Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2021

Thema: Gottesvorstellungen in Bibel und Tradition · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter (1940–43)

Dietrich Bonhoeffer verfasste seine Manuskripte zur Ethik, denen der vorliegende Text entnommen ist, in der Zeit zwischen 1940 und 1943. Die Ausführungen Bonhoeffers sind in einer Krisensituation verfasst worden, in der es darum geht, eine Ethik zu gestalten, die auf die menschenverachtenden Formen des Nationalsozialismus reagiert und die sich in der konkreten, von der jeweiligen Situation abhängigen Entscheidung zwischen Gut und Böse befindet. Die grundlegende ethische Frage Bonhoeffers ist deshalb „Wer hält stand?“ in dieser konkreten, vom Bösen beherrschten Situation, in der sich die Beziehung des Menschen zur Liebe Gottes bewähren muss.

Gott liebt den Menschen. Gott liebt die Welt. Nicht einen Idealmenschen, sondern den Menschen, wie

er ist, nicht eine Idealwelt, sondern die wirkliche Welt. Was uns verabscheuungswürdig ist in seiner

Widergöttlichkeit 1, wovon wir uns zurückziehen in Schmerz und Feindschaft, der wirkliche Mensch,

die wirkliche Welt, das ist für Gott Grund unergründlicher Liebe, damit vereint er sich aufs innigste.

5 Gott wird Mensch, wirklicher Mensch. Während wir uns bemühen, über unser Menschsein

hinauszuwachsen, den Menschen hinter uns zu lassen, wird Gott Mensch und wir müssen erkennen,

daß Gott will, daß auch wir Menschen, wirkliche Menschen seien. Während wir unterscheiden

zwischen Frommen und Gottlosen, Guten und Bösen, Edlen und Gemeinen, liebt Gott unterschiedslos

den wirklichen Menschen. Er duldet es nicht, daß wir die Welt und die Menschen einteilen nach

10 unseren Maßstäben und uns zu Richtern über sie aufwerfen. [...] Gott tritt auf die Seite des wirklichen

Menschen und der wirklichen Welt gegen alle ihre Verkläger 2. Er läßt sich mit den Menschen, mit der

Welt verklagen und macht so seine Richter zu den Angeklagten.

Aber es ist nicht genug damit gesagt, daß Gott sich der Menschen annimmt. Dieser Satz ruht auf

einem unendlich viel tieferen, in seinem Sinn undurchdringlicheren, nämlich: dass Gott in der

15 Empfängnis und Geburt Jesu Christi die Menschheit leibhaftig angenommen hat. Gott überhebt seine

Liebe zu den Menschen 3 jedes Vorwurfs der Unechtheit, des Zweifels und der Ungewißheit, indem er

selbst in das Leben der Menschen eingeht als Mensch, indem er Natur, Wesen, Schuld und Leiden des

Menschen leibhaftig auf sich nimmt und trägt. Aus Liebe zum Menschen wird Gott Mensch. Er sucht

sich nicht den vollkommensten Menschen, um sich mit ihm zu verbinden, sondern er nimmt

20 menschliches Wesen an, wie es ist. Jesus Christus ist nicht die Verklärung hohen Menschentums,

sondern das Ja Gottes zum wirklichen Menschen, nicht das leidenschaftslose Ja des Richters, sondern

das barmherzige Ja des Mitleidenden. In diesem Ja ist das ganze Leben und die ganze Hoffnung der

Welt beschlossen. In dem Menschen Jesus Christus ist das Urteil über die ganze Menschheit ergangen,

wiederum nicht das teilnahmslose Urteil des Richters, sondern das barmherzige Urteil dessen, der das

25 Geschick der ganzen Menschheit durchleidet und trägt. Jesus ist nicht ein Mensch, sondern der

Mensch. Was an ihm geschieht, geschieht am Menschen, geschieht an allen und darum auch an uns.

Der Name Jesus schließt die ganze Menschheit und den ganzen Gott in sich.

Die Botschaft von der Menschwerdung Gottes greift eine Zeit, in der bei den Bösen wie bei den Guten

die Menschenverachtung oder Menschenvergötzung letzter Schluß der Weisheit ist, im Zentrum an.

30 Im Sturm enthüllen sich die Schwächen der menschlichen Natur deutlicher als im stillen Fluss ruhiger

Zeiten. Angst, Gier, Unselbständigkeit und Brutalität erweisen sich angesichts ungeahnter

Bedrohungen und Chancen bei der überwältigenden Mehrzahl als die Triebfedern ihres Handelns. Der

tyrannische Menschenverächter macht sich in solchem Zeitpunkt das Gemeine des menschlichen

Herzens leicht zunutze, indem er es nährt und ihm andere Namen gibt: Angst nennt er Verantwortung,

35 Gier heißt Strebsamkeit, Unselbständigkeit wird zur Solidarität, Brutalität zu Herrentum. So wird im

buhlerischen 4 Umgang mit den Schwächen der Menschen das Gemeine immer neu erzeugt und

vermehrt. Unter den heiligsten Beteuerungen der Menschenliebe treibt die niedrigste

Menschenverachtung ihr finsteres Geschäft. Je gemeiner der Gemeine wird, ein desto willigeres und

schmiegsameres Werkzeug ist er in der Hand der Tyrannen. Die kleine Zahl der Aufrechten wird mit

