Abitur Hessen Evangelische Religion 2022 · GK
Abiturprüfung Evangelische Religion in Hessen 2022, GK: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · Theodizee: Gott und das Leid · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben
Material
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine (2020)
Liebe Angela,
zwei Tage vor meiner Konfirmation habe ich Dich etwas besorgt gefragt, ob es auch wirklich okay
wäre, konfirmiert zu werden. Ich fand mein Verhältnis zu Gott und Jesus damals eher unübersichtlich,
ich war mir nicht sicher, ob ich für eine Konfirmation genug glauben würde. Du hast geantwortet, dass
es mehr als okay sei. Weil doch alle auf der Suche seien, Du auch. Damals wusste ich nicht so recht,
5 was Du meinst, heute schon eher. Und ich erlebe, wie befreiend es ist, das Konzept der Suche. Es ist
die Bejahung von Irritation und Widerspruch, ein Hinwenden zum Lernen und Nachfragen. Und eine
Absage an eine verlockende Polemik zu leichter Antworten auf zu vielschichtige Zusammenhänge.
Christlich wie politisch. [...]
Global betrachtet ist das Hauptproblem unserer Zeit, dass die Menschheit einerseits immer größere
10 Kräfte entfaltet (mechanisch, energetisch, atomar, kriegerisch, ausbeutungstechnisch und so weiter),
aber ihr Verantwortungsbewusstsein nicht proportional mitwächst. Sprich, die Maschinen, die wir
bauen, die Verträge, die wir schließen, die Technologien, die wir in die Welt setzen, sprengen in ihrer
zeiträumlichen Langfristigkeit die Dimensionen, in denen wir verantwortungspolitische Abwägungen
treffen. Eine Dampfmaschine etwa kann man mal so eben abbauen, wenn man sie nicht mehr braucht,
15 allzu vielen tritt man mit dem ganzen Konstrukt nicht auf die Füße. Bei einem Atomkraftwerk geht
das nicht mehr, solange es läuft, gefährdet man Menschen über alle Grenzen hinweg, möchte man
damit abschließen, muss man die künftigen Generationen für den niedlichen Zeitraum von einer
Million Jahren beauftragen, sich doch bitte um den Müll zu kümmern. Und das ist keinesfalls die
Spitze des technologischen Fortschritts. Dieses Verantwortungsvakuum erschöpft sich schließlich in
20 der Klimakrise, die nun in ihrer Wucht, in der theoretischen Verantwortungslast jenseits von dem
liegt, was wir politisch produktiv be-, geschweige denn verarbeiten können. Was hat man nur
angerichtet?, muss man sich fragen. Die Klimakrise, ein moralischer Koloss. Unangenehm.
Ja. Und dann ist da Jesus.
Jesus, die Gegenerzählung zum Konzept der endlichen Verantwortung. Jesus, der Glaube, Hoffnung,
25 Verantwortung hat aufleben lassen zu einer Haltung, die mit den Menschen und ihrem Handeln
wächst. Jesus hat keine Quoten und Reformen gefordert, sondern nichts weniger als die Befreiung
eines ganzen Volkes und Frieden auf Erden. Während Verantwortungsvermögen heute stagnieren, war
es Jesus, der vorgemacht hat, wie es aussieht, wenn man das eigene Verantwortungsverständnis nicht
an dem festmacht, was man vor Augen hat, sondern an dem, woran man glaubt. Und dem sind
30 bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt, weder räumlich noch zeitlich.
Die Chancen, die Klimakrise rechtzeitig zu bewältigen, stehen und fallen mit dem menschlichen
Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden. Die allermeisten davon sind in unseren Köpfen, ob
man es Glaube nennt oder Überzeugung oder Visionskraft, ist dabei zweitrangig. Denn das Problem
der Klimakrise ist eben, dass wir so viel von ihr weder fühlen noch sehen können, wir müssen die
35 Ausmaße der Krise – über den Planeten sowie die Generationen hinweg – imaginieren. Biblisch
inspiriert praktisch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das lasse man sich auf der Zunge zergehen. Was für
ein Zeitverständnis, was für eine Ansage, diesseits, jenseits, alles liegt in unseren Händen. Man redet
die Zeit nicht klein, das Potenzial der eigenen Wirkung schon gar nicht [...]. Eine Herangehensweise,
40 die geradezu dazu einlädt, auf die Bewältigung der Klimakrise übertragen zu werden.
Was man sicher auch als christliche Überheblichkeit verstehen könnte, ist gleichermaßen eine
entwaffnende Interpretation von Raum und Zeit. Jesus stellte ein Konzept der Verantwortung vor, das
zeitgemäßer nicht sein könnte.
Dabei ist Verantwortungsübernahme kein Auftrag, der sich einseitig an Regierungen richtet,
45 Verantwortung hat auch etwas hochgradig Persönliches – es liegt nicht zuletzt an jedem Einzelnen,
zusammenzukommen und sich zu wehren gegen Ungerechtigkeiten, damals wie heute. Was wäre die
Bibel, wenn genug Menschen damals infrage gestellt hätten, was der oder die Einzelne schon
bewirken kann? Eine trostlose Veranstaltung. Stattdessen aber windet sich die biblische Erzählung um
Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, dem eigenen Handeln wird Relevanz über die individuelle
50 Realität hinaus attestiert. Und wieder, hallo Klimakrise, das ist, was es braucht.
Mein Konfirmationsspruch ist „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ 1, eine Ode an
Verantwortung in Grenzenlosigkeiten gedacht. Sei ein Segen, heute und morgen, gegenüber
denjenigen, die du kennst und die du nicht kennst, hier und an allen Orten der Welt. Dass das auch
nach hinten losgehen kann, ist klar, über all die Grausamkeiten im Namen der Kirche werden
55 schließlich Abhandlungen über Abhandlungen geschrieben. Das Potenzial aber, den gelebten
(christlichen) Glauben als Gegenentwurf zu all den angewöhnten imaginativen Grenzen zu verstehen,
ist gigantisch. Eine Haltung, die mehr ist als eine Hilfestellung, sondern wegweisend sein kann für die
großen Krisen der Zeit.
Es fühlt sich weit weg an, die Zeit, in der ich Jugendleiterin bei Dir in der Gemeinde war. Mein
60 Glaube allerdings ist ganz nah, stimmt mich nachdenklich, inspiriert mich, weit über die Kirche
hinaus. Was für weise Worte, Deine Worte, damals. Und ich suche weiter.
Deine Luisa
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine, in: Die Zeit, 19.06.2020, URL: https://www.zeit.de/2020/26/klima-krise-aktivismus-konfirmation-glaube/komplettansicht (abgerufen am 03.02.2021).
Hinweis
Luisa Neubauer (* 1996): Klimaschutzaktivistin und eine der führenden Köpfe der Bewegung „Fridays for Future“
1 Gen 12,2
Aufgabe 1
Geben Sie den Inhalt des Briefes wieder. (Material) [30 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung
Material
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine (2020)
Liebe Angela,
zwei Tage vor meiner Konfirmation habe ich Dich etwas besorgt gefragt, ob es auch wirklich okay
wäre, konfirmiert zu werden. Ich fand mein Verhältnis zu Gott und Jesus damals eher unübersichtlich,
ich war mir nicht sicher, ob ich für eine Konfirmation genug glauben würde. Du hast geantwortet, dass
es mehr als okay sei. Weil doch alle auf der Suche seien, Du auch. Damals wusste ich nicht so recht,
5 was Du meinst, heute schon eher. Und ich erlebe, wie befreiend es ist, das Konzept der Suche. Es ist
die Bejahung von Irritation und Widerspruch, ein Hinwenden zum Lernen und Nachfragen. Und eine
Absage an eine verlockende Polemik zu leichter Antworten auf zu vielschichtige Zusammenhänge.
Christlich wie politisch. [...]
