Abitur Hessen Evangelische Religion 2021 · GK

Abiturprüfung Evangelische Religion in Hessen 2021, GK: 13 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · Theodizee: Gott und das Leid · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Hans Küng: Der Sinn von Christi Kreuz und Tod (1992)

Weder die Hebräische Bibel noch das Neue Testament erklären es uns, wie der gute, gerechte und

mächtige Gott – alle diese Attribute kann man schließlich und endlich doch nicht aufgeben, wenn es

noch um Gott gehen soll! –, wie Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid im Kleinen (aber

was ist hier „klein“?) und im Großen (ja, Übergroßen) hat geschehen lassen können. Wie hat Gott

5 „mitansehen“ können, dass Auschwitz möglich gemacht wurde? […]

Oder soll ich mich einfach mit der klassischen theologischen Formel über all das Leid des Holocaust

hinwegtrösten: Gott „will“ das Leid nicht; er will es aber auch nicht nicht, er läßt es vielmehr nur

geschehen: „permittit“, „läßt es zu“. Doch löst das alle Rätsel auf? Nein, das löste gestern so wenig,

wie es heute etwas löst. […]

10 Manchmal genügt schon ein beruflicher Mißerfolg, eine Krankheit, der Verlust, der Verrat oder der

Tod eines einzigen Menschen, um uns in Verzweiflung zu stürzen. […]

Daß „Allmacht“ ein mißverständliches Attribut Gottes ist, haben wir gehört. Doch ein aller Macht

beraubter Gott hörte auf, Gott zu sein. Und die Vorstellung, daß der Gott der Bibel statt gütig und

gerecht grausam und willkürlich wäre, ist erst recht unerträglich. […]

15 Erklärt denn Gottlosigkeit die Welt besser? Ihre misère 1 und ihre grandeur 2 ? Erklärt sie die Welt, wie

sie nun einmal ist? Vermag etwa Unglaube in unschuldigem, unbegreiflichem, sinnlosem Leid zu

trösten? Als ob an solchem Leid nicht auch alle ungläubige Ratio 3 ihre Grenze hätte! Als ob

Auschwitz nicht weitgehend gerade die Tat bereits gottloser Verbrecher gewesen wäre! Nein, der

Antitheologe ist hier keinesfalls besser dran als der Theologe. […]

20 Wir kommen um das ernüchternde Eingeständnis nicht herum: Wenn weder eine theologische noch

eine antitheologische „Theorie“ das Leid erklärt, dann ist eine andere Grundhaltung gefordert. Es ist

meine über Jahrzehnte gewachsene Einsicht, zu der ich bisher keine mich überzeugende Alternative

gefunden habe: Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid läßt sich – im individuellen wie im

sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen. […]

25 Für Christen – und warum schließlich nicht auch für Juden? – scheint im äußersten Leid über die

(letztlich doch fiktive) Gestalt des Ijob hinaus die wahrhaft historische Gestalt des leidenden und

sterbenden „Gottesknechtes“ (vgl. Jes 52,13–53,12), des Schmerzensmannes aus Nazaret, auf. […]

Hatte Jesu Tod einen Sinn? Ich antworte nochmals: Nur von der geglaubten Auferweckung Jesu zu

neuem Leben durch und mit Gott kann ein „Sinn“ in dieses äußerlich sinnlose, gottverlassene Sterben

30 hineinkommen. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte

die Einladung, auch bei anscheinend sinnlosem Leiden auf einen Sinn zu vertrauen und für sich selber

in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Also nicht die Erwartung

eines Happy End auf Erden wie in der Rahmengeschichte des Ijob, der am Ende sogar – für die

Verlorenen – noch mal sieben Söhne und drei Töchter zeugen kann. Sondern ganz radikal das

35 Angebot, selbst im (zur Not bis zum bitteren Ende durchgestandenen) sinnlosen Leiden einen Sinn zu

bejahen. Einen verborgenen Sinn, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht

dieses einen von Gott und Menschen Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann.

Leiden und Hoffnung gehören für die Schrift unlösbar zusammen! Hoffnung auf einen Gott, der sich

trotz allem nicht als launisch-apathischer 4 Willkürgott, sondern als Gott der rettenden Liebe erweisen

40 und durchsetzen wird.

Ohne daß also das Leiden verniedlicht, uminterpretiert oder glorifiziert oder auch einfach stoisch 5,

apathisch, gefühllos hingenommen wird, läßt sich vom leidenden Gottesknecht Jesus her erkennen und

in oft beinahe verzweifelter Hoffnung in Protest und Gebet bekennen,

– daß Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt;

45 – daß Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt;

– daß wir so, wo immer möglich, Solidarität im Leiden beweisen und es mitzutragen versuchen

sollten;

– ja, daß wir das Leid so nicht nur ertragen, sondern, wo immer möglich, bekämpfen, bekämpfen

weniger im Einzelnen als in den leidverursachenden Strukturen und Verhältnissen.

50 Ob dies eine leb-bare Antwort ist, die das Leid nicht vergessen, aber verarbeiten hilft, muß jeder, muß

jede für sich selbst entscheiden. Betroffen gemacht und ermutigt hat mich die Tatsache, daß selbst in

Auschwitz ungezählte Juden und auch einige Christen an den trotz aller Schrecknisse dennoch

verborgen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt

haben. Sie haben vertraut, und sie haben – was oft übersehen wird – auch gebetet selbst noch in der

55 Hölle von Auschwitz!

Hans Küng: Credo. Das apostolische Glaubensbekenntnis, München 1992, S. 121–128, Hervorhebungen getilgt.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe

1 misère (frz.) – unglückliche Situation, bedauernswerte Lage, Notlage

2 grandeur (frz.) – Größe, Pracht, Erhabenheit

3 Ratio – Vernunft

4 apathisch – teilnahmslos, gleichgültig

5 stoisch – hier: unerschütterlich

1

Geben Sie den Gedankengang des vorliegenden Textes wieder. (Material)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung

Material

Hans Küng: Der Sinn von Christi Kreuz und Tod (1992)

Weder die Hebräische Bibel noch das Neue Testament erklären es uns, wie der gute, gerechte und

mächtige Gott – alle diese Attribute kann man schließlich und endlich doch nicht aufgeben, wenn es

noch um Gott gehen soll! –, wie Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid im Kleinen (aber

was ist hier „klein“?) und im Großen (ja, Übergroßen) hat geschehen lassen können. Wie hat Gott

5 „mitansehen“ können, dass Auschwitz möglich gemacht wurde? […]

Oder soll ich mich einfach mit der klassischen theologischen Formel über all das Leid des Holocaust

hinwegtrösten: Gott „will“ das Leid nicht; er will es aber auch nicht nicht, er läßt es vielmehr nur

geschehen: „permittit“, „läßt es zu“. Doch löst das alle Rätsel auf? Nein, das löste gestern so wenig,

wie es heute etwas löst. […]

10 Manchmal genügt schon ein beruflicher Mißerfolg, eine Krankheit, der Verlust, der Verrat oder der

Tod eines einzigen Menschen, um uns in Verzweiflung zu stürzen. […]

Daß „Allmacht“ ein mißverständliches Attribut Gottes ist, haben wir gehört. Doch ein aller Macht

beraubter Gott hörte auf, Gott zu sein. Und die Vorstellung, daß der Gott der Bibel statt gütig und

gerecht grausam und willkürlich wäre, ist erst recht unerträglich. […]

15 Erklärt denn Gottlosigkeit die Welt besser? Ihre misère 1 und ihre grandeur 2 ? Erklärt sie die Welt, wie

sie nun einmal ist? Vermag etwa Unglaube in unschuldigem, unbegreiflichem, sinnlosem Leid zu

trösten? Als ob an solchem Leid nicht auch alle ungläubige Ratio 3 ihre Grenze hätte! Als ob

Auschwitz nicht weitgehend gerade die Tat bereits gottloser Verbrecher gewesen wäre! Nein, der

Antitheologe ist hier keinesfalls besser dran als der Theologe. […]

20 Wir kommen um das ernüchternde Eingeständnis nicht herum: Wenn weder eine theologische noch

eine antitheologische „Theorie“ das Leid erklärt, dann ist eine andere Grundhaltung gefordert. Es ist

meine über Jahrzehnte gewachsene Einsicht, zu der ich bisher keine mich überzeugende Alternative

gefunden habe: Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid läßt sich – im individuellen wie im

sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen. […]

25 Für Christen – und warum schließlich nicht auch für Juden? – scheint im äußersten Leid über die

(letztlich doch fiktive) Gestalt des Ijob hinaus die wahrhaft historische Gestalt des leidenden und

sterbenden „Gottesknechtes“ (vgl. Jes 52,13–53,12), des Schmerzensmannes aus Nazaret, auf. […]

Hatte Jesu Tod einen Sinn? Ich antworte nochmals: Nur von der geglaubten Auferweckung Jesu zu

neuem Leben durch und mit Gott kann ein „Sinn“ in dieses äußerlich sinnlose, gottverlassene Sterben

30 hineinkommen. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte

die Einladung, auch bei anscheinend sinnlosem Leiden auf einen Sinn zu vertrauen und für sich selber

in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Also nicht die Erwartung

eines Happy End auf Erden wie in der Rahmengeschichte des Ijob, der am Ende sogar – für die

Verlorenen – noch mal sieben Söhne und drei Töchter zeugen kann. Sondern ganz radikal das

35 Angebot, selbst im (zur Not bis zum bitteren Ende durchgestandenen) sinnlosen Leiden einen Sinn zu

bejahen. Einen verborgenen Sinn, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht

dieses einen von Gott und Menschen Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann.

Leiden und Hoffnung gehören für die Schrift unlösbar zusammen! Hoffnung auf einen Gott, der sich

trotz allem nicht als launisch-apathischer 4 Willkürgott, sondern als Gott der rettenden Liebe erweisen

40 und durchsetzen wird.

Ohne daß also das Leiden verniedlicht, uminterpretiert oder glorifiziert oder auch einfach stoisch 5,

apathisch, gefühllos hingenommen wird, läßt sich vom leidenden Gottesknecht Jesus her erkennen und

in oft beinahe verzweifelter Hoffnung in Protest und Gebet bekennen,

– daß Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt;

45 – daß Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt;

– daß wir so, wo immer möglich, Solidarität im Leiden beweisen und es mitzutragen versuchen

sollten;

– ja, daß wir das Leid so nicht nur ertragen, sondern, wo immer möglich, bekämpfen, bekämpfen

weniger im Einzelnen als in den leidverursachenden Strukturen und Verhältnissen.

