Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022

Thema: Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Fulbert Steffensky: Respekt vor Gott (2015)

Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose, der das

Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe seines

Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt. Er will hingehen

und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn: „Tritt nicht herzu, zieh

5 deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.“ Mose verhüllt sein

Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt ähnliche Geschichten im Alten

Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.

Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir zwar nicht

aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große Trennung zwischen

10 Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hinter uns, und wir können Gott

sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden. Was verlieren wir, wenn wir diese

geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzählschatz streichen oder wenn sie nicht mehr

maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen

wollen von dem „unzugänglichen Licht“ (1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?

15 Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den Verlust

der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir die neuen

Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung 2 Gottes festzustellen.

Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die Schuhe auszuziehen und das

Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast

20 von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der

mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure

Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze

ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und zu geheimnislos. Manchmal

habe ich nach all dem Positiven ein Gefühl wie nach der Weihnachtszeit, in der man zu viel Gebäck

25 gegessen und wieder Lust auf saure Gurken hat. Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen Ängste vor

Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen onkelhaft geworden,

gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszuziehen. Man verbrennt sich an

ihm keine Füße und keine Hände mehr.

Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über ihn erzählt

30 wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der verstörenden

Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir reden von der Schuld

des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir bekennen sie sozusagen

augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt, so sind sie schon

eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. Als der Prophet Jona dem Volk von Ninive das

35 Gericht Gottes ansagt, bekehrt es sich. Der König ruft die großen Bußtage aus und sagt: „Wer weiß?

Vielleicht lässt Gott es sich gereuen und wendet sich ab von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht

verderben.“ 3 Dieses zögernde „Wer weiß?“ fehlt mir; die Langsamkeit, mit der der Gedanke und die

Gewissheit wachsen, dass Gott größer ist als alle Vernichtungen, die wir uns und anderen antun. Der

Harmonismus, den ich beklage, ist eine Form von Selbstinfantilisierung 4. Wir nehmen uns nicht ernst

40 als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen Zaubertüte, kaum

dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und

alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der

beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über

ein verspieltes Leben, und damit ersparen wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.

45 Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der

Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität 5, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen

angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre Schuld

bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich selber nicht

auszuweichen. Es hat noch nie einen religiösen Versuch, einen Gottesdienst gegeben, ob christlich

50 oder nicht, der nicht anfinge mit der Selbstreinigung; mit einem Akt der Distanzierung von sich selbst,

wie es im Schuldbekenntnis geschieht. […]

Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir selbst. Ich

finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um Gott zu finden und zu

fühlen; dass ich nur im Boden meiner eigenen Seele graben muss, um auf ihn zu stoßen; dass er nicht

55 mehr ist als die Beziehungen, die wir zueinander haben. Könnte es sein, dass wir damit immer mehr

Gott mit uns selbst identifizieren? Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und

unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt reicher

ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes Größe in seiner

herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch entsteht, dass wir

60 Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die Größe der Liebe, die alles

Begreifen übersteigt. Es gibt die Fremdheit der Liebe und der Güte, die sich jedem Verstehen entzieht

und vor der man nur anbetend stehen oder knien kann. […] Das ist keine herrschaftliche Größe, die

uns den Mund verbietet und uns verstummen lässt. Es ist die Größe und Erhabenheit der Liebe. […]

Das Schweigen ist die Weise, die Gottes Größe und sein Geheimnis am meisten respektiert. Aber

65 Schweigen ist das, was unseren Gottesdiensten am meisten fehlt. Das Schweigen wird an allen

möglichen Stellen aufgesucht, in der Meditation, in Schweigeseminaren, in Schweigekursen. Nur in

den Gottesdiensten hat es wenig Platz. […] Auch unsere Gebete sind oft wortgewaltige Mitteilungen

an Gott. Ich wünsche mir wenigstens ab und zu Gottesdienste, in denen wir Gott nichts mitteilen und

nichts von ihm wollen. Religionen sind oft große narzisstische Petitionsveranstaltungen 6. Es ist richtig,

70 dass wir unsere Schreie des Glücks und der Schmerzen im Gottesdienst nicht verbergen. Aber wo hat

die große Absichtslosigkeit einen Platz? […] Wo wollen wir einmal nichts von Gott, außer ihn zu

loben und zu ehren?

Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem

Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben in den

75 letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in dieser neuen

Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch viele

Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns verbrennt und

uns hütet.

Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken, Stuttgart 2015, S. 84–88.

Hinweise

Fulbert Steffensky (*1933): Theologe

Hervorhebungen im Original

1 Sakralität – Heiligung, heilige, fromme Ehrfurcht

2 Verhaustierung (lat. Domestizierung) – ein innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren oder Wildpflanzen, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden. Wildtiere werden durch Domestizierung zu Haustieren, Wildpflanzen werden zu Kulturpflanzen; Steffensky überträgt diesen ursprünglich biologischen Begriff der Zähmung auf den religiösen Bereich.

3 Jona 3,9

4 Selbstinfantilisierung – Handlung mit dem Ergebnis, sich selbst zu verkindlichen und geistig unselbstständig zu machen

5 Existenzialität – tiefe, wesentliche Bedeutsamkeit

6 narzisstische Petitionsveranstaltungen – Veranstaltungen, auf denen eigensüchtige Bitten vorgetragen werden

3 „Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch ‚immer schon‘ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens.“ (Material)

Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der lutherischen Rechtfertigungslehre und unter Bezugnahme auf den vorliegenden Text diese Aussage von Steffensky: (35 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3 „Wir nehmen uns nicht ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch ‚immer schon‘ ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung des Lebens.“ (Material) Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der lutherischen Rechtfertigungslehre und unter Bezugnahme auf den vorliegenden Text diese Aussage von Steffensky:

Lösung: Grundzüge der lutherischen Rechtfertigungslehre: - Der Mensch ist zugleich Gerechtfertigter und Sünder („simul iustus et peccator“). - Rechtfertigung allein aus Gnade (sola gratia) und durch den Glauben (sola fide), nicht durch Werke. - Freiheit eines Christenmenschen: innerlich frei von Werkgerechtigkeit („freier Herr über alle Dinge“), aber zugleich im Dienst am Nächsten gebunden („dienstbarer Knecht aller Dinge“ aus Dankbarkeit). Zustimmende Aspekte zu Steffenskys These: - Warnung vor „billiger Gnade“: Das Sündersein darf nicht als bequeme Ausrede dienen, um ethisch passiv zu bleiben. - Echte Bekehrung und Lebensänderung gehören zum christlichen Glauben; der Zuspruch der Vergebung führt zwingend in den Anspruch der Nächstenliebe (vom Indikativ zum Imperativ). - Steffensky nimmt den Ernst der Schuld und die Verantwortung des Menschen als Handelnder ernst. Kritische bzw. relativierende Einwände: - Gefahr einer Überforderung: Der Mensch bleibt in dieser Welt unvollkommen und immer wieder schuldig; Erlösung ist unverfügbares Geschenk. - Ein zu starker Fokus auf menschliche Bekehrungsleistung könnte den Trost der Rechtfertigung allein aus Gnade untergraben und zurück in Werkgerechtigkeit führen. - Biblischer Befund: Die Einsicht in die prinzipielle Sündhaftigkeit (Genesis) soll Demut fördern und vor Selbstüberschätzung schützen, nicht Handlungsunfähigkeit erzeugen. Eigenes begründetes Fazit/Urteil, das beide Perspektiven gewichtet.

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