Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2021
Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Wolfgang Huber: Leid vermindern, Perfektion anstreben? (2015)
Mit den modernen Lebenswissenschaften verbindet sich die Hoffnung, dass Leid vermindert und ein
selbstbestimmtes Leben ermöglicht wird. Die Reproduktionsmedizin ist zu einem der Brennpunkte in
dieser Entwicklung geworden. Paare, deren Kinderwunsch bisher unerfüllt blieb, hoffen darauf, dass
ihnen gesunde Kinder geboren werden. Genetisch belastete Paare wünschen sich Kinder, die ohne die
5 befürchteten Erkrankungen leben können. Solche Hoffnungen und Wünsche haben großes Gewicht.
Ihretwegen wurde nicht nur die Erzeugung von Embryonen in der Petrischale, sondern auch deren
genetische Untersuchung vor der Implantation (PID) zugelassen. Doch eine derartige Entscheidung hat
eine Kehrseite. Mit der PID verbindet sich ein selektiver Blick, der darauf zielt, unter den in vitro
hergestellten Embryonen die einen auszuwählen und die anderen zu verwerfen. Mit dem Wunsch,
10 Leid zu vermeiden, verbindet sich die Entscheidung darüber, welcher Embryo vorzugswürdig ist.
Deshalb werden mehr Embryonen hergestellt, als in einem Zyklus implantiert werden sollen.
Aller Wahrscheinlichkeit nach werden neue Diagnosetechniken zu einem breiteren Einsatz der PID
führen. Chipgestützte Diagnosen werden das Indikationsspektrum erweitern; sie werden Resultate
erbringen, nach denen gar nicht gefragt wurde. Diese „Überschussinformationen“ werden eine Aus-
15 wahl von Embryonen auch aus anderen Gründen als den eng begrenzten, auf genetische Belastungen
der Eltern bezogene[n] zur Folge haben. Mit solchen Entwicklungen kann sich der Druck auf
genetisch belastete Eltern erhöhen, sich einer PID zu unterziehen; Menschen mit genetisch bedingten
Behinderungen können sich durch solche Entwicklungen tiefgreifend in Frage gestellt fühlen. Den
Bemühungen um Integration und Inklusion von Behinderten liefe eine solche Entwicklung zuwider.
20 Ähnlich wie die Pränataldiagnostik (PND) wird beim Einsatz der In-Vitro-Fertilisation (IVF) auch die
PID wahrscheinlich zum Regelfall werden; die einstweilen vorgesehene Einschränkung auf Fälle, in
denen schwerwiegende Erkrankungen zu befürchten sind, wird sich kaum auf Dauer halten lassen.
Geht es nur um Leidvermeidung oder auch um Vervollkommnung ( enhancement)?
Verletzlichkeit und Vervollkommnung, Vulnerabilität 1 und Perfektibilität beschreiben nicht nur zwei
25 Ausgangspunkte für heutiges Handeln in Medizin und Lebenswissenschaften. Diese beiden Eckpunkte
sind im abendländischen Menschenbild miteinander verbunden. Sie lassen sich auf das griechische
und auf das biblische Bild vom Menschen und damit auf die Grundgedanken des Selbstbewusstseins
und der Nächstenliebe zurückführen.
Das griechische Bild eines Menschen, der durch arete 2, durch die Befähigung zum gelingenden
30 Leben, ausgezeichnet ist, orientiert sich an der gesunden, ja makellosen Person, wie sie noch den
heutigen Betrachter in den Statuen von Phidias 3 oder Praxiteles 4 unmittelbar beeindruckt. In der
menschlichen Person verbinden sich Qualität der Leistung und Anmut des Körpers miteinander; das
Gute und das Schöne gehören zusammen. Das zeigt sich auf exemplarische Weise an den Siegern in
den Wettkämpfen von Olympia; man kann von einem olympischen Modell des Menschen sprechen.
35 Diesem Modell entspricht die Hochschätzung der Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen.
Die griechische Philosophie erfasst dies in dem Motiv, dass der Mensch als vernunftbegabtes Wesen
zur Selbstachtung bestimmt ist. Wenn er von dieser Selbstachtung Gebrauch macht, handelt er aus
Freiheit.
Auch die biblische Tradition schätzt den Menschen hoch. Sie sagt von ihm, Gott habe ihn zu seinem
40 Ebenbild geschaffen. Der Mensch ist deshalb nur „wenig niedriger gemacht“ als Gott (Psalm 8,6).
Doch mit dieser Hochschätzung verbindet sich eine ausdrückliche Hinwendung zum Leidenden,
Kranken, der Hilfe Bedürftigen. Dass der Mensch ein verletzliches, auf die Hilfe anderer
angewiesenes Wesen ist, tritt in der biblischen Tradition markant hervor. […]
Das Spannungsverhältnis zwischen den beiden geschilderten Menschenbildern ist tief in unserem
45 kulturellen Bewusstsein verankert. Das olympische, leistungsorientierte Modell ist ein kräftiger
Anstoß für die Bereitschaft, sein Bestes zu geben und seine Gaben zu entfalten. Diese Haltungen in
ihrer spannungsvollen Zusammengehörigkeit wahrzunehmen, ist eine zentrale Aufgabe persönlicher
Lebensführung wie gesellschaftlicher Gestaltung. In beiden Bereichen geht es darum, dass Autonomie
und Nächstenliebe, Selbstbestimmung und Fürsorge in der Balance gehalten werden. Diese Aufgabe
50 ist umso wichtiger, je stärker der Sog wird, der vom Gedanken der Perfektibilität ausgeht.