50 Ob dies eine leb-bare Antwort ist, die das Leid nicht vergessen, aber verarbeiten hilft, muß jeder, muß

jede für sich selbst entscheiden. Betroffen gemacht und ermutigt hat mich die Tatsache, daß selbst in

Auschwitz ungezählte Juden und auch einige Christen an den trotz aller Schrecknisse dennoch

verborgen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt

haben. Sie haben vertraut, und sie haben – was oft übersehen wird – auch gebetet selbst noch in der

55 Hölle von Auschwitz!

Hans Küng: Credo. Das apostolische Glaubensbekenntnis, München 1992, S. 121–128, Hervorhebungen getilgt.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe

1 misère (frz.) – unglückliche Situation, bedauernswerte Lage, Notlage

2 grandeur (frz.) – Größe, Pracht, Erhabenheit

3 Ratio – Vernunft

4 apathisch – teilnahmslos, gleichgültig

5 stoisch – hier: unerschütterlich

2

Erläutern Sie, inwieweit sich die Aussage von Hans Küng, dass Solidarität im Leiden zu beweisen und Leid zu bekämpfen sei (Material), mit dem Leben und Sterben sowie mit der Verkündigung Jesu begründen lässt.

(40 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Theodizee: Gott und das Leid

Material

Hans Küng: Der Sinn von Christi Kreuz und Tod (1992)

Weder die Hebräische Bibel noch das Neue Testament erklären es uns, wie der gute, gerechte und

mächtige Gott – alle diese Attribute kann man schließlich und endlich doch nicht aufgeben, wenn es

noch um Gott gehen soll! –, wie Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid im Kleinen (aber

was ist hier „klein“?) und im Großen (ja, Übergroßen) hat geschehen lassen können. Wie hat Gott

5 „mitansehen“ können, dass Auschwitz möglich gemacht wurde? […]

Oder soll ich mich einfach mit der klassischen theologischen Formel über all das Leid des Holocaust

hinwegtrösten: Gott „will“ das Leid nicht; er will es aber auch nicht nicht, er läßt es vielmehr nur

geschehen: „permittit“, „läßt es zu“. Doch löst das alle Rätsel auf? Nein, das löste gestern so wenig,

wie es heute etwas löst. […]

10 Manchmal genügt schon ein beruflicher Mißerfolg, eine Krankheit, der Verlust, der Verrat oder der

Tod eines einzigen Menschen, um uns in Verzweiflung zu stürzen. […]

Daß „Allmacht“ ein mißverständliches Attribut Gottes ist, haben wir gehört. Doch ein aller Macht

beraubter Gott hörte auf, Gott zu sein. Und die Vorstellung, daß der Gott der Bibel statt gütig und

gerecht grausam und willkürlich wäre, ist erst recht unerträglich. […]

15 Erklärt denn Gottlosigkeit die Welt besser? Ihre misère 1 und ihre grandeur 2 ? Erklärt sie die Welt, wie

sie nun einmal ist? Vermag etwa Unglaube in unschuldigem, unbegreiflichem, sinnlosem Leid zu

trösten? Als ob an solchem Leid nicht auch alle ungläubige Ratio 3 ihre Grenze hätte! Als ob

Auschwitz nicht weitgehend gerade die Tat bereits gottloser Verbrecher gewesen wäre! Nein, der

Antitheologe ist hier keinesfalls besser dran als der Theologe. […]

20 Wir kommen um das ernüchternde Eingeständnis nicht herum: Wenn weder eine theologische noch

eine antitheologische „Theorie“ das Leid erklärt, dann ist eine andere Grundhaltung gefordert. Es ist

meine über Jahrzehnte gewachsene Einsicht, zu der ich bisher keine mich überzeugende Alternative

gefunden habe: Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid läßt sich – im individuellen wie im

sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen. […]

25 Für Christen – und warum schließlich nicht auch für Juden? – scheint im äußersten Leid über die

(letztlich doch fiktive) Gestalt des Ijob hinaus die wahrhaft historische Gestalt des leidenden und

sterbenden „Gottesknechtes“ (vgl. Jes 52,13–53,12), des Schmerzensmannes aus Nazaret, auf. […]

Hatte Jesu Tod einen Sinn? Ich antworte nochmals: Nur von der geglaubten Auferweckung Jesu zu

neuem Leben durch und mit Gott kann ein „Sinn“ in dieses äußerlich sinnlose, gottverlassene Sterben

30 hineinkommen. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte

die Einladung, auch bei anscheinend sinnlosem Leiden auf einen Sinn zu vertrauen und für sich selber

in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Also nicht die Erwartung

eines Happy End auf Erden wie in der Rahmengeschichte des Ijob, der am Ende sogar – für die

Verlorenen – noch mal sieben Söhne und drei Töchter zeugen kann. Sondern ganz radikal das

35 Angebot, selbst im (zur Not bis zum bitteren Ende durchgestandenen) sinnlosen Leiden einen Sinn zu

bejahen. Einen verborgenen Sinn, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht

dieses einen von Gott und Menschen Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann.

Leiden und Hoffnung gehören für die Schrift unlösbar zusammen! Hoffnung auf einen Gott, der sich

trotz allem nicht als launisch-apathischer 4 Willkürgott, sondern als Gott der rettenden Liebe erweisen

40 und durchsetzen wird.

Ohne daß also das Leiden verniedlicht, uminterpretiert oder glorifiziert oder auch einfach stoisch 5,

apathisch, gefühllos hingenommen wird, läßt sich vom leidenden Gottesknecht Jesus her erkennen und

in oft beinahe verzweifelter Hoffnung in Protest und Gebet bekennen,

– daß Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt;

45 – daß Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt;

– daß wir so, wo immer möglich, Solidarität im Leiden beweisen und es mitzutragen versuchen

sollten;

– ja, daß wir das Leid so nicht nur ertragen, sondern, wo immer möglich, bekämpfen, bekämpfen

weniger im Einzelnen als in den leidverursachenden Strukturen und Verhältnissen.

50 Ob dies eine leb-bare Antwort ist, die das Leid nicht vergessen, aber verarbeiten hilft, muß jeder, muß

jede für sich selbst entscheiden. Betroffen gemacht und ermutigt hat mich die Tatsache, daß selbst in

Auschwitz ungezählte Juden und auch einige Christen an den trotz aller Schrecknisse dennoch

verborgen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt

haben. Sie haben vertraut, und sie haben – was oft übersehen wird – auch gebetet selbst noch in der

55 Hölle von Auschwitz!

Hans Küng: Credo. Das apostolische Glaubensbekenntnis, München 1992, S. 121–128, Hervorhebungen getilgt.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe

1 misère (frz.) – unglückliche Situation, bedauernswerte Lage, Notlage

2 grandeur (frz.) – Größe, Pracht, Erhabenheit

3 Ratio – Vernunft

4 apathisch – teilnahmslos, gleichgültig

5 stoisch – hier: unerschütterlich

3

Hans Küng schreibt: „Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid lässt sich – im individuellen wie im sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen.“ (Material)

Überprüfen Sie, inwieweit Küngs Gottesbild, wie es im vorliegenden Text zum Ausdruck kommt, biblisch angemessen ist und dabei helfen kann, Leid praktisch zu bestehen.

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material 1

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes (2006)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller

staatlichen Gewalt“. Ein halbes Jahrhundert lang galten diese Sätze aus Art. 1 des Grundgesetzes in

der Bundesrepublik fast unbestritten. Sie waren – und sind – nicht nur die Grundlage unserer

Verfassung, sondern auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens. […] Niemand kann einem

5 Menschen den Anspruch auf Achtung nehmen. Aber sehr wohl können Menschen diesen Anspruch

missachten, sie können Menschen so behandeln, als hätten sie diesen Anspruch nicht. Und darum hat

GG Art. 1 auch darin recht, dass es nicht nur die Unantastbarkeit der Menschenwürde – im Sinne des

Anspruchs auf Achtung – konstatiert, sondern zugleich sagt: „Sie zu achten und zu schützen ist

Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ […]

10 Und was sagt das im Blick auf das christliche Menschenbild? In dessen Zentrum steht fraglos die

Einsicht, dass der Mensch, jeder Mensch, zu Gottes Bild geschaffen ist. Über die Jahrhunderte hin hat

sich allerdings gezeigt, dass die traditionelle theologische Begründung der Menschenwürde durch den

Gedanken der Gottebenbildlichkeit nicht völlig gegen Missverständnisse und problematische

Anwendungen gefeit ist. Das gilt jedenfalls dann, wenn die biblische Aussage über die

15 Gottebenbildlichkeit des Menschen verstanden wird als Hinweis auf besondere Eigenschaften oder

Fähigkeiten des Menschen, aufgrund deren ihm Menschenwürde zukommt und zuzusprechen ist.

Unter diesen Eigenschaften und Fähigkeiten stehen naturgemäß vornean: Vernunft und Sprache, also

das, was den Menschen von den übrigen Geschöpfen unterscheidet. Das ist natürlich nicht verkehrt,

aber es kann leicht zu problematischen Verengungen führen.

20 Dagegen hat sich in der Theologie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein neues, vertieftes Verständnis

von Menschenwürde durchgesetzt, das sich nicht länger an Eigenschaften und Fähigkeiten orientiert,

sondern an Beziehungen, genauer gesagt: an der grundlegenden, das menschliche Dasein

konstituierenden Beziehung Gottes zum Menschen. Ein solches relationales Verständnis von

Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde hat sich als dem biblischen und christlichen Denken

25 angemessenere Verständnis herausgestellt und erweist sich zugleich im Blick auf die aktuellen

Diskussionen – insbesondere im Bereich der Medizin- und Bioethik – als besonders leistungsfähig.

Eine besonders wichtige Leistung des relationalen Menschenwürde-Gedankens besteht darin, dass er

sowohl dem Wissen um die Sozialität als auch um die Individualität des Menschen gerecht wird, ohne

in die gefährlichen Abwege eines Kollektivismus oder Individualismus abzugleiten.

