Abitur Hessen Evangelische Religion 2021 · LK

Abiturprüfung Evangelische Religion in Hessen 2021, LK: 12 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · Theodizee: Gott und das Leid · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers (2019)

Bis heute gehört es zu den zentralen Glaubensaussagen des Christentums, dass der Opfertod Jesu am

Kreuz für das Heil der Menschen notwendig gewesen sei. Moderne Theologen meiden zwar das Wort

„Opfer“ und reden stattdessen lieber von Jesu „Hingabe“. Aber auch in diesen Deutungen bleibt die

grausame Hinrichtung Jesu am Kreuz Teil eines göttlichen Heilsplans.

5 „Wie soll ich meinem Kind erklären, was ich selbst als Mutter nicht akzeptieren kann, nämlich, dass

ein Vater seinen Sohn zur Schlachtbank führt? Was ist das für ein Gott?“, fragte eine Teilnehmerin auf

einer Tagung. Noch perverser wird das Gottesbild, wenn in der brutalen Kreuzigung die „Liebe“

Gottes zum Ausdruck kommen soll. Die Verknüpfung von Opfer und Liebe transportiert ein

gefährliches Beziehungsmodell. Denn in ihm spiegelt sich auch die patriarchale Familienordnung, die

10 Liebe als Gehorsam und Unterwerfung, als Opfer und Hingabe verstanden hat. […] Im Kontext von

sexueller Gewalt und Missbrauch ist dies ein ganz gefährliches theologisches Modell.

Die feministische Kritik an der traditionellen Kreuzestheologie hat vor allem Frauen und Kinder im

Blick, die von Gewalt betroffen sind. Das theologische Modell von Christus, der sich in Gehorsam

gegenüber seinem Vater dem „erlösenden“ Leiden am Kreuz unterwirft, fördere die Akzeptanz der

15 Gewalt an (Ehe-)Frauen, Töchtern und Söhnen, die sich ebenfalls der familiären und häufig auch der

sexuellen Gewalt des Vaters zu unterwerfen haben.

Feministische Theologinnen wie Regula Strobel, die sich in der Gewaltprävention engagieren,

kritisieren, dass die klassische Kreuzestheologie Leiden, Opferbereitschaft und Selbstverleugnung als

erlösende Verhaltensweisen propagiert. Damit bringe sie gewaltbetroffene Menschen dazu, sich mit

20 Gewalt und Leiden abzufinden, statt aktiv dagegen zu kämpfen. In diesem Sinne kann die christliche

Opfertheologie Opfer in ihrem Opfersein festhalten und Täter entlasten.

Wer eine brutale Gewalttat wie die Hinrichtung Jesu am Kreuz aus dem historischen und sozialen

Kontext löst, sie spiritualisiert und mit dem erlösenden Handeln Gottes verbindet, verharmlost sie. Es

wird nicht mehr unterschieden zwischen vermeidbarem, durch Gewalt verursachtem Leiden und

25 unvermeidbarem Leiden wie zum Beispiel Krankheit. Dies entlastet davon, die Mechanismen, die

vermeidbares Leiden verursachen, zu benennen, ihre Verursacher ausfindig zu machen und für eine

Veränderung der Unrechts- und Gewaltstrukturen einzutreten.

Die Vorstellung, dass Gott selber das Leiden und den gewaltsamen Tod seines Sohnes um der

Erlösung der Welt willen billigt, „heiligt“ zudem Gewalt als Mittel zur Erlösung. – Eine Vorstellung,

30 die längst zu einer gängigen gesellschaftlichen und politischen Argumentationsfigur geworden ist,

wenn gesagt wird, dass zur Erreichung „höherer Ziele“ Opfer nötig oder unvermeidbar sind. Damit

geraten die Täter aus dem Blickfeld und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Dies ist ein

weiterer Grund, weshalb die klassische christliche Opfertheologie keine befreiende Gegenvision zu

den bestehenden Gewaltverhältnissen darstellt, sondern deren „Normalität“ stützt. Wer die Opferung

35 von Menschen als sinnvoll erklärt, rechtfertigt sie und trägt zur Akzeptanz von Gewalt als legitimem

Mittel bei.

Nachfolge Jesu wurde von den christlichen Kirchen lange als Imitation des leidenden Christus

verkündet: Jeder und jede nehme sein/ihr Kreuz auf sich. […] Seit Jahrhunderten blicken Christinnen

und Christen auf einen gemarterten Körper und sehen in ihm auch noch Erlösung. Wie ist dieser

40 Gekreuzigte in unseren Altarräumen auszuhalten? Sehen, empfinden wir überhaupt noch etwas – oder

bewirkt die theologische Überhöhung dieses Todes, dass wir auf Todesqual schauen, ohne mit der

Wimper zu zucken? Die christliche Galerie ist voll von Bildern des Leidens; ja die christliche

Tradition hat geradezu eine Erotik des Schmerzes und des Leidens entwickelt, während der lebendig-

sinnenfreudige Körper als sündig verteufelt worden ist. Für die „Fülle des Lebens“, die Jesus

45 verheißen hat, aber auch für die christliche Botschaft vom Heilwerden der Menschen und von der

Auferstehung ins Leben hat die Kirche keine Bildtradition entwickelt, die in der Praxis in gleicher

Weise wirksam geworden ist wie das Kreuz.

Wir müssen deshalb heute anders von Kreuz, Opfer und Erlösung sprechen. Dies heißt aber nicht, dass

eine christliche Rede vom Kreuz überhaupt aufgegeben werden soll. Viele Theologinnen, vor allem

50 befreiungstheologisch orientierte, interpretieren das Kreuz vom Leben Jesu her: als Konsequenz seines

Eintretens für das Reich Gottes – für eine andere Welt, in der das Unrecht ein Ende hat, in der eine

neue Form der Gemeinschaft zwischen Menschen und ein „Leben in Fülle“ möglich ist. Bis heute ist

diese Form des Kreuzes als Konsequenz eines kompromisslosen Eintretens für die Gerechtigkeit

Gottes in unserer Welt grausame Realität. Entscheidend ist deshalb, dass in der Rede vom Kreuz die

55 politische und historische Dimension zum Ausdruck kommt. Die zentrale Frage ist, wo unsere Kreuze

heute stehen, und diese sichtbar zu machen. Wer wird heute ans Kreuz geschlagen? Das Kreuz ist

Protest und Mahnmal. An dieser Bedeutung des Kreuzes – als Vergegenwärtigen und Sichtbarmachen

von Leiden, Unrecht und Gewalt – möchte ich persönlich festhalten: Nicht, um es mit Sinn zu erfüllen,

sondern um es anzuklagen, zu verneinen, es nicht einfach hinzunehmen.

60 Heilbringend sind Leben und Auferstehung Jesu, nicht sein Tod. Das eigentlich erlösende Ereignis ist

seine gelebte Botschaft vom Reich Gottes. Am Anfang des christlichen Glaubens steht nicht das

Kreuz, sondern die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass mit seinem Sterben am Kreuz der

Tod nicht gesiegt hat, dass Gott seine Botschaft vom Reich Gottes bestätigt hat. Diese Erfahrung

setzte bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu Auferstehungsprozesse in Gang: Sie, die voller Angst

65 geflüchtet waren und deren Hoffnung tot war, wurden zum Leben erweckt und mit der Aufgabe

betraut, die Arbeit am Reich Gottes weiterzuführen. So sollten auch wir heute Auferstehungsmomente

in unserem Leben wahrnehmen und Auferstehungsprozesse in Gang setzen. „Auferstehung“

umschreibt für viele feministische Theologinnen den Glauben, dass die Erfahrung eines

lebenspendenden Gottes stärker ist als die täglichen Erfahrungen des Scheiterns, des Unrechts und des

70 Todes. Auferstehung ist Aufstehen aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit; die Erfahrung, dass uns

dort, wo alles tot und zerbrochen schien, plötzlich neue Lebensmöglichkeiten geschenkt werden.

Aufgabe der Theologie müsste es sein, diesen Auferstehungserfahrungen ebenso Ausdruck zu geben

wie der Erfahrung des Kreuzes; neben dem Kreuz Symbole und Bilder anzubieten, die von der

Auferstehung vom Tod ins Leben erzählen: der Auferstehung der unterdrückten Körper von Frauen,

75 Männern und Kindern, von der Auferstehung der Hoffnung, der Gerechtigkeit und der Liebe.

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers, in: Publik-Forum 5/2019, S. 29f., Hervorhebungen im Original.

Hinweise

Doris Strahm (*1953): schweizerische feministische Theologin und Publizistin

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung

Material

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers (2019)

Bis heute gehört es zu den zentralen Glaubensaussagen des Christentums, dass der Opfertod Jesu am

Kreuz für das Heil der Menschen notwendig gewesen sei. Moderne Theologen meiden zwar das Wort

„Opfer“ und reden stattdessen lieber von Jesu „Hingabe“. Aber auch in diesen Deutungen bleibt die

grausame Hinrichtung Jesu am Kreuz Teil eines göttlichen Heilsplans.

5 „Wie soll ich meinem Kind erklären, was ich selbst als Mutter nicht akzeptieren kann, nämlich, dass

ein Vater seinen Sohn zur Schlachtbank führt? Was ist das für ein Gott?“, fragte eine Teilnehmerin auf

einer Tagung. Noch perverser wird das Gottesbild, wenn in der brutalen Kreuzigung die „Liebe“

Gottes zum Ausdruck kommen soll. Die Verknüpfung von Opfer und Liebe transportiert ein

gefährliches Beziehungsmodell. Denn in ihm spiegelt sich auch die patriarchale Familienordnung, die

10 Liebe als Gehorsam und Unterwerfung, als Opfer und Hingabe verstanden hat. […] Im Kontext von

sexueller Gewalt und Missbrauch ist dies ein ganz gefährliches theologisches Modell.

Die feministische Kritik an der traditionellen Kreuzestheologie hat vor allem Frauen und Kinder im

Blick, die von Gewalt betroffen sind. Das theologische Modell von Christus, der sich in Gehorsam

gegenüber seinem Vater dem „erlösenden“ Leiden am Kreuz unterwirft, fördere die Akzeptanz der

15 Gewalt an (Ehe-)Frauen, Töchtern und Söhnen, die sich ebenfalls der familiären und häufig auch der

sexuellen Gewalt des Vaters zu unterwerfen haben.

Feministische Theologinnen wie Regula Strobel, die sich in der Gewaltprävention engagieren,

kritisieren, dass die klassische Kreuzestheologie Leiden, Opferbereitschaft und Selbstverleugnung als

erlösende Verhaltensweisen propagiert. Damit bringe sie gewaltbetroffene Menschen dazu, sich mit

20 Gewalt und Leiden abzufinden, statt aktiv dagegen zu kämpfen. In diesem Sinne kann die christliche

Opfertheologie Opfer in ihrem Opfersein festhalten und Täter entlasten.

Wer eine brutale Gewalttat wie die Hinrichtung Jesu am Kreuz aus dem historischen und sozialen

Kontext löst, sie spiritualisiert und mit dem erlösenden Handeln Gottes verbindet, verharmlost sie. Es

wird nicht mehr unterschieden zwischen vermeidbarem, durch Gewalt verursachtem Leiden und

25 unvermeidbarem Leiden wie zum Beispiel Krankheit. Dies entlastet davon, die Mechanismen, die

vermeidbares Leiden verursachen, zu benennen, ihre Verursacher ausfindig zu machen und für eine

Veränderung der Unrechts- und Gewaltstrukturen einzutreten.

Die Vorstellung, dass Gott selber das Leiden und den gewaltsamen Tod seines Sohnes um der

Erlösung der Welt willen billigt, „heiligt“ zudem Gewalt als Mittel zur Erlösung. – Eine Vorstellung,

30 die längst zu einer gängigen gesellschaftlichen und politischen Argumentationsfigur geworden ist,

wenn gesagt wird, dass zur Erreichung „höherer Ziele“ Opfer nötig oder unvermeidbar sind. Damit

geraten die Täter aus dem Blickfeld und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Dies ist ein

weiterer Grund, weshalb die klassische christliche Opfertheologie keine befreiende Gegenvision zu

den bestehenden Gewaltverhältnissen darstellt, sondern deren „Normalität“ stützt. Wer die Opferung

35 von Menschen als sinnvoll erklärt, rechtfertigt sie und trägt zur Akzeptanz von Gewalt als legitimem

Mittel bei.

