ist, das erschließt sich ihm selbst und anderen aus den Geschichten, in denen er lebt. Deshalb ist kein Mensch „an sich“ definierbar. Seine passive Konstitution ebenso wie seine Aktivität verdankt sich den Geschichten, die ihn umgeben und tragen. [...]
Es ist Aufgabe von konkreter Theologie und Verkündigung, die Geschichte Gottes nicht in einen metaphysischen Rahmenbegriff zu verflüchtigen, sondern sie heilsam, und das heißt befreiend, in die Fülle der Menschen begründenden Geschichten einzuspielen.
Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Als Leben in der Geschichte mit Gott ist Glauben eine Ausweitung des Selbst. Dieses wird durch den Glauben davor bewahrt, entweder auf sich selbst reduziert zu werden oder sich ins Unendliche aufzublähen. Kein Mensch muss mit sich selbst anfangen. Zugleich bedeutet Glauben eine Festigung und Bestärkung des Selbst, denn der Glaube entlastet von dem Zwang, sich ständig selbst zu begründen. Der Glaube hat gleichsam seine Identität im Rücken in dem Zuspruch: „erwählt und gewollt“: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes 43,1) [...]
Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Was sie mehr sind, wird ihnen in ihrer Lebensgeschichte zugespielt in Erinnerung an Geschichten der Befreiung von fremdbestimmenden Mächten im eigenen Selbst und in der Umwelt, Mächten, die sich einem Leben in Gerechtigkeit und Erbarmen verschließen und dagegen angehen. Alle Hoffnung auf Freiheit und alles Leiden an Unfreiheit ist in der biblischen Tradition geknüpft an die Geschichte der Herausführung des Volkes Israel aus der ägyptischen Fronarbeit in ein neues Land. Diese Geschichte ist geradezu das Urdatum biblischer Freiheitserfahrung. Freiheit ist nicht ein Ideal, sondern der mühevolle, oft gefährliche Weg des Befreitwerdens auch aus lieb gewordenen Fesseln und Sicherungen heraus. Der Wunsch, zu den Fleischtöpfen Ägyptens zurückzukehren, meldet sich immer wieder. Unfreiheit ist bequemer und sicherer. Freiheit bedeutet allemal Aufbruch und Wagnis. [...]
Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst aus sich machen können. Aber Gottes Geschichte ist keine Erfolgs- und Fortschrittsgeschichte. Der Gedanke einer Entwicklung zu Höherem oder Vollkommenem ist ihr fremd, und sie verläuft nicht nach Gleichmaß und Kontinuität. Der Gedanke der Kontinuität und der Entwicklung steht dem biblischen Zeitverständnis entgegen. Zeit ist nicht die Linie für eine Entwicklung und nicht das Medium der Kontinuität. Nach dem ursprünglichen Zeitverständnis der biblischen Tradition ist Zeit Zeit für, [...] qualifiziert durch die Bewegung seiner Liebe und seines Erbarmens und des Zornes, der allem gilt, was Leben zerstört. Deshalb ereignet sich sein Sein in der Zeit als heilsame Unterbrechung von Unheilszusammenhängen durch die Bewegung des Erbarmens. [...]
Verstrickt in Gottes Geschichte sind Menschen mehr, als was sie selbst von sich aus werden können. Aus der Perspektive der Geschichte Gottes müssen die Vorstellungen von Entwicklung zu Einheit und Ganzheit verändert werden. Der Gedanke der Entwicklung der Persönlichkeit ist ursprünglich dem organischen Wachstum einer Pflanze nachempfunden. [...] Dagegen steht die in der biblischen Tradition immer wieder erzählte Erfahrung des Neuwerdens. Im Psalm wird diese Erfahrung beschrieben:
„Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schmutz und Schlamm, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.“ (Ps 40,3)
Hier ist die Rede von Rettung aus Bedrängnis, von neuer Standfestigkeit und buchstäblicher Trittsicherheit. Neuwerden ist völlige Umwandlung des Menschen und seiner inneren und äußeren Situation, und diese Umwandlung äußert sich in einem Lied, von dem der Beter bekennt: „Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben“. (V. 4)
Es geht nicht um Entwicklung, sondern um „ein Eingreifen Gottes“, zu dem die einem Menschen überraschend zukommende neue Wahrnehmung seiner selbst, der Welt und Gottes hinzutritt. [...] Im Neuen Testament wird das Neuwerden mit der Geschichte Jesu Christi zusammengedacht.