Global betrachtet ist das Hauptproblem unserer Zeit, dass die Menschheit einerseits immer größere
10 Kräfte entfaltet (mechanisch, energetisch, atomar, kriegerisch, ausbeutungstechnisch und so weiter),
aber ihr Verantwortungsbewusstsein nicht proportional mitwächst. Sprich, die Maschinen, die wir
bauen, die Verträge, die wir schließen, die Technologien, die wir in die Welt setzen, sprengen in ihrer
zeiträumlichen Langfristigkeit die Dimensionen, in denen wir verantwortungspolitische Abwägungen
treffen. Eine Dampfmaschine etwa kann man mal so eben abbauen, wenn man sie nicht mehr braucht,
15 allzu vielen tritt man mit dem ganzen Konstrukt nicht auf die Füße. Bei einem Atomkraftwerk geht
das nicht mehr, solange es läuft, gefährdet man Menschen über alle Grenzen hinweg, möchte man
damit abschließen, muss man die künftigen Generationen für den niedlichen Zeitraum von einer
Million Jahren beauftragen, sich doch bitte um den Müll zu kümmern. Und das ist keinesfalls die
Spitze des technologischen Fortschritts. Dieses Verantwortungsvakuum erschöpft sich schließlich in
20 der Klimakrise, die nun in ihrer Wucht, in der theoretischen Verantwortungslast jenseits von dem
liegt, was wir politisch produktiv be-, geschweige denn verarbeiten können. Was hat man nur
angerichtet?, muss man sich fragen. Die Klimakrise, ein moralischer Koloss. Unangenehm.
Ja. Und dann ist da Jesus.
Jesus, die Gegenerzählung zum Konzept der endlichen Verantwortung. Jesus, der Glaube, Hoffnung,
25 Verantwortung hat aufleben lassen zu einer Haltung, die mit den Menschen und ihrem Handeln
wächst. Jesus hat keine Quoten und Reformen gefordert, sondern nichts weniger als die Befreiung
eines ganzen Volkes und Frieden auf Erden. Während Verantwortungsvermögen heute stagnieren, war
es Jesus, der vorgemacht hat, wie es aussieht, wenn man das eigene Verantwortungsverständnis nicht
an dem festmacht, was man vor Augen hat, sondern an dem, woran man glaubt. Und dem sind
30 bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt, weder räumlich noch zeitlich.
Die Chancen, die Klimakrise rechtzeitig zu bewältigen, stehen und fallen mit dem menschlichen
Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden. Die allermeisten davon sind in unseren Köpfen, ob
man es Glaube nennt oder Überzeugung oder Visionskraft, ist dabei zweitrangig. Denn das Problem
der Klimakrise ist eben, dass wir so viel von ihr weder fühlen noch sehen können, wir müssen die
35 Ausmaße der Krise – über den Planeten sowie die Generationen hinweg – imaginieren. Biblisch
inspiriert praktisch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das lasse man sich auf der Zunge zergehen. Was für
ein Zeitverständnis, was für eine Ansage, diesseits, jenseits, alles liegt in unseren Händen. Man redet
die Zeit nicht klein, das Potenzial der eigenen Wirkung schon gar nicht [...]. Eine Herangehensweise,
40 die geradezu dazu einlädt, auf die Bewältigung der Klimakrise übertragen zu werden.
Was man sicher auch als christliche Überheblichkeit verstehen könnte, ist gleichermaßen eine
entwaffnende Interpretation von Raum und Zeit. Jesus stellte ein Konzept der Verantwortung vor, das
zeitgemäßer nicht sein könnte.
Dabei ist Verantwortungsübernahme kein Auftrag, der sich einseitig an Regierungen richtet,
45 Verantwortung hat auch etwas hochgradig Persönliches – es liegt nicht zuletzt an jedem Einzelnen,
zusammenzukommen und sich zu wehren gegen Ungerechtigkeiten, damals wie heute. Was wäre die
Bibel, wenn genug Menschen damals infrage gestellt hätten, was der oder die Einzelne schon
bewirken kann? Eine trostlose Veranstaltung. Stattdessen aber windet sich die biblische Erzählung um
Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, dem eigenen Handeln wird Relevanz über die individuelle
50 Realität hinaus attestiert. Und wieder, hallo Klimakrise, das ist, was es braucht.
Mein Konfirmationsspruch ist „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ 1, eine Ode an
Verantwortung in Grenzenlosigkeiten gedacht. Sei ein Segen, heute und morgen, gegenüber
denjenigen, die du kennst und die du nicht kennst, hier und an allen Orten der Welt. Dass das auch
nach hinten losgehen kann, ist klar, über all die Grausamkeiten im Namen der Kirche werden
55 schließlich Abhandlungen über Abhandlungen geschrieben. Das Potenzial aber, den gelebten
(christlichen) Glauben als Gegenentwurf zu all den angewöhnten imaginativen Grenzen zu verstehen,
ist gigantisch. Eine Haltung, die mehr ist als eine Hilfestellung, sondern wegweisend sein kann für die
großen Krisen der Zeit.
Es fühlt sich weit weg an, die Zeit, in der ich Jugendleiterin bei Dir in der Gemeinde war. Mein
60 Glaube allerdings ist ganz nah, stimmt mich nachdenklich, inspiriert mich, weit über die Kirche
hinaus. Was für weise Worte, Deine Worte, damals. Und ich suche weiter.
Deine Luisa
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine, in: Die Zeit, 19.06.2020, URL: https://www.zeit.de/2020/26/klima-krise-aktivismus-konfirmation-glaube/komplettansicht (abgerufen am 03.02.2021).
Hinweis
Luisa Neubauer (* 1996): Klimaschutzaktivistin und eine der führenden Köpfe der Bewegung „Fridays for Future“
1 Gen 12,2
Aufgabe 2
Untersuchen Sie, inwieweit sich die Verfasserin auf Jesu Reden und Handeln beziehen kann. [40 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre
Material
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine (2020)
Liebe Angela,
zwei Tage vor meiner Konfirmation habe ich Dich etwas besorgt gefragt, ob es auch wirklich okay
wäre, konfirmiert zu werden. Ich fand mein Verhältnis zu Gott und Jesus damals eher unübersichtlich,
ich war mir nicht sicher, ob ich für eine Konfirmation genug glauben würde. Du hast geantwortet, dass
es mehr als okay sei. Weil doch alle auf der Suche seien, Du auch. Damals wusste ich nicht so recht,
5 was Du meinst, heute schon eher. Und ich erlebe, wie befreiend es ist, das Konzept der Suche. Es ist
die Bejahung von Irritation und Widerspruch, ein Hinwenden zum Lernen und Nachfragen. Und eine
Absage an eine verlockende Polemik zu leichter Antworten auf zu vielschichtige Zusammenhänge.
Christlich wie politisch. [...]
Global betrachtet ist das Hauptproblem unserer Zeit, dass die Menschheit einerseits immer größere
10 Kräfte entfaltet (mechanisch, energetisch, atomar, kriegerisch, ausbeutungstechnisch und so weiter),
aber ihr Verantwortungsbewusstsein nicht proportional mitwächst. Sprich, die Maschinen, die wir
bauen, die Verträge, die wir schließen, die Technologien, die wir in die Welt setzen, sprengen in ihrer
zeiträumlichen Langfristigkeit die Dimensionen, in denen wir verantwortungspolitische Abwägungen
treffen. Eine Dampfmaschine etwa kann man mal so eben abbauen, wenn man sie nicht mehr braucht,
15 allzu vielen tritt man mit dem ganzen Konstrukt nicht auf die Füße. Bei einem Atomkraftwerk geht
das nicht mehr, solange es läuft, gefährdet man Menschen über alle Grenzen hinweg, möchte man
damit abschließen, muss man die künftigen Generationen für den niedlichen Zeitraum von einer
Million Jahren beauftragen, sich doch bitte um den Müll zu kümmern. Und das ist keinesfalls die
Spitze des technologischen Fortschritts. Dieses Verantwortungsvakuum erschöpft sich schließlich in
20 der Klimakrise, die nun in ihrer Wucht, in der theoretischen Verantwortungslast jenseits von dem
liegt, was wir politisch produktiv be-, geschweige denn verarbeiten können. Was hat man nur
angerichtet?, muss man sich fragen. Die Klimakrise, ein moralischer Koloss. Unangenehm.
Ja. Und dann ist da Jesus.
Jesus, die Gegenerzählung zum Konzept der endlichen Verantwortung. Jesus, der Glaube, Hoffnung,
25 Verantwortung hat aufleben lassen zu einer Haltung, die mit den Menschen und ihrem Handeln
wächst. Jesus hat keine Quoten und Reformen gefordert, sondern nichts weniger als die Befreiung
eines ganzen Volkes und Frieden auf Erden. Während Verantwortungsvermögen heute stagnieren, war
es Jesus, der vorgemacht hat, wie es aussieht, wenn man das eigene Verantwortungsverständnis nicht
an dem festmacht, was man vor Augen hat, sondern an dem, woran man glaubt. Und dem sind
30 bekanntermaßen keine Grenzen gesetzt, weder räumlich noch zeitlich.