30 Auf diesem Weg ist die Theologie nun in den letzten Jahren noch einen entscheidenden Schritt

weitergegangen, indem sie erkannte, dass aus christlicher Sicht eine weitere Vertiefung des

Verständnisses von Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde dadurch möglich ist, dass der Mensch

im Lichte der Rechtfertigung wahrgenommen wird, die ihm durch Jesus Christus zuteil wird, der „das

Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ ist (Kol 1,15 […]). Diese Begründung der Gottebenbildlichkeit und

35 Menschenwürde in der Rechtfertigung hat gegenüber der schöpfungstheologischen Begründung den

Vorteil, dass man von ihr her kaum auf den Gedanken kommen kann, dass es die Stärken und Vorzüge

eines Menschen wären, aufgrund deren ihm diese Auszeichnung von Gott her zuteil wird, sondern

dass der Mensch auch und gerade in seiner ganzen Schwäche, Niedrigkeit, Fehlbarkeit und

Erbärmlichkeit Gegenstand dieser Auszeichnung ist. […]

40 Wem eignet Menschenwürde? […] Dabei ist zunächst festzuhalten, dass es keine Grenze geben kann,

durch die von Menschen abstammende Wesen aufgrund von irgendwelchen Defekten ausgeschlossen

wären. Keine mögliche körperliche oder intellektuelle Behinderung berechtigt dazu, einem Wesen, das

von Menschen abstammt, das Menschsein abzusprechen. Trotzdem bleibt aber die Frage zu stellen

und zu beantworten, von wann ab und bis zu welchem Zeitpunkt ein von Menschen abstammendes

45 Wesen als „Mensch“ zu bezeichnen ist.

In dem ganzen Entwicklungsprozess von der Verbindung des Genoms der Samenzelle und der Eizelle

zu einem neuen, lebensfähigen Genom – also von der Befruchtung – an bis zum Tod gibt es keine

qualitative Zäsur, an der aus einem Zellhaufen erst ein Mensch würde. Der menschliche Embryo

entwickelt sich […] von Anfang an als Mensch, nicht zum Menschen. Alle Einschnitte, die es in dieser

50 Entwicklung gibt – Einnistung, Entstehung des zentralen Nervensystems, selbständige

Lebensfähigkeit, Geburt etc. – stellen trotz ihrer großen Bedeutung für die menschliche Entwicklung

keine solche qualitative Zäsur dar. […]

In der Gesamtheit des geschaffenen Seienden ist die Spezies „Mensch“ die einzige, von der wir

wissen, dass sie – in Gestalt ihrer einzelnen Individuen und in überindividuellen Gemeinschaften –

55 dazu in der Lage ist, nach dem Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden und damit auch nach Gott zu

fragen, darüber Vermutungen oder Erkenntnisse zu äußern und sich dazu – in Verehrung oder

Ablehnung – zu verhalten. […]

Damit ist natürlich nur gesagt, dass die Anlage oder Bestimmung zur weltanschaulich-religiös-

ethischen Kommunikation das Charakteristikum der Spezies „Mensch“ bildet. Sie begründet die

60 Besonderheit der Menschenwürde im Unterschied zum Sein aller anderen Geschöpfe. Sie begründet

auch seine damit gegebene Überordnung, wie sie in der biblischen Vorstellung von der dem Menschen

übertragenen fürsorglichen Herrschaft (Dominium terrae 1) zum Ausdruck kommt. Denn nur eine

Erkenntnis – oder zumindest Ahnung – von Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden befähigt dazu,

dessen Wesen und Bestimmung so zu erkennen, dass ein dem angemessener, verantwortlicher

65 Umgang mit dem Seienden möglich ist.

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes, in: Evangelische Verantwortung (Heft 2) 2006, S. 1–11.

Hinweis

Wilfried Härle (*1941): deutscher evangelischer Theologe

1 Dominium terrae (lat.) – Herrschaft über die Erde, gemeint ist der biblische Herrschaftsauftrag

Material 2

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde (2001)

Wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschen-

lebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen

Menschen – ob Christ oder nicht – in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben.

Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich, wenn

5 Präimplantations- oder Pränataldiagnostik 1 schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht

erwarten lässt, für oder gegen deren Austragen zu entscheiden.

Mich schrecken dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung

für oder gegen Behinderte beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren

Entscheidungen zu treffen. Nicht nur deshalb, weil sich hier andere anmaßen, nach ihrem Gutdünken

10 anstelle der Eltern und vor allem der Mütter zu entscheiden. […] Mich schreckt am meisten der Geist

erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste

vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen.

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde, in: Tagesspiegel, 24.06.2001, URL: https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/gentechnik-warnung-vor-erbarmungsloser-moral/236494.html (abgerufen am 01.07.2020).

Hinweis

Hubert Markl (1938–2015): deutscher Zoologe

1 Präimplantationsdiagnostik (PID) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte nach einer künstlichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob der Embryo überhaupt in den Mutterleib eingesetzt wird.

Pränataldiagnostik (PND) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte während der Schwangerschaft. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob die Schwangerschaft fortgesetzt oder ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird.

Vorschlag B – Aufgabe 1

1

Geben Sie die Argumentation des Autors wieder. (Material 1) [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material 1

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes (2006)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller

staatlichen Gewalt“. Ein halbes Jahrhundert lang galten diese Sätze aus Art. 1 des Grundgesetzes in

der Bundesrepublik fast unbestritten. Sie waren – und sind – nicht nur die Grundlage unserer

Verfassung, sondern auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens. […] Niemand kann einem

5 Menschen den Anspruch auf Achtung nehmen. Aber sehr wohl können Menschen diesen Anspruch

missachten, sie können Menschen so behandeln, als hätten sie diesen Anspruch nicht. Und darum hat

GG Art. 1 auch darin recht, dass es nicht nur die Unantastbarkeit der Menschenwürde – im Sinne des

Anspruchs auf Achtung – konstatiert, sondern zugleich sagt: „Sie zu achten und zu schützen ist

Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ […]

10 Und was sagt das im Blick auf das christliche Menschenbild? In dessen Zentrum steht fraglos die

Einsicht, dass der Mensch, jeder Mensch, zu Gottes Bild geschaffen ist. Über die Jahrhunderte hin hat

sich allerdings gezeigt, dass die traditionelle theologische Begründung der Menschenwürde durch den

Gedanken der Gottebenbildlichkeit nicht völlig gegen Missverständnisse und problematische

Anwendungen gefeit ist. Das gilt jedenfalls dann, wenn die biblische Aussage über die

15 Gottebenbildlichkeit des Menschen verstanden wird als Hinweis auf besondere Eigenschaften oder

Fähigkeiten des Menschen, aufgrund deren ihm Menschenwürde zukommt und zuzusprechen ist.

Unter diesen Eigenschaften und Fähigkeiten stehen naturgemäß vornean: Vernunft und Sprache, also

das, was den Menschen von den übrigen Geschöpfen unterscheidet. Das ist natürlich nicht verkehrt,

aber es kann leicht zu problematischen Verengungen führen.

20 Dagegen hat sich in der Theologie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein neues, vertieftes Verständnis

von Menschenwürde durchgesetzt, das sich nicht länger an Eigenschaften und Fähigkeiten orientiert,

sondern an Beziehungen, genauer gesagt: an der grundlegenden, das menschliche Dasein

konstituierenden Beziehung Gottes zum Menschen. Ein solches relationales Verständnis von

Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde hat sich als dem biblischen und christlichen Denken

25 angemessenere Verständnis herausgestellt und erweist sich zugleich im Blick auf die aktuellen

Diskussionen – insbesondere im Bereich der Medizin- und Bioethik – als besonders leistungsfähig.

Eine besonders wichtige Leistung des relationalen Menschenwürde-Gedankens besteht darin, dass er

sowohl dem Wissen um die Sozialität als auch um die Individualität des Menschen gerecht wird, ohne

in die gefährlichen Abwege eines Kollektivismus oder Individualismus abzugleiten.

30 Auf diesem Weg ist die Theologie nun in den letzten Jahren noch einen entscheidenden Schritt

weitergegangen, indem sie erkannte, dass aus christlicher Sicht eine weitere Vertiefung des

Verständnisses von Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde dadurch möglich ist, dass der Mensch

im Lichte der Rechtfertigung wahrgenommen wird, die ihm durch Jesus Christus zuteil wird, der „das

Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ ist (Kol 1,15 […]). Diese Begründung der Gottebenbildlichkeit und

35 Menschenwürde in der Rechtfertigung hat gegenüber der schöpfungstheologischen Begründung den

Vorteil, dass man von ihr her kaum auf den Gedanken kommen kann, dass es die Stärken und Vorzüge

eines Menschen wären, aufgrund deren ihm diese Auszeichnung von Gott her zuteil wird, sondern

dass der Mensch auch und gerade in seiner ganzen Schwäche, Niedrigkeit, Fehlbarkeit und

Erbärmlichkeit Gegenstand dieser Auszeichnung ist. […]

40 Wem eignet Menschenwürde? […] Dabei ist zunächst festzuhalten, dass es keine Grenze geben kann,

durch die von Menschen abstammende Wesen aufgrund von irgendwelchen Defekten ausgeschlossen

wären. Keine mögliche körperliche oder intellektuelle Behinderung berechtigt dazu, einem Wesen, das

von Menschen abstammt, das Menschsein abzusprechen. Trotzdem bleibt aber die Frage zu stellen

und zu beantworten, von wann ab und bis zu welchem Zeitpunkt ein von Menschen abstammendes

45 Wesen als „Mensch“ zu bezeichnen ist.

In dem ganzen Entwicklungsprozess von der Verbindung des Genoms der Samenzelle und der Eizelle

zu einem neuen, lebensfähigen Genom – also von der Befruchtung – an bis zum Tod gibt es keine

qualitative Zäsur, an der aus einem Zellhaufen erst ein Mensch würde. Der menschliche Embryo

entwickelt sich […] von Anfang an als Mensch, nicht zum Menschen. Alle Einschnitte, die es in dieser

50 Entwicklung gibt – Einnistung, Entstehung des zentralen Nervensystems, selbständige

Lebensfähigkeit, Geburt etc. – stellen trotz ihrer großen Bedeutung für die menschliche Entwicklung

keine solche qualitative Zäsur dar. […]

In der Gesamtheit des geschaffenen Seienden ist die Spezies „Mensch“ die einzige, von der wir

wissen, dass sie – in Gestalt ihrer einzelnen Individuen und in überindividuellen Gemeinschaften –

55 dazu in der Lage ist, nach dem Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden und damit auch nach Gott zu

fragen, darüber Vermutungen oder Erkenntnisse zu äußern und sich dazu – in Verehrung oder

Ablehnung – zu verhalten. […]

Damit ist natürlich nur gesagt, dass die Anlage oder Bestimmung zur weltanschaulich-religiös-

ethischen Kommunikation das Charakteristikum der Spezies „Mensch“ bildet. Sie begründet die

60 Besonderheit der Menschenwürde im Unterschied zum Sein aller anderen Geschöpfe. Sie begründet

auch seine damit gegebene Überordnung, wie sie in der biblischen Vorstellung von der dem Menschen

übertragenen fürsorglichen Herrschaft (Dominium terrae 1) zum Ausdruck kommt. Denn nur eine

Erkenntnis – oder zumindest Ahnung – von Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden befähigt dazu,

dessen Wesen und Bestimmung so zu erkennen, dass ein dem angemessener, verantwortlicher

65 Umgang mit dem Seienden möglich ist.

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes, in: Evangelische Verantwortung (Heft 2) 2006, S. 1–11.

Hinweis

Wilfried Härle (*1941): deutscher evangelischer Theologe

1 Dominium terrae (lat.) – Herrschaft über die Erde, gemeint ist der biblische Herrschaftsauftrag

Material 2

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde (2001)

Wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschen-

lebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen

Menschen – ob Christ oder nicht – in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben.

Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich, wenn

5 Präimplantations- oder Pränataldiagnostik 1 schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht

erwarten lässt, für oder gegen deren Austragen zu entscheiden.

Mich schrecken dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung

für oder gegen Behinderte beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren

Entscheidungen zu treffen. Nicht nur deshalb, weil sich hier andere anmaßen, nach ihrem Gutdünken

10 anstelle der Eltern und vor allem der Mütter zu entscheiden. […] Mich schreckt am meisten der Geist

erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste

vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen.