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2Kor 5,17)
Die Beziehung zu dem Geschehen von Kreuz und Auferstehung durchbricht alte Identitätsstrukturen und feste Kontinuitäten, weil Menschen neu werden, wenn sie jemanden für sich eintreten lassen.
Martin Luther hat davon gesprochen, dass „der Mensch dieses Lebens Gottes bloßer Stoff zu dem Leben seiner zukünftigen Gestalt“ sei.
Gott schafft am Menschen. Der Mensch ist, so fehlbar und bruchstückhaft wie er ist, Stoff der Geschichte Gottes. Das göttliche Schaffen macht die Offenheit und die Hoffnung der Geschichte des Menschen aus.
Die Art und Weise göttlichen Schaffens wird in der biblischen Tradition mit Erbarmen umschrieben. Die Bewegung des Erbarmens steht gegen die Vorstellung der Kontinuität und Ganzheit der Persönlichkeit. Menschen sind des Erbarmens bedürftig, und ihnen widerfährt Erbarmen. Deshalb wird eine Biographie zu eng gesehen, wenn sie ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der geradlinigen Entwicklung wahrgenommen wird. Deshalb können Menschen neu werden. Im Blick auf Menschen scheint das unglaublich, eher sind wir gewohnt, uns als immer dieselben zu beurteilen und festzuschreiben. Ähnlich ist es im Blick auf Gottes Geschichte. Dass Gott der ist, der umkehrt, der vergibt, der sich wieder erbarmt, dass Gottes Geschichte sich gerade in der Fähigkeit zum „inneren Umsturz“ und zur Neuschöpfung manifestiert, ist die unglaubliche Erfahrung, die Menschen im Glauben machen.
Die Bewegung des Erbarmens als Umsturz kommt im Neuen Testament in dem Verbum „σπλαγχνίζεσθαι“, das Luther mit „es jammerte ihn“ übersetzt, zur Sprache. „Es jammerte ihn“ wird von Jesus von Nazareth angesichts des Volkes erzählt, aber dieses Verb wird auch in den Gleichnissen gebraucht, die Gotteswirklichkeit zur Sprache bringen. Es schreibt die Bewegung des Samariters auf den halbtot am Straßenrand Liegenden hin. Das ist die Unterbrechung skandalöser Alltagswirklichkeit durch lebensschöpferisches Erbarmen, die Gotteswirklichkeit genannt zu werden verdient.
Verstrickt in Gottes Geschichte entgehen Menschen der Tyrannei des gelingenden Lebens, denn alle Schritte, die gelingen, und alle, die nicht gelingen, sind umfangen von der Bewegung des Erbarmens. Deshalb ist Leben kostbar von allem Anfang an. Deshalb ist der Gedanke des Gelingens des Lebens ebenso wie der des Misslingens als Totalperspektive biblischem Denken fremd. Da wo Leben gefährdet und bedroht ist, weiß sich der Glaube in besonderer Weise auf Gott verwiesen. Ewiges Leben, Teilhabe an Gottes Leben ist Zusage für hier und heute. Deshalb sind die Erzähleinheiten der Geschichte Gottes dem modernen Denken an den Stellen fremd, wo es auf Zielgerichtetheit eingeschränkt ist. Im Gegenzug dazu provoziert und bestärkt die Geschichte Gottes den Mut, sich auf Erbarmen einzulassen, die Hoffnung auf das Neuwerden „all Morgen“ und das Vertrauen, dass der Mensch nicht Vagabund im Weltall oder Zufallstreffer der Evolution, sondern erwählt und gewollt ist.
Gunda Schneider-Flume: Leben ist kostbar. Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens. Göttingen 2. Aufl. 2004, S. 65–77.
Hinweis
Gunda Schneider-Flume (*1941): deutsche evangelische Theologin
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Setzen Sie das Menschenbild, das dem vorliegenden Text zugrunde liegt, in Beziehung zur Verkündigung Jesu in Wort und Tat und zur Rechtfertigungslehre. (35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Setzen Sie das Menschenbild, das dem vorliegenden Text zugrunde liegt, in Beziehung zur Verkündigung Jesu in Wort und Tat und zur Rechtfertigungslehre.
Lösung: Individuelle theologische Ausarbeitung und Verknüpfung gemäß den Lösungshinweisen.
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