Die Chancen, die Klimakrise rechtzeitig zu bewältigen, stehen und fallen mit dem menschlichen
Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden. Die allermeisten davon sind in unseren Köpfen, ob
man es Glaube nennt oder Überzeugung oder Visionskraft, ist dabei zweitrangig. Denn das Problem
der Klimakrise ist eben, dass wir so viel von ihr weder fühlen noch sehen können, wir müssen die
35 Ausmaße der Krise – über den Planeten sowie die Generationen hinweg – imaginieren. Biblisch
inspiriert praktisch „von Ewigkeit zu Ewigkeit“, das lasse man sich auf der Zunge zergehen. Was für
ein Zeitverständnis, was für eine Ansage, diesseits, jenseits, alles liegt in unseren Händen. Man redet
die Zeit nicht klein, das Potenzial der eigenen Wirkung schon gar nicht [...]. Eine Herangehensweise,
40 die geradezu dazu einlädt, auf die Bewältigung der Klimakrise übertragen zu werden.
Was man sicher auch als christliche Überheblichkeit verstehen könnte, ist gleichermaßen eine
entwaffnende Interpretation von Raum und Zeit. Jesus stellte ein Konzept der Verantwortung vor, das
zeitgemäßer nicht sein könnte.
Dabei ist Verantwortungsübernahme kein Auftrag, der sich einseitig an Regierungen richtet,
45 Verantwortung hat auch etwas hochgradig Persönliches – es liegt nicht zuletzt an jedem Einzelnen,
zusammenzukommen und sich zu wehren gegen Ungerechtigkeiten, damals wie heute. Was wäre die
Bibel, wenn genug Menschen damals infrage gestellt hätten, was der oder die Einzelne schon
bewirken kann? Eine trostlose Veranstaltung. Stattdessen aber windet sich die biblische Erzählung um
Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, dem eigenen Handeln wird Relevanz über die individuelle
50 Realität hinaus attestiert. Und wieder, hallo Klimakrise, das ist, was es braucht.
Mein Konfirmationsspruch ist „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ 1, eine Ode an
Verantwortung in Grenzenlosigkeiten gedacht. Sei ein Segen, heute und morgen, gegenüber
denjenigen, die du kennst und die du nicht kennst, hier und an allen Orten der Welt. Dass das auch
nach hinten losgehen kann, ist klar, über all die Grausamkeiten im Namen der Kirche werden
55 schließlich Abhandlungen über Abhandlungen geschrieben. Das Potenzial aber, den gelebten
(christlichen) Glauben als Gegenentwurf zu all den angewöhnten imaginativen Grenzen zu verstehen,
ist gigantisch. Eine Haltung, die mehr ist als eine Hilfestellung, sondern wegweisend sein kann für die
großen Krisen der Zeit.
Es fühlt sich weit weg an, die Zeit, in der ich Jugendleiterin bei Dir in der Gemeinde war. Mein
60 Glaube allerdings ist ganz nah, stimmt mich nachdenklich, inspiriert mich, weit über die Kirche
hinaus. Was für weise Worte, Deine Worte, damals. Und ich suche weiter.
Deine Luisa
Brief von Luisa Neubauer an ihre Pfarrerin Angela Heine, in: Die Zeit, 19.06.2020, URL: https://www.zeit.de/2020/26/klima-krise-aktivismus-konfirmation-glaube/komplettansicht (abgerufen am 03.02.2021).
Hinweis
Luisa Neubauer (* 1996): Klimaschutzaktivistin und eine der führenden Köpfe der Bewegung „Fridays for Future“
1 Gen 12,2
Aufgabe 3
Luisa Neubauer verweist angesichts der Klimakrise auf das „menschliche […] Vermögen, zeiträumliche Grenzen zu überwinden“, und fordert ein entsprechendes Engagement des Einzelnen zur Bewältigung der Klimakrise. (Material)
Beurteilen Sie diese Aussagen Neubauers unter besonderer Berücksichtigung biblisch-christlicher Aussagen über den Menschen und seine Verantwortung. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde (1962)
Der Roman „Die Wasser der Sünde“ (engl. „The Bell“) spielt im Milieu einer christlichen Laiengemeinde. Die Mitglieder predigen sonntags im Wechsel; der folgende Text enthält eine Predigt des Gemeindemitglieds James Tayper Pace.
„Erste Voraussetzung eines Gott wohlgefälligen Lebens“, sagte James Tayper Pace, „ist, keine
falschen Vorstellungen von sich selbst zu haben. Ich sage dies, meine lieben Brüder und Schwestern,
wohl wissend, daß ich selbst von diesem Idealzustand weit entfernt bin.“ Es war am nächsten Tag.
James stand auf dem Podium im Langen Zimmer, ließ einen Arm leicht auf dem Notenständer ruhen
5 und hielt die sonntägliche Ansprache. Er runzelte nervös die Stirn, schwankte im Sprechen hin und
her, und mit ihm schwankte der Notenständer.
„Meines Erachtens“, fuhr er fort, „wirkt das Studium der eigenen Persönlichkeit, ja, wie man die
Persönlichkeit als solche überhaupt auffaßt, als Gefahr für die Güte. In der Schule sagte man uns,
wenigstens hat man es mir gesagt, wir sollten Ideale haben. Das ist, so scheint mir, kein guter Rat.
10 Ideale sind Träume. Sie schieben sich zwischen uns und die Wirklichkeit, dabei ist doch gerade, was
uns am meisten nottut, das Erkennen der Wirklichkeit. Und diese liegt außerhalb unserer selbst. Wo
Vollkommenheit ist, ist auch Wirklichkeit. Und wo suchen wir die Vollkommenheit? Nicht etwa in
irgendeinem nebulosen Bild, das wir uns vom eigenen Charakter machen, sondern in etwas anderem,
so weit außerhalb unserer selbst und so entrückt, daß wir höchst selten und auch dann nur
15 andeutungsweise eine Vorstellung davon bekommen.
Nun werdet ihr mir antworten: ‚Mein lieber James, erst sagst du uns, wir sollten nach Vollkommenheit
suchen, und dann sagst du, sie sei uns so fern, daß wir sie nur erahnen können, wie sollen wir das
verstehen?‘ Nun, Gott hat uns hier nicht ohne Rat lassen wollen. Wie hätte sonst unser Herr uns das
Gebot geben können: ‚Darum sollt ihr vollkommen sein‘? Matthäus 5,48. Klipp und klar, so eindeutig,
20 dass es unseren spitzfindigen Moralpsychologen schon langweilig erscheint, wissen wir, was wir tun
und lassen sollen. Freilich kennen wir genug und mehr als genug Regeln, nach denen wir leben sollen;
und ich muß gestehen, daß ich wenig Geduld mit einem Menschen habe, der sein Leben für zu
kompliziert und zu eigenartig erachtet, als daß er sich an die allgemeinen Regeln halten könnte.
Diesem Mann würde ich sagen: ‚Was hast du im Sinn, mein Freund? Was willst du vor uns
25 verbergen?‘ […] In unserer Sünde sehen wir alle gleich aus, und unsere Sünde ist zutiefst langweilig,
etwas, das man meiden, nicht aber etwas, das man auch noch untersuchen sollte. Wir sollten also
lieber von außen nach innen arbeiten. Wir sollten uns unsere Handlungen überlegen und an Gott und
seinen Geboten unsere Maße messen. Wir sollten also, um’s mal moralisch auszudrücken, nicht
überlegen: was erfreut uns oder was ekelt uns an, sondern: was ist gestattet und was verboten? Und
30 das wissen wir doch nur zu gut, auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Wir wissen es aus dem Wort
Gottes […] mit einer Gewißheit, die stets ebenso stark ist wie unser Glaube. Aufrichtigkeit ist geboten,
Leiden zu lindern ist geboten; Ehebruch ist verboten, Unzucht ist verboten. Und ich finde, wir sollten
über diese Dinge ganz schlicht denken, etwa so: die Wahrheit ist nicht herrlich, sie ist einfach ein
Gebot; die Unzucht ist nicht widerwärtig, sie ist einfach verboten. Das sind Regeln, nach denen wir
35 uns selbst und andere unvoreingenommen beurteilen sollen. Alles andere ist Selbsttäuschung, eitler
Tand und ein Schmeicheln der eigenen Triebe. Die Menschen, die davor zurückschrecken, andere zu
beurteilen, sind gewöhnlich auch jene, die zu feige sind, mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Wir
denken hier an die Worte des heiligen Paulus – Michael, korrigiere bitte mein Latein – justus ex fide
vivit: Der Gerechte wird seines Glaubens leben 1. Galater 3,11. Ich glaube, wir dürfen diesen
40 Ausspruch ganz wörtlich nehmen. Der Gerechte tut, was recht zu sein scheint und was das Gebot
befiehlt, ohne Berechnung und ohne Ausflüchte, weil er weiß, daß Gott alles zum Besten fügen wird.