Die Vorstellung von einer erreichbaren menschlichen Vollkommenheit geht inzwischen so weit, dass
sogar die Unsterblichkeit als erstrebenswertes Ziel menschlichen Handelns angesehen wird. […]
Bescheidener als solche Utopien und doch anspruchsvoll genug ist das Bemühen, vorzeitigen Tod und
unnötiges Leiden zu vermeiden und Menschen dabei zu helfen, die ihnen zugemessene Lebenszeit in
55 Würde verbringen zu können. Doch zu dieser Würde gehört es, die Endlichkeit des menschlichen
Lebens anzuerkennen und sie von der Ewigkeit Gottes zu unterscheiden.
Hier zeigt sich, warum wir bei der Verständigung über grundlegende Fragen des Menschenbildes nicht
auf die Erfahrungen und die Sprache der Religion verzichten sollten. Darauf hat mit besonderem
Nachdruck Jürgen Habermas 5 hingewiesen. Explizit knüpft er an die Rede von der Gottebenbildlich-
60 keit des Menschen an. In diesem Gedanken, so erläutert Habermas, verbindet sich die Entsprechung
zwischen göttlicher und menschlicher Freiheit mit der Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf.
Insofern erschließt dieser religiöse Gedanke den Zugang zum Verständnis der endlichen Freiheit des
Menschen. Bei Habermas heißt es in diesem Zusammenhang: „Dass der Gott, der die Liebe ist, in
Adam und Eva freie Wesen schafft, die ihm gleichen, muss man nicht glauben, um zu verstehen, was
65 mit Ebenbildlichkeit gemeint ist. Liebe kann es ohne Erkenntnis in einem anderen, Freiheit ohne
gegenseitige Anerkennung nicht geben. Deshalb muss das Gegenüber in Menschengestalt seinerseits
frei sein, um die Zuwendung Gottes erwidern zu können … Gott bleibt nur so lange ein ‚Gott freier
Menschen‘, wie wir die absolute Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf nicht einebnen.“
Die Unterscheidung zwischen Gott und Mensch hilft dabei, die Freiheit des Menschen in ihrer
70 Endlichkeit zu begreifen und diese Endlichkeit auch bei allen wissenschaftlichen Bemühungen um
Erhaltung und Qualität des menschlichen Lebens im Blick zu behalten. Damit ist keine Gering-
schätzung der modernen Lebenswissenschaften verbunden. Schon immer hat der Mensch das eigene
Leben zum Gegenstand technischer Manipulationen gemacht, den eigenen Körper verändert und nach
funktionalen Äquivalenten für defekte Körperfunktionen gesucht. Doch er griff dabei nicht planmäßig
75 in die eigene biologische Konstitution ein. […]
Auch wenn die DNS entschlüsselt ist, wird das menschliche Leben ein Geheimnis bleiben. Denn der
Mensch lebt nicht nur, sondern verhält sich zu seinem Leben; er geht nicht mit seinem Leben um,
sondern empfängt es als Gabe und Geschenk; beim Nachdenken über sich stößt er nicht nur auf sich
selbst, sondern geht über sich hinaus und fragt nach Gott. Je weiter menschliche Erkenntnis ausgreift
80 und menschliche Verfügungsmacht reicht, desto wichtiger wird es sein, dass diese Erkenntnis nicht
über das Leben herrscht, sondern dem Leben dient. Dafür wird der entscheidende Prüfstein sein, ob
der Mensch in solchen Veränderungen als Person geachtet, in seiner Würde und Freiheit respektiert
und ob sein Leben in seiner Endlichkeit angenommen wird.
Wolfgang Huber: Ethik. Die Grundfragen unseres Lebens von der Geburt bis zum Tod, München 2. Aufl. 2015, S. 55–59, Hervorhebungen im Original.
1 Vulnerabilität – Verletzbarkeit, Verwundbarkeit
2 Das antike griechische Wort „arete“ bezeichnet allgemein die Vortrefflichkeit einer Person.
3 Phidias (480–430 v. Chr.) – einer der größten Bildhauer der Antike
4 Praxiteles (390–320 v. Chr.) – ebenfalls einer der bedeutendsten Bildhauer der Antike
5 Jürgen Habermas (*1929) ist ein deutscher emeritierter Professor, der zu den weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart zählt.
Hinweise:
Wolfgang Huber (*1942): deutscher evangelischer Theologe, 2003–2009 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland
Bemerkungen in Klammern und Zwischenüberschriften wurden gestrichen.
Aufgabe 1
1
Geben Sie den Gedankengang des Autors mit eigenen Worten wieder. (Material) [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Geben Sie den Gedankengang des Autors mit eigenen Worten wieder. (Material)
Lösung: Individuelle Textwiedergabe und Analyse des Gedankengangs anhand der im Erwartungshorizont genannten Kriterien.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · LK 2021