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde, in: Tagesspiegel, 24.06.2001, URL: https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/gentechnik-warnung-vor-erbarmungsloser-moral/236494.html (abgerufen am 01.07.2020).

Hinweis

Hubert Markl (1938–2015): deutscher Zoologe

1 Präimplantationsdiagnostik (PID) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte nach einer künstlichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob der Embryo überhaupt in den Mutterleib eingesetzt wird.

Pränataldiagnostik (PND) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte während der Schwangerschaft. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob die Schwangerschaft fortgesetzt oder ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird.

Vorschlag B – Aufgabe 2

2

In seinem Text stellt der Autor in Bezug auf die Menschenwürde fest, „dass der Mensch auch und gerade in seiner ganzen Schwäche, Niedrigkeit, Fehlbarkeit und Erbärmlichkeit Gegenstand dieser Auszeichnung ist“. (Material 1)

Erläutern Sie diese Aussage unter Bezugnahme auf Reden und Handeln Jesu. [40 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Material 1

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes (2006)

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller

staatlichen Gewalt“. Ein halbes Jahrhundert lang galten diese Sätze aus Art. 1 des Grundgesetzes in

der Bundesrepublik fast unbestritten. Sie waren – und sind – nicht nur die Grundlage unserer

Verfassung, sondern auch des gesellschaftlichen Zusammenlebens. […] Niemand kann einem

5 Menschen den Anspruch auf Achtung nehmen. Aber sehr wohl können Menschen diesen Anspruch

missachten, sie können Menschen so behandeln, als hätten sie diesen Anspruch nicht. Und darum hat

GG Art. 1 auch darin recht, dass es nicht nur die Unantastbarkeit der Menschenwürde – im Sinne des

Anspruchs auf Achtung – konstatiert, sondern zugleich sagt: „Sie zu achten und zu schützen ist

Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ […]

10 Und was sagt das im Blick auf das christliche Menschenbild? In dessen Zentrum steht fraglos die

Einsicht, dass der Mensch, jeder Mensch, zu Gottes Bild geschaffen ist. Über die Jahrhunderte hin hat

sich allerdings gezeigt, dass die traditionelle theologische Begründung der Menschenwürde durch den

Gedanken der Gottebenbildlichkeit nicht völlig gegen Missverständnisse und problematische

Anwendungen gefeit ist. Das gilt jedenfalls dann, wenn die biblische Aussage über die

15 Gottebenbildlichkeit des Menschen verstanden wird als Hinweis auf besondere Eigenschaften oder

Fähigkeiten des Menschen, aufgrund deren ihm Menschenwürde zukommt und zuzusprechen ist.

Unter diesen Eigenschaften und Fähigkeiten stehen naturgemäß vornean: Vernunft und Sprache, also

das, was den Menschen von den übrigen Geschöpfen unterscheidet. Das ist natürlich nicht verkehrt,

aber es kann leicht zu problematischen Verengungen führen.

20 Dagegen hat sich in der Theologie seit der Mitte des 20. Jahrhunderts ein neues, vertieftes Verständnis

von Menschenwürde durchgesetzt, das sich nicht länger an Eigenschaften und Fähigkeiten orientiert,

sondern an Beziehungen, genauer gesagt: an der grundlegenden, das menschliche Dasein

konstituierenden Beziehung Gottes zum Menschen. Ein solches relationales Verständnis von

Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde hat sich als dem biblischen und christlichen Denken

25 angemessenere Verständnis herausgestellt und erweist sich zugleich im Blick auf die aktuellen

Diskussionen – insbesondere im Bereich der Medizin- und Bioethik – als besonders leistungsfähig.

Eine besonders wichtige Leistung des relationalen Menschenwürde-Gedankens besteht darin, dass er

sowohl dem Wissen um die Sozialität als auch um die Individualität des Menschen gerecht wird, ohne

in die gefährlichen Abwege eines Kollektivismus oder Individualismus abzugleiten.

30 Auf diesem Weg ist die Theologie nun in den letzten Jahren noch einen entscheidenden Schritt

weitergegangen, indem sie erkannte, dass aus christlicher Sicht eine weitere Vertiefung des

Verständnisses von Gottebenbildlichkeit und Menschenwürde dadurch möglich ist, dass der Mensch

im Lichte der Rechtfertigung wahrgenommen wird, die ihm durch Jesus Christus zuteil wird, der „das

Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ ist (Kol 1,15 […]). Diese Begründung der Gottebenbildlichkeit und

35 Menschenwürde in der Rechtfertigung hat gegenüber der schöpfungstheologischen Begründung den

Vorteil, dass man von ihr her kaum auf den Gedanken kommen kann, dass es die Stärken und Vorzüge

eines Menschen wären, aufgrund deren ihm diese Auszeichnung von Gott her zuteil wird, sondern

dass der Mensch auch und gerade in seiner ganzen Schwäche, Niedrigkeit, Fehlbarkeit und

Erbärmlichkeit Gegenstand dieser Auszeichnung ist. […]

40 Wem eignet Menschenwürde? […] Dabei ist zunächst festzuhalten, dass es keine Grenze geben kann,

durch die von Menschen abstammende Wesen aufgrund von irgendwelchen Defekten ausgeschlossen

wären. Keine mögliche körperliche oder intellektuelle Behinderung berechtigt dazu, einem Wesen, das

von Menschen abstammt, das Menschsein abzusprechen. Trotzdem bleibt aber die Frage zu stellen

und zu beantworten, von wann ab und bis zu welchem Zeitpunkt ein von Menschen abstammendes

45 Wesen als „Mensch“ zu bezeichnen ist.

In dem ganzen Entwicklungsprozess von der Verbindung des Genoms der Samenzelle und der Eizelle

zu einem neuen, lebensfähigen Genom – also von der Befruchtung – an bis zum Tod gibt es keine

qualitative Zäsur, an der aus einem Zellhaufen erst ein Mensch würde. Der menschliche Embryo

entwickelt sich […] von Anfang an als Mensch, nicht zum Menschen. Alle Einschnitte, die es in dieser

50 Entwicklung gibt – Einnistung, Entstehung des zentralen Nervensystems, selbständige

Lebensfähigkeit, Geburt etc. – stellen trotz ihrer großen Bedeutung für die menschliche Entwicklung

keine solche qualitative Zäsur dar. […]

In der Gesamtheit des geschaffenen Seienden ist die Spezies „Mensch“ die einzige, von der wir

wissen, dass sie – in Gestalt ihrer einzelnen Individuen und in überindividuellen Gemeinschaften –

55 dazu in der Lage ist, nach dem Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden und damit auch nach Gott zu

fragen, darüber Vermutungen oder Erkenntnisse zu äußern und sich dazu – in Verehrung oder

Ablehnung – zu verhalten. […]

Damit ist natürlich nur gesagt, dass die Anlage oder Bestimmung zur weltanschaulich-religiös-

ethischen Kommunikation das Charakteristikum der Spezies „Mensch“ bildet. Sie begründet die

60 Besonderheit der Menschenwürde im Unterschied zum Sein aller anderen Geschöpfe. Sie begründet

auch seine damit gegebene Überordnung, wie sie in der biblischen Vorstellung von der dem Menschen

übertragenen fürsorglichen Herrschaft (Dominium terrae 1) zum Ausdruck kommt. Denn nur eine

Erkenntnis – oder zumindest Ahnung – von Ursprung, Ziel und Sinn des Seienden befähigt dazu,

dessen Wesen und Bestimmung so zu erkennen, dass ein dem angemessener, verantwortlicher

65 Umgang mit dem Seienden möglich ist.

Wilfried Härle: Menschenwürde – zentrales Element des christlichen Menschenbildes, in: Evangelische Verantwortung (Heft 2) 2006, S. 1–11.

Hinweis

Wilfried Härle (*1941): deutscher evangelischer Theologe

1 Dominium terrae (lat.) – Herrschaft über die Erde, gemeint ist der biblische Herrschaftsauftrag

Material 2

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde (2001)

Wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschen-

lebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen

Menschen – ob Christ oder nicht – in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben.

Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich, wenn

5 Präimplantations- oder Pränataldiagnostik 1 schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht

erwarten lässt, für oder gegen deren Austragen zu entscheiden.

Mich schrecken dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung

für oder gegen Behinderte beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren

Entscheidungen zu treffen. Nicht nur deshalb, weil sich hier andere anmaßen, nach ihrem Gutdünken

10 anstelle der Eltern und vor allem der Mütter zu entscheiden. […] Mich schreckt am meisten der Geist

erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste

vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen.

Hubert Markl: Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde, in: Tagesspiegel, 24.06.2001, URL: https://www.tagesspiegel.de/themen/gesundheit/gentechnik-warnung-vor-erbarmungsloser-moral/236494.html (abgerufen am 01.07.2020).

Hinweis

Hubert Markl (1938–2015): deutscher Zoologe

1 Präimplantationsdiagnostik (PID) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte nach einer künstlichen Befruchtung außerhalb des Mutterleibs. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob der Embryo überhaupt in den Mutterleib eingesetzt wird.

Pränataldiagnostik (PND) – Untersuchung von Embryonen auf Erbkrankheiten oder Chromosomendefekte während der Schwangerschaft. In der Folge könnte eine Entscheidung getroffen werden, ob die Schwangerschaft fortgesetzt oder ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen wird.

3

Beurteilen Sie, inwieweit die christlich begründete Forderung Härles nach dem Schutz der Würde des ungeborenen menschlichen Lebens (Material 1) der von Markl postulierten Entscheidungsfreiheit der Eltern (Material 2) widerspricht.

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material 1

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994)

Am 4. Juli 1954 hört der Ich-Erzähler, ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem hessischen Dorf, im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Es spielt Ungarn gegen Deutschland, und Deutschland wird schließlich das Spiel gänzlich unerwartet mit 3:2 gewinnen. Die Eltern des Jungen halten nichts von Fußball und haben nur widerstrebend erlaubt, dass der Junge die Reportage hört. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ist eine autobiographische Erzählung.

Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten… Wunder! …Gott sei Dank! …So haben wir alle gehofft, gebetet! …und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, …Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!

Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott gehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot all meine Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, dass da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen, und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.

Die Spannung des Spiels lockte meine widerspenstigen Schuldgefühle, gegen das erste Gebot zu verstoßen durch bloßes Zuhören, ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. Der Mann der Gebote hing direkt hinter mir an der Wand, ich sah mich um, auf einem postkartengroßen, goldgerahmten Bild hielt ein braundunkler, bärtiger Moses die Feder und nahm das Diktat der Zehn Gebote entgegen, aber er blickte zur Seite, zum Herrn, schrieb mit der Gänsefeder und kümmerte sich um die Gotteslästerung des Reporters und meinen Anflug der Zustimmung nicht.