Nachfolge Jesu wurde von den christlichen Kirchen lange als Imitation des leidenden Christus

verkündet: Jeder und jede nehme sein/ihr Kreuz auf sich. […] Seit Jahrhunderten blicken Christinnen

und Christen auf einen gemarterten Körper und sehen in ihm auch noch Erlösung. Wie ist dieser

40 Gekreuzigte in unseren Altarräumen auszuhalten? Sehen, empfinden wir überhaupt noch etwas – oder

bewirkt die theologische Überhöhung dieses Todes, dass wir auf Todesqual schauen, ohne mit der

Wimper zu zucken? Die christliche Galerie ist voll von Bildern des Leidens; ja die christliche

Tradition hat geradezu eine Erotik des Schmerzes und des Leidens entwickelt, während der lebendig-

sinnenfreudige Körper als sündig verteufelt worden ist. Für die „Fülle des Lebens“, die Jesus

45 verheißen hat, aber auch für die christliche Botschaft vom Heilwerden der Menschen und von der

Auferstehung ins Leben hat die Kirche keine Bildtradition entwickelt, die in der Praxis in gleicher

Weise wirksam geworden ist wie das Kreuz.

Wir müssen deshalb heute anders von Kreuz, Opfer und Erlösung sprechen. Dies heißt aber nicht, dass

eine christliche Rede vom Kreuz überhaupt aufgegeben werden soll. Viele Theologinnen, vor allem

50 befreiungstheologisch orientierte, interpretieren das Kreuz vom Leben Jesu her: als Konsequenz seines

Eintretens für das Reich Gottes – für eine andere Welt, in der das Unrecht ein Ende hat, in der eine

neue Form der Gemeinschaft zwischen Menschen und ein „Leben in Fülle“ möglich ist. Bis heute ist

diese Form des Kreuzes als Konsequenz eines kompromisslosen Eintretens für die Gerechtigkeit

Gottes in unserer Welt grausame Realität. Entscheidend ist deshalb, dass in der Rede vom Kreuz die

55 politische und historische Dimension zum Ausdruck kommt. Die zentrale Frage ist, wo unsere Kreuze

heute stehen, und diese sichtbar zu machen. Wer wird heute ans Kreuz geschlagen? Das Kreuz ist

Protest und Mahnmal. An dieser Bedeutung des Kreuzes – als Vergegenwärtigen und Sichtbarmachen

von Leiden, Unrecht und Gewalt – möchte ich persönlich festhalten: Nicht, um es mit Sinn zu erfüllen,

sondern um es anzuklagen, zu verneinen, es nicht einfach hinzunehmen.

60 Heilbringend sind Leben und Auferstehung Jesu, nicht sein Tod. Das eigentlich erlösende Ereignis ist

seine gelebte Botschaft vom Reich Gottes. Am Anfang des christlichen Glaubens steht nicht das

Kreuz, sondern die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass mit seinem Sterben am Kreuz der

Tod nicht gesiegt hat, dass Gott seine Botschaft vom Reich Gottes bestätigt hat. Diese Erfahrung

setzte bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu Auferstehungsprozesse in Gang: Sie, die voller Angst

65 geflüchtet waren und deren Hoffnung tot war, wurden zum Leben erweckt und mit der Aufgabe

betraut, die Arbeit am Reich Gottes weiterzuführen. So sollten auch wir heute Auferstehungsmomente

in unserem Leben wahrnehmen und Auferstehungsprozesse in Gang setzen. „Auferstehung“

umschreibt für viele feministische Theologinnen den Glauben, dass die Erfahrung eines

lebenspendenden Gottes stärker ist als die täglichen Erfahrungen des Scheiterns, des Unrechts und des

70 Todes. Auferstehung ist Aufstehen aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit; die Erfahrung, dass uns

dort, wo alles tot und zerbrochen schien, plötzlich neue Lebensmöglichkeiten geschenkt werden.

Aufgabe der Theologie müsste es sein, diesen Auferstehungserfahrungen ebenso Ausdruck zu geben

wie der Erfahrung des Kreuzes; neben dem Kreuz Symbole und Bilder anzubieten, die von der

Auferstehung vom Tod ins Leben erzählen: der Auferstehung der unterdrückten Körper von Frauen,

75 Männern und Kindern, von der Auferstehung der Hoffnung, der Gerechtigkeit und der Liebe.

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers, in: Publik-Forum 5/2019, S. 29f., Hervorhebungen im Original.

Hinweise

Doris Strahm (*1953): schweizerische feministische Theologin und Publizistin

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

2 Setzen Sie Strahms Position in Beziehung zu neutestamentlichen Deutungen von Kreuz und Auferstehung Christi. [40 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Theodizee: Gott und das Leid

Material

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers (2019)

Bis heute gehört es zu den zentralen Glaubensaussagen des Christentums, dass der Opfertod Jesu am

Kreuz für das Heil der Menschen notwendig gewesen sei. Moderne Theologen meiden zwar das Wort

„Opfer“ und reden stattdessen lieber von Jesu „Hingabe“. Aber auch in diesen Deutungen bleibt die

grausame Hinrichtung Jesu am Kreuz Teil eines göttlichen Heilsplans.

5 „Wie soll ich meinem Kind erklären, was ich selbst als Mutter nicht akzeptieren kann, nämlich, dass

ein Vater seinen Sohn zur Schlachtbank führt? Was ist das für ein Gott?“, fragte eine Teilnehmerin auf

einer Tagung. Noch perverser wird das Gottesbild, wenn in der brutalen Kreuzigung die „Liebe“

Gottes zum Ausdruck kommen soll. Die Verknüpfung von Opfer und Liebe transportiert ein

gefährliches Beziehungsmodell. Denn in ihm spiegelt sich auch die patriarchale Familienordnung, die

10 Liebe als Gehorsam und Unterwerfung, als Opfer und Hingabe verstanden hat. […] Im Kontext von

sexueller Gewalt und Missbrauch ist dies ein ganz gefährliches theologisches Modell.

Die feministische Kritik an der traditionellen Kreuzestheologie hat vor allem Frauen und Kinder im

Blick, die von Gewalt betroffen sind. Das theologische Modell von Christus, der sich in Gehorsam

gegenüber seinem Vater dem „erlösenden“ Leiden am Kreuz unterwirft, fördere die Akzeptanz der

15 Gewalt an (Ehe-)Frauen, Töchtern und Söhnen, die sich ebenfalls der familiären und häufig auch der

sexuellen Gewalt des Vaters zu unterwerfen haben.

Feministische Theologinnen wie Regula Strobel, die sich in der Gewaltprävention engagieren,

kritisieren, dass die klassische Kreuzestheologie Leiden, Opferbereitschaft und Selbstverleugnung als

erlösende Verhaltensweisen propagiert. Damit bringe sie gewaltbetroffene Menschen dazu, sich mit

20 Gewalt und Leiden abzufinden, statt aktiv dagegen zu kämpfen. In diesem Sinne kann die christliche

Opfertheologie Opfer in ihrem Opfersein festhalten und Täter entlasten.

Wer eine brutale Gewalttat wie die Hinrichtung Jesu am Kreuz aus dem historischen und sozialen

Kontext löst, sie spiritualisiert und mit dem erlösenden Handeln Gottes verbindet, verharmlost sie. Es

wird nicht mehr unterschieden zwischen vermeidbarem, durch Gewalt verursachtem Leiden und

25 unvermeidbarem Leiden wie zum Beispiel Krankheit. Dies entlastet davon, die Mechanismen, die

vermeidbares Leiden verursachen, zu benennen, ihre Verursacher ausfindig zu machen und für eine

Veränderung der Unrechts- und Gewaltstrukturen einzutreten.

Die Vorstellung, dass Gott selber das Leiden und den gewaltsamen Tod seines Sohnes um der

Erlösung der Welt willen billigt, „heiligt“ zudem Gewalt als Mittel zur Erlösung. – Eine Vorstellung,

30 die längst zu einer gängigen gesellschaftlichen und politischen Argumentationsfigur geworden ist,

wenn gesagt wird, dass zur Erreichung „höherer Ziele“ Opfer nötig oder unvermeidbar sind. Damit

geraten die Täter aus dem Blickfeld und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Dies ist ein

weiterer Grund, weshalb die klassische christliche Opfertheologie keine befreiende Gegenvision zu

den bestehenden Gewaltverhältnissen darstellt, sondern deren „Normalität“ stützt. Wer die Opferung

35 von Menschen als sinnvoll erklärt, rechtfertigt sie und trägt zur Akzeptanz von Gewalt als legitimem

Mittel bei.

Nachfolge Jesu wurde von den christlichen Kirchen lange als Imitation des leidenden Christus

verkündet: Jeder und jede nehme sein/ihr Kreuz auf sich. […] Seit Jahrhunderten blicken Christinnen

und Christen auf einen gemarterten Körper und sehen in ihm auch noch Erlösung. Wie ist dieser

40 Gekreuzigte in unseren Altarräumen auszuhalten? Sehen, empfinden wir überhaupt noch etwas – oder

bewirkt die theologische Überhöhung dieses Todes, dass wir auf Todesqual schauen, ohne mit der

Wimper zu zucken? Die christliche Galerie ist voll von Bildern des Leidens; ja die christliche

Tradition hat geradezu eine Erotik des Schmerzes und des Leidens entwickelt, während der lebendig-

sinnenfreudige Körper als sündig verteufelt worden ist. Für die „Fülle des Lebens“, die Jesus

45 verheißen hat, aber auch für die christliche Botschaft vom Heilwerden der Menschen und von der

Auferstehung ins Leben hat die Kirche keine Bildtradition entwickelt, die in der Praxis in gleicher

Weise wirksam geworden ist wie das Kreuz.

Wir müssen deshalb heute anders von Kreuz, Opfer und Erlösung sprechen. Dies heißt aber nicht, dass

eine christliche Rede vom Kreuz überhaupt aufgegeben werden soll. Viele Theologinnen, vor allem

50 befreiungstheologisch orientierte, interpretieren das Kreuz vom Leben Jesu her: als Konsequenz seines

Eintretens für das Reich Gottes – für eine andere Welt, in der das Unrecht ein Ende hat, in der eine

neue Form der Gemeinschaft zwischen Menschen und ein „Leben in Fülle“ möglich ist. Bis heute ist

diese Form des Kreuzes als Konsequenz eines kompromisslosen Eintretens für die Gerechtigkeit

Gottes in unserer Welt grausame Realität. Entscheidend ist deshalb, dass in der Rede vom Kreuz die

55 politische und historische Dimension zum Ausdruck kommt. Die zentrale Frage ist, wo unsere Kreuze

heute stehen, und diese sichtbar zu machen. Wer wird heute ans Kreuz geschlagen? Das Kreuz ist

Protest und Mahnmal. An dieser Bedeutung des Kreuzes – als Vergegenwärtigen und Sichtbarmachen

von Leiden, Unrecht und Gewalt – möchte ich persönlich festhalten: Nicht, um es mit Sinn zu erfüllen,

sondern um es anzuklagen, zu verneinen, es nicht einfach hinzunehmen.

60 Heilbringend sind Leben und Auferstehung Jesu, nicht sein Tod. Das eigentlich erlösende Ereignis ist

seine gelebte Botschaft vom Reich Gottes. Am Anfang des christlichen Glaubens steht nicht das

Kreuz, sondern die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass mit seinem Sterben am Kreuz der

Tod nicht gesiegt hat, dass Gott seine Botschaft vom Reich Gottes bestätigt hat. Diese Erfahrung

setzte bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu Auferstehungsprozesse in Gang: Sie, die voller Angst

65 geflüchtet waren und deren Hoffnung tot war, wurden zum Leben erweckt und mit der Aufgabe

betraut, die Arbeit am Reich Gottes weiterzuführen. So sollten auch wir heute Auferstehungsmomente

in unserem Leben wahrnehmen und Auferstehungsprozesse in Gang setzen. „Auferstehung“

umschreibt für viele feministische Theologinnen den Glauben, dass die Erfahrung eines

lebenspendenden Gottes stärker ist als die täglichen Erfahrungen des Scheiterns, des Unrechts und des

70 Todes. Auferstehung ist Aufstehen aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit; die Erfahrung, dass uns

dort, wo alles tot und zerbrochen schien, plötzlich neue Lebensmöglichkeiten geschenkt werden.

Aufgabe der Theologie müsste es sein, diesen Auferstehungserfahrungen ebenso Ausdruck zu geben

wie der Erfahrung des Kreuzes; neben dem Kreuz Symbole und Bilder anzubieten, die von der

Auferstehung vom Tod ins Leben erzählen: der Auferstehung der unterdrückten Körper von Frauen,

75 Männern und Kindern, von der Auferstehung der Hoffnung, der Gerechtigkeit und der Liebe.

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers, in: Publik-Forum 5/2019, S. 29f., Hervorhebungen im Original.

