Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben. Ein Glaube, der zweifeln lässt (2015)

In seinem Artikel „Zweifelhaft glauben“ greift Arne Bachmann die Skepsis vieler seiner christlich geprägten Zeitgenossen auf. Er erklärt, dass neben dem Gottesglauben Zweifel schon immer im westlich geprägten Denken zu finden waren. Während sich einige aufgrund naturwissenschaftlicher Fakten vom Glauben abwandten, ließen sich andere, beispielsweise Sokrates, vom Zweifel motivieren, Fragen zu stellen, um mit ihnen den Gottesglauben als sinnvoll zu deklarieren. Andere wiederum versuchten, Gott für ihre Suche nach Sicherheit zu missbrauchen.

Besonders dort, wo sich unsere Welt immer schneller verändert, wo Ordnungen schwanken, Lebenskonzepte ihre Selbstverständlichkeit verlieren und unsere eigene Zukunft ungewiss erscheint, steigt die Tendenz, Gott als eine Art Rückversicherung zu nutzen. Dort, wo die gefühlten Risiken der Lebensführung steigen, wächst das Bedürfnis nach Stabilität. Diese wird in Form von bestimmten 5 Vorstellungen gesucht, die absolute Wahrheit beinhalten. Zu Zeiten der Entstehung des christlichen Fundamentalismus waren das zum Beispiel die Jungfrauengeburt, die Irrtumslosigkeit der Bibel oder die Unfehlbarkeit des Papstes. Entscheidend ist hierbei, dass es sich um bestimmte Inhalte oder Institutionen handelt, auf die der Mensch sein Leben aufbaut, um dabei Gott als Garanten der eigenen Sicherheit zu benutzen.

10 Dies ist Götzendienst, da der Mensch Gott in sein eigenes Projekt der Selbstsicherung einspannt. Schon Luther erkannte das und nannte es die securitas 1: Gott wird dazu benutzt, um Sicherheit, Halt und Orientierung zu erlangen, und so wird die berechtigte Suche nach Gewissheit zu einem Götzen.

Gleichzeitig wird klar, warum Menschen sehr gereizt auf jeden Angriff auf ihr Gedankengebäude oder ihr sogenanntes Fundament reagieren: Mit dem Gedankengebäude selbst gerät die gesamte Identität 15 ins Wanken. Und so muss der Mensch mit allen möglichen Mitteln jeden Zweifel von seinem eigenen Gedankengebäude fernhalten. Zuerst mit beißender Polemik, manchmal auch mit der Vermeidung von Situationen, in denen Zweifel aufkommen könnten, und nicht zuletzt auch mit Gewalt.

An dieser Stelle wird plötzlich klar, dass das Projekt der Selbstsicherung, auch wenn es im frommen Gewand daherkommt, so gar nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Denn da geht es doch 20 darum, dass sich Gott immer wieder in Beziehung zu uns setzt. Folglich kommt es in letzter Konsequenz nicht auf unsere Stimmung, auf unsere Rechtgläubigkeit und unser Wohlverhalten an. Die göttliche Barmherzigkeit ist eine Grundlage, die gewisser ist als unsere theologischen Gedankengebäude. Sich auf die göttliche Zuwendung einzulassen, ist geradezu das Gegenteil jedes Sicherheitsstrebens. Wir können uns selbst nicht gewiss machen. So heißt es im ersten Johannesbrief: „Wenn das 25 Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz“ (1. Johannes 3,20; EÜ 2). Das ist geradezu das Gegenteil des Fundamentalismus. Nicht ich klammere mich ängstlich an bestimmte Glaubenswahrheiten, nicht ich suche verzweifelt nach der einen selig machenden Erfahrung, sondern alles hängt daran, dass sich Gott in Jesus Christus mir schon zugewandt hat. […]

Das bedeutet, dass Zweifel nichts ist, das man von sich wegschieben muss. Zweifel sind nur dann 30 gefährlich, wenn es vor allem darum ginge, selbst die Kraft aufzubringen, an Gott festzuhalten. Gnade selbst im klassischen lutherischen Sinne bedeutet aber, dass Gott uns dort noch hält, wo wir ihn nicht mehr festhalten können. Dort, wo uns der Glaube nicht mehr tragbar erscheint, werden wir dennoch getragen. Und wenn es so genau nicht darauf ankommt, sich seines Glaubens in jedem Moment gewiss zu sein, dann darf man zweifeln. Weil man die Annahme wagt: Wenn es Gott gibt, dann wird er mich 35 nicht aufgrund meiner Zweifel loslassen.