Ich war allein, aber umstellt von Bildern und Gegenständen, die das Zimmer zum Amts- und Gotteszimmer machten, wo Predigten geschrieben, Andachten gehalten, Anweisungen an Brautpaare und Taufpaten gegeben wurden, wo die Bücher dunkel hinter Glas aufgereiht auf ihre staubige Auferstehung warteten, wo die Strenge zweier Kreuze die Wände markierte und die dreifache Rose als Familienwappen ein Schmuck war, hier musste man sich jeden Vormittag um elf zu einem kurzen Gebet versammeln, hier wertete mein Vater die Wunder Jesu aus dem Heiligen Land für die Bauern von Wehrda, Rhina, Schletzenrod und Wetzlos aus, hier wälzte er das Wort Gottes um und schöpfte Erkenntnisse, Zitate, Stichworte, hier wollte er nicht gestört sein und spielte die bekannten Kirchenlieder auf dem Klavier, hier teilte er Prügel und Geschenke aus: wenn die Zehn Gebote irgendwo galten, dann hier. Die Rufe des Reporters Ein Wunder! …gebetet! …Fußballgott! klangen in meinen Ohren nach und rüttelten an allem, was ich in diesem Zimmer sah, aber die Kreuze waren nicht von der Wand gerutscht, der Ermunterungsspruch in halbverständlichem Latein für den Seelsorger VENI SANCTE SPIRITUS / PASCE PASTOREM / DUC DUCEM / APERI APERTURO / DA DATURO 1 prangte in gespreizter Schönschrift unter dem Kreuz, ohne dass der Heilige Geist dazwischengefahren war, die dicke HEILIGE SCHRIFT lag wie ein schwarzer Kindergrabstein auf dem grünen Filz des Schreibtischs, und als der Reporter von unserem Schutzengel sprach, rührten sich die Musikengel über dem Klavier so wenig wie der Engel der Verkündigung gegenüber an der Wand, der steif vor der knienden Maria im Säulengang die segnenden Hände hob. Immer besser gefiel mir die Lästerung, und in diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist und begann an einen Fußballgott und Außenseitergott zu glauben, und nicht nur an einen, denn wenn Turek ein Fußballgott war, dann mussten die anderen zehn auch so etwas wie Götter sein. […]

In meiner Spannung wollte ich durchs Zimmer gehen, am Bücherregal entlang, zum Sofa in der Ecke oder um die Festung Schreibtisch herum, aber ich blieb auf dem Platz, von dem die väterliche Gewalt ausging, von dem aus er die Gemeinden in vier Dörfern regierte, ich konnte nicht weg vom Gerät, aus dem meine frohe Botschaft kam. Die Stimme hatte mich wieder nah an den Lautsprecher gezogen, unter dem Radio das Stuttgarter Biblische Nachschlagewerk, das Evangelische Kirchenlexikon, Predigthilfen, Kommentare, Aktenordner, das Werkzeug des Vaters, der schlief oder schon nicht mehr schlief, ich wusste die Uhrzeit nicht, es zählten nur die Spielminuten… sechs Minuten noch, zwei zu zwei, das ist mehr, als wir in unsern kühnsten Träumen erwartet haben. […] Schäfer müßte schießen! Abgewehrt! Und Nachschuß! Abgewehrt! […] Kinder, Kinder, Kinder, zwei Minuten vor Halbzeit die mögliche Führung für Deutschland! […] Was ich hörte, wärmte mich, anders als die Vaterstimme, von innen, es schien mir, als sei alles, was mich blockierte, gelockert, als dürfe ich hier endlich so fühlen, wie ich mich wohl fühlte, trotz der wachsamen Nähe all der dicken, schwarzen Bücher und der Pfarreraktentasche.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 93–98, Hervorhebungen im Original.

1 Wörtliche Übersetzung – „Komm, Heiliger Geist, sei der Hirte des Hirten, führe den Führer, öffne dem, der sich öffnen wird, gib dem, der geben wird.“ Der Anfang bezieht sich auf die Pfingstliturgie der katholischen Messe.

Material 2

Martin Luther: Auslegung zum ersten Gebot Ex 20,2–3 (1529)

Was heißt: „einen Gott haben“?

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was bedeutet das, und wie versteht mans? Was heißt, „einen Gott haben“, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll, so daß „einen Gott haben“ nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Sind Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: Wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Woran Du nun (sage ich) Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.

Darum laßt uns das erste Gebot gut lernen, daß wir sehen, wie Gott […] nicht Höheres von uns fordert als eine herzliche Zuversicht alles Guten. So daß wir richtig und gerade unseren Weg gehen und alle Güter, die Gott gibt, nicht weiter brauchen als wie ein Schuster seine Nadel, Ahle und Draht zur Arbeit braucht und danach hinweglegt […]; (und so tue) ein jeglicher in seinem Stand nach Gottes Ordnung und lasse nur deren keines seinen Herrn oder Abgott sein.

Martin Luther: Der Große und der Kleine Katechismus, Göttingen 2. Aufl. 1985, S. 12.

Hinweise

Friedrich Christian Delius (*1943): deutscher Schriftsteller

Martin Luther (1483–1546): zunächst Augustinermönch, später Theologieprofessor, Initiator der Reformation

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material 1)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2.1 - Texterschließung · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material 1

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994)

Am 4. Juli 1954 hört der Ich-Erzähler, ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem hessischen Dorf, im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Es spielt Ungarn gegen Deutschland, und Deutschland wird schließlich das Spiel gänzlich unerwartet mit 3:2 gewinnen. Die Eltern des Jungen halten nichts von Fußball und haben nur widerstrebend erlaubt, dass der Junge die Reportage hört. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ist eine autobiographische Erzählung.

Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten… Wunder! …Gott sei Dank! …So haben wir alle gehofft, gebetet! …und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, …Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!

Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott gehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot all meine Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, dass da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen, und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.

Die Spannung des Spiels lockte meine widerspenstigen Schuldgefühle, gegen das erste Gebot zu verstoßen durch bloßes Zuhören, ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. Der Mann der Gebote hing direkt hinter mir an der Wand, ich sah mich um, auf einem postkartengroßen, goldgerahmten Bild hielt ein braundunkler, bärtiger Moses die Feder und nahm das Diktat der Zehn Gebote entgegen, aber er blickte zur Seite, zum Herrn, schrieb mit der Gänsefeder und kümmerte sich um die Gotteslästerung des Reporters und meinen Anflug der Zustimmung nicht.

Ich war allein, aber umstellt von Bildern und Gegenständen, die das Zimmer zum Amts- und Gotteszimmer machten, wo Predigten geschrieben, Andachten gehalten, Anweisungen an Brautpaare und Taufpaten gegeben wurden, wo die Bücher dunkel hinter Glas aufgereiht auf ihre staubige Auferstehung warteten, wo die Strenge zweier Kreuze die Wände markierte und die dreifache Rose als Familienwappen ein Schmuck war, hier musste man sich jeden Vormittag um elf zu einem kurzen Gebet versammeln, hier wertete mein Vater die Wunder Jesu aus dem Heiligen Land für die Bauern von Wehrda, Rhina, Schletzenrod und Wetzlos aus, hier wälzte er das Wort Gottes um und schöpfte Erkenntnisse, Zitate, Stichworte, hier wollte er nicht gestört sein und spielte die bekannten Kirchenlieder auf dem Klavier, hier teilte er Prügel und Geschenke aus: wenn die Zehn Gebote irgendwo galten, dann hier. Die Rufe des Reporters Ein Wunder! …gebetet! …Fußballgott! klangen in meinen Ohren nach und rüttelten an allem, was ich in diesem Zimmer sah, aber die Kreuze waren nicht von der Wand gerutscht, der Ermunterungsspruch in halbverständlichem Latein für den Seelsorger VENI SANCTE SPIRITUS / PASCE PASTOREM / DUC DUCEM / APERI APERTURO / DA DATURO 1 prangte in gespreizter Schönschrift unter dem Kreuz, ohne dass der Heilige Geist dazwischengefahren war, die dicke HEILIGE SCHRIFT lag wie ein schwarzer Kindergrabstein auf dem grünen Filz des Schreibtischs, und als der Reporter von unserem Schutzengel sprach, rührten sich die Musikengel über dem Klavier so wenig wie der Engel der Verkündigung gegenüber an der Wand, der steif vor der knienden Maria im Säulengang die segnenden Hände hob. Immer besser gefiel mir die Lästerung, und in diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist und begann an einen Fußballgott und Außenseitergott zu glauben, und nicht nur an einen, denn wenn Turek ein Fußballgott war, dann mussten die anderen zehn auch so etwas wie Götter sein. […]

In meiner Spannung wollte ich durchs Zimmer gehen, am Bücherregal entlang, zum Sofa in der Ecke oder um die Festung Schreibtisch herum, aber ich blieb auf dem Platz, von dem die väterliche Gewalt ausging, von dem aus er die Gemeinden in vier Dörfern regierte, ich konnte nicht weg vom Gerät, aus dem meine frohe Botschaft kam. Die Stimme hatte mich wieder nah an den Lautsprecher gezogen, unter dem Radio das Stuttgarter Biblische Nachschlagewerk, das Evangelische Kirchenlexikon, Predigthilfen, Kommentare, Aktenordner, das Werkzeug des Vaters, der schlief oder schon nicht mehr schlief, ich wusste die Uhrzeit nicht, es zählten nur die Spielminuten… sechs Minuten noch, zwei zu zwei, das ist mehr, als wir in unsern kühnsten Träumen erwartet haben. […] Schäfer müßte schießen! Abgewehrt! Und Nachschuß! Abgewehrt! […] Kinder, Kinder, Kinder, zwei Minuten vor Halbzeit die mögliche Führung für Deutschland! […] Was ich hörte, wärmte mich, anders als die Vaterstimme, von innen, es schien mir, als sei alles, was mich blockierte, gelockert, als dürfe ich hier endlich so fühlen, wie ich mich wohl fühlte, trotz der wachsamen Nähe all der dicken, schwarzen Bücher und der Pfarreraktentasche.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 93–98, Hervorhebungen im Original.

1 Wörtliche Übersetzung – „Komm, Heiliger Geist, sei der Hirte des Hirten, führe den Führer, öffne dem, der sich öffnen wird, gib dem, der geben wird.“ Der Anfang bezieht sich auf die Pfingstliturgie der katholischen Messe.

Material 2

Martin Luther: Auslegung zum ersten Gebot Ex 20,2–3 (1529)

Was heißt: „einen Gott haben“?

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was bedeutet das, und wie versteht mans? Was heißt, „einen Gott haben“, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll, so daß „einen Gott haben“ nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Sind Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: Wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Woran Du nun (sage ich) Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.

Darum laßt uns das erste Gebot gut lernen, daß wir sehen, wie Gott […] nicht Höheres von uns fordert als eine herzliche Zuversicht alles Guten. So daß wir richtig und gerade unseren Weg gehen und alle Güter, die Gott gibt, nicht weiter brauchen als wie ein Schuster seine Nadel, Ahle und Draht zur Arbeit braucht und danach hinweglegt […]; (und so tue) ein jeglicher in seinem Stand nach Gottes Ordnung und lasse nur deren keines seinen Herrn oder Abgott sein.