Hinweise

Doris Strahm (*1953): schweizerische feministische Theologin und Publizistin

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

3 Beurteilen Sie vor dem Hintergrund theologischer Erklärungsversuche zur Theodizee, inwieweit Strahms Gedanken bezüglich der Kreuzigung und der von ihr genannten „Auferstehungsprozesse“ als Antwort auf die Theodizeefrage gelten können. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter (1940–43)

Dietrich Bonhoeffer verfasste seine Manuskripte zur Ethik, denen der vorliegende Text entnommen ist, in der Zeit zwischen 1940 und 1943. Die Ausführungen Bonhoeffers sind in einer Krisensituation verfasst worden, in der es darum geht, eine Ethik zu gestalten, die auf die menschenverachtenden Formen des Nationalsozialismus reagiert und die sich in der konkreten, von der jeweiligen Situation abhängigen Entscheidung zwischen Gut und Böse befindet. Die grundlegende ethische Frage Bonhoeffers ist deshalb „Wer hält stand?“ in dieser konkreten, vom Bösen beherrschten Situation, in der sich die Beziehung des Menschen zur Liebe Gottes bewähren muss.

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie

er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Was uns verabscheuungswürdig ist in seiner

Widergöttlichkeit 1, wovon wir uns zurückziehen in Schmerz und Feindschaft, der wirkliche Mensch,

die wirkliche Welt, das ist für Gott Grund unergründlicher Liebe, damit vereint er sich aufs innigste.

5 Gott wird Mensch, wirklicher Mensch. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein

hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen,

daß Gott will, daß auch wir Menschen, wirkliche Menschen seien. Während wir unterscheiden

zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos

den wirklichen Menschen. Er duldet es nicht, daß wir die Welt und die Menschen einteilen nach

10 unseren Maßstäben und uns zu Richtern über sie aufwerfen. [...] Gott tritt auf die Seite des wirklichen

Menschen und der wirklichen Welt gegen alle ihre Verkläger 2. Er läßt sich mit den Menschen, mit der

Welt verklagen und macht so seine Richter zu den Angeklagten.

Aber es ist nicht genug damit gesagt, daß Gott sich der Menschen annimmt. Dieser Satz ruht auf

einem unendlich viel tieferen, in seinem Sinn undurchdringlicheren, nämlich: dass Gott in der

15 Empfängnis und Geburt Jesu Christi die Menschheit leibhaftig angenommen hat. Gott überhebt seine

Liebe zu den Menschen 3 jedes Vorwurfs der Unechtheit, des Zweifels und der Ungewißheit, indem er

selbst in das Leben der Menschen eingeht als Mensch, indem er Natur, Wesen, Schuld und Leiden des

Menschen leibhaftig auf sich nimmt und trägt. Aus Liebe zum Menschen wird Gott Mensch. Er sucht

sich nicht den vollkommensten Menschen, um sich mit ihm zu verbinden, sondern er nimmt

20 menschliches Wesen an, wie es ist. Jesus Christus ist nicht die Verklärung hohen Menschentums,

sondern das Ja Gottes zum wirklichen Menschen, nicht das leidenschaftslose Ja des Richters, sondern

das barmherzige Ja des Mitleidenden. In diesem Ja ist das ganze Leben und die ganze Hoffnung der

Welt beschlossen. In dem Menschen Jesus Christus ist das Urteil über die ganze Menschheit ergangen,

wiederum nicht das teilnahmslose Urteil des Richters, sondern das barmherzige Urteil dessen, der das

25 Geschick der ganzen Menschheit durchleidet und trägt. Jesus ist nicht ein Mensch, sondern der

Mensch. Was an ihm geschieht, geschieht am Menschen, geschieht an allen und darum auch an uns.

Der Name Jesus schließt die ganze Menschheit und den ganzen Gott in sich.

Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes greift eine Zeit, in der bei den Bösen wie bei den Guten

die Menschenverachtung oder Menschenvergötzung letzter Schluß der Weisheit ist, im Zentrum an.

30 Im Sturm enthüllen sich die Schwächen der menschlichen Natur deutlicher als im stillen Fluss ruhiger

Zeiten. Angst, Gier, Unselbständigkeit und Brutalität erweisen sich angesichts ungeahnter

Bedrohungen und Chancen bei der überwältigenden Mehrzahl als die Triebfedern ihres Handelns. Der

tyrannische Menschenverächter macht sich in solchem Zeitpunkt das Gemeine des menschlichen

Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung,

35 Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zu Herrentum. So wird im

buhlerischen 4 Umgang mit den Schwächen der Menschen das Gemeine immer neu erzeugt und

vermehrt. Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibt die niedrigste

Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft. Je gemeiner der Gemeine wird, ein desto willigeres und

schmiegsameres Werkzeug ist er in der Hand der Tyrannen. Die kleine Zahl der Aufrechten wird mit

40 Schmutz beworfen. Ihre Tapferkeit heißt Aufruhr, ihre Zucht Pharisäertum 5, ihre Selbständigkeit

Willkür, ihr Herrentum Hochmut. Dem tyrannischen Menschenverächter gilt Popularität als Zeichen

höchster Menschenliebe, sein heimliches, tiefes Mißtrauen gegen alle Menschen versteckt er hinter

den gestohlenen Worten wahrer Gemeinschaft. Während er sich vor der Menge als einer der ihren

bekennt, rühmt er sich selbst in widerwärtigster Eitelkeit und verachtet das Recht jedes Einzelnen. Er

45 hält die Menschen für dumm und sie werden dumm, er hält sie für schwach und sie werden schwach,

er hält sie für verbrecherisch und sie werden verbrecherisch. Sein heiligster Ernst ist frivoles 6 Spiel,

seine biedermännisch 7 betreuende Fürsorglichkeit ist frechster Zynismus. Je mehr er aber in tiefer

Menschenverachtung die Gunst der von ihm Verachteten sucht, desto gewisser erweckt er die

Vergötterung seiner Person durch die Menge. Menschenverachtung und -vergötzung liegen dicht

50 beieinander. Der Gute aber, der das alles durchschaut, der sich angeekelt von den Menschen

zurückzieht und sie sich selbst überläßt, der lieber für sich selbst seinen Kohl baut als sich im

öffentlichen Leben gemein zu machen, erliegt doch derselben Versuchung der Menschenverachtung

wie der Böse. Seine Menschenverachtung ist zwar vornehmer, aufrichtiger, aber auch unfruchtbarer,

tatenärmer. Vor der Menschwerdung Gottes kann sie ebensowenig bestehen wie die tyrannische

55 Menschenverachtung. Der Menschenverächter verachtet, was Gott geliebt hat, ja, er verachtet die

Gestalt des menschgewordenen Gottes selbst.

Es gibt aber auch eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die der Menschenverachtung gleichkommt.

Sie beruht auf der Beurteilung des Menschen nach den in ihm schlummernden Werten, nach seiner

tiefsten Gesundheit, Vernünftigkeit, Güte. [...] Mit erzwungener Nachsicht wird das Böse in Gutes

60 umgedeutet, das Gemeine übersehen, das Verwerfliche entschuldigt. Aus mancherlei Gründen scheut

man ein klares Nein, bejaht man schließlich alles. Man liebt ein selbstgemachtes Bild des Menschen,

das kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hat und man verachtet damit schließlich doch

wieder den wirklichen Menschen, den Gott geliebt und dessen Wesen er angenommen hat.

Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung

65 Gottes möglich. Der wirkliche Mensch darf vor Gott leben, und wir dürfen den wirklichen Menschen

neben uns vor Gott leben lassen, ohne ihn zu verachten oder zu vergöttern. Nicht als wäre das wirklich

ein Wert für sich, sondern allein darum, weil Gott den wirklichen Menschen geliebt und angenommen

hat. Der Grund der Liebe Gottes zum Menschen liegt nicht im Menschen, sondern allein in Gott selbst.

Der Grund, aus dem wir als wirkliche Menschen leben dürfen und den wirklichen Menschen neben

70 uns lieben dürfen, liegt wiederum allein in der Menschwerdung Gottes, in der unergründlichen Liebe

Gottes zum Menschen.

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter, in: Dietrich Bonhoeffer: Ethik, München 12. Aufl. 1988, S. 75–79.

Hinweis

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) war evangelischer Theologe und Pfarrer. Er schloss sich der politischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus an. Bonhoeffer wurde 1943 inhaftiert und 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

1 Mit diesem Begriff meint Bonhoeffer den Menschen als Sünder, der seiner Gottebenbildlichkeit nicht entspricht. Der Mensch handelt dann, wenn er in seiner Selbstsicherheit von Gott spricht, im eigentlichen Sinn „widergöttlich“. In diesem Sinn verweist der Begriff auf die Selbstüberheblichkeit des Menschen, die sich auch in einem als Werkgerechtigkeit verstandenen Glauben aussprechen kann.

2 „Verkläger“ – hier: „Ankläger“

3 altertümliche Formulierung im Sinne von: Gott hebt seine Liebe über jeden Vorwurf hinweg

4 buhlerisch – hier: abwertend für „einschmeichelnd, werbend“ gemeint

5 Pharisäertum – Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Verstellung, Vortäuschung

6 frivol – leichtfertig, bedenkenlos

7 biedermännisch – scheinheilig, spießig, frömmlerisch

1 Geben Sie die Gedanken des Autors wieder. (Material)

[30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition

Material

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter (1940–43)

Dietrich Bonhoeffer verfasste seine Manuskripte zur Ethik, denen der vorliegende Text entnommen ist, in der Zeit zwischen 1940 und 1943. Die Ausführungen Bonhoeffers sind in einer Krisensituation verfasst worden, in der es darum geht, eine Ethik zu gestalten, die auf die menschenverachtenden Formen des Nationalsozialismus reagiert und die sich in der konkreten, von der jeweiligen Situation abhängigen Entscheidung zwischen Gut und Böse befindet. Die grundlegende ethische Frage Bonhoeffers ist deshalb „Wer hält stand?“ in dieser konkreten, vom Bösen beherrschten Situation, in der sich die Beziehung des Menschen zur Liebe Gottes bewähren muss.

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie

er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Was uns verabscheuungswürdig ist in seiner

Widergöttlichkeit 1, wovon wir uns zurückziehen in Schmerz und Feindschaft, der wirkliche Mensch,

die wirkliche Welt, das ist für Gott Grund unergründlicher Liebe, damit vereint er sich aufs innigste.

5 Gott wird Mensch, wirklicher Mensch. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein

hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen,

daß Gott will, daß auch wir Menschen, wirkliche Menschen seien. Während wir unterscheiden

zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos

den wirklichen Menschen. Er duldet es nicht, daß wir die Welt und die Menschen einteilen nach

10 unseren Maßstäben und uns zu Richtern über sie aufwerfen. [...] Gott tritt auf die Seite des wirklichen

Menschen und der wirklichen Welt gegen alle ihre Verkläger 2. Er läßt sich mit den Menschen, mit der

Welt verklagen und macht so seine Richter zu den Angeklagten.

Aber es ist nicht genug damit gesagt, daß Gott sich der Menschen annimmt. Dieser Satz ruht auf

einem unendlich viel tieferen, in seinem Sinn undurchdringlicheren, nämlich: dass Gott in der

15 Empfängnis und Geburt Jesu Christi die Menschheit leibhaftig angenommen hat. Gott überhebt seine

Liebe zu den Menschen 3 jedes Vorwurfs der Unechtheit, des Zweifels und der Ungewißheit, indem er

selbst in das Leben der Menschen eingeht als Mensch, indem er Natur, Wesen, Schuld und Leiden des

Menschen leibhaftig auf sich nimmt und trägt. Aus Liebe zum Menschen wird Gott Mensch. Er sucht

sich nicht den vollkommensten Menschen, um sich mit ihm zu verbinden, sondern er nimmt

20 menschliches Wesen an, wie es ist. Jesus Christus ist nicht die Verklärung hohen Menschentums,

sondern das Ja Gottes zum wirklichen Menschen, nicht das leidenschaftslose Ja des Richters, sondern

das barmherzige Ja des Mitleidenden. In diesem Ja ist das ganze Leben und die ganze Hoffnung der

Welt beschlossen. In dem Menschen Jesus Christus ist das Urteil über die ganze Menschheit ergangen,

wiederum nicht das teilnahmslose Urteil des Richters, sondern das barmherzige Urteil dessen, der das

25 Geschick der ganzen Menschheit durchleidet und trägt. Jesus ist nicht ein Mensch, sondern der

Mensch. Was an ihm geschieht, geschieht am Menschen, geschieht an allen und darum auch an uns.

Der Name Jesus schließt die ganze Menschheit und den ganzen Gott in sich.

Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes greift eine Zeit, in der bei den Bösen wie bei den Guten

die Menschenverachtung oder Menschenvergötzung letzter Schluß der Weisheit ist, im Zentrum an.