Er modelt die Gebote nicht nach den Maßstäben dieser Welt um. Auch wenn er nicht weiß, was aus
seinem Tun entstehen kann, handelt er im Vertrauen auf Gott. Er tut das, was er für recht hält,
ungeachtet der Verworrenheit der Lage, und weiß, daß Gott das, was recht ist, auch Früchte tragen
45 läßt. Der Mensch ohne Glauben aber berechnet. Er meint, daß die Welt für das Beste zu kompliziert
sei, also tut er das Zweitbeste und denkt sich im Stillen, dies würde mit der Zeit dann von selbst zum
Besten führen. Ach, wie wenige unter uns haben den Glauben, von dem der heilige Paulus spricht!“
[…] „Wie falsch ist es, unsere Jugend zu lehren, sie solle Erfahrungen sammeln! Man sollte ihr
vielmehr empfehlen, daß sie ihre Unschuld schätzen und bewahren müsse: Diese Aufgabe ist schwer
50 genug und sie birgt Abenteuer genug. Und wenn wir unsere Unschuld lange genug bewahren können,
dann gesellt sich das Geschenk der Erkenntnis hinzu, einer tieferen und gründlicheren Erkenntnis als
sie jemals durch die trüben Methoden der sogenannten Erfahrung gewonnen werden kann. Die
Unschuld in uns und anderen muss hochgehalten werden, und wehe dem, der sie zerstört, wie schon
der Herr gesagt hat. Matthäus 18,7.
55 Und woran erkennt man die Unschuld? An der Offenheit – ein herrliches Wort – an der Aufrichtigkeit,
an der Einfachheit und daran, daß einer, ohne es zu wissen, zum Vorbild wird. Der Vergleich, der mir
hierbei in den Sinn kommt, ist uns sehr nahe. Ich denke an die Glocke. Die Glocke ist dazu bestimmt,
Laut zu geben. Welchen Wert hätte eine Glocke, die nie geläutet wird? Sie läutet vernehmlich, sie legt
Zeugnis ab, sie kann nicht sprechen, ohne daß es wie ein Ruf, wie ein Befehl klänge. Man kann eine
60 große Glocke nicht zum Schweigen bringen. Denkt auch an ihre Einfachheit! Da gibt es keinen
verborgenen Mechanismus. Ihr ganzes Wesen liegt deutlich und offen zutage. Und wenn sie bewegt
wird, dann muss sie auch läuten.“
1 Luther übersetzt: Der Gerechte wird aus Glauben leben.
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde, München 1962, S. 162–168.
Hinweis
Iris Murdoch (1919–1999): anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin
1
Geben Sie die zentralen Aussagen der Predigt von James Tayper Pace wieder. (Material)
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde (1962)
Der Roman „Die Wasser der Sünde“ (engl. „The Bell“) spielt im Milieu einer christlichen Laiengemeinde. Die Mitglieder predigen sonntags im Wechsel; der folgende Text enthält eine Predigt des Gemeindemitglieds James Tayper Pace.
„Erste Voraussetzung eines Gott wohlgefälligen Lebens“, sagte James Tayper Pace, „ist, keine
falschen Vorstellungen von sich selbst zu haben. Ich sage dies, meine lieben Brüder und Schwestern,
wohl wissend, daß ich selbst von diesem Idealzustand weit entfernt bin.“ Es war am nächsten Tag.
James stand auf dem Podium im Langen Zimmer, ließ einen Arm leicht auf dem Notenständer ruhen
5 und hielt die sonntägliche Ansprache. Er runzelte nervös die Stirn, schwankte im Sprechen hin und
her, und mit ihm schwankte der Notenständer.
„Meines Erachtens“, fuhr er fort, „wirkt das Studium der eigenen Persönlichkeit, ja, wie man die
Persönlichkeit als solche überhaupt auffaßt, als Gefahr für die Güte. In der Schule sagte man uns,
wenigstens hat man es mir gesagt, wir sollten Ideale haben. Das ist, so scheint mir, kein guter Rat.
10 Ideale sind Träume. Sie schieben sich zwischen uns und die Wirklichkeit, dabei ist doch gerade, was
uns am meisten nottut, das Erkennen der Wirklichkeit. Und diese liegt außerhalb unserer selbst. Wo
Vollkommenheit ist, ist auch Wirklichkeit. Und wo suchen wir die Vollkommenheit? Nicht etwa in
irgendeinem nebulosen Bild, das wir uns vom eigenen Charakter machen, sondern in etwas anderem,
so weit außerhalb unserer selbst und so entrückt, daß wir höchst selten und auch dann nur
15 andeutungsweise eine Vorstellung davon bekommen.
Nun werdet ihr mir antworten: ‚Mein lieber James, erst sagst du uns, wir sollten nach Vollkommenheit
suchen, und dann sagst du, sie sei uns so fern, daß wir sie nur erahnen können, wie sollen wir das
verstehen?‘ Nun, Gott hat uns hier nicht ohne Rat lassen wollen. Wie hätte sonst unser Herr uns das
Gebot geben können: ‚Darum sollt ihr vollkommen sein‘? Matthäus 5,48. Klipp und klar, so eindeutig,
20 dass es unseren spitzfindigen Moralpsychologen schon langweilig erscheint, wissen wir, was wir tun
und lassen sollen. Freilich kennen wir genug und mehr als genug Regeln, nach denen wir leben sollen;
und ich muß gestehen, daß ich wenig Geduld mit einem Menschen habe, der sein Leben für zu
kompliziert und zu eigenartig erachtet, als daß er sich an die allgemeinen Regeln halten könnte.
Diesem Mann würde ich sagen: ‚Was hast du im Sinn, mein Freund? Was willst du vor uns
25 verbergen?‘ […] In unserer Sünde sehen wir alle gleich aus, und unsere Sünde ist zutiefst langweilig,
etwas, das man meiden, nicht aber etwas, das man auch noch untersuchen sollte. Wir sollten also
lieber von außen nach innen arbeiten. Wir sollten uns unsere Handlungen überlegen und an Gott und
seinen Geboten unsere Maße messen. Wir sollten also, um’s mal moralisch auszudrücken, nicht
überlegen: was erfreut uns oder was ekelt uns an, sondern: was ist gestattet und was verboten? Und
30 das wissen wir doch nur zu gut, auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Wir wissen es aus dem Wort
Gottes […] mit einer Gewißheit, die stets ebenso stark ist wie unser Glaube. Aufrichtigkeit ist geboten,
Leiden zu lindern ist geboten; Ehebruch ist verboten, Unzucht ist verboten. Und ich finde, wir sollten
über diese Dinge ganz schlicht denken, etwa so: die Wahrheit ist nicht herrlich, sie ist einfach ein
Gebot; die Unzucht ist nicht widerwärtig, sie ist einfach verboten. Das sind Regeln, nach denen wir
35 uns selbst und andere unvoreingenommen beurteilen sollen. Alles andere ist Selbsttäuschung, eitler
Tand und ein Schmeicheln der eigenen Triebe. Die Menschen, die davor zurückschrecken, andere zu
beurteilen, sind gewöhnlich auch jene, die zu feige sind, mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Wir
denken hier an die Worte des heiligen Paulus – Michael, korrigiere bitte mein Latein – justus ex fide
vivit: Der Gerechte wird seines Glaubens leben 1. Galater 3,11. Ich glaube, wir dürfen diesen
40 Ausspruch ganz wörtlich nehmen. Der Gerechte tut, was recht zu sein scheint und was das Gebot
befiehlt, ohne Berechnung und ohne Ausflüchte, weil er weiß, daß Gott alles zum Besten fügen wird.