Martin Luther: Der Große und der Kleine Katechismus, Göttingen 2. Aufl. 1985, S. 12.

Hinweise

Friedrich Christian Delius (*1943): deutscher Schriftsteller

Martin Luther (1483–1546): zunächst Augustinermönch, später Theologieprofessor, Initiator der Reformation

2.1

Arbeiten Sie die Vorstellung vom christlichen Gott des elfjährigen Ich-Erzählers heraus.

(15 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2.2 - Gottesvorstellungen i… · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition

Material 1

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994)

Am 4. Juli 1954 hört der Ich-Erzähler, ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem hessischen Dorf, im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Es spielt Ungarn gegen Deutschland, und Deutschland wird schließlich das Spiel gänzlich unerwartet mit 3:2 gewinnen. Die Eltern des Jungen halten nichts von Fußball und haben nur widerstrebend erlaubt, dass der Junge die Reportage hört. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ist eine autobiographische Erzählung.

Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten… Wunder! …Gott sei Dank! …So haben wir alle gehofft, gebetet! …und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, …Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!

Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott gehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot all meine Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, dass da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen, und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.

Die Spannung des Spiels lockte meine widerspenstigen Schuldgefühle, gegen das erste Gebot zu verstoßen durch bloßes Zuhören, ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. Der Mann der Gebote hing direkt hinter mir an der Wand, ich sah mich um, auf einem postkartengroßen, goldgerahmten Bild hielt ein braundunkler, bärtiger Moses die Feder und nahm das Diktat der Zehn Gebote entgegen, aber er blickte zur Seite, zum Herrn, schrieb mit der Gänsefeder und kümmerte sich um die Gotteslästerung des Reporters und meinen Anflug der Zustimmung nicht.

Ich war allein, aber umstellt von Bildern und Gegenständen, die das Zimmer zum Amts- und Gotteszimmer machten, wo Predigten geschrieben, Andachten gehalten, Anweisungen an Brautpaare und Taufpaten gegeben wurden, wo die Bücher dunkel hinter Glas aufgereiht auf ihre staubige Auferstehung warteten, wo die Strenge zweier Kreuze die Wände markierte und die dreifache Rose als Familienwappen ein Schmuck war, hier musste man sich jeden Vormittag um elf zu einem kurzen Gebet versammeln, hier wertete mein Vater die Wunder Jesu aus dem Heiligen Land für die Bauern von Wehrda, Rhina, Schletzenrod und Wetzlos aus, hier wälzte er das Wort Gottes um und schöpfte Erkenntnisse, Zitate, Stichworte, hier wollte er nicht gestört sein und spielte die bekannten Kirchenlieder auf dem Klavier, hier teilte er Prügel und Geschenke aus: wenn die Zehn Gebote irgendwo galten, dann hier. Die Rufe des Reporters Ein Wunder! …gebetet! …Fußballgott! klangen in meinen Ohren nach und rüttelten an allem, was ich in diesem Zimmer sah, aber die Kreuze waren nicht von der Wand gerutscht, der Ermunterungsspruch in halbverständlichem Latein für den Seelsorger VENI SANCTE SPIRITUS / PASCE PASTOREM / DUC DUCEM / APERI APERTURO / DA DATURO 1 prangte in gespreizter Schönschrift unter dem Kreuz, ohne dass der Heilige Geist dazwischengefahren war, die dicke HEILIGE SCHRIFT lag wie ein schwarzer Kindergrabstein auf dem grünen Filz des Schreibtischs, und als der Reporter von unserem Schutzengel sprach, rührten sich die Musikengel über dem Klavier so wenig wie der Engel der Verkündigung gegenüber an der Wand, der steif vor der knienden Maria im Säulengang die segnenden Hände hob. Immer besser gefiel mir die Lästerung, und in diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist und begann an einen Fußballgott und Außenseitergott zu glauben, und nicht nur an einen, denn wenn Turek ein Fußballgott war, dann mussten die anderen zehn auch so etwas wie Götter sein. […]

In meiner Spannung wollte ich durchs Zimmer gehen, am Bücherregal entlang, zum Sofa in der Ecke oder um die Festung Schreibtisch herum, aber ich blieb auf dem Platz, von dem die väterliche Gewalt ausging, von dem aus er die Gemeinden in vier Dörfern regierte, ich konnte nicht weg vom Gerät, aus dem meine frohe Botschaft kam. Die Stimme hatte mich wieder nah an den Lautsprecher gezogen, unter dem Radio das Stuttgarter Biblische Nachschlagewerk, das Evangelische Kirchenlexikon, Predigthilfen, Kommentare, Aktenordner, das Werkzeug des Vaters, der schlief oder schon nicht mehr schlief, ich wusste die Uhrzeit nicht, es zählten nur die Spielminuten… sechs Minuten noch, zwei zu zwei, das ist mehr, als wir in unsern kühnsten Träumen erwartet haben. […] Schäfer müßte schießen! Abgewehrt! Und Nachschuß! Abgewehrt! […] Kinder, Kinder, Kinder, zwei Minuten vor Halbzeit die mögliche Führung für Deutschland! […] Was ich hörte, wärmte mich, anders als die Vaterstimme, von innen, es schien mir, als sei alles, was mich blockierte, gelockert, als dürfe ich hier endlich so fühlen, wie ich mich wohl fühlte, trotz der wachsamen Nähe all der dicken, schwarzen Bücher und der Pfarreraktentasche.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 93–98, Hervorhebungen im Original.

1 Wörtliche Übersetzung – „Komm, Heiliger Geist, sei der Hirte des Hirten, führe den Führer, öffne dem, der sich öffnen wird, gib dem, der geben wird.“ Der Anfang bezieht sich auf die Pfingstliturgie der katholischen Messe.

Material 2

Martin Luther: Auslegung zum ersten Gebot Ex 20,2–3 (1529)

Was heißt: „einen Gott haben“?

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was bedeutet das, und wie versteht mans? Was heißt, „einen Gott haben“, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll, so daß „einen Gott haben“ nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Sind Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: Wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Woran Du nun (sage ich) Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.

Darum laßt uns das erste Gebot gut lernen, daß wir sehen, wie Gott […] nicht Höheres von uns fordert als eine herzliche Zuversicht alles Guten. So daß wir richtig und gerade unseren Weg gehen und alle Güter, die Gott gibt, nicht weiter brauchen als wie ein Schuster seine Nadel, Ahle und Draht zur Arbeit braucht und danach hinweglegt […]; (und so tue) ein jeglicher in seinem Stand nach Gottes Ordnung und lasse nur deren keines seinen Herrn oder Abgott sein.

Martin Luther: Der Große und der Kleine Katechismus, Göttingen 2. Aufl. 1985, S. 12.

Hinweise

Friedrich Christian Delius (*1943): deutscher Schriftsteller

Martin Luther (1483–1546): zunächst Augustinermönch, später Theologieprofessor, Initiator der Reformation

2.2

Untersuchen Sie, inwieweit diese Gottesvorstellung der Vielfalt der biblischen Gottesbilder entspricht.

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Christliche Menschenbilder und Rechtfertigungslehre

Material 1

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994)

Am 4. Juli 1954 hört der Ich-Erzähler, ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem hessischen Dorf, im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Es spielt Ungarn gegen Deutschland, und Deutschland wird schließlich das Spiel gänzlich unerwartet mit 3:2 gewinnen. Die Eltern des Jungen halten nichts von Fußball und haben nur widerstrebend erlaubt, dass der Junge die Reportage hört. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ist eine autobiographische Erzählung.

Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten… Wunder! …Gott sei Dank! …So haben wir alle gehofft, gebetet! …und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, …Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!

Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott gehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot all meine Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, dass da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen, und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.

Die Spannung des Spiels lockte meine widerspenstigen Schuldgefühle, gegen das erste Gebot zu verstoßen durch bloßes Zuhören, ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. Der Mann der Gebote hing direkt hinter mir an der Wand, ich sah mich um, auf einem postkartengroßen, goldgerahmten Bild hielt ein braundunkler, bärtiger Moses die Feder und nahm das Diktat der Zehn Gebote entgegen, aber er blickte zur Seite, zum Herrn, schrieb mit der Gänsefeder und kümmerte sich um die Gotteslästerung des Reporters und meinen Anflug der Zustimmung nicht.

Ich war allein, aber umstellt von Bildern und Gegenständen, die das Zimmer zum Amts- und Gotteszimmer machten, wo Predigten geschrieben, Andachten gehalten, Anweisungen an Brautpaare und Taufpaten gegeben wurden, wo die Bücher dunkel hinter Glas aufgereiht auf ihre staubige Auferstehung warteten, wo die Strenge zweier Kreuze die Wände markierte und die dreifache Rose als Familienwappen ein Schmuck war, hier musste man sich jeden Vormittag um elf zu einem kurzen Gebet versammeln, hier wertete mein Vater die Wunder Jesu aus dem Heiligen Land für die Bauern von Wehrda, Rhina, Schletzenrod und Wetzlos aus, hier wälzte er das Wort Gottes um und schöpfte Erkenntnisse, Zitate, Stichworte, hier wollte er nicht gestört sein und spielte die bekannten Kirchenlieder auf dem Klavier, hier teilte er Prügel und Geschenke aus: wenn die Zehn Gebote irgendwo galten, dann hier. Die Rufe des Reporters Ein Wunder! …gebetet! …Fußballgott! klangen in meinen Ohren nach und rüttelten an allem, was ich in diesem Zimmer sah, aber die Kreuze waren nicht von der Wand gerutscht, der Ermunterungsspruch in halbverständlichem Latein für den Seelsorger VENI SANCTE SPIRITUS / PASCE PASTOREM / DUC DUCEM / APERI APERTURO / DA DATURO 1 prangte in gespreizter Schönschrift unter dem Kreuz, ohne dass der Heilige Geist dazwischengefahren war, die dicke HEILIGE SCHRIFT lag wie ein schwarzer Kindergrabstein auf dem grünen Filz des Schreibtischs, und als der Reporter von unserem Schutzengel sprach, rührten sich die Musikengel über dem Klavier so wenig wie der Engel der Verkündigung gegenüber an der Wand, der steif vor der knienden Maria im Säulengang die segnenden Hände hob. Immer besser gefiel mir die Lästerung, und in diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist und begann an einen Fußballgott und Außenseitergott zu glauben, und nicht nur an einen, denn wenn Turek ein Fußballgott war, dann mussten die anderen zehn auch so etwas wie Götter sein. […]

In meiner Spannung wollte ich durchs Zimmer gehen, am Bücherregal entlang, zum Sofa in der Ecke oder um die Festung Schreibtisch herum, aber ich blieb auf dem Platz, von dem die väterliche Gewalt ausging, von dem aus er die Gemeinden in vier Dörfern regierte, ich konnte nicht weg vom Gerät, aus dem meine frohe Botschaft kam. Die Stimme hatte mich wieder nah an den Lautsprecher gezogen, unter dem Radio das Stuttgarter Biblische Nachschlagewerk, das Evangelische Kirchenlexikon, Predigthilfen, Kommentare, Aktenordner, das Werkzeug des Vaters, der schlief oder schon nicht mehr schlief, ich wusste die Uhrzeit nicht, es zählten nur die Spielminuten… sechs Minuten noch, zwei zu zwei, das ist mehr, als wir in unsern kühnsten Träumen erwartet haben. […] Schäfer müßte schießen! Abgewehrt! Und Nachschuß! Abgewehrt! […] Kinder, Kinder, Kinder, zwei Minuten vor Halbzeit die mögliche Führung für Deutschland! […] Was ich hörte, wärmte mich, anders als die Vaterstimme, von innen, es schien mir, als sei alles, was mich blockierte, gelockert, als dürfe ich hier endlich so fühlen, wie ich mich wohl fühlte, trotz der wachsamen Nähe all der dicken, schwarzen Bücher und der Pfarreraktentasche.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 93–98, Hervorhebungen im Original.