30 Im Sturm enthüllen sich die Schwächen der menschlichen Natur deutlicher als im stillen Fluss ruhiger

Zeiten. Angst, Gier, Unselbständigkeit und Brutalität erweisen sich angesichts ungeahnter

Bedrohungen und Chancen bei der überwältigenden Mehrzahl als die Triebfedern ihres Handelns. Der

tyrannische Menschenverächter macht sich in solchem Zeitpunkt das Gemeine des menschlichen

Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung,

35 Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zu Herrentum. So wird im

buhlerischen 4 Umgang mit den Schwächen der Menschen das Gemeine immer neu erzeugt und

vermehrt. Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibt die niedrigste

Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft. Je gemeiner der Gemeine wird, ein desto willigeres und

schmiegsameres Werkzeug ist er in der Hand der Tyrannen. Die kleine Zahl der Aufrechten wird mit

40 Schmutz beworfen. Ihre Tapferkeit heißt Aufruhr, ihre Zucht Pharisäertum 5, ihre Selbständigkeit

Willkür, ihr Herrentum Hochmut. Dem tyrannischen Menschenverächter gilt Popularität als Zeichen

höchster Menschenliebe, sein heimliches, tiefes Mißtrauen gegen alle Menschen versteckt er hinter

den gestohlenen Worten wahrer Gemeinschaft. Während er sich vor der Menge als einer der ihren

bekennt, rühmt er sich selbst in widerwärtigster Eitelkeit und verachtet das Recht jedes Einzelnen. Er

45 hält die Menschen für dumm und sie werden dumm, er hält sie für schwach und sie werden schwach,

er hält sie für verbrecherisch und sie werden verbrecherisch. Sein heiligster Ernst ist frivoles 6 Spiel,

seine biedermännisch 7 betreuende Fürsorglichkeit ist frechster Zynismus. Je mehr er aber in tiefer

Menschenverachtung die Gunst der von ihm Verachteten sucht, desto gewisser erweckt er die

Vergötterung seiner Person durch die Menge. Menschenverachtung und -vergötzung liegen dicht

50 beieinander. Der Gute aber, der das alles durchschaut, der sich angeekelt von den Menschen

zurückzieht und sie sich selbst überläßt, der lieber für sich selbst seinen Kohl baut als sich im

öffentlichen Leben gemein zu machen, erliegt doch derselben Versuchung der Menschenverachtung

wie der Böse. Seine Menschenverachtung ist zwar vornehmer, aufrichtiger, aber auch unfruchtbarer,

tatenärmer. Vor der Menschwerdung Gottes kann sie ebensowenig bestehen wie die tyrannische

55 Menschenverachtung. Der Menschenverächter verachtet, was Gott geliebt hat, ja, er verachtet die

Gestalt des menschgewordenen Gottes selbst.

Es gibt aber auch eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die der Menschenverachtung gleichkommt.

Sie beruht auf der Beurteilung des Menschen nach den in ihm schlummernden Werten, nach seiner

tiefsten Gesundheit, Vernünftigkeit, Güte. [...] Mit erzwungener Nachsicht wird das Böse in Gutes

60 umgedeutet, das Gemeine übersehen, das Verwerfliche entschuldigt. Aus mancherlei Gründen scheut

man ein klares Nein, bejaht man schließlich alles. Man liebt ein selbstgemachtes Bild des Menschen,

das kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hat und man verachtet damit schließlich doch

wieder den wirklichen Menschen, den Gott geliebt und dessen Wesen er angenommen hat.

Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung

65 Gottes möglich. Der wirkliche Mensch darf vor Gott leben, und wir dürfen den wirklichen Menschen

neben uns vor Gott leben lassen, ohne ihn zu verachten oder zu vergöttern. Nicht als wäre das wirklich

ein Wert für sich, sondern allein darum, weil Gott den wirklichen Menschen geliebt und angenommen

hat. Der Grund der Liebe Gottes zum Menschen liegt nicht im Menschen, sondern allein in Gott selbst.

Der Grund, aus dem wir als wirkliche Menschen leben dürfen und den wirklichen Menschen neben

70 uns lieben dürfen, liegt wiederum allein in der Menschwerdung Gottes, in der unergründlichen Liebe

Gottes zum Menschen.

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter, in: Dietrich Bonhoeffer: Ethik, München 12. Aufl. 1988, S. 75–79.

Hinweis

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) war evangelischer Theologe und Pfarrer. Er schloss sich der politischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus an. Bonhoeffer wurde 1943 inhaftiert und 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

1 Mit diesem Begriff meint Bonhoeffer den Menschen als Sünder, der seiner Gottebenbildlichkeit nicht entspricht. Der Mensch handelt dann, wenn er in seiner Selbstsicherheit von Gott spricht, im eigentlichen Sinn „widergöttlich“. In diesem Sinn verweist der Begriff auf die Selbstüberheblichkeit des Menschen, die sich auch in einem als Werkgerechtigkeit verstandenen Glauben aussprechen kann.

2 „Verkläger“ – hier: „Ankläger“

3 altertümliche Formulierung im Sinne von: Gott hebt seine Liebe über jeden Vorwurf hinweg

4 buhlerisch – hier: abwertend für „einschmeichelnd, werbend“ gemeint

5 Pharisäertum – Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Verstellung, Vortäuschung

6 frivol – leichtfertig, bedenkenlos

7 biedermännisch – scheinheilig, spießig, frömmlerisch

2 Setzen Sie unter Berücksichtigung des Textes (Material) die Aussage Bonhoeffers, dass Gott den Menschen in „unergründlicher Liebe“ zugetan ist, in Beziehung zu der Vielfalt der biblischen Gottesbilder.

[40 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Material

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter (1940–43)

Dietrich Bonhoeffer verfasste seine Manuskripte zur Ethik, denen der vorliegende Text entnommen ist, in der Zeit zwischen 1940 und 1943. Die Ausführungen Bonhoeffers sind in einer Krisensituation verfasst worden, in der es darum geht, eine Ethik zu gestalten, die auf die menschenverachtenden Formen des Nationalsozialismus reagiert und die sich in der konkreten, von der jeweiligen Situation abhängigen Entscheidung zwischen Gut und Böse befindet. Die grundlegende ethische Frage Bonhoeffers ist deshalb „Wer hält stand?“ in dieser konkreten, vom Bösen beherrschten Situation, in der sich die Beziehung des Menschen zur Liebe Gottes bewähren muss.

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie

er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Was uns verabscheuungswürdig ist in seiner

Widergöttlichkeit 1, wovon wir uns zurückziehen in Schmerz und Feindschaft, der wirkliche Mensch,

die wirkliche Welt, das ist für Gott Grund unergründlicher Liebe, damit vereint er sich aufs innigste.

5 Gott wird Mensch, wirklicher Mensch. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein

hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen,

daß Gott will, daß auch wir Menschen, wirkliche Menschen seien. Während wir unterscheiden

zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos

den wirklichen Menschen. Er duldet es nicht, daß wir die Welt und die Menschen einteilen nach

10 unseren Maßstäben und uns zu Richtern über sie aufwerfen. [...] Gott tritt auf die Seite des wirklichen

Menschen und der wirklichen Welt gegen alle ihre Verkläger 2. Er läßt sich mit den Menschen, mit der

Welt verklagen und macht so seine Richter zu den Angeklagten.

Aber es ist nicht genug damit gesagt, daß Gott sich der Menschen annimmt. Dieser Satz ruht auf

einem unendlich viel tieferen, in seinem Sinn undurchdringlicheren, nämlich: dass Gott in der

15 Empfängnis und Geburt Jesu Christi die Menschheit leibhaftig angenommen hat. Gott überhebt seine

Liebe zu den Menschen 3 jedes Vorwurfs der Unechtheit, des Zweifels und der Ungewißheit, indem er

selbst in das Leben der Menschen eingeht als Mensch, indem er Natur, Wesen, Schuld und Leiden des

Menschen leibhaftig auf sich nimmt und trägt. Aus Liebe zum Menschen wird Gott Mensch. Er sucht

sich nicht den vollkommensten Menschen, um sich mit ihm zu verbinden, sondern er nimmt

20 menschliches Wesen an, wie es ist. Jesus Christus ist nicht die Verklärung hohen Menschentums,

sondern das Ja Gottes zum wirklichen Menschen, nicht das leidenschaftslose Ja des Richters, sondern

das barmherzige Ja des Mitleidenden. In diesem Ja ist das ganze Leben und die ganze Hoffnung der

Welt beschlossen. In dem Menschen Jesus Christus ist das Urteil über die ganze Menschheit ergangen,

wiederum nicht das teilnahmslose Urteil des Richters, sondern das barmherzige Urteil dessen, der das

25 Geschick der ganzen Menschheit durchleidet und trägt. Jesus ist nicht ein Mensch, sondern der

Mensch. Was an ihm geschieht, geschieht am Menschen, geschieht an allen und darum auch an uns.

Der Name Jesus schließt die ganze Menschheit und den ganzen Gott in sich.

Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes greift eine Zeit, in der bei den Bösen wie bei den Guten

die Menschenverachtung oder Menschenvergötzung letzter Schluß der Weisheit ist, im Zentrum an.

30 Im Sturm enthüllen sich die Schwächen der menschlichen Natur deutlicher als im stillen Fluss ruhiger

Zeiten. Angst, Gier, Unselbständigkeit und Brutalität erweisen sich angesichts ungeahnter

Bedrohungen und Chancen bei der überwältigenden Mehrzahl als die Triebfedern ihres Handelns. Der

tyrannische Menschenverächter macht sich in solchem Zeitpunkt das Gemeine des menschlichen

Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung,

35 Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zu Herrentum. So wird im

buhlerischen 4 Umgang mit den Schwächen der Menschen das Gemeine immer neu erzeugt und

vermehrt. Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibt die niedrigste

Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft. Je gemeiner der Gemeine wird, ein desto willigeres und

schmiegsameres Werkzeug ist er in der Hand der Tyrannen. Die kleine Zahl der Aufrechten wird mit

40 Schmutz beworfen. Ihre Tapferkeit heißt Aufruhr, ihre Zucht Pharisäertum 5, ihre Selbständigkeit

Willkür, ihr Herrentum Hochmut. Dem tyrannischen Menschenverächter gilt Popularität als Zeichen

höchster Menschenliebe, sein heimliches, tiefes Mißtrauen gegen alle Menschen versteckt er hinter

den gestohlenen Worten wahrer Gemeinschaft. Während er sich vor der Menge als einer der ihren

bekennt, rühmt er sich selbst in widerwärtigster Eitelkeit und verachtet das Recht jedes Einzelnen. Er

45 hält die Menschen für dumm und sie werden dumm, er hält sie für schwach und sie werden schwach,

er hält sie für verbrecherisch und sie werden verbrecherisch. Sein heiligster Ernst ist frivoles 6 Spiel,

seine biedermännisch 7 betreuende Fürsorglichkeit ist frechster Zynismus. Je mehr er aber in tiefer

Menschenverachtung die Gunst der von ihm Verachteten sucht, desto gewisser erweckt er die

Vergötterung seiner Person durch die Menge. Menschenverachtung und -vergötzung liegen dicht

50 beieinander. Der Gute aber, der das alles durchschaut, der sich angeekelt von den Menschen

zurückzieht und sie sich selbst überläßt, der lieber für sich selbst seinen Kohl baut als sich im

öffentlichen Leben gemein zu machen, erliegt doch derselben Versuchung der Menschenverachtung

wie der Böse. Seine Menschenverachtung ist zwar vornehmer, aufrichtiger, aber auch unfruchtbarer,

tatenärmer. Vor der Menschwerdung Gottes kann sie ebensowenig bestehen wie die tyrannische

55 Menschenverachtung. Der Menschenverächter verachtet, was Gott geliebt hat, ja, er verachtet die

Gestalt des menschgewordenen Gottes selbst.

Es gibt aber auch eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die der Menschenverachtung gleichkommt.

Sie beruht auf der Beurteilung des Menschen nach den in ihm schlummernden Werten, nach seiner

tiefsten Gesundheit, Vernünftigkeit, Güte. [...] Mit erzwungener Nachsicht wird das Böse in Gutes

60 umgedeutet, das Gemeine übersehen, das Verwerfliche entschuldigt. Aus mancherlei Gründen scheut

man ein klares Nein, bejaht man schließlich alles. Man liebt ein selbstgemachtes Bild des Menschen,

das kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hat und man verachtet damit schließlich doch

wieder den wirklichen Menschen, den Gott geliebt und dessen Wesen er angenommen hat.

Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung

65 Gottes möglich. Der wirkliche Mensch darf vor Gott leben, und wir dürfen den wirklichen Menschen

neben uns vor Gott leben lassen, ohne ihn zu verachten oder zu vergöttern. Nicht als wäre das wirklich

ein Wert für sich, sondern allein darum, weil Gott den wirklichen Menschen geliebt und angenommen

hat. Der Grund der Liebe Gottes zum Menschen liegt nicht im Menschen, sondern allein in Gott selbst.

Der Grund, aus dem wir als wirkliche Menschen leben dürfen und den wirklichen Menschen neben

70 uns lieben dürfen, liegt wiederum allein in der Menschwerdung Gottes, in der unergründlichen Liebe

Gottes zum Menschen.

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter, in: Dietrich Bonhoeffer: Ethik, München 12. Aufl. 1988, S. 75–79.

Hinweis

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) war evangelischer Theologe und Pfarrer. Er schloss sich der politischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus an. Bonhoeffer wurde 1943 inhaftiert und 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

1 Mit diesem Begriff meint Bonhoeffer den Menschen als Sünder, der seiner Gottebenbildlichkeit nicht entspricht. Der Mensch handelt dann, wenn er in seiner Selbstsicherheit von Gott spricht, im eigentlichen Sinn „widergöttlich“. In diesem Sinn verweist der Begriff auf die Selbstüberheblichkeit des Menschen, die sich auch in einem als Werkgerechtigkeit verstandenen Glauben aussprechen kann.

2 „Verkläger“ – hier: „Ankläger“

3 altertümliche Formulierung im Sinne von: Gott hebt seine Liebe über jeden Vorwurf hinweg

4 buhlerisch – hier: abwertend für „einschmeichelnd, werbend“ gemeint

5 Pharisäertum – Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Verstellung, Vortäuschung

6 frivol – leichtfertig, bedenkenlos

7 biedermännisch – scheinheilig, spießig, frömmlerisch

Dietrich Bonhoeffer, der sich der Widerstandsbewegung gegen das Hitler-Regime angeschlossen hatte, durchdachte auch die Frage des Tyrannenmords.

3 Diskutieren Sie vor dem Hintergrund des vorliegenden Textes, inwiefern ein gewaltsamer Widerstand gegen einen „tyrannischen Menschenverächter“ (Material) theologisch begründet werden kann.

[30 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Hans Küng: Statt Gesetzlichkeit Gottes Wille (2014)

Das Tun des Willens Gottes ist für viele Fromme eine fromme Formel geworden. Sie haben ihn mit

dem Gesetz identifiziert. Daß es hier um eine sehr radikale Parole geht, erkennt man erst, wenn man

sieht: Der Wille Gottes ist nicht einfach identisch mit dem geschriebenen Gesetz und erst recht nicht

identisch mit der das Gesetz auslegenden Tradition. Sosehr das Gesetz den Willen Gottes künden

5 kann, sosehr kann es auch Mittel sein, um sich hinter ihm gegen Gottes Willen zu verschanzen. So

leicht führt das Gesetz zur Haltung der Gesetzlichkeit 1. Eine Haltung, die trotz rabbinischer Aussagen

über das Gesetz als Ausdruck der Gnade und des Gotteswillens weit verbreitet war!

Ein Gesetz gibt Sicherheit: weil man weiß, woran man sich zu halten hat. An genau dieses nämlich: an

nicht weniger (das kann manchmal lästig sein), aber auch nicht an mehr (das ist manchmal recht

10 bequem). Nur was geboten ist, muß ich tun. Und was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Und wie viel

kann man in einzelnen Fällen tun und lassen, bevor man mit dem Gesetz in Konflikt kommt! Kein

Gesetz kann alle Möglichkeiten berücksichtigen, alle Fälle einkalkulieren, alle Lücken schließen.

Zwar versucht man immer wieder, frühere Gesetzesbestimmungen (für die Moral oder die Lehre), die

damals einen Sinn hatten, ihn aber unterdessen verloren haben, künstlich auf die neuen Lebens-

15 bedingungen zurechtzubiegen beziehungsweise aus ihnen künstlich etwas Entsprechendes für die

veränderte Situation abzuleiten. Dies scheint der einzige Weg zu sein, wenn man den Buchstaben des

Gesetzes mit dem Willen Gottes identifiziert: durch Gesetzesinterpretation und Gesetzesexplikation 2

zur Gesetzeskumulation 3.

Im mosaischen Gesetz zählte man 613 Vorschriften […]. Aber je feiner das Gesetz geknüpft ist, um so

20 zahlreicher sind auch die Löcher. Und je mehr Gebote und Verbote man aufstellt, um so mehr

verdeckt man das, worauf es entscheidend ankommt. Und vor allem ist möglich, daß man das Gesetz

im Ganzen oder auch einzelne Gesetze nur hält, weil es nun einmal vorgeschrieben ist und man

eventuell die negativen Folgen zu fürchten hat. Wäre es nicht vorgeschrieben, würde man es nicht tun.

Und umgekehrt ist möglich, daß man vieles nicht tut, was eigentlich getan werden sollte, weil es nun

25 einmal nicht vorgeschrieben ist und einen niemand darauf festlegen kann. […]

Die Vorteile der Gesetzlichkeit damals wie heute sind unübersehbar. Es läßt sich leicht begreifen,

warum so viele Menschen sich gegenüber anderen Menschen lieber an ein Gesetz halten, als sich

persönlich zu entscheiden: Wie vieles müßte ich sonst tun, was nicht vorgeschrieben ist? Und wie

vieles lassen, was gar nicht verboten ist? Dann doch lieber klare Grenzen. Im Einzelfall läßt sich dann

30 noch immer diskutieren: ob wirklich eine Gesetzesübertretung vorlag, ob es wirklich schon Ehebruch

war, ob direkt ein Meineid, ob geradezu Mord …! Und wenn auch Ehebruch gesetzlich verboten ist,

so doch nicht alles, was dazu führt. Und wenn schon Meineid, so doch nicht alle harmloseren Formen

der Unwahrhaftigkeit. Und wenn schon Mord, so doch nicht alle böswilligen Gedanken, die

bekanntlich zollfrei sind. Was ich bei mir selber, was ich in meinem Herzen denke, begehre, möchte,

35 ist meine Sache.

Und ebenfalls läßt sich leicht begreifen, warum so viele Menschen sich auch im Blick auf Gott selbst

lieber an ein Gesetz halten: Weiß ich auf diese Weise doch genau, wann ich meine Pflicht getan habe.

Bei entsprechender Leistung darf ich auch mit entsprechender Belohnung rechnen. Und falls ich mehr

als meine Pflicht getan habe, mit einer Spezialvergütung. Auf diese Weise lassen sich meine

40 Verdienste und Verschuldungen gerecht verrechnen, moralische Minuspunkte durch überschüssige

Sonderleistungen einholen und letztlich vielleicht die Strafen durch den Lohn aufheben. Das ist eine

klare Rechnung, und man weiß, woran man ist mit seinem Gott.

Aber gerade dieser gesetzlichen Haltung gibt Jesus den Todesstoß.

Nicht auf das Gesetz selbst, wohl aber auf die Gesetzlichkeit, von der das Gesetz freizuhalten ist, zielt

45 er. Auf den Kompromiß, der diese Gesetzesfrömmigkeit kennzeichnet. Die den Menschen

abschirmende Mauer, deren eine Seite Gottes Gesetz ist und deren andere des Menschen gesetzliche

Leistungen, durchbricht er. Er läßt den Menschen nicht sich hinter dem Gesetz in Gesetzlichkeit

verschanzen und schlägt ihm seine Verdienste aus den Händen. Den Buchstaben des Gesetzes mißt er

am Willen Gottes selbst und stellt den Menschen damit in befreiender und beglückender Weise

50 unmittelbar vor Gott. Nicht in einem kodifizierten 4 Rechtsverhältnis steht der Mensch zu Gott, bei

dem er sein eigenes Selbst heraushalten kann. Nicht einfach dem Gesetz, sondern Gott selber soll er

sich stellen: dem nämlich, was Gott ganz persönlich von ihm will.

Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische

Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. Er gibt nicht

55 Anweisungen für alle Gebiete des Lebens. […]

Vielmehr: Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik 5 und Gesetzlichkeit, unkonventionell und

treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen

soll.

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2014, S. 79–83, Hervorhebungen im Original.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe und Professor für Ökumenische Theologie

1 Unter Gesetzlichkeit ist hier ein Gottesverhältnis zu verstehen, das auf Leistung und Gegenleistung beruht: Schuld und Verdienste lassen sich so verrechnen. Diese von Küng kritisierte Haltung findet sich in vielen Religionen, auch im Christentum.

2 Gesetzesexplikation – Auslegung des Gesetzes, u. a. hinsichtlich der Frage, wie ein Gesetz korrekt angewendet wird

3 Gesetzeskumulation – zusammenfassende Anwendung mehrerer Gesetze auf dieselbe Rechtsfrage

4 Kodifizieren – Aufnahme einer Rechtsnorm in eine Rechtssammlung, beispielsweise ein Gesetzbuch

5 Kasuistik – eine Ethik, die für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung

Material

Hans Küng: Statt Gesetzlichkeit Gottes Wille (2014)

Das Tun des Willens Gottes ist für viele Fromme eine fromme Formel geworden. Sie haben ihn mit

dem Gesetz identifiziert. Daß es hier um eine sehr radikale Parole geht, erkennt man erst, wenn man

sieht: Der Wille Gottes ist nicht einfach identisch mit dem geschriebenen Gesetz und erst recht nicht

identisch mit der das Gesetz auslegenden Tradition. Sosehr das Gesetz den Willen Gottes künden

5 kann, sosehr kann es auch Mittel sein, um sich hinter ihm gegen Gottes Willen zu verschanzen. So

leicht führt das Gesetz zur Haltung der Gesetzlichkeit 1. Eine Haltung, die trotz rabbinischer Aussagen

über das Gesetz als Ausdruck der Gnade und des Gotteswillens weit verbreitet war!

Ein Gesetz gibt Sicherheit: weil man weiß, woran man sich zu halten hat. An genau dieses nämlich: an

nicht weniger (das kann manchmal lästig sein), aber auch nicht an mehr (das ist manchmal recht

10 bequem). Nur was geboten ist, muß ich tun. Und was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Und wie viel

kann man in einzelnen Fällen tun und lassen, bevor man mit dem Gesetz in Konflikt kommt! Kein

Gesetz kann alle Möglichkeiten berücksichtigen, alle Fälle einkalkulieren, alle Lücken schließen.

Zwar versucht man immer wieder, frühere Gesetzesbestimmungen (für die Moral oder die Lehre), die

damals einen Sinn hatten, ihn aber unterdessen verloren haben, künstlich auf die neuen Lebens-

15 bedingungen zurechtzubiegen beziehungsweise aus ihnen künstlich etwas Entsprechendes für die

veränderte Situation abzuleiten. Dies scheint der einzige Weg zu sein, wenn man den Buchstaben des

Gesetzes mit dem Willen Gottes identifiziert: durch Gesetzesinterpretation und Gesetzesexplikation 2

zur Gesetzeskumulation 3.

Im mosaischen Gesetz zählte man 613 Vorschriften […]. Aber je feiner das Gesetz geknüpft ist, um so

20 zahlreicher sind auch die Löcher. Und je mehr Gebote und Verbote man aufstellt, um so mehr

verdeckt man das, worauf es entscheidend ankommt. Und vor allem ist möglich, daß man das Gesetz

im Ganzen oder auch einzelne Gesetze nur hält, weil es nun einmal vorgeschrieben ist und man

eventuell die negativen Folgen zu fürchten hat. Wäre es nicht vorgeschrieben, würde man es nicht tun.

Und umgekehrt ist möglich, daß man vieles nicht tut, was eigentlich getan werden sollte, weil es nun

25 einmal nicht vorgeschrieben ist und einen niemand darauf festlegen kann. […]

Die Vorteile der Gesetzlichkeit damals wie heute sind unübersehbar. Es läßt sich leicht begreifen,

warum so viele Menschen sich gegenüber anderen Menschen lieber an ein Gesetz halten, als sich

persönlich zu entscheiden: Wie vieles müßte ich sonst tun, was nicht vorgeschrieben ist? Und wie

vieles lassen, was gar nicht verboten ist? Dann doch lieber klare Grenzen. Im Einzelfall läßt sich dann

30 noch immer diskutieren: ob wirklich eine Gesetzesübertretung vorlag, ob es wirklich schon Ehebruch

war, ob direkt ein Meineid, ob geradezu Mord …! Und wenn auch Ehebruch gesetzlich verboten ist,

so doch nicht alles, was dazu führt. Und wenn schon Meineid, so doch nicht alle harmloseren Formen

der Unwahrhaftigkeit. Und wenn schon Mord, so doch nicht alle böswilligen Gedanken, die

bekanntlich zollfrei sind. Was ich bei mir selber, was ich in meinem Herzen denke, begehre, möchte,

35 ist meine Sache.

Und ebenfalls läßt sich leicht begreifen, warum so viele Menschen sich auch im Blick auf Gott selbst

lieber an ein Gesetz halten: Weiß ich auf diese Weise doch genau, wann ich meine Pflicht getan habe.