Ebenso ist es mit der Erfahrung der Nähe Gottes. Wäre Gott der, der immer nur nahe ist, dann würde er schnell in unser Projekt der Selbstsicherung eingespannt. Doch der auferstandene Christus weist jede Vereinnahmung von sich, wenn er sagt: „Berühre mich nicht!“ (Johannes 20,17). Jesus Christus entzieht sich hier jedem Versuch, ihn zu begreifen, das heißt: ihn in den Griff zu kriegen. Er ist aber 40 nicht abwesend, sondern ist uns nahe, indem er sich entzieht. Etwas paradox formuliert: Gerade dort, wo wir Gott vermissen, ist er uns vielleicht am nächsten. Denn dort geraten wir in die Nähe zu Jesus Christus, dem Gottverlassenen, der am Kreuz schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?!“ (Matthäus 27,46). So sind die Absurdität und Sinnlosigkeit des Lebens, die Gottverlassenheit und Gottesferne nicht etwa eine Bedrohung des Glaubens, sondern werden am 45 Kreuz Teil des Glaubens.

Der christliche Glaube will nicht einfach alle Rätsel des Lebens aufschlüsseln und zeigen, dass am Ende alles Leid einen Sinn gehabt hat. Am Kreuz zeigt sich, dass Sinnlosigkeit und Absurdität real sind, dass sie auch manchmal den Sieg davontragen. Doch Ostern ist das Zeichen dafür, dass diese Absurdität nicht das letzte Wort haben wird. Folglich kann es ein Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott 50 sein, wenn man sich dieser Absurdität und den Zweifeln aussetzt. Und zu den intensivsten Erfahrungen im Glauben gehört es, gemeinsam zu zweifeln, gemeinsam Gott zu vermissen und so zu erfahren: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Doch ist dies immer noch zu wenig. Hier wäre der Zweifel mehr ein notwendiges Übel. Etwas, das 55 man eben erträgt. Und dort, wo der Zweifel Vertrauen untergräbt, Ängste freisetzt und lähmend wirkt, kann man ihm auch kaum etwas abgewinnen. Aber es gibt eine Seite am Zweifel, die durchaus kreativ sein kann. Zweifel raubt der Welt ihre Selbstverständlichkeit und öffnet so neue Horizonte. Somit kann er auch Ausdruck von Wachheit und Lebendigkeit sein. Er versetzt Festes in Bewegung und sorgt für eine Unruhe, in der etwas Neues Form gewinnen kann.

60 Denn man kann sich seiner Sache manchmal zu gewiss sein; daher kann ein völliges Fehlen von Zweifeln ein Indiz dafür sein, dass man seine Welt schon so hingenommen hat, wie sie ist. Von Jesus Christus wird aber berichtet, wie er Gewissheiten infrage gestellt hat, wie er überhaupt die Art von Fragen gestellt hat, die Zweifel wecken und Horizonte öffnen. Die Welt hinterfragen, sich selbst hinterfragen, noch seine eigenen Zweifel anzweifeln, darum geht es auch im christlichen Glauben.

65 Der christliche Glaube gleicht mehr der Feier eines Geheimnisses und beinhaltet so auch Momente der Unbestimmtheit, der Ungewissheit und Offenheit. So ist es vielleicht auch angebracht, sich und anderen Zeiten intensiver Unbestimmtheit zuzugestehen. Bei manchen wird es notwendig sein, sich für eine Zeit lang von ihren Glaubensgemeinschaften zu distanzieren, damit sie ihren Glauben bewahren können. Besser wäre es allerdings noch, wenn in den Glaubensgemeinschaften selbst mehr 70 Platz für solche Prozesse wäre. Dabei scheint es wichtig, auch neue Fragen zuzulassen und mit althergebrachten Wahrheiten zu ringen, um dann festzustellen, dass nicht alle unsere menschlichen Gedankengebäude so unumstößlich sind, wie sie manchmal den Anschein erwecken. Der Zweifel stellt alte Orientierungen infrage und im günstigsten Fall öffnet er uns für eine Neuorientierung. Dieses Eröffnen von Neuem ist die positive Seite des Zweifels. Zweifel setzt Prozesse in Gang. Und mögen 75 diese auch riskant sein, so ist es manchmal noch riskanter, auf einem Standpunkt zu beharren, denn man gerät in Gefahr, sich vor dem Leben abzuschirmen.