40 Schmutz beworfen. Ihre Tapferkeit heißt Aufruhr, ihre Zucht Pharisäertum 5, ihre Selbständigkeit

Willkür, ihr Herrentum Hochmut. Dem tyrannischen Menschenverächter gilt Popularität als Zeichen

höchster Menschenliebe, sein heimliches, tiefes Mißtrauen gegen alle Menschen versteckt er hinter

den gestohlenen Worten wahrer Gemeinschaft. Während er sich vor der Menge als einer der ihren

bekennt, rühmt er sich selbst in widerwärtigster Eitelkeit und verachtet das Recht jedes Einzelnen. Er

45 hält die Menschen für dumm und sie werden dumm, er hält sie für schwach und sie werden schwach,

er hält sie für verbrecherisch und sie werden verbrecherisch. Sein heiligster Ernst ist frivoles 6 Spiel,

seine biedermännisch 7 betreuende Fürsorglichkeit ist frechster Zynismus. Je mehr er aber in tiefer

Menschenverachtung die Gunst der von ihm Verachteten sucht, desto gewisser erweckt er die

Vergötterung seiner Person durch die Menge. Menschenverachtung und -vergötzung liegen dicht

50 beieinander. Der Gute aber, der das alles durchschaut, der sich angeekelt von den Menschen

zurückzieht und sie sich selbst überläßt, der lieber für sich selbst seinen Kohl baut als sich im

öffentlichen Leben gemein zu machen, erliegt doch derselben Versuchung der Menschenverachtung

wie der Böse. Seine Menschenverachtung ist zwar vornehmer, aufrichtiger, aber auch unfruchtbarer,

tatenärmer. Vor der Menschwerdung Gottes kann sie ebensowenig bestehen wie die tyrannische

55 Menschenverachtung. Der Menschenverächter verachtet, was Gott geliebt hat, ja, er verachtet die

Gestalt des menschgewordenen Gottes selbst.

Es gibt aber auch eine aufrichtig gemeinte Menschenliebe, die der Menschenverachtung gleichkommt.

Sie beruht auf der Beurteilung des Menschen nach den in ihm schlummernden Werten, nach seiner

tiefsten Gesundheit, Vernünftigkeit, Güte. [...] Mit erzwungener Nachsicht wird das Böse in Gutes

60 umgedeutet, das Gemeine übersehen, das Verwerfliche entschuldigt. Aus mancherlei Gründen scheut

man ein klares Nein, bejaht man schließlich alles. Man liebt ein selbstgemachtes Bild des Menschen,

das kaum noch eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit hat und man verachtet damit schließlich doch

wieder den wirklichen Menschen, den Gott geliebt und dessen Wesen er angenommen hat.

Den wirklichen Menschen kennen und ihn nicht verachten, das ist allein durch die Menschwerdung

65 Gottes möglich. Der wirkliche Mensch darf vor Gott leben, und wir dürfen den wirklichen Menschen

neben uns vor Gott leben lassen, ohne ihn zu verachten oder zu vergöttern. Nicht als wäre das wirklich

ein Wert für sich, sondern allein darum, weil Gott den wirklichen Menschen geliebt und angenommen

hat. Der Grund der Liebe Gottes zum Menschen liegt nicht im Menschen, sondern allein in Gott selbst.

Der Grund, aus dem wir als wirkliche Menschen leben dürfen und den wirklichen Menschen neben

70 uns lieben dürfen, liegt wiederum allein in der Menschwerdung Gottes, in der unergründlichen Liebe

Gottes zum Menschen.

Dietrich Bonhoeffer: Der Menschenverächter, in: Dietrich Bonhoeffer: Ethik, München 12. Aufl. 1988, S. 75–79.

Hinweis

Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) war evangelischer Theologe und Pfarrer. Er schloss sich der politischen Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus an. Bonhoeffer wurde 1943 inhaftiert und 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet.

1 Mit diesem Begriff meint Bonhoeffer den Menschen als Sünder, der seiner Gottebenbildlichkeit nicht entspricht. Der Mensch handelt dann, wenn er in seiner Selbstsicherheit von Gott spricht, im eigentlichen Sinn „widergöttlich“. In diesem Sinn verweist der Begriff auf die Selbstüberheblichkeit des Menschen, die sich auch in einem als Werkgerechtigkeit verstandenen Glauben aussprechen kann.

2 „Verkläger“ – hier: „Ankläger“

3 altertümliche Formulierung im Sinne von: Gott hebt seine Liebe über jeden Vorwurf hinweg

4 buhlerisch – hier: abwertend für „einschmeichelnd, werbend“ gemeint

5 Pharisäertum – Heuchelei, Unaufrichtigkeit, Verstellung, Vortäuschung

6 frivol – leichtfertig, bedenkenlos

7 biedermännisch – scheinheilig, spießig, frömmlerisch

2 Setzen Sie unter Berücksichtigung des Textes (Material) die Aussage Bonhoeffers, dass Gott den Menschen in „unergründlicher Liebe“ zugetan ist, in Beziehung zu der Vielfalt der biblischen Gottesbilder.

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Setzen Sie unter Berücksichtigung des Textes (Material) die Aussage Bonhoeffers, dass Gott den Menschen in „unergründlicher Liebe“ zugetan ist, in Beziehung zu der Vielfalt der biblischen Gottesbilder.

Lösung: Individuelle theologische Entfaltung und Einordnung gemäß den Lösungshinweisen.

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