Bei entsprechender Leistung darf ich auch mit entsprechender Belohnung rechnen. Und falls ich mehr

als meine Pflicht getan habe, mit einer Spezialvergütung. Auf diese Weise lassen sich meine

40 Verdienste und Verschuldungen gerecht verrechnen, moralische Minuspunkte durch überschüssige

Sonderleistungen einholen und letztlich vielleicht die Strafen durch den Lohn aufheben. Das ist eine

klare Rechnung, und man weiß, woran man ist mit seinem Gott.

Aber gerade dieser gesetzlichen Haltung gibt Jesus den Todesstoß.

Nicht auf das Gesetz selbst, wohl aber auf die Gesetzlichkeit, von der das Gesetz freizuhalten ist, zielt

45 er. Auf den Kompromiß, der diese Gesetzesfrömmigkeit kennzeichnet. Die den Menschen

abschirmende Mauer, deren eine Seite Gottes Gesetz ist und deren andere des Menschen gesetzliche

Leistungen, durchbricht er. Er läßt den Menschen nicht sich hinter dem Gesetz in Gesetzlichkeit

verschanzen und schlägt ihm seine Verdienste aus den Händen. Den Buchstaben des Gesetzes mißt er

am Willen Gottes selbst und stellt den Menschen damit in befreiender und beglückender Weise

50 unmittelbar vor Gott. Nicht in einem kodifizierten 4 Rechtsverhältnis steht der Mensch zu Gott, bei

dem er sein eigenes Selbst heraushalten kann. Nicht einfach dem Gesetz, sondern Gott selber soll er

sich stellen: dem nämlich, was Gott ganz persönlich von ihm will.

Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische

Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. Er gibt nicht

55 Anweisungen für alle Gebiete des Lebens. […]

Vielmehr: Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik 5 und Gesetzlichkeit, unkonventionell und

treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen

soll.

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2014, S. 79–83, Hervorhebungen im Original.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe und Professor für Ökumenische Theologie

1 Unter Gesetzlichkeit ist hier ein Gottesverhältnis zu verstehen, das auf Leistung und Gegenleistung beruht: Schuld und Verdienste lassen sich so verrechnen. Diese von Küng kritisierte Haltung findet sich in vielen Religionen, auch im Christentum.

2 Gesetzesexplikation – Auslegung des Gesetzes, u. a. hinsichtlich der Frage, wie ein Gesetz korrekt angewendet wird

3 Gesetzeskumulation – zusammenfassende Anwendung mehrerer Gesetze auf dieselbe Rechtsfrage

4 Kodifizieren – Aufnahme einer Rechtsnorm in eine Rechtssammlung, beispielsweise ein Gesetzbuch

5 Kasuistik – eine Ethik, die für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt

2

„Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. [...] Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik und Gesetzlichkeit, unkonventionell und treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen soll.“ (Material)

Erläutern Sie diese Aussage vor dem Hintergrund des Textes und unter Bezugnahme auf die Überlieferung von Jesus in den Evangelien. (40 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material

Hans Küng: Statt Gesetzlichkeit Gottes Wille (2014)

Das Tun des Willens Gottes ist für viele Fromme eine fromme Formel geworden. Sie haben ihn mit

dem Gesetz identifiziert. Daß es hier um eine sehr radikale Parole geht, erkennt man erst, wenn man

sieht: Der Wille Gottes ist nicht einfach identisch mit dem geschriebenen Gesetz und erst recht nicht

identisch mit der das Gesetz auslegenden Tradition. Sosehr das Gesetz den Willen Gottes künden

5 kann, sosehr kann es auch Mittel sein, um sich hinter ihm gegen Gottes Willen zu verschanzen. So

leicht führt das Gesetz zur Haltung der Gesetzlichkeit 1. Eine Haltung, die trotz rabbinischer Aussagen

über das Gesetz als Ausdruck der Gnade und des Gotteswillens weit verbreitet war!

Ein Gesetz gibt Sicherheit: weil man weiß, woran man sich zu halten hat. An genau dieses nämlich: an

nicht weniger (das kann manchmal lästig sein), aber auch nicht an mehr (das ist manchmal recht

10 bequem). Nur was geboten ist, muß ich tun. Und was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Und wie viel

kann man in einzelnen Fällen tun und lassen, bevor man mit dem Gesetz in Konflikt kommt! Kein

Gesetz kann alle Möglichkeiten berücksichtigen, alle Fälle einkalkulieren, alle Lücken schließen.

Zwar versucht man immer wieder, frühere Gesetzesbestimmungen (für die Moral oder die Lehre), die

damals einen Sinn hatten, ihn aber unterdessen verloren haben, künstlich auf die neuen Lebens-

15 bedingungen zurechtzubiegen beziehungsweise aus ihnen künstlich etwas Entsprechendes für die

veränderte Situation abzuleiten. Dies scheint der einzige Weg zu sein, wenn man den Buchstaben des

Gesetzes mit dem Willen Gottes identifiziert: durch Gesetzesinterpretation und Gesetzesexplikation 2

zur Gesetzeskumulation 3.

Im mosaischen Gesetz zählte man 613 Vorschriften […]. Aber je feiner das Gesetz geknüpft ist, um so

20 zahlreicher sind auch die Löcher. Und je mehr Gebote und Verbote man aufstellt, um so mehr

verdeckt man das, worauf es entscheidend ankommt. Und vor allem ist möglich, daß man das Gesetz

im Ganzen oder auch einzelne Gesetze nur hält, weil es nun einmal vorgeschrieben ist und man

eventuell die negativen Folgen zu fürchten hat. Wäre es nicht vorgeschrieben, würde man es nicht tun.

Und umgekehrt ist möglich, daß man vieles nicht tut, was eigentlich getan werden sollte, weil es nun

25 einmal nicht vorgeschrieben ist und einen niemand darauf festlegen kann. […]

Die Vorteile der Gesetzlichkeit damals wie heute sind unübersehbar. Es läßt sich leicht begreifen,

warum so viele Menschen sich gegenüber anderen Menschen lieber an ein Gesetz halten, als sich

persönlich zu entscheiden: Wie vieles müßte ich sonst tun, was nicht vorgeschrieben ist? Und wie

vieles lassen, was gar nicht verboten ist? Dann doch lieber klare Grenzen. Im Einzelfall läßt sich dann

30 noch immer diskutieren: ob wirklich eine Gesetzesübertretung vorlag, ob es wirklich schon Ehebruch

war, ob direkt ein Meineid, ob geradezu Mord …! Und wenn auch Ehebruch gesetzlich verboten ist,

so doch nicht alles, was dazu führt. Und wenn schon Meineid, so doch nicht alle harmloseren Formen

der Unwahrhaftigkeit. Und wenn schon Mord, so doch nicht alle böswilligen Gedanken, die

bekanntlich zollfrei sind. Was ich bei mir selber, was ich in meinem Herzen denke, begehre, möchte,

35 ist meine Sache.

Und ebenfalls läßt sich leicht begreifen, warum so viele Menschen sich auch im Blick auf Gott selbst

lieber an ein Gesetz halten: Weiß ich auf diese Weise doch genau, wann ich meine Pflicht getan habe.

Bei entsprechender Leistung darf ich auch mit entsprechender Belohnung rechnen. Und falls ich mehr

als meine Pflicht getan habe, mit einer Spezialvergütung. Auf diese Weise lassen sich meine

40 Verdienste und Verschuldungen gerecht verrechnen, moralische Minuspunkte durch überschüssige

Sonderleistungen einholen und letztlich vielleicht die Strafen durch den Lohn aufheben. Das ist eine

klare Rechnung, und man weiß, woran man ist mit seinem Gott.

Aber gerade dieser gesetzlichen Haltung gibt Jesus den Todesstoß.

Nicht auf das Gesetz selbst, wohl aber auf die Gesetzlichkeit, von der das Gesetz freizuhalten ist, zielt

45 er. Auf den Kompromiß, der diese Gesetzesfrömmigkeit kennzeichnet. Die den Menschen

abschirmende Mauer, deren eine Seite Gottes Gesetz ist und deren andere des Menschen gesetzliche

Leistungen, durchbricht er. Er läßt den Menschen nicht sich hinter dem Gesetz in Gesetzlichkeit

verschanzen und schlägt ihm seine Verdienste aus den Händen. Den Buchstaben des Gesetzes mißt er

am Willen Gottes selbst und stellt den Menschen damit in befreiender und beglückender Weise

50 unmittelbar vor Gott. Nicht in einem kodifizierten 4 Rechtsverhältnis steht der Mensch zu Gott, bei

dem er sein eigenes Selbst heraushalten kann. Nicht einfach dem Gesetz, sondern Gott selber soll er

sich stellen: dem nämlich, was Gott ganz persönlich von ihm will.

Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische

Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. Er gibt nicht

55 Anweisungen für alle Gebiete des Lebens. […]

Vielmehr: Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik 5 und Gesetzlichkeit, unkonventionell und

treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen

soll.

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2014, S. 79–83, Hervorhebungen im Original.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe und Professor für Ökumenische Theologie

1 Unter Gesetzlichkeit ist hier ein Gottesverhältnis zu verstehen, das auf Leistung und Gegenleistung beruht: Schuld und Verdienste lassen sich so verrechnen. Diese von Küng kritisierte Haltung findet sich in vielen Religionen, auch im Christentum.

2 Gesetzesexplikation – Auslegung des Gesetzes, u. a. hinsichtlich der Frage, wie ein Gesetz korrekt angewendet wird

3 Gesetzeskumulation – zusammenfassende Anwendung mehrerer Gesetze auf dieselbe Rechtsfrage

4 Kodifizieren – Aufnahme einer Rechtsnorm in eine Rechtssammlung, beispielsweise ein Gesetzbuch

5 Kasuistik – eine Ethik, die für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt

3

Küng spricht in seinem Text davon, dass der Einzelne von Jesus zum Gehorsam gegen Gott aufgerufen ist, der das ganze Leben umfassen soll.

Diskutieren Sie, welche Relevanz Küngs Ausführungen für die heutige, von Leistungsdenken geprägte Zeit haben. Beziehen Sie dabei auch die Rechtfertigungslehre mit ein. (30 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Wolfgang Huber: Leid vermindern, Perfektion anstreben? (2015)

Mit den modernen Lebenswissenschaften verbindet sich die Hoffnung, dass Leid vermindert und ein

selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird. Die Reproduktionsmedizin ist zu einem der Brennpunkte in

dieser Entwicklung geworden. Paare, deren Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb, hoffen darauf, dass

ihnen gesunde Kinder geboren werden. Genetisch belastete Paare wünschen sich Kinder, die ohne die

5 befürchteten Erkrankungen leben können. Solche Hoffnungen und Wünsche haben großes Gewicht.

Ihretwegen wurde nicht nur die Erzeugung von Embryonen in der Petrischale, sondern auch deren

genetische Untersuchung vor der Implantation (PID) zugelassen. Doch eine derartige Entscheidung hat

eine Kehrseite. Mit der PID verbindet sich ein selektiver Blick, der darauf zielt, unter den in vitro

hergestellten Embryonen die einen auszuwählen und die anderen zu verwerfen. Mit dem Wunsch,

10 Leid zu vermeiden, verbindet sich die Entscheidung darüber, welcher Embryo vorzugswürdig ist.

Deshalb werden mehr Embryonen hergestellt, als in einem Zyklus implantiert werden sollen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden neue Diagnosetechniken zu einem breiteren Einsatz der PID

führen. Chipgestützte Diagnosen werden das Indikationsspektrum erweitern; sie werden Resultate

erbringen, nach denen gar nicht gefragt wurde. Diese „Überschussinformationen“ werden eine Aus-

15 wahl von Embryonen auch aus anderen Gründen als den eng begrenzten, auf genetische Belastungen

der Eltern bezogene[n] zur Folge haben. Mit solchen Entwicklungen kann sich der Druck auf

genetisch belastete Eltern erhöhen, sich einer PID zu unterziehen; Menschen mit genetisch bedingten

Behinderungen können sich durch solche Entwicklungen tiefgreifend in Frage gestellt fühlen. Den

Bemühungen um Integration und Inklusion von Behinderten liefe eine solche Entwicklung zuwider.

20 Ähnlich wie die Pränataldiagnostik (PND) wird beim Einsatz der In-Vitro-Fertilisation (IVF) auch die

PID wahrscheinlich zum Regelfall werden; die einstweilen vorgesehene Einschränkung auf Fälle, in

denen schwerwiegende Erkrankungen zu befürchten sind, wird sich kaum auf Dauer halten lassen.

Geht es nur um Leidvermeidung oder auch um Vervollkommnung ( enhancement)?

Verletzlichkeit und Vervollkommnung, Vulnerabilität 1 und Perfektibilität beschreiben nicht nur zwei

25 Ausgangspunkte für heutiges Handeln in Medizin und Lebenswissenschaften. Diese beiden Eckpunkte

sind im abendländischen Menschenbild miteinander verbunden. Sie lassen sich auf das griechische

und auf das biblische Bild vom Menschen und damit auf die Grundgedanken des Selbstbewusstseins

und der Nächstenliebe zurückführen.

Das griechische Bild eines Menschen, der durch arete 2, durch die Befähigung zum gelingenden

30 Leben, ausgezeichnet ist, orientiert sich an der gesunden, ja makellosen Person, wie sie noch den

heutigen Betrachter in den Statuen von Phidias 3 oder Praxiteles 4 unmittelbar beeindruckt. In der

menschlichen Person verbinden sich Qualität der Leistung und Anmut des Körpers miteinander; das

Gute und das Schöne gehören zusammen. Das zeigt sich auf exemplarische Weise an den Siegern in

den Wettkämpfen von Olympia; man kann von einem olympischen Modell des Menschen sprechen.

35 Diesem Modell entspricht die Hochschätzung der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen.

Die griechische Philosophie erfasst dies in dem Motiv, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen

zur Selbstachtung bestimmt ist. Wenn er von dieser Selbstachtung Gebrauch macht, handelt er aus

Freiheit.

Auch die biblische Tradition schätzt den Menschen hoch. Sie sagt von ihm, Gott habe ihn zu seinem

40 Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist deshalb nur „wenig niedriger gemacht“ als Gott (Psalm 8,6).

Doch mit dieser Hochschätzung verbindet sich eine ausdrückliche Hinwendung zum Leidenden,

Kranken, der Hilfe Bedürftigen. Dass der Mensch ein verletzliches, auf die Hilfe anderer

angewiesenes Wesen ist, tritt in der biblischen Tradition markant hervor. […]

Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden geschilderten Menschenbildern ist tief in unserem

45 kulturellen Bewusstsein verankert. Das olympische, leistungsorientierte Modell ist ein kräftiger

Anstoß für die Bereitschaft, sein Bestes zu geben und seine Gaben zu entfalten. Diese Haltungen in

ihrer spannungsvollen Zusammengehörigkeit wahrzunehmen, ist eine zentrale Aufgabe persönlicher

Lebensführung wie gesellschaftlicher Gestaltung. In beiden Bereichen geht es darum, dass Autonomie

und Nächstenliebe, Selbstbestimmung und Fürsorge in der Balance gehalten werden. Diese Aufgabe

50 ist umso wichtiger, je stärker der Sog wird, der vom Gedanken der Perfektibilität ausgeht.

Die Vorstellung von einer erreichbaren menschlichen Vollkommenheit geht inzwischen so weit, dass

sogar die Unsterblichkeit als erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns angesehen wird. […]

Bescheidener als solche Utopien und doch anspruchsvoll genug ist das Bemühen, vorzeitigen Tod und

unnötiges Leiden zu vermeiden und Menschen dabei zu helfen, die ihnen zugemessene Lebenszeit in

55 Würde verbringen zu können. Doch zu dieser Würde gehört es, die Endlichkeit des menschlichen

Lebens anzuerkennen und sie von der Ewigkeit Gottes zu unterscheiden.

Hier zeigt sich, warum wir bei der Verständigung über grundlegende Fragen des Menschenbildes nicht

auf die Erfahrungen und die Sprache der Religion verzichten sollten. Darauf hat mit besonderem

Nachdruck Jürgen Habermas 5 hingewiesen. Explizit knüpft er an die Rede von der Gottebenbildlich-

60 keit des Menschen an. In diesem Gedanken, so erläutert Habermas, verbindet sich die Entsprechung

zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit mit der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Insofern erschließt dieser religiöse Gedanke den Zugang zum Verständnis der endlichen Freiheit des

Menschen. Bei Habermas heißt es in diesem Zusammenhang: „Dass der Gott, der die Liebe ist, in

Adam und Eva freie Wesen schafft, die ihm gleichen, muss man nicht glauben, um zu verstehen, was

65 mit Ebenbildlichkeit gemeint ist. Liebe kann es ohne Erkenntnis in einem anderen, Freiheit ohne

gegenseitige Anerkennung nicht geben. Deshalb muss das Gegenüber in Menschengestalt seinerseits

frei sein, um die Zuwendung Gottes erwidern zu können … Gott bleibt nur so lange ein ‚Gott freier

Menschen‘, wie wir die absolute Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht einebnen.“

Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch hilft dabei, die Freiheit des Menschen in ihrer

70 Endlichkeit zu begreifen und diese Endlichkeit auch bei allen wissenschaftlichen Bemühungen um

Erhaltung und Qualität des menschlichen Lebens im Blick zu behalten. Damit ist keine Gering-

schätzung der modernen Lebenswissenschaften verbunden. Schon immer hat der Mensch das eigene

Leben zum Gegenstand technischer Manipulationen gemacht, den eigenen Körper verändert und nach

funktionalen Äquivalenten für defekte Körperfunktionen gesucht. Doch er griff dabei nicht planmäßig

75 in die eigene biologische Konstitution ein. […]

Auch wenn die DNS entschlüsselt ist, wird das menschliche Leben ein Geheimnis bleiben. Denn der

Mensch lebt nicht nur, sondern verhält sich zu seinem Leben; er geht nicht mit seinem Leben um,

sondern empfängt es als Gabe und Geschenk; beim Nachdenken über sich stößt er nicht nur auf sich

selbst, sondern geht über sich hinaus und fragt nach Gott. Je weiter menschliche Erkenntnis ausgreift

80 und menschliche Verfügungsmacht reicht, desto wichtiger wird es sein, dass diese Erkenntnis nicht

über das Leben herrscht, sondern dem Leben dient. Dafür wird der entscheidende Prüfstein sein, ob

der Mensch in solchen Veränderungen als Person geachtet, in seiner Würde und Freiheit respektiert

und ob sein Leben in seiner Endlichkeit angenommen wird.

Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, München 2. Aufl. 2015, S. 55–59, Hervorhebungen im Original.

1 Vulnerabilität – Verletzbarkeit, Verwundbarkeit

2 Das antike griechische Wort „arete“ bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person.

3 Phidias (480–430 v. Chr.) – einer der größten Bildhauer der Antike

4 Praxiteles (390–320 v. Chr.) – ebenfalls einer der bedeutendsten Bildhauer der Antike

5 Jürgen Habermas (*1929) ist ein deutscher emeritierter Professor, der zu den weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart zählt.

Hinweise:

Wolfgang Huber (*1942): deutscher evangelischer Theologe, 2003–2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bemerkungen in Klammern und Zwischenüberschriften wurden gestrichen.

Aufgabe 1

1

Geben Sie den Gedankengang des Autors mit eigenen Worten wieder. (Material) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material

Wolfgang Huber: Leid vermindern, Perfektion anstreben? (2015)

Mit den modernen Lebenswissenschaften verbindet sich die Hoffnung, dass Leid vermindert und ein

selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird. Die Reproduktionsmedizin ist zu einem der Brennpunkte in

dieser Entwicklung geworden. Paare, deren Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb, hoffen darauf, dass

ihnen gesunde Kinder geboren werden. Genetisch belastete Paare wünschen sich Kinder, die ohne die

5 befürchteten Erkrankungen leben können. Solche Hoffnungen und Wünsche haben großes Gewicht.

Ihretwegen wurde nicht nur die Erzeugung von Embryonen in der Petrischale, sondern auch deren

genetische Untersuchung vor der Implantation (PID) zugelassen. Doch eine derartige Entscheidung hat

eine Kehrseite. Mit der PID verbindet sich ein selektiver Blick, der darauf zielt, unter den in vitro

hergestellten Embryonen die einen auszuwählen und die anderen zu verwerfen. Mit dem Wunsch,

10 Leid zu vermeiden, verbindet sich die Entscheidung darüber, welcher Embryo vorzugswürdig ist.

Deshalb werden mehr Embryonen hergestellt, als in einem Zyklus implantiert werden sollen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden neue Diagnosetechniken zu einem breiteren Einsatz der PID

führen. Chipgestützte Diagnosen werden das Indikationsspektrum erweitern; sie werden Resultate

erbringen, nach denen gar nicht gefragt wurde. Diese „Überschussinformationen“ werden eine Aus-

15 wahl von Embryonen auch aus anderen Gründen als den eng begrenzten, auf genetische Belastungen

der Eltern bezogene[n] zur Folge haben. Mit solchen Entwicklungen kann sich der Druck auf

genetisch belastete Eltern erhöhen, sich einer PID zu unterziehen; Menschen mit genetisch bedingten

Behinderungen können sich durch solche Entwicklungen tiefgreifend in Frage gestellt fühlen. Den

Bemühungen um Integration und Inklusion von Behinderten liefe eine solche Entwicklung zuwider.

20 Ähnlich wie die Pränataldiagnostik (PND) wird beim Einsatz der In-Vitro-Fertilisation (IVF) auch die

PID wahrscheinlich zum Regelfall werden; die einstweilen vorgesehene Einschränkung auf Fälle, in

denen schwerwiegende Erkrankungen zu befürchten sind, wird sich kaum auf Dauer halten lassen.

Geht es nur um Leidvermeidung oder auch um Vervollkommnung ( enhancement)?

Verletzlichkeit und Vervollkommnung, Vulnerabilität 1 und Perfektibilität beschreiben nicht nur zwei

25 Ausgangspunkte für heutiges Handeln in Medizin und Lebenswissenschaften. Diese beiden Eckpunkte

sind im abendländischen Menschenbild miteinander verbunden. Sie lassen sich auf das griechische

und auf das biblische Bild vom Menschen und damit auf die Grundgedanken des Selbstbewusstseins

und der Nächstenliebe zurückführen.

Das griechische Bild eines Menschen, der durch arete 2, durch die Befähigung zum gelingenden

30 Leben, ausgezeichnet ist, orientiert sich an der gesunden, ja makellosen Person, wie sie noch den

heutigen Betrachter in den Statuen von Phidias 3 oder Praxiteles 4 unmittelbar beeindruckt. In der

menschlichen Person verbinden sich Qualität der Leistung und Anmut des Körpers miteinander; das

Gute und das Schöne gehören zusammen. Das zeigt sich auf exemplarische Weise an den Siegern in

den Wettkämpfen von Olympia; man kann von einem olympischen Modell des Menschen sprechen.

35 Diesem Modell entspricht die Hochschätzung der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen.

Die griechische Philosophie erfasst dies in dem Motiv, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen

zur Selbstachtung bestimmt ist. Wenn er von dieser Selbstachtung Gebrauch macht, handelt er aus

Freiheit.

Auch die biblische Tradition schätzt den Menschen hoch. Sie sagt von ihm, Gott habe ihn zu seinem

40 Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist deshalb nur „wenig niedriger gemacht“ als Gott (Psalm 8,6).

Doch mit dieser Hochschätzung verbindet sich eine ausdrückliche Hinwendung zum Leidenden,

Kranken, der Hilfe Bedürftigen. Dass der Mensch ein verletzliches, auf die Hilfe anderer

angewiesenes Wesen ist, tritt in der biblischen Tradition markant hervor. […]

Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden geschilderten Menschenbildern ist tief in unserem

45 kulturellen Bewusstsein verankert. Das olympische, leistungsorientierte Modell ist ein kräftiger

Anstoß für die Bereitschaft, sein Bestes zu geben und seine Gaben zu entfalten. Diese Haltungen in

ihrer spannungsvollen Zusammengehörigkeit wahrzunehmen, ist eine zentrale Aufgabe persönlicher

Lebensführung wie gesellschaftlicher Gestaltung. In beiden Bereichen geht es darum, dass Autonomie

und Nächstenliebe, Selbstbestimmung und Fürsorge in der Balance gehalten werden. Diese Aufgabe

50 ist umso wichtiger, je stärker der Sog wird, der vom Gedanken der Perfektibilität ausgeht.

Die Vorstellung von einer erreichbaren menschlichen Vollkommenheit geht inzwischen so weit, dass

sogar die Unsterblichkeit als erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns angesehen wird. […]

Bescheidener als solche Utopien und doch anspruchsvoll genug ist das Bemühen, vorzeitigen Tod und

unnötiges Leiden zu vermeiden und Menschen dabei zu helfen, die ihnen zugemessene Lebenszeit in

55 Würde verbringen zu können. Doch zu dieser Würde gehört es, die Endlichkeit des menschlichen

Lebens anzuerkennen und sie von der Ewigkeit Gottes zu unterscheiden.