Manchmal lässt sich aus dem Zweifel eine Vorwärtsbewegung gewinnen, ein Umdenken herbeiführen, ein Veränderungsprozess anstoßen. Und manchmal sorgt der Zweifel dafür, dass nun gerade das Altbekannte am Glauben neu erschlossen werden muss. Wenn beispielsweise Schöpfung nicht mehr 80 zwangsläufig als ein wundersames Handeln Gottes in sieben Tagen begriffen wird, dann kann man entweder aufhören, an die Schöpfung zu glauben, oder sich auf eine Entdeckungsreise begeben, wie Schöpfung noch verstanden werden kann. Man kann sich damit beschäftigen, was andere gedacht, geglaubt und geschrieben haben, und kann die Frage auch eine Zeit lang in der Schwebe lassen. Doch neben alldem ist eine Warnung auszusprechen.

85 Es gibt eine Gefahr beim Zweifel, die nichts damit zu tun hat, dass Gewissheiten untergraben werden oder der Glaube bedroht wird. Die Beschäftigung mit den eigenen Zweifeln, das Ringen um eigene Formulierungen des Glaubens und das Stellen von Sinnfragen kann manchmal zu einer exzessiven Beschäftigung mit sich selbst führen. Dann wird man unempfindlich für den anderen.

Daher: Wenn die Unbestimmtheit des Glaubens zu bedrückend wird, ist manchmal die sinnvollste Kur 90 dagegen, von sich selbst wegzuschauen. Das kann sich zum Beispiel im engagierten Einsatz für andere zeigen. Denn wenn man nicht mehr damit rechnet, alle Fragen und Zweifel ganz geklärt zu bekommen, wird man auch freier, sich für andere einzusetzen und Gott unterwegs zu begegnen.

1 securitas – (lat.) Sicherheit

2 EÜ – Abkürzung für „Einheitsübersetzung“, eine deutsche Bibelübersetzung für den liturgischen Gebrauch im römisch-katholischen Gottesdienst, die unter Beteiligung evangelischer Theologen erarbeitet wurde

Arne Bachmann: Zweifelhaft glauben Ein Glaube, der zweifeln lässt, in: Tobias Faix, Martin Hofmann, Tobias Künkler (Hg.): Warum wir mündig glauben dürfen, Witten 2015, S. 23–27.

Hinweise

Arne Bachmann (*1985): deutscher evangelischer Theologe

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

Lösung: Eine gelungene Zusammenfassung erfasst die Kerngedanken des Textes sachlich und strukturiert: - Einleitung: Autor (Arne Bachmann), Titel („Zweifelhaft glauben“), Textsorte (theologischer Essay/Aufsatz), Erscheinungsjahr (2015 im Sammelband „Warum wir mündig glauben dürfen“), Thema (Plädoyer gegen religiöse Selbstsicherung und für das Zulassen von Zweifel als bereicherndes Moment des christlichen Glaubens). - Hauptteil: 1. Das Bedürfnis nach Sicherheit in einer unbeständigen Welt verleitet zur Vereinnahmung Gottes als Garant eigener Gewissheit (Götzendienst/securitas). 2. Echter christlicher Glaube beruht jedoch nicht auf menschlicher Rechtgläubigkeit, sondern auf der Zuwendung und Barmherzigkeit Gottes, die auch im Zweifel trägt. 3. Die Gotteserfahrung am Kreuz zeigt, dass Gott gerade in scheinbarer Abwesenheit und Sinnlosigkeit nahe ist; Zweifel ist integraler Bestandteil des Glaubens. 4. Zweifel besitzt eine kreative, dynamisierende Kraft: Er bricht starre Gewissheiten auf, verhindert Selbstabschottung und eröffnet neue Horizonte für den Glauben. 5. Warnung vor Selbstbezogenheit: Zweifel darf nicht in zermürbende Nabelschau münden, sondern befreit zum engagierten Einsatz für den Nächsten.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · GK 2022 · Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · LK 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben