Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022
Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material 1
Max Rauner: Operation Gavriel (2016)
Eine tödliche Krankheit besucht eine Familie wie ein Gast, der nicht mehr aus dem Haus gehen will.
Er gehört nun dazu, und man muss ihm einen Namen geben. Die Rosenfelds reden von „Duchenne“,
so hieß der Entdecker dieser Form der Muskeldystrophie 1. Duchenne sitzt beim Frühstück mit am
Tisch und beim Abendessen. Duchenne begleitet Gavriel zur Schule und ist auf jedem Ausflug mit
5 dabei. Kerry und Doron wollten nicht mit Gavriel und Duchenne allein sein. Sie bekamen drei weitere
Kinder, alle gesund.
Kerry Rosenfeld sitzt im Wohnzimmer ihres zweistöckigen Klinkerhauses im Nordwesten Londons
und wärmt ihre Hände an einer Tasse Tee, es ist kühl im Haus. Die Kinder sind in der Schule, Fotos
von ihnen schmücken die Wände: Gavriel mit seinen drei Geschwistern, Gavriel im Dinosaurier-
10 kostüm, als er noch gehen konnte. Ein Foto zeigt die Eltern mit Ronald Cohn, dem Arzt aus Kanada,
der die Gene des Jungen verändern möchte. Sie haben ihn nach Gavriels Diagnose über einen
gemeinsamen Freund kennengelernt. Kerry Rosenfeld weiß, dass Gentherapien riskant sind. Sie sagt:
„Wir sind vielleicht verzweifelt, aber wir sind nicht dumm. Ja, mein Junge ist ein Versuchskaninchen.
Aber wenn du nichts tust, heißt das, dass diese Krankheit dein Kind zerstören wird.“ […]
15 Am 17. August 2012, Gavriel ist zehn, erscheint in der Fachzeitschrift Science ein Aufsatz, der die
Wissenschaft verändert. Ein Forscherteam unter der Leitung von Emmanuelle Charpentier und
Jennifer Doudna hat die Immunabwehr von Bakterien studiert und dabei eine Entdeckung gemacht.
Um sich gegen Viren zu wappnen, produzieren die Bakterien ein Molekül, das wie eine winzige
molekulare Schere funktioniert. Es schneidet die DNA 2 feindlicher Viren in Stücke. Das Besondere
20 ist, dass die Scheren mit einem Navigationssystem ausgestattet sind: Ein Adresscode zeigt ihnen an,
bei welcher Sprosse die DNA-Strickleiter 3 zerschnitten werden soll. Charpentier und Doudna haben
herausgefunden, wie man die Adresse beliebig verändern kann. Der DNA-Code, das Buch des Lebens,
kann nun korrigiert werden wie ein Wikipedia-Artikel. Das ist das Versprechen, das an diesem Tag in
die Welt entlassen wird. Die Abkürzung Crispr steht für Clustered Regularly Interspaced Short
25 Palindromic Repeats, aber das muss man sich nicht merken. Wichtig ist, dass Crispr die DNA so
präzise verändern kann wie keine Gentechnik zuvor. Es ist eine Art Genchirurgie. Innerhalb von
Monaten erobert Crispr die Labors weltweit. Die Sensationsmeldungen folgen im Wochentakt: Crispr
schneidet Aids-Virus aus dem Erbgut; Crispr soll Schweineorgane besser transplantierbar machen;
Crispr könnte die Malaria-Mücken ausrotten; Crispr soll mammutähnliche Elefanten erschaffen;
30 Crispr heilt Mäuse von Duchenne-Muskeldystrophie.
Zwei Jahre nach Erscheinen des Science-Artikels bekommt Kerry Rosenfeld einen Anruf aus Kanada.
Ronald Cohn ist am Telefon, der Kinderarzt und Genetiker. An diesem Tag hört sie das Wort Crispr
zum ersten Mal. Sie versteht nicht viel, aber Ronni sagt, man könne die neue Methode an Gavriels
Zellen ausprobieren. Er wolle sie nicht dazu drängen. Aber man könnte versuchen, das Dystrophin-
35 Gen zu korrigieren. An dieser Stelle muss man an das Schicksal eines anderen Jungen erinnern. Denn
schon einmal gab es viel Aufregung um vermeintlich revolutionäre Gentherapien. Doch am
17. September 1999 starb der 18-jährige Jesse Gelsinger in den USA, nachdem Ärzte ihm Billionen
Viren in die Blutbahn gespritzt hatten. Die Viren sollten als U-Boot dienen, um ein Korrekturgen in
die Körperzellen zu bringen. Stattdessen brachten sie Jesse Gelsinger den Tod. Organversagen.