Er modelt die Gebote nicht nach den Maßstäben dieser Welt um. Auch wenn er nicht weiß, was aus
seinem Tun entstehen kann, handelt er im Vertrauen auf Gott. Er tut das, was er für recht hält,
ungeachtet der Verworrenheit der Lage, und weiß, daß Gott das, was recht ist, auch Früchte tragen
45 läßt. Der Mensch ohne Glauben aber berechnet. Er meint, daß die Welt für das Beste zu kompliziert
sei, also tut er das Zweitbeste und denkt sich im Stillen, dies würde mit der Zeit dann von selbst zum
Besten führen. Ach, wie wenige unter uns haben den Glauben, von dem der heilige Paulus spricht!“
[…] „Wie falsch ist es, unsere Jugend zu lehren, sie solle Erfahrungen sammeln! Man sollte ihr
vielmehr empfehlen, daß sie ihre Unschuld schätzen und bewahren müsse: Diese Aufgabe ist schwer
50 genug und sie birgt Abenteuer genug. Und wenn wir unsere Unschuld lange genug bewahren können,
dann gesellt sich das Geschenk der Erkenntnis hinzu, einer tieferen und gründlicheren Erkenntnis als
sie jemals durch die trüben Methoden der sogenannten Erfahrung gewonnen werden kann. Die
Unschuld in uns und anderen muss hochgehalten werden, und wehe dem, der sie zerstört, wie schon
der Herr gesagt hat. Matthäus 18,7.
55 Und woran erkennt man die Unschuld? An der Offenheit – ein herrliches Wort – an der Aufrichtigkeit,
an der Einfachheit und daran, daß einer, ohne es zu wissen, zum Vorbild wird. Der Vergleich, der mir
hierbei in den Sinn kommt, ist uns sehr nahe. Ich denke an die Glocke. Die Glocke ist dazu bestimmt,
Laut zu geben. Welchen Wert hätte eine Glocke, die nie geläutet wird? Sie läutet vernehmlich, sie legt
Zeugnis ab, sie kann nicht sprechen, ohne daß es wie ein Ruf, wie ein Befehl klänge. Man kann eine
60 große Glocke nicht zum Schweigen bringen. Denkt auch an ihre Einfachheit! Da gibt es keinen
verborgenen Mechanismus. Ihr ganzes Wesen liegt deutlich und offen zutage. Und wenn sie bewegt
wird, dann muss sie auch läuten.“
1 Luther übersetzt: Der Gerechte wird aus Glauben leben.
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde, München 1962, S. 162–168.
Hinweis
Iris Murdoch (1919–1999): anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin
2
Untersuchen Sie, inwiefern Pace' Haltung Jesu Umgang mit Regeln sowohl in der Verkündigung als auch im Handeln entspricht oder widerspricht.
[40 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde (1962)
Der Roman „Die Wasser der Sünde“ (engl. „The Bell“) spielt im Milieu einer christlichen Laiengemeinde. Die Mitglieder predigen sonntags im Wechsel; der folgende Text enthält eine Predigt des Gemeindemitglieds James Tayper Pace.
„Erste Voraussetzung eines Gott wohlgefälligen Lebens“, sagte James Tayper Pace, „ist, keine
falschen Vorstellungen von sich selbst zu haben. Ich sage dies, meine lieben Brüder und Schwestern,
wohl wissend, daß ich selbst von diesem Idealzustand weit entfernt bin.“ Es war am nächsten Tag.
James stand auf dem Podium im Langen Zimmer, ließ einen Arm leicht auf dem Notenständer ruhen
5 und hielt die sonntägliche Ansprache. Er runzelte nervös die Stirn, schwankte im Sprechen hin und
her, und mit ihm schwankte der Notenständer.
„Meines Erachtens“, fuhr er fort, „wirkt das Studium der eigenen Persönlichkeit, ja, wie man die
Persönlichkeit als solche überhaupt auffaßt, als Gefahr für die Güte. In der Schule sagte man uns,
wenigstens hat man es mir gesagt, wir sollten Ideale haben. Das ist, so scheint mir, kein guter Rat.
10 Ideale sind Träume. Sie schieben sich zwischen uns und die Wirklichkeit, dabei ist doch gerade, was
uns am meisten nottut, das Erkennen der Wirklichkeit. Und diese liegt außerhalb unserer selbst. Wo
Vollkommenheit ist, ist auch Wirklichkeit. Und wo suchen wir die Vollkommenheit? Nicht etwa in
irgendeinem nebulosen Bild, das wir uns vom eigenen Charakter machen, sondern in etwas anderem,
so weit außerhalb unserer selbst und so entrückt, daß wir höchst selten und auch dann nur
15 andeutungsweise eine Vorstellung davon bekommen.
Nun werdet ihr mir antworten: ‚Mein lieber James, erst sagst du uns, wir sollten nach Vollkommenheit
suchen, und dann sagst du, sie sei uns so fern, daß wir sie nur erahnen können, wie sollen wir das
verstehen?‘ Nun, Gott hat uns hier nicht ohne Rat lassen wollen. Wie hätte sonst unser Herr uns das
Gebot geben können: ‚Darum sollt ihr vollkommen sein‘? Matthäus 5,48. Klipp und klar, so eindeutig,
20 dass es unseren spitzfindigen Moralpsychologen schon langweilig erscheint, wissen wir, was wir tun
und lassen sollen. Freilich kennen wir genug und mehr als genug Regeln, nach denen wir leben sollen;
und ich muß gestehen, daß ich wenig Geduld mit einem Menschen habe, der sein Leben für zu
kompliziert und zu eigenartig erachtet, als daß er sich an die allgemeinen Regeln halten könnte.
Diesem Mann würde ich sagen: ‚Was hast du im Sinn, mein Freund? Was willst du vor uns
25 verbergen?‘ […] In unserer Sünde sehen wir alle gleich aus, und unsere Sünde ist zutiefst langweilig,
etwas, das man meiden, nicht aber etwas, das man auch noch untersuchen sollte. Wir sollten also
lieber von außen nach innen arbeiten. Wir sollten uns unsere Handlungen überlegen und an Gott und
seinen Geboten unsere Maße messen. Wir sollten also, um’s mal moralisch auszudrücken, nicht
überlegen: was erfreut uns oder was ekelt uns an, sondern: was ist gestattet und was verboten? Und
30 das wissen wir doch nur zu gut, auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Wir wissen es aus dem Wort
Gottes […] mit einer Gewißheit, die stets ebenso stark ist wie unser Glaube. Aufrichtigkeit ist geboten,
Leiden zu lindern ist geboten; Ehebruch ist verboten, Unzucht ist verboten. Und ich finde, wir sollten
über diese Dinge ganz schlicht denken, etwa so: die Wahrheit ist nicht herrlich, sie ist einfach ein
Gebot; die Unzucht ist nicht widerwärtig, sie ist einfach verboten. Das sind Regeln, nach denen wir
35 uns selbst und andere unvoreingenommen beurteilen sollen. Alles andere ist Selbsttäuschung, eitler
Tand und ein Schmeicheln der eigenen Triebe. Die Menschen, die davor zurückschrecken, andere zu
beurteilen, sind gewöhnlich auch jene, die zu feige sind, mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Wir
denken hier an die Worte des heiligen Paulus – Michael, korrigiere bitte mein Latein – justus ex fide
vivit: Der Gerechte wird seines Glaubens leben 1. Galater 3,11. Ich glaube, wir dürfen diesen
40 Ausspruch ganz wörtlich nehmen. Der Gerechte tut, was recht zu sein scheint und was das Gebot
befiehlt, ohne Berechnung und ohne Ausflüchte, weil er weiß, daß Gott alles zum Besten fügen wird.
Er modelt die Gebote nicht nach den Maßstäben dieser Welt um. Auch wenn er nicht weiß, was aus
seinem Tun entstehen kann, handelt er im Vertrauen auf Gott. Er tut das, was er für recht hält,
ungeachtet der Verworrenheit der Lage, und weiß, daß Gott das, was recht ist, auch Früchte tragen
45 läßt. Der Mensch ohne Glauben aber berechnet. Er meint, daß die Welt für das Beste zu kompliziert
sei, also tut er das Zweitbeste und denkt sich im Stillen, dies würde mit der Zeit dann von selbst zum
Besten führen. Ach, wie wenige unter uns haben den Glauben, von dem der heilige Paulus spricht!“
[…] „Wie falsch ist es, unsere Jugend zu lehren, sie solle Erfahrungen sammeln! Man sollte ihr
vielmehr empfehlen, daß sie ihre Unschuld schätzen und bewahren müsse: Diese Aufgabe ist schwer
50 genug und sie birgt Abenteuer genug. Und wenn wir unsere Unschuld lange genug bewahren können,
dann gesellt sich das Geschenk der Erkenntnis hinzu, einer tieferen und gründlicheren Erkenntnis als
sie jemals durch die trüben Methoden der sogenannten Erfahrung gewonnen werden kann. Die
Unschuld in uns und anderen muss hochgehalten werden, und wehe dem, der sie zerstört, wie schon
der Herr gesagt hat. Matthäus 18,7.
55 Und woran erkennt man die Unschuld? An der Offenheit – ein herrliches Wort – an der Aufrichtigkeit,
an der Einfachheit und daran, daß einer, ohne es zu wissen, zum Vorbild wird. Der Vergleich, der mir
hierbei in den Sinn kommt, ist uns sehr nahe. Ich denke an die Glocke. Die Glocke ist dazu bestimmt,
Laut zu geben. Welchen Wert hätte eine Glocke, die nie geläutet wird? Sie läutet vernehmlich, sie legt
Zeugnis ab, sie kann nicht sprechen, ohne daß es wie ein Ruf, wie ein Befehl klänge. Man kann eine
60 große Glocke nicht zum Schweigen bringen. Denkt auch an ihre Einfachheit! Da gibt es keinen
verborgenen Mechanismus. Ihr ganzes Wesen liegt deutlich und offen zutage. Und wenn sie bewegt
wird, dann muss sie auch läuten.“
1 Luther übersetzt: Der Gerechte wird aus Glauben leben.
Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde, München 1962, S. 162–168.
Hinweis
Iris Murdoch (1919–1999): anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin
3
Überprüfen Sie, inwieweit Pace' Predigt mit biblisch-christlichen Menschenbildern vereinbar ist.
[30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben
Aufgabe 1 (30 BE)
Geben Sie die im vorliegenden Text zum Ausdruck kommenden Gottesvorstellungen wieder.
(Material 1)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Theodizee: Gott und das Leid
Aufgabe 2 (40 BE)
Der Autor stellt fest, dass sich angesichts des ganzen Leids in einer „gnadenlosen Welt“ billiger Trost verbiete. (Material 1)
Setzen Sie Drobinskis Aussagen zu Leid und Trost in Beziehung zu weiteren Antwortversuchen auf die Theodizeefrage.
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung
Aufgabe 3 (30 BE)
Bei Drobinski heißt es: „Und zu den schlechtesten Forderungen zeitgenössischer Theologie gehört es, sich von […] [der] Kreuzesgeschichte zu verabschieden, weil sie so grausam ist und vielleicht Kinder und andere zartbesaitete Gemüter erschrecken könnte“. (Material 1)
Eine neue Interpretation des Kreuzes für heutige Menschen hat der Künstler Ralf Kopp in Form eines so genannten „Kuschelkreuzes“ (Material 2 und Material 3) entwickelt.
Stellen Sie sich vor, Sie werden von einer befreundeten Familie gefragt, ob Sie ein solches „Kuschelkreuz“ für ein geeignetes Geschenk zur Taufe halten. Entwickeln Sie – unter Bezugnahme auf neutestamentliche Deutungen des Kreuzestodes Jesu – eine theologisch begründete Antwort, ob Kopps „Kuschelkreuz“ eine Verharmlosung des Kreuzestodes Jesu darstellt.
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben
Material
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott? (2019)
Gottesglaube kann dazu dienen, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer sich seinem Gott
verpflichtet fühlt und sich jeder weiteren Begründung für sein Tun enthoben sieht, kann zu jeder
Unmenschlichkeit fähig sein. „Gotteskrieger“ aller Zeiten lehren uns das Fürchten. Angesichts der
verzerrten und verunstalteten Gottesbilder, die uns in allen Religionen begegnen, schließt ein
5 Gottesbekenntnis kein Bekenntnis zur Menschlichkeit ein. Die Gretchenfrage ist nicht, ob jemand an
Gott glaubt oder nicht, sondern an welchen Gott jemand glaubt oder eben nicht glaubt.
Ein Gott, der den Mord von Menschen befiehlt oder auch nur duldet, ist verabscheuungswürdig. Ein
Gott, der durch sein vermeintliches Geschlecht patriarchale Strukturen rechtfertigen soll, muss
destruiert 1 werden. Ein Gott, der Ausbeutung legitimiert und Ausgebeutete vertröstet, ist ideologisches
10 Machwerk. Der biblische Gott, der sich kompromisslos auf die Seite der Unterdrückten stellt und
Gerechtigkeit schafft, hat aber auch wenig gemein mit einem Gott, dessen Funktion sich darauf
beschränkt, individuelle Sinnkrisen zu bewältigen. Wo Gott derart verstanden und bekannt wird, muss
sich christliche Theologie zum Atheismus bekennen, um deutlich zu machen, worum es ihr geht und
wofür sie eintritt.
15 Aus diesem Grund kann es nicht verwundern, wenn religiöse und gottgläubige Menschen immer
wieder bemerken, dass sie sich erklärten Atheistinnen und Atheisten näher verbunden fühlen als
solchen, die sich als religiös und gläubig verstehen. […] Dietrich Bonhoeffer fragte sich während
seiner Zeit im Gefängnis, warum ihn „ein christlicher Instinkt häufig mehr zu den Religionslosen als
zu den Religiösen zieht, und zwar durchaus nicht in der Absicht der Missionierung, sondern, ich
20 möchte fast sagen, ‚brüderlich‘“ […] Die Grenzen zwischen Atheisten und Theisten, zwischen
Religiösen und Religionslosen sind offensichtlich nicht mehr trennscharf zu ziehen.
Der bekennende Atheist Alain de Botton 2 bezeichnet es als den „Irrtum des modernen Atheismus […],
zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale
Lehrsätze nicht mehr akzeptiert werden“. Aber was sind die zentralen Lehrsätze des Christentums?
25 Das ist auch unter Christinnen und Christen umstritten. Geht es christlichem Glauben überhaupt um
„Lehrsätze“? Bezieht sich dieser Glaube vor allem auf ein „Jenseits“, das „Weiterleben nach dem
Tod“ und die „Erlösung von den Sünden“ – oder auf die Hoffnung diesseitiger Befreiung von Not und
Ungerechtigkeit? Zielt Gottesglaube vor allem auf Trost – oder auf die Umkehr und die Veränderung
leidbringender Verhältnisse? Zählen die Aspekte der Religion, die der Atheist de Botton nicht mehr
30 akzeptieren kann, vielleicht gar nicht zu den zentralen Elementen christlichen Gottesglaubens? Diese
Vermutung wird bestärkt, wenn de Botton feststellt, er habe sich „befreit [gefühlt] bei dem Gedanken,
dass da ein Weg sein musste, sich auf Religion einzulassen, ohne ihren übernatürlichen Inhalten
zuzustimmen“ – denn dass „übernatürliche Inhalte“ nicht das Zentrum christlichen Glaubens
ausmachen, glauben auch viele Christinnen und Christen.