Hier zeigt sich, warum wir bei der Verständigung über grundlegende Fragen des Menschenbildes nicht

auf die Erfahrungen und die Sprache der Religion verzichten sollten. Darauf hat mit besonderem

Nachdruck Jürgen Habermas 5 hingewiesen. Explizit knüpft er an die Rede von der Gottebenbildlich-

60 keit des Menschen an. In diesem Gedanken, so erläutert Habermas, verbindet sich die Entsprechung

zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit mit der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Insofern erschließt dieser religiöse Gedanke den Zugang zum Verständnis der endlichen Freiheit des

Menschen. Bei Habermas heißt es in diesem Zusammenhang: „Dass der Gott, der die Liebe ist, in

Adam und Eva freie Wesen schafft, die ihm gleichen, muss man nicht glauben, um zu verstehen, was

65 mit Ebenbildlichkeit gemeint ist. Liebe kann es ohne Erkenntnis in einem anderen, Freiheit ohne

gegenseitige Anerkennung nicht geben. Deshalb muss das Gegenüber in Menschengestalt seinerseits

frei sein, um die Zuwendung Gottes erwidern zu können … Gott bleibt nur so lange ein ‚Gott freier

Menschen‘, wie wir die absolute Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht einebnen.“

Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch hilft dabei, die Freiheit des Menschen in ihrer

70 Endlichkeit zu begreifen und diese Endlichkeit auch bei allen wissenschaftlichen Bemühungen um

Erhaltung und Qualität des menschlichen Lebens im Blick zu behalten. Damit ist keine Gering-

schätzung der modernen Lebenswissenschaften verbunden. Schon immer hat der Mensch das eigene

Leben zum Gegenstand technischer Manipulationen gemacht, den eigenen Körper verändert und nach

funktionalen Äquivalenten für defekte Körperfunktionen gesucht. Doch er griff dabei nicht planmäßig

75 in die eigene biologische Konstitution ein. […]

Auch wenn die DNS entschlüsselt ist, wird das menschliche Leben ein Geheimnis bleiben. Denn der

Mensch lebt nicht nur, sondern verhält sich zu seinem Leben; er geht nicht mit seinem Leben um,

sondern empfängt es als Gabe und Geschenk; beim Nachdenken über sich stößt er nicht nur auf sich

selbst, sondern geht über sich hinaus und fragt nach Gott. Je weiter menschliche Erkenntnis ausgreift

80 und menschliche Verfügungsmacht reicht, desto wichtiger wird es sein, dass diese Erkenntnis nicht

über das Leben herrscht, sondern dem Leben dient. Dafür wird der entscheidende Prüfstein sein, ob

der Mensch in solchen Veränderungen als Person geachtet, in seiner Würde und Freiheit respektiert

und ob sein Leben in seiner Endlichkeit angenommen wird.

Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, München 2. Aufl. 2015, S. 55–59, Hervorhebungen im Original.

1 Vulnerabilität – Verletzbarkeit, Verwundbarkeit

2 Das antike griechische Wort „arete“ bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person.

3 Phidias (480–430 v. Chr.) – einer der größten Bildhauer der Antike

4 Praxiteles (390–320 v. Chr.) – ebenfalls einer der bedeutendsten Bildhauer der Antike

5 Jürgen Habermas (*1929) ist ein deutscher emeritierter Professor, der zu den weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart zählt.

Hinweise:

Wolfgang Huber (*1942): deutscher evangelischer Theologe, 2003–2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bemerkungen in Klammern und Zwischenüberschriften wurden gestrichen.

Aufgabe 2

2

Erläutern Sie, worin Wolfgang Huber die wesentlichen Eigenschaften und Merkmale des Menschen sieht, und beziehen Sie, wo möglich, biblische Aussagen ein. [35 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Religionskritik: Feuerbach, Marx und aktuelle Positionen

Material

Wolfgang Huber: Leid vermindern, Perfektion anstreben? (2015)

Mit den modernen Lebenswissenschaften verbindet sich die Hoffnung, dass Leid vermindert und ein

selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird. Die Reproduktionsmedizin ist zu einem der Brennpunkte in

dieser Entwicklung geworden. Paare, deren Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb, hoffen darauf, dass

ihnen gesunde Kinder geboren werden. Genetisch belastete Paare wünschen sich Kinder, die ohne die

5 befürchteten Erkrankungen leben können. Solche Hoffnungen und Wünsche haben großes Gewicht.

Ihretwegen wurde nicht nur die Erzeugung von Embryonen in der Petrischale, sondern auch deren

genetische Untersuchung vor der Implantation (PID) zugelassen. Doch eine derartige Entscheidung hat

eine Kehrseite. Mit der PID verbindet sich ein selektiver Blick, der darauf zielt, unter den in vitro

hergestellten Embryonen die einen auszuwählen und die anderen zu verwerfen. Mit dem Wunsch,

10 Leid zu vermeiden, verbindet sich die Entscheidung darüber, welcher Embryo vorzugswürdig ist.

Deshalb werden mehr Embryonen hergestellt, als in einem Zyklus implantiert werden sollen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach werden neue Diagnosetechniken zu einem breiteren Einsatz der PID

führen. Chipgestützte Diagnosen werden das Indikationsspektrum erweitern; sie werden Resultate

erbringen, nach denen gar nicht gefragt wurde. Diese „Überschussinformationen“ werden eine Aus-

15 wahl von Embryonen auch aus anderen Gründen als den eng begrenzten, auf genetische Belastungen

der Eltern bezogene[n] zur Folge haben. Mit solchen Entwicklungen kann sich der Druck auf

genetisch belastete Eltern erhöhen, sich einer PID zu unterziehen; Menschen mit genetisch bedingten

Behinderungen können sich durch solche Entwicklungen tiefgreifend in Frage gestellt fühlen. Den

Bemühungen um Integration und Inklusion von Behinderten liefe eine solche Entwicklung zuwider.

20 Ähnlich wie die Pränataldiagnostik (PND) wird beim Einsatz der In-Vitro-Fertilisation (IVF) auch die

PID wahrscheinlich zum Regelfall werden; die einstweilen vorgesehene Einschränkung auf Fälle, in

denen schwerwiegende Erkrankungen zu befürchten sind, wird sich kaum auf Dauer halten lassen.

Geht es nur um Leidvermeidung oder auch um Vervollkommnung ( enhancement)?

Verletzlichkeit und Vervollkommnung, Vulnerabilität 1 und Perfektibilität beschreiben nicht nur zwei

25 Ausgangspunkte für heutiges Handeln in Medizin und Lebenswissenschaften. Diese beiden Eckpunkte

sind im abendländischen Menschenbild miteinander verbunden. Sie lassen sich auf das griechische

und auf das biblische Bild vom Menschen und damit auf die Grundgedanken des Selbstbewusstseins

und der Nächstenliebe zurückführen.

Das griechische Bild eines Menschen, der durch arete 2, durch die Befähigung zum gelingenden

30 Leben, ausgezeichnet ist, orientiert sich an der gesunden, ja makellosen Person, wie sie noch den

heutigen Betrachter in den Statuen von Phidias 3 oder Praxiteles 4 unmittelbar beeindruckt. In der

menschlichen Person verbinden sich Qualität der Leistung und Anmut des Körpers miteinander; das

Gute und das Schöne gehören zusammen. Das zeigt sich auf exemplarische Weise an den Siegern in

den Wettkämpfen von Olympia; man kann von einem olympischen Modell des Menschen sprechen.

35 Diesem Modell entspricht die Hochschätzung der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen.

Die griechische Philosophie erfasst dies in dem Motiv, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen

zur Selbstachtung bestimmt ist. Wenn er von dieser Selbstachtung Gebrauch macht, handelt er aus

Freiheit.

Auch die biblische Tradition schätzt den Menschen hoch. Sie sagt von ihm, Gott habe ihn zu seinem

40 Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist deshalb nur „wenig niedriger gemacht“ als Gott (Psalm 8,6).

Doch mit dieser Hochschätzung verbindet sich eine ausdrückliche Hinwendung zum Leidenden,

Kranken, der Hilfe Bedürftigen. Dass der Mensch ein verletzliches, auf die Hilfe anderer

angewiesenes Wesen ist, tritt in der biblischen Tradition markant hervor. […]

Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden geschilderten Menschenbildern ist tief in unserem

45 kulturellen Bewusstsein verankert. Das olympische, leistungsorientierte Modell ist ein kräftiger

Anstoß für die Bereitschaft, sein Bestes zu geben und seine Gaben zu entfalten. Diese Haltungen in

ihrer spannungsvollen Zusammengehörigkeit wahrzunehmen, ist eine zentrale Aufgabe persönlicher

Lebensführung wie gesellschaftlicher Gestaltung. In beiden Bereichen geht es darum, dass Autonomie

und Nächstenliebe, Selbstbestimmung und Fürsorge in der Balance gehalten werden. Diese Aufgabe

50 ist umso wichtiger, je stärker der Sog wird, der vom Gedanken der Perfektibilität ausgeht.

Die Vorstellung von einer erreichbaren menschlichen Vollkommenheit geht inzwischen so weit, dass

sogar die Unsterblichkeit als erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns angesehen wird. […]

Bescheidener als solche Utopien und doch anspruchsvoll genug ist das Bemühen, vorzeitigen Tod und

unnötiges Leiden zu vermeiden und Menschen dabei zu helfen, die ihnen zugemessene Lebenszeit in

55 Würde verbringen zu können. Doch zu dieser Würde gehört es, die Endlichkeit des menschlichen

Lebens anzuerkennen und sie von der Ewigkeit Gottes zu unterscheiden.

Hier zeigt sich, warum wir bei der Verständigung über grundlegende Fragen des Menschenbildes nicht

auf die Erfahrungen und die Sprache der Religion verzichten sollten. Darauf hat mit besonderem

Nachdruck Jürgen Habermas 5 hingewiesen. Explizit knüpft er an die Rede von der Gottebenbildlich-

60 keit des Menschen an. In diesem Gedanken, so erläutert Habermas, verbindet sich die Entsprechung

zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit mit der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Insofern erschließt dieser religiöse Gedanke den Zugang zum Verständnis der endlichen Freiheit des

Menschen. Bei Habermas heißt es in diesem Zusammenhang: „Dass der Gott, der die Liebe ist, in

Adam und Eva freie Wesen schafft, die ihm gleichen, muss man nicht glauben, um zu verstehen, was

65 mit Ebenbildlichkeit gemeint ist. Liebe kann es ohne Erkenntnis in einem anderen, Freiheit ohne

gegenseitige Anerkennung nicht geben. Deshalb muss das Gegenüber in Menschengestalt seinerseits

frei sein, um die Zuwendung Gottes erwidern zu können … Gott bleibt nur so lange ein ‚Gott freier

Menschen‘, wie wir die absolute Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht einebnen.“

Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch hilft dabei, die Freiheit des Menschen in ihrer

70 Endlichkeit zu begreifen und diese Endlichkeit auch bei allen wissenschaftlichen Bemühungen um

Erhaltung und Qualität des menschlichen Lebens im Blick zu behalten. Damit ist keine Gering-

schätzung der modernen Lebenswissenschaften verbunden. Schon immer hat der Mensch das eigene

Leben zum Gegenstand technischer Manipulationen gemacht, den eigenen Körper verändert und nach

funktionalen Äquivalenten für defekte Körperfunktionen gesucht. Doch er griff dabei nicht planmäßig

75 in die eigene biologische Konstitution ein. […]

Auch wenn die DNS entschlüsselt ist, wird das menschliche Leben ein Geheimnis bleiben. Denn der

Mensch lebt nicht nur, sondern verhält sich zu seinem Leben; er geht nicht mit seinem Leben um,

sondern empfängt es als Gabe und Geschenk; beim Nachdenken über sich stößt er nicht nur auf sich

selbst, sondern geht über sich hinaus und fragt nach Gott. Je weiter menschliche Erkenntnis ausgreift

80 und menschliche Verfügungsmacht reicht, desto wichtiger wird es sein, dass diese Erkenntnis nicht

über das Leben herrscht, sondern dem Leben dient. Dafür wird der entscheidende Prüfstein sein, ob

der Mensch in solchen Veränderungen als Person geachtet, in seiner Würde und Freiheit respektiert

und ob sein Leben in seiner Endlichkeit angenommen wird.

Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, München 2. Aufl. 2015, S. 55–59, Hervorhebungen im Original.

1 Vulnerabilität – Verletzbarkeit, Verwundbarkeit

2 Das antike griechische Wort „arete“ bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person.

3 Phidias (480–430 v. Chr.) – einer der größten Bildhauer der Antike

4 Praxiteles (390–320 v. Chr.) – ebenfalls einer der bedeutendsten Bildhauer der Antike

5 Jürgen Habermas (*1929) ist ein deutscher emeritierter Professor, der zu den weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart zählt.

Hinweise:

Wolfgang Huber (*1942): deutscher evangelischer Theologe, 2003–2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland

Bemerkungen in Klammern und Zwischenüberschriften wurden gestrichen.

Aufgabe 3

3

Religionskritiker behaupten, dass der Mensch sich seiner Eigenständigkeit, seiner Freiheit und Selbstverantwortlichkeit nur dann bewusst wird, wenn er Gott leugnet.

Setzen Sie sich unter Berücksichtigung der vorliegenden Aussagen von Wolfgang Huber mit dieser Behauptung auseinander. [35 BE]

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