40 Danach wurde es still um die Gentherapien. Nun wird es wieder laut, und das liegt an Crispr. […]
Gavriels Genmutation ist für die Genchirurgen besonders interessant: Ein kleiner Abschnitt seines
Dystrophin-Gens ist doppelt vorhanden. 139.000 von 2,4 Millionen DNA-Sprossen. Man muss das
doppelt vorhandene Stück nur herausschneiden. Zwei Molekularbiologinnen in Cohns
Forschungsgruppe, Daria Wojtal und Dwi Kemaladewi, machen sich an die Arbeit. Sie analysieren
45 Gavriels DNA und verorten die Adresse der Verdopplung. Es ist die Basenfolge
AATATCTTCTTAAATACCCG, sie steht am Anfang und am Ende der Genverdopplung. Daria
Wojtal bestellt die Crispr-Zutaten im Internet. Die Molekülscheren kosten 65 Dollar, das
Adressmolekül sieben Dollar, plus Versandkosten. „Es ist wie Onlineshopping“, sagt sie.
Dwi Kemaladewi vergleicht Gavriels DNA mit einem fehlerhaften Kochrezept. Der fertige Mensch,
50 das ist die Suppe. Aber aus Versehen steht in dem Rezept gleich zweimal die Zeile „Ein Teelöffel
Salz“. Crispr soll die doppelte Anweisung entfernen, damit die Suppe nicht mehr versalzen ist. […]
Cohn hat die Zulassungsbehörde kontaktiert, er will wissen, unter welchen Umständen sie eine
experimentelle Crispr-Medizin genehmigen würde. Er sagt: „Sosehr ich Gavriel eine Medizin geben
möchte, so wenig möchte ich mir in die Hose machen, dass ich, Gott behüte, etwas Schlimmes
55 anstelle.“ Die Viren, die man heute als Genfähren verwende, seien viel besser verträglich als jene
Viren, die Jesse Gelsinger 1999 den Tod brachten. Dennoch kann es sein, dass die Zulassungsbehörde
auch noch Tests an einem Crispr-Affen verlangt. „Dann wird es länger dauern.“ Es gehe um
Sicherheit, sagt Cohn, nicht um den Nobelpreis.
Die Frau, die für Crispr mit hoher Sicherheit den Nobelpreis bekommen wird, ist gerade nach Berlin
60 gezogen. Emmanuelle Charpentier ist die neue Direktorin des Max-Planck-Instituts für
Infektionsbiologie, eine kluge Französin in einem Riesenbüro. Alle paar Wochen fliegt sie durch die
Welt, um einen weiteren Forschungspreis entgegenzunehmen. „Es fühlt sich surreal an“, sagt sie. Vor
ein paar Jahren war sie ein Talent, heute ist sie eine Heldin. Anfangs habe sie mal darüber
nachgedacht, ob sie die Preise ablehnen solle. So wie ihr Vorbild aus Jugendzeiten, der Existenzialist
65 Jean-Paul Sartre. Der lehnte sogar den Literaturnobelpreis ab. Sie hat sich anders entschieden. „Wenn
du die Preise nicht annimmst, wird jemand anderes ausgezeichnet, und mein Forschungsgebiet der
Mikrobiologie bekommt vielleicht nicht die Aufmerksamkeit.“ Sartre blieb sie treu: Übernimm die
Verantwortung für das, was du tust. Sie sagt: „Wir sollten der Öffentlichkeit keine Versprechen geben,
die wir nicht einhalten können.“
1 Muskeldystrophie – Erbkrankheiten, die durch genetische Mutationen verursacht werden und zu Muskelschwäche oder Muskelschwund führen.
2 DNA – Desoxyribonukleinsäure, Träger der Erbinformation
3 Die Bestandteile der DNA sind in Form einer Doppelhelix angeordnet, die – vereinfacht gesagt – wie eine gedrehte Strickleiter aussieht.
Max Rauner: Operation Gavriel, in: Zeit Wissen Nr. 3/2016, 12.04.2016, URL: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2016/03/crispr-gentechnik-duchenne-gendefekt-veraenderung-dna (abgerufen am 20.04.2016).
Hinweis
Max Rauner (*1970): deutscher Journalist
1 Fassen Sie die wesentlichen Informationen zur „Operation Gavriel“ zusammen. (Material 1) [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Fassen Sie die wesentlichen Informationen zur „Operation Gavriel“ zusammen. (Material 1)
Lösung: Eine adäquate Zusammenfassung umfasst eine strukturierte Einleitung (Autor Max Rauner, Titel „Operation Gavriel“, Zeitschrift „Zeit Wissen“, April 2016, Thema: Gentherapie mittels Genschere Crispr bei unheilbaren Erbkrankheiten) sowie die wesentlichen Aspekte des Textes: - Gavriel Rosenfeld leidet an Duchenne-Muskeldystrophie (tödlich verlaufende Erbkrankheit durch genetische Verdopplung im Dystrophin-Gen). - 2012 entdeckten Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna das bakterielle Abwehrsystem Crispr/Cas9 als präzise molekulare Schere zur Genomeditierung. - Ronald Cohn bietet eine experimentelle Gentherapie an, um das überzählige Basenpaar-Stück im Dystrophin-Gen herauszuschneiden. - Risiken und historische Warnung: 1999 starb Jesse Gelsinger an einer Virus-vektorierten Gentherapie durch Organversagen; heutige Genfähren gelten als verträglicher, dennoch fordern Behörden Sicherheitsprüfungen (z. B. Tierversuche an Affen). - Ethische Haltung der Forscher: Charpentier mahnt zur Verantwortung, warnt vor überzogenen Heilsversprechen.
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