1 Wörtliche Übersetzung – „Komm, Heiliger Geist, sei der Hirte des Hirten, führe den Führer, öffne dem, der sich öffnen wird, gib dem, der geben wird.“ Der Anfang bezieht sich auf die Pfingstliturgie der katholischen Messe.

Material 2

Martin Luther: Auslegung zum ersten Gebot Ex 20,2–3 (1529)

Was heißt: „einen Gott haben“?

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was bedeutet das, und wie versteht mans? Was heißt, „einen Gott haben“, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll, so daß „einen Gott haben“ nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Sind Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: Wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Woran Du nun (sage ich) Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.

Darum laßt uns das erste Gebot gut lernen, daß wir sehen, wie Gott […] nicht Höheres von uns fordert als eine herzliche Zuversicht alles Guten. So daß wir richtig und gerade unseren Weg gehen und alle Güter, die Gott gibt, nicht weiter brauchen als wie ein Schuster seine Nadel, Ahle und Draht zur Arbeit braucht und danach hinweglegt […]; (und so tue) ein jeglicher in seinem Stand nach Gottes Ordnung und lasse nur deren keines seinen Herrn oder Abgott sein.

Martin Luther: Der Große und der Kleine Katechismus, Göttingen 2. Aufl. 1985, S. 12.

Hinweise

Friedrich Christian Delius (*1943): deutscher Schriftsteller

Martin Luther (1483–1546): zunächst Augustinermönch, später Theologieprofessor, Initiator der Reformation

„[L]angsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.“ (Material 1)

Setzen Sie sich vor dem Hintergrund von Luthers Rechtfertigungslehre und seiner Auslegung des ersten Gebots (Material 2) mit der Haltung und den Befürchtungen der Eltern auseinander. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben

Material

Evangelische Kirche in Deutschland: Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (2007)

Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein. Bei aller Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit, die das Engagement von Christen und Kirchen für den irdischen Frieden kennzeichnet, geht es immer zurück auf Gottes Verheißung und Gebot und ihren gemeinsamen Glauben. In ihm ist eine umfassende Deutung des menschlichen Lebens im Verhältnis zu Gott, zum 5 Mitmenschen und zum gesellschaftlichen Zusammenleben enthalten. Im Folgenden soll die genuin christliche Friedensverantwortung […] sowohl in ihrer biblischen und theologischen Begründung wie in ihren praktischen Konkretionen entfaltet werden.

Die Kirche tritt für den Frieden der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von „Gedanken des Friedens“ (Jer 29,11). Dieser Friede umfasst 10 den ganzen Menschen; in ihm kommt der Leib zu seinem Recht, die sozialen Beziehungen sind auf gegenseitige Zuwendung ausgerichtet, und in Dankbarkeit gegenüber Gott kann Lebensfreude wachsen. Bereits in den prophetischen Texten des Alten Testaments findet sich die messianische Erwartung eines Friedensfürsten (Jes 9,5); bei der Geburt Jesu von Nazareth wurde der „Friede auf Erden“ als irdische Entsprechung zur „Ehre Gottes in der Höhe“ verkündet (Lk 2,14). Jesus pries die 15 Friedensstifter glückselig, „denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Vor seinem Tod hinterließ er den Seinen zum Abschied seinen Frieden, der die Angst überwindet (Joh 14,27). Als Auferstandener teilt er diesen Frieden mit jedem Friedensgruß aus (Joh 20,19.21.26). Mit der Verbreitung seines Friedens beauftragt er die Jüngerinnen und Jünger: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Zum Wesen des Friedens Christi gehört es, gegeben und 20 weitergegeben, geschenkt und bezeugt zu werden, damit immer mehr Menschen aus dem Frieden leben können.

Der Grund für die vielfältigen Gefährdungen des Friedens liegt nicht nur in politischen Strukturen und sozioökonomischen Entwicklungen, sondern auch in der Verfassung der menschlichen Natur. Zum Menschen gehört die Sehnsucht nach Frieden ebenso wie die Neigung zur Rivalität bis hin zur 25 Gewaltbereitschaft. Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig; sie sind nicht nur auf Kooperation angelegt, sondern tendieren auch dazu, die eigenen Interessen ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen. Für den christlichen Glauben ist dieser destruktive Hang Ausdruck der Sünde, nämlich Folge eines verkehrten Verhältnisses zu Gott. […]

Weil Gott in Christus Frieden stiftet, können Christenmenschen inmitten einer von Gewalt entstellten 30 Welt aus diesem Frieden leben. Der Friede Christi wird in jeder Feier des christlichen Gottesdienstes vergegenwärtigt. […] Wenn die Gemeinde in der Feier des Abendmahls Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und Gemeinschaft erfährt, so kann dies Konfliktpotenziale überwinden und neue Zukunft eröffnen. Diesen Frieden nimmt die Gemeinde mit, wenn sie nach empfangenem Mahl mit den Worten „Geht hin in Frieden“ verabschiedet wird. Mit den gottesdienstlichen Sprachformen des 35 Grußes, des Zuspruchs und des Segens wird der Friede wirksam ausgeteilt. […]

Christen kennen nur zu gut das ambivalente 1 Verhältnis von Religion und Gewalt. Religion ist der immer unvollkommene menschliche Versuch, auf die Wirklichkeit Gottes zu antworten. […] Die selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Ambivalenz ist eine wichtige theologische Aufgabe. Auch die Verbreitung des Christentums war häufig mit der Anwendung von Gewalt gegen 40 Andersgläubige und Kritiker in den eigenen Reihen verbunden. Dazu wurden einzelne biblische Motive und Traditionen aus dem Gesamtzusammenhang der großen jüdisch-christlichen Erzählung von der Geschichte Gottes mit den Menschen herausgenommen und zur Legitimation von Gewaltanwendung im Namen Gottes missbraucht. Vor solchen Missgriffen schützt nur eine durch die historische Kritik hindurchgegangene und hermeneutisch reflektierte Aneignung des lebensdienlichen 45 Sinnes, des Heils-Sinns der biblischen Schriften. Sie erweisen sich dann als Zeugnisse eines (immer wieder von Rückfällen begleiteten) Lernprozesses, der das Gottesbild einbezieht, indem Gott immer deutlicher als der erkennbar wird, der Vergebung schenkt, Versöhnung stiftet und so Frieden schafft. Damit verbindet sich auch die Einsicht, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist. […]

Bei Menschheitsverbrechen wie einsetzendem Genozid, Massenmord an Minderheiten, Massakern an 50 ethnischen Gruppen und ethnischer Vertreibung, kollektiver Folter und Versklavung kann militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein, wenn die weiteren Kriterien rechtserhaltenden Gewaltgebrauchs […] erfüllt sind. […] Zugleich gilt aber auch hier, dass der Einsatz militärischer Gewalt […] nur als äußerstes Mittel erwogen werden darf. Gerade dann, wenn man […] die wirksame Verhinderung von Völkermord zu den Pflichten der Staatengemeinschaft rechnet, ist es dringend 55 erforderlich, nationale und internationale Mechanismen der Prävention im Sinn eines Einwirkens im Vorfeld zu etablieren. […] Die Notwendigkeit zum Handeln besteht jedoch bei Völkermord oder anderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wenn nationale Gerichte versagen. So wie das Leitbild des gerechten Friedens zu seiner Verwirklichung des Rechts bedarf, so bedarf das Recht in bestimmten, klar eingrenzbaren Kontexten der Instrumente rechtserhaltender Gewalt.

1 ambivalent – gespalten, zwiespältig

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007, S. 28–31.

Hinweis

In EKD-Denkschriften soll ein auf christlicher Verantwortung beruhender, sorgfältig geprüfter und stellvertretend für die ganze Gesellschaft formulierter Konsens zum Ausdruck kommen. Die vorliegende Denkschrift wurde von der Kammer für Öffentliche Verantwortung erarbeitet und vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), einem Leitungsgremium der EKD, einstimmig bejaht.

Aufgaben

1

Geben Sie die Kernaussagen des Textes wieder. (Material)

[30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition

Material

Evangelische Kirche in Deutschland: Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (2007)

Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein. Bei aller Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit, die das Engagement von Christen und Kirchen für den irdischen Frieden kennzeichnet, geht es immer zurück auf Gottes Verheißung und Gebot und ihren gemeinsamen Glauben. In ihm ist eine umfassende Deutung des menschlichen Lebens im Verhältnis zu Gott, zum 5 Mitmenschen und zum gesellschaftlichen Zusammenleben enthalten. Im Folgenden soll die genuin christliche Friedensverantwortung […] sowohl in ihrer biblischen und theologischen Begründung wie in ihren praktischen Konkretionen entfaltet werden.

Die Kirche tritt für den Frieden der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von „Gedanken des Friedens“ (Jer 29,11). Dieser Friede umfasst 10 den ganzen Menschen; in ihm kommt der Leib zu seinem Recht, die sozialen Beziehungen sind auf gegenseitige Zuwendung ausgerichtet, und in Dankbarkeit gegenüber Gott kann Lebensfreude wachsen. Bereits in den prophetischen Texten des Alten Testaments findet sich die messianische Erwartung eines Friedensfürsten (Jes 9,5); bei der Geburt Jesu von Nazareth wurde der „Friede auf Erden“ als irdische Entsprechung zur „Ehre Gottes in der Höhe“ verkündet (Lk 2,14). Jesus pries die 15 Friedensstifter glückselig, „denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Vor seinem Tod hinterließ er den Seinen zum Abschied seinen Frieden, der die Angst überwindet (Joh 14,27). Als Auferstandener teilt er diesen Frieden mit jedem Friedensgruß aus (Joh 20,19.21.26). Mit der Verbreitung seines Friedens beauftragt er die Jüngerinnen und Jünger: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Zum Wesen des Friedens Christi gehört es, gegeben und 20 weitergegeben, geschenkt und bezeugt zu werden, damit immer mehr Menschen aus dem Frieden leben können.