35 Das nackte Label „Gottesglaube“ hat seine Aussagekraft verloren. Theologie als „Rede von Gott“ im
christlichen Sinn begegnet uns heute auch im profanen Umfeld und in nichtreligiöser Sprache. […]
„Viele Millionen Menschen, die sich als Atheisten verstehen, machen Erfahrungen und hängen
Überzeugungen an, die denen, welche Gläubige als ‚religiös‘ bezeichnen, ähneln und ebenso
tiefschürfend sind“, schreibt Ronald Dworkin 3 in seinem postum publizierten Buch mit dem
40 bezeichnenden Titel „Religion ohne Gott“. Diese Menschen, so Dworkin weiter, „sagen, dass sie,
obschon sie nicht an einen ‚personalen‘ Gott glauben, nichtsdestotrotz davon überzeugt sind, dass es
im Universum eine ‚Macht‘ gibt, die ‚größer ist als wir‘. Sie verspüren die unausweichliche
Verantwortung, ihr Leben auf gute Weise zu führen und die Leben anderer Menschen entsprechend zu
achten.“
45 Aber ist, wer an einen „‚personalen‘ Gott“ nicht glauben kann, damit schon gottlos im christlichen
Sinn? Theologie erinnert seit jeher an die Unangemessenheit jeder Gottesrede, davon ist eine
personale Gottesvorstellung nicht ausgenommen. Auch bei Dworkins „Religion ohne Gott“ stellt sich
darum die Frage, auf welchen Gott hier verzichtet wird und ob dies nicht ein Gott ist, von dem sich
christliche Theologie längst verabschiedet hat.
50 Christliche Theologie erlebt in unserer Zeit, dass sie nicht mehr den Erwartungen entspricht, die an sie
herangetragen werden. Wenn sie aber verständlich machen will, worum es ihr tatsächlich geht, muss
sie sich falschen Erwartungen verweigern. […]
Zugespitzt formuliert: Christlicher Glaube ist nicht dazu da, um Menschen in Grenzsituationen zu
trösten und ihnen kurzfristig über ihre Ängste hinwegzuhelfen. Derartige seelsorgerliche
55 Notfalltheologie entspricht zwar heute dem gesellschaftlichen Anspruch an die Theologie, und viele
sehen darin die wesentliche Funktion des Gottesglaubens. Doch gegenüber solchen Ansprüchen
werden Theologen zu Atheisten […].
Theologie entzieht sich damit ihrer Instrumentalisierung. Sie versucht stattdessen zu zeigen, was
eigentliches Anliegen christlichen Glaubens ist – und was nicht.
1 destruieren – zerstören, zugrunde richten
2 Alain de Botton (*1969) – britisch-schweizerischer Schriftsteller
3 Ronald Dworkin (1931–2013) – US-amerikanischer Philosoph
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott?, in: Publik-Forum 3/2019, S. 30–31.
Hinweise
Andreas Benk (*1957): deutscher katholischer Theologe
Zwischenüberschriften wurden entfernt.
1 Fassen Sie die Aussagen des Autors zusammen. (Material)
(30 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen
Material
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott? (2019)
Gottesglaube kann dazu dienen, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer sich seinem Gott
verpflichtet fühlt und sich jeder weiteren Begründung für sein Tun enthoben sieht, kann zu jeder
Unmenschlichkeit fähig sein. „Gotteskrieger“ aller Zeiten lehren uns das Fürchten. Angesichts der
verzerrten und verunstalteten Gottesbilder, die uns in allen Religionen begegnen, schließt ein
5 Gottesbekenntnis kein Bekenntnis zur Menschlichkeit ein. Die Gretchenfrage ist nicht, ob jemand an
Gott glaubt oder nicht, sondern an welchen Gott jemand glaubt oder eben nicht glaubt.
Ein Gott, der den Mord von Menschen befiehlt oder auch nur duldet, ist verabscheuungswürdig. Ein
Gott, der durch sein vermeintliches Geschlecht patriarchale Strukturen rechtfertigen soll, muss
destruiert 1 werden. Ein Gott, der Ausbeutung legitimiert und Ausgebeutete vertröstet, ist ideologisches
10 Machwerk. Der biblische Gott, der sich kompromisslos auf die Seite der Unterdrückten stellt und
Gerechtigkeit schafft, hat aber auch wenig gemein mit einem Gott, dessen Funktion sich darauf
beschränkt, individuelle Sinnkrisen zu bewältigen. Wo Gott derart verstanden und bekannt wird, muss
sich christliche Theologie zum Atheismus bekennen, um deutlich zu machen, worum es ihr geht und
wofür sie eintritt.
15 Aus diesem Grund kann es nicht verwundern, wenn religiöse und gottgläubige Menschen immer
wieder bemerken, dass sie sich erklärten Atheistinnen und Atheisten näher verbunden fühlen als
solchen, die sich als religiös und gläubig verstehen. […] Dietrich Bonhoeffer fragte sich während
seiner Zeit im Gefängnis, warum ihn „ein christlicher Instinkt häufig mehr zu den Religionslosen als
zu den Religiösen zieht, und zwar durchaus nicht in der Absicht der Missionierung, sondern, ich
20 möchte fast sagen, ‚brüderlich‘“ […] Die Grenzen zwischen Atheisten und Theisten, zwischen
Religiösen und Religionslosen sind offensichtlich nicht mehr trennscharf zu ziehen.
Der bekennende Atheist Alain de Botton 2 bezeichnet es als den „Irrtum des modernen Atheismus […],
zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale
Lehrsätze nicht mehr akzeptiert werden“. Aber was sind die zentralen Lehrsätze des Christentums?
25 Das ist auch unter Christinnen und Christen umstritten. Geht es christlichem Glauben überhaupt um
„Lehrsätze“? Bezieht sich dieser Glaube vor allem auf ein „Jenseits“, das „Weiterleben nach dem
Tod“ und die „Erlösung von den Sünden“ – oder auf die Hoffnung diesseitiger Befreiung von Not und
Ungerechtigkeit? Zielt Gottesglaube vor allem auf Trost – oder auf die Umkehr und die Veränderung
leidbringender Verhältnisse? Zählen die Aspekte der Religion, die der Atheist de Botton nicht mehr
30 akzeptieren kann, vielleicht gar nicht zu den zentralen Elementen christlichen Gottesglaubens? Diese
Vermutung wird bestärkt, wenn de Botton feststellt, er habe sich „befreit [gefühlt] bei dem Gedanken,
dass da ein Weg sein musste, sich auf Religion einzulassen, ohne ihren übernatürlichen Inhalten
zuzustimmen“ – denn dass „übernatürliche Inhalte“ nicht das Zentrum christlichen Glaubens
ausmachen, glauben auch viele Christinnen und Christen.
35 Das nackte Label „Gottesglaube“ hat seine Aussagekraft verloren. Theologie als „Rede von Gott“ im
christlichen Sinn begegnet uns heute auch im profanen Umfeld und in nichtreligiöser Sprache. […]
„Viele Millionen Menschen, die sich als Atheisten verstehen, machen Erfahrungen und hängen
Überzeugungen an, die denen, welche Gläubige als ‚religiös‘ bezeichnen, ähneln und ebenso
tiefschürfend sind“, schreibt Ronald Dworkin 3 in seinem postum publizierten Buch mit dem
40 bezeichnenden Titel „Religion ohne Gott“. Diese Menschen, so Dworkin weiter, „sagen, dass sie,
obschon sie nicht an einen ‚personalen‘ Gott glauben, nichtsdestotrotz davon überzeugt sind, dass es
im Universum eine ‚Macht‘ gibt, die ‚größer ist als wir‘. Sie verspüren die unausweichliche
Verantwortung, ihr Leben auf gute Weise zu führen und die Leben anderer Menschen entsprechend zu
achten.“
45 Aber ist, wer an einen „‚personalen‘ Gott“ nicht glauben kann, damit schon gottlos im christlichen
Sinn? Theologie erinnert seit jeher an die Unangemessenheit jeder Gottesrede, davon ist eine
personale Gottesvorstellung nicht ausgenommen. Auch bei Dworkins „Religion ohne Gott“ stellt sich
darum die Frage, auf welchen Gott hier verzichtet wird und ob dies nicht ein Gott ist, von dem sich
christliche Theologie längst verabschiedet hat.
50 Christliche Theologie erlebt in unserer Zeit, dass sie nicht mehr den Erwartungen entspricht, die an sie
herangetragen werden. Wenn sie aber verständlich machen will, worum es ihr tatsächlich geht, muss
sie sich falschen Erwartungen verweigern. […]
Zugespitzt formuliert: Christlicher Glaube ist nicht dazu da, um Menschen in Grenzsituationen zu
trösten und ihnen kurzfristig über ihre Ängste hinwegzuhelfen. Derartige seelsorgerliche
55 Notfalltheologie entspricht zwar heute dem gesellschaftlichen Anspruch an die Theologie, und viele
sehen darin die wesentliche Funktion des Gottesglaubens. Doch gegenüber solchen Ansprüchen
werden Theologen zu Atheisten […].