Der Grund für die vielfältigen Gefährdungen des Friedens liegt nicht nur in politischen Strukturen und sozioökonomischen Entwicklungen, sondern auch in der Verfassung der menschlichen Natur. Zum Menschen gehört die Sehnsucht nach Frieden ebenso wie die Neigung zur Rivalität bis hin zur 25 Gewaltbereitschaft. Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig; sie sind nicht nur auf Kooperation angelegt, sondern tendieren auch dazu, die eigenen Interessen ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen. Für den christlichen Glauben ist dieser destruktive Hang Ausdruck der Sünde, nämlich Folge eines verkehrten Verhältnisses zu Gott. […]

Weil Gott in Christus Frieden stiftet, können Christenmenschen inmitten einer von Gewalt entstellten 30 Welt aus diesem Frieden leben. Der Friede Christi wird in jeder Feier des christlichen Gottesdienstes vergegenwärtigt. […] Wenn die Gemeinde in der Feier des Abendmahls Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und Gemeinschaft erfährt, so kann dies Konfliktpotenziale überwinden und neue Zukunft eröffnen. Diesen Frieden nimmt die Gemeinde mit, wenn sie nach empfangenem Mahl mit den Worten „Geht hin in Frieden“ verabschiedet wird. Mit den gottesdienstlichen Sprachformen des 35 Grußes, des Zuspruchs und des Segens wird der Friede wirksam ausgeteilt. […]

Christen kennen nur zu gut das ambivalente 1 Verhältnis von Religion und Gewalt. Religion ist der immer unvollkommene menschliche Versuch, auf die Wirklichkeit Gottes zu antworten. […] Die selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Ambivalenz ist eine wichtige theologische Aufgabe. Auch die Verbreitung des Christentums war häufig mit der Anwendung von Gewalt gegen 40 Andersgläubige und Kritiker in den eigenen Reihen verbunden. Dazu wurden einzelne biblische Motive und Traditionen aus dem Gesamtzusammenhang der großen jüdisch-christlichen Erzählung von der Geschichte Gottes mit den Menschen herausgenommen und zur Legitimation von Gewaltanwendung im Namen Gottes missbraucht. Vor solchen Missgriffen schützt nur eine durch die historische Kritik hindurchgegangene und hermeneutisch reflektierte Aneignung des lebensdienlichen 45 Sinnes, des Heils-Sinns der biblischen Schriften. Sie erweisen sich dann als Zeugnisse eines (immer wieder von Rückfällen begleiteten) Lernprozesses, der das Gottesbild einbezieht, indem Gott immer deutlicher als der erkennbar wird, der Vergebung schenkt, Versöhnung stiftet und so Frieden schafft. Damit verbindet sich auch die Einsicht, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist. […]

Bei Menschheitsverbrechen wie einsetzendem Genozid, Massenmord an Minderheiten, Massakern an 50 ethnischen Gruppen und ethnischer Vertreibung, kollektiver Folter und Versklavung kann militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein, wenn die weiteren Kriterien rechtserhaltenden Gewaltgebrauchs […] erfüllt sind. […] Zugleich gilt aber auch hier, dass der Einsatz militärischer Gewalt […] nur als äußerstes Mittel erwogen werden darf. Gerade dann, wenn man […] die wirksame Verhinderung von Völkermord zu den Pflichten der Staatengemeinschaft rechnet, ist es dringend 55 erforderlich, nationale und internationale Mechanismen der Prävention im Sinn eines Einwirkens im Vorfeld zu etablieren. […] Die Notwendigkeit zum Handeln besteht jedoch bei Völkermord oder anderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wenn nationale Gerichte versagen. So wie das Leitbild des gerechten Friedens zu seiner Verwirklichung des Rechts bedarf, so bedarf das Recht in bestimmten, klar eingrenzbaren Kontexten der Instrumente rechtserhaltender Gewalt.

1 ambivalent – gespalten, zwiespältig

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007, S. 28–31.

Hinweis

In EKD-Denkschriften soll ein auf christlicher Verantwortung beruhender, sorgfältig geprüfter und stellvertretend für die ganze Gesellschaft formulierter Konsens zum Ausdruck kommen. Die vorliegende Denkschrift wurde von der Kammer für Öffentliche Verantwortung erarbeitet und vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), einem Leitungsgremium der EKD, einstimmig bejaht.

Aufgaben

2

Im Text (Material) ist von einem Gottesbild die Rede, wonach Gott derjenige sei, „der Vergebung schenkt, Versöhnung stiftet und so Frieden schafft“.

Untersuchen Sie, an welchen Stellen der alttestamentlichen und neutestamentlichen Überlieferung dieses Gottesbild deutlich wird.

[40 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung

Material

Evangelische Kirche in Deutschland: Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (2007)

Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein. Bei aller Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit, die das Engagement von Christen und Kirchen für den irdischen Frieden kennzeichnet, geht es immer zurück auf Gottes Verheißung und Gebot und ihren gemeinsamen Glauben. In ihm ist eine umfassende Deutung des menschlichen Lebens im Verhältnis zu Gott, zum 5 Mitmenschen und zum gesellschaftlichen Zusammenleben enthalten. Im Folgenden soll die genuin christliche Friedensverantwortung […] sowohl in ihrer biblischen und theologischen Begründung wie in ihren praktischen Konkretionen entfaltet werden.

Die Kirche tritt für den Frieden der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von „Gedanken des Friedens“ (Jer 29,11). Dieser Friede umfasst 10 den ganzen Menschen; in ihm kommt der Leib zu seinem Recht, die sozialen Beziehungen sind auf gegenseitige Zuwendung ausgerichtet, und in Dankbarkeit gegenüber Gott kann Lebensfreude wachsen. Bereits in den prophetischen Texten des Alten Testaments findet sich die messianische Erwartung eines Friedensfürsten (Jes 9,5); bei der Geburt Jesu von Nazareth wurde der „Friede auf Erden“ als irdische Entsprechung zur „Ehre Gottes in der Höhe“ verkündet (Lk 2,14). Jesus pries die 15 Friedensstifter glückselig, „denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Vor seinem Tod hinterließ er den Seinen zum Abschied seinen Frieden, der die Angst überwindet (Joh 14,27). Als Auferstandener teilt er diesen Frieden mit jedem Friedensgruß aus (Joh 20,19.21.26). Mit der Verbreitung seines Friedens beauftragt er die Jüngerinnen und Jünger: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Zum Wesen des Friedens Christi gehört es, gegeben und 20 weitergegeben, geschenkt und bezeugt zu werden, damit immer mehr Menschen aus dem Frieden leben können.

Der Grund für die vielfältigen Gefährdungen des Friedens liegt nicht nur in politischen Strukturen und sozioökonomischen Entwicklungen, sondern auch in der Verfassung der menschlichen Natur. Zum Menschen gehört die Sehnsucht nach Frieden ebenso wie die Neigung zur Rivalität bis hin zur 25 Gewaltbereitschaft. Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig; sie sind nicht nur auf Kooperation angelegt, sondern tendieren auch dazu, die eigenen Interessen ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen. Für den christlichen Glauben ist dieser destruktive Hang Ausdruck der Sünde, nämlich Folge eines verkehrten Verhältnisses zu Gott. […]

Weil Gott in Christus Frieden stiftet, können Christenmenschen inmitten einer von Gewalt entstellten 30 Welt aus diesem Frieden leben. Der Friede Christi wird in jeder Feier des christlichen Gottesdienstes vergegenwärtigt. […] Wenn die Gemeinde in der Feier des Abendmahls Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und Gemeinschaft erfährt, so kann dies Konfliktpotenziale überwinden und neue Zukunft eröffnen. Diesen Frieden nimmt die Gemeinde mit, wenn sie nach empfangenem Mahl mit den Worten „Geht hin in Frieden“ verabschiedet wird. Mit den gottesdienstlichen Sprachformen des 35 Grußes, des Zuspruchs und des Segens wird der Friede wirksam ausgeteilt. […]

Christen kennen nur zu gut das ambivalente 1 Verhältnis von Religion und Gewalt. Religion ist der immer unvollkommene menschliche Versuch, auf die Wirklichkeit Gottes zu antworten. […] Die selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Ambivalenz ist eine wichtige theologische Aufgabe. Auch die Verbreitung des Christentums war häufig mit der Anwendung von Gewalt gegen 40 Andersgläubige und Kritiker in den eigenen Reihen verbunden. Dazu wurden einzelne biblische Motive und Traditionen aus dem Gesamtzusammenhang der großen jüdisch-christlichen Erzählung von der Geschichte Gottes mit den Menschen herausgenommen und zur Legitimation von Gewaltanwendung im Namen Gottes missbraucht. Vor solchen Missgriffen schützt nur eine durch die historische Kritik hindurchgegangene und hermeneutisch reflektierte Aneignung des lebensdienlichen 45 Sinnes, des Heils-Sinns der biblischen Schriften. Sie erweisen sich dann als Zeugnisse eines (immer wieder von Rückfällen begleiteten) Lernprozesses, der das Gottesbild einbezieht, indem Gott immer deutlicher als der erkennbar wird, der Vergebung schenkt, Versöhnung stiftet und so Frieden schafft. Damit verbindet sich auch die Einsicht, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist. […]

Bei Menschheitsverbrechen wie einsetzendem Genozid, Massenmord an Minderheiten, Massakern an 50 ethnischen Gruppen und ethnischer Vertreibung, kollektiver Folter und Versklavung kann militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein, wenn die weiteren Kriterien rechtserhaltenden Gewaltgebrauchs […] erfüllt sind. […] Zugleich gilt aber auch hier, dass der Einsatz militärischer Gewalt […] nur als äußerstes Mittel erwogen werden darf. Gerade dann, wenn man […] die wirksame Verhinderung von Völkermord zu den Pflichten der Staatengemeinschaft rechnet, ist es dringend 55 erforderlich, nationale und internationale Mechanismen der Prävention im Sinn eines Einwirkens im Vorfeld zu etablieren. […] Die Notwendigkeit zum Handeln besteht jedoch bei Völkermord oder anderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wenn nationale Gerichte versagen. So wie das Leitbild des gerechten Friedens zu seiner Verwirklichung des Rechts bedarf, so bedarf das Recht in bestimmten, klar eingrenzbaren Kontexten der Instrumente rechtserhaltender Gewalt.

1 ambivalent – gespalten, zwiespältig

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007, S. 28–31.

Hinweis

In EKD-Denkschriften soll ein auf christlicher Verantwortung beruhender, sorgfältig geprüfter und stellvertretend für die ganze Gesellschaft formulierter Konsens zum Ausdruck kommen. Die vorliegende Denkschrift wurde von der Kammer für Öffentliche Verantwortung erarbeitet und vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), einem Leitungsgremium der EKD, einstimmig bejaht.

Aufgaben

3

Im vorliegenden Textauszug heißt es einerseits, „dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist“, andererseits, dass „militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein“ kann. (Material)

Diskutieren Sie diese differenzierte Position unter Bezugnahme auf die Bergpredigt und ihre Auslegungen.

[30 BE]

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