Theologie entzieht sich damit ihrer Instrumentalisierung. Sie versucht stattdessen zu zeigen, was
eigentliches Anliegen christlichen Glaubens ist – und was nicht.
1 destruieren – zerstören, zugrunde richten
2 Alain de Botton (*1969) – britisch-schweizerischer Schriftsteller
3 Ronald Dworkin (1931–2013) – US-amerikanischer Philosoph
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott?, in: Publik-Forum 3/2019, S. 30–31.
Hinweise
Andreas Benk (*1957): deutscher katholischer Theologe
Zwischenüberschriften wurden entfernt.
2 Untersuchen Sie, inwiefern sich Bezüge herstellen lassen zwischen den Aussagen des Autors und der Religionskritik von Karl Marx.
(40 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition
Material
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott? (2019)
Gottesglaube kann dazu dienen, sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Wer sich seinem Gott
verpflichtet fühlt und sich jeder weiteren Begründung für sein Tun enthoben sieht, kann zu jeder
Unmenschlichkeit fähig sein. „Gotteskrieger“ aller Zeiten lehren uns das Fürchten. Angesichts der
verzerrten und verunstalteten Gottesbilder, die uns in allen Religionen begegnen, schließt ein
5 Gottesbekenntnis kein Bekenntnis zur Menschlichkeit ein. Die Gretchenfrage ist nicht, ob jemand an
Gott glaubt oder nicht, sondern an welchen Gott jemand glaubt oder eben nicht glaubt.
Ein Gott, der den Mord von Menschen befiehlt oder auch nur duldet, ist verabscheuungswürdig. Ein
Gott, der durch sein vermeintliches Geschlecht patriarchale Strukturen rechtfertigen soll, muss
destruiert 1 werden. Ein Gott, der Ausbeutung legitimiert und Ausgebeutete vertröstet, ist ideologisches
10 Machwerk. Der biblische Gott, der sich kompromisslos auf die Seite der Unterdrückten stellt und
Gerechtigkeit schafft, hat aber auch wenig gemein mit einem Gott, dessen Funktion sich darauf
beschränkt, individuelle Sinnkrisen zu bewältigen. Wo Gott derart verstanden und bekannt wird, muss
sich christliche Theologie zum Atheismus bekennen, um deutlich zu machen, worum es ihr geht und
wofür sie eintritt.
15 Aus diesem Grund kann es nicht verwundern, wenn religiöse und gottgläubige Menschen immer
wieder bemerken, dass sie sich erklärten Atheistinnen und Atheisten näher verbunden fühlen als
solchen, die sich als religiös und gläubig verstehen. […] Dietrich Bonhoeffer fragte sich während
seiner Zeit im Gefängnis, warum ihn „ein christlicher Instinkt häufig mehr zu den Religionslosen als
zu den Religiösen zieht, und zwar durchaus nicht in der Absicht der Missionierung, sondern, ich
20 möchte fast sagen, ‚brüderlich‘“ […] Die Grenzen zwischen Atheisten und Theisten, zwischen
Religiösen und Religionslosen sind offensichtlich nicht mehr trennscharf zu ziehen.
Der bekennende Atheist Alain de Botton 2 bezeichnet es als den „Irrtum des modernen Atheismus […],
zu übersehen, dass viele Aspekte einer Religion auch dann relevant bleiben, wenn deren zentrale
Lehrsätze nicht mehr akzeptiert werden“. Aber was sind die zentralen Lehrsätze des Christentums?
25 Das ist auch unter Christinnen und Christen umstritten. Geht es christlichem Glauben überhaupt um
„Lehrsätze“? Bezieht sich dieser Glaube vor allem auf ein „Jenseits“, das „Weiterleben nach dem
Tod“ und die „Erlösung von den Sünden“ – oder auf die Hoffnung diesseitiger Befreiung von Not und
Ungerechtigkeit? Zielt Gottesglaube vor allem auf Trost – oder auf die Umkehr und die Veränderung
leidbringender Verhältnisse? Zählen die Aspekte der Religion, die der Atheist de Botton nicht mehr
30 akzeptieren kann, vielleicht gar nicht zu den zentralen Elementen christlichen Gottesglaubens? Diese
Vermutung wird bestärkt, wenn de Botton feststellt, er habe sich „befreit [gefühlt] bei dem Gedanken,
dass da ein Weg sein musste, sich auf Religion einzulassen, ohne ihren übernatürlichen Inhalten
zuzustimmen“ – denn dass „übernatürliche Inhalte“ nicht das Zentrum christlichen Glaubens
ausmachen, glauben auch viele Christinnen und Christen.
35 Das nackte Label „Gottesglaube“ hat seine Aussagekraft verloren. Theologie als „Rede von Gott“ im
christlichen Sinn begegnet uns heute auch im profanen Umfeld und in nichtreligiöser Sprache. […]
„Viele Millionen Menschen, die sich als Atheisten verstehen, machen Erfahrungen und hängen
Überzeugungen an, die denen, welche Gläubige als ‚religiös‘ bezeichnen, ähneln und ebenso
tiefschürfend sind“, schreibt Ronald Dworkin 3 in seinem postum publizierten Buch mit dem
40 bezeichnenden Titel „Religion ohne Gott“. Diese Menschen, so Dworkin weiter, „sagen, dass sie,
obschon sie nicht an einen ‚personalen‘ Gott glauben, nichtsdestotrotz davon überzeugt sind, dass es
im Universum eine ‚Macht‘ gibt, die ‚größer ist als wir‘. Sie verspüren die unausweichliche
Verantwortung, ihr Leben auf gute Weise zu führen und die Leben anderer Menschen entsprechend zu
achten.“
45 Aber ist, wer an einen „‚personalen‘ Gott“ nicht glauben kann, damit schon gottlos im christlichen
Sinn? Theologie erinnert seit jeher an die Unangemessenheit jeder Gottesrede, davon ist eine
personale Gottesvorstellung nicht ausgenommen. Auch bei Dworkins „Religion ohne Gott“ stellt sich
darum die Frage, auf welchen Gott hier verzichtet wird und ob dies nicht ein Gott ist, von dem sich
christliche Theologie längst verabschiedet hat.
50 Christliche Theologie erlebt in unserer Zeit, dass sie nicht mehr den Erwartungen entspricht, die an sie
herangetragen werden. Wenn sie aber verständlich machen will, worum es ihr tatsächlich geht, muss
sie sich falschen Erwartungen verweigern. […]
Zugespitzt formuliert: Christlicher Glaube ist nicht dazu da, um Menschen in Grenzsituationen zu
trösten und ihnen kurzfristig über ihre Ängste hinwegzuhelfen. Derartige seelsorgerliche
55 Notfalltheologie entspricht zwar heute dem gesellschaftlichen Anspruch an die Theologie, und viele
sehen darin die wesentliche Funktion des Gottesglaubens. Doch gegenüber solchen Ansprüchen
werden Theologen zu Atheisten […].
Theologie entzieht sich damit ihrer Instrumentalisierung. Sie versucht stattdessen zu zeigen, was
eigentliches Anliegen christlichen Glaubens ist – und was nicht.
1 destruieren – zerstören, zugrunde richten
2 Alain de Botton (*1969) – britisch-schweizerischer Schriftsteller
3 Ronald Dworkin (1931–2013) – US-amerikanischer Philosoph
Andreas Benk: Was heißt denn: Ich glaube an Gott?, in: Publik-Forum 3/2019, S. 30–31.
Hinweise
Andreas Benk (*1957): deutscher katholischer Theologe
Zwischenüberschriften wurden entfernt.
3 Überprüfen Sie, inwiefern die im Text genannten Gottesvorstellungen mit dem Gottesbild Jesu, wie es in den Evangelien zum Ausdruck kommt, vereinbar sind.
(30 BE)
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · 17 Aufgaben · 95 % Wahrscheinlichkeit
- Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · 8 Aufgaben · 95 % Wahrscheinlichkeit
- Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · 7 Aufgaben · 95 % Wahrscheinlichkeit
- Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · 5 Aufgaben · 95 % Wahrscheinlichkeit
- Theodizee: Gott und das Leid · 4 Aufgaben · 95 % Wahrscheinlichkeit
- Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen · 4 Aufgaben · 90 % Wahrscheinlichkeit