Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2021

Thema: Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers (2019)

Bis heute gehört es zu den zentralen Glaubensaussagen des Christentums, dass der Opfertod Jesu am

Kreuz für das Heil der Menschen notwendig gewesen sei. Moderne Theologen meiden zwar das Wort

„Opfer“ und reden stattdessen lieber von Jesu „Hingabe“. Aber auch in diesen Deutungen bleibt die

grausame Hinrichtung Jesu am Kreuz Teil eines göttlichen Heilsplans.

5 „Wie soll ich meinem Kind erklären, was ich selbst als Mutter nicht akzeptieren kann, nämlich, dass

ein Vater seinen Sohn zur Schlachtbank führt? Was ist das für ein Gott?“, fragte eine Teilnehmerin auf

einer Tagung. Noch perverser wird das Gottesbild, wenn in der brutalen Kreuzigung die „Liebe“

Gottes zum Ausdruck kommen soll. Die Verknüpfung von Opfer und Liebe transportiert ein

gefährliches Beziehungsmodell. Denn in ihm spiegelt sich auch die patriarchale Familienordnung, die

10 Liebe als Gehorsam und Unterwerfung, als Opfer und Hingabe verstanden hat. […] Im Kontext von

sexueller Gewalt und Missbrauch ist dies ein ganz gefährliches theologisches Modell.

Die feministische Kritik an der traditionellen Kreuzestheologie hat vor allem Frauen und Kinder im

Blick, die von Gewalt betroffen sind. Das theologische Modell von Christus, der sich in Gehorsam

gegenüber seinem Vater dem „erlösenden“ Leiden am Kreuz unterwirft, fördere die Akzeptanz der

15 Gewalt an (Ehe-)Frauen, Töchtern und Söhnen, die sich ebenfalls der familiären und häufig auch der

sexuellen Gewalt des Vaters zu unterwerfen haben.

Feministische Theologinnen wie Regula Strobel, die sich in der Gewaltprävention engagieren,

kritisieren, dass die klassische Kreuzestheologie Leiden, Opferbereitschaft und Selbstverleugnung als

erlösende Verhaltensweisen propagiert. Damit bringe sie gewaltbetroffene Menschen dazu, sich mit

20 Gewalt und Leiden abzufinden, statt aktiv dagegen zu kämpfen. In diesem Sinne kann die christliche

Opfertheologie Opfer in ihrem Opfersein festhalten und Täter entlasten.

Wer eine brutale Gewalttat wie die Hinrichtung Jesu am Kreuz aus dem historischen und sozialen

Kontext löst, sie spiritualisiert und mit dem erlösenden Handeln Gottes verbindet, verharmlost sie. Es

wird nicht mehr unterschieden zwischen vermeidbarem, durch Gewalt verursachtem Leiden und

25 unvermeidbarem Leiden wie zum Beispiel Krankheit. Dies entlastet davon, die Mechanismen, die

vermeidbares Leiden verursachen, zu benennen, ihre Verursacher ausfindig zu machen und für eine

Veränderung der Unrechts- und Gewaltstrukturen einzutreten.

Die Vorstellung, dass Gott selber das Leiden und den gewaltsamen Tod seines Sohnes um der

Erlösung der Welt willen billigt, „heiligt“ zudem Gewalt als Mittel zur Erlösung. – Eine Vorstellung,

30 die längst zu einer gängigen gesellschaftlichen und politischen Argumentationsfigur geworden ist,

wenn gesagt wird, dass zur Erreichung „höherer Ziele“ Opfer nötig oder unvermeidbar sind. Damit

geraten die Täter aus dem Blickfeld und werden nicht zur Verantwortung gezogen. Dies ist ein

weiterer Grund, weshalb die klassische christliche Opfertheologie keine befreiende Gegenvision zu

den bestehenden Gewaltverhältnissen darstellt, sondern deren „Normalität“ stützt. Wer die Opferung

35 von Menschen als sinnvoll erklärt, rechtfertigt sie und trägt zur Akzeptanz von Gewalt als legitimem

Mittel bei.

Nachfolge Jesu wurde von den christlichen Kirchen lange als Imitation des leidenden Christus

verkündet: Jeder und jede nehme sein/ihr Kreuz auf sich. […] Seit Jahrhunderten blicken Christinnen

und Christen auf einen gemarterten Körper und sehen in ihm auch noch Erlösung. Wie ist dieser

40 Gekreuzigte in unseren Altarräumen auszuhalten? Sehen, empfinden wir überhaupt noch etwas – oder

bewirkt die theologische Überhöhung dieses Todes, dass wir auf Todesqual schauen, ohne mit der

Wimper zu zucken? Die christliche Galerie ist voll von Bildern des Leidens; ja die christliche

Tradition hat geradezu eine Erotik des Schmerzes und des Leidens entwickelt, während der lebendig-

sinnenfreudige Körper als sündig verteufelt worden ist. Für die „Fülle des Lebens“, die Jesus

45 verheißen hat, aber auch für die christliche Botschaft vom Heilwerden der Menschen und von der

Auferstehung ins Leben hat die Kirche keine Bildtradition entwickelt, die in der Praxis in gleicher

Weise wirksam geworden ist wie das Kreuz.

Wir müssen deshalb heute anders von Kreuz, Opfer und Erlösung sprechen. Dies heißt aber nicht, dass

eine christliche Rede vom Kreuz überhaupt aufgegeben werden soll. Viele Theologinnen, vor allem

50 befreiungstheologisch orientierte, interpretieren das Kreuz vom Leben Jesu her: als Konsequenz seines

Eintretens für das Reich Gottes – für eine andere Welt, in der das Unrecht ein Ende hat, in der eine

neue Form der Gemeinschaft zwischen Menschen und ein „Leben in Fülle“ möglich ist. Bis heute ist

diese Form des Kreuzes als Konsequenz eines kompromisslosen Eintretens für die Gerechtigkeit

Gottes in unserer Welt grausame Realität. Entscheidend ist deshalb, dass in der Rede vom Kreuz die

55 politische und historische Dimension zum Ausdruck kommt. Die zentrale Frage ist, wo unsere Kreuze

heute stehen, und diese sichtbar zu machen. Wer wird heute ans Kreuz geschlagen? Das Kreuz ist

Protest und Mahnmal. An dieser Bedeutung des Kreuzes – als Vergegenwärtigen und Sichtbarmachen

von Leiden, Unrecht und Gewalt – möchte ich persönlich festhalten: Nicht, um es mit Sinn zu erfüllen,

sondern um es anzuklagen, zu verneinen, es nicht einfach hinzunehmen.

60 Heilbringend sind Leben und Auferstehung Jesu, nicht sein Tod. Das eigentlich erlösende Ereignis ist

seine gelebte Botschaft vom Reich Gottes. Am Anfang des christlichen Glaubens steht nicht das

Kreuz, sondern die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, dass mit seinem Sterben am Kreuz der

Tod nicht gesiegt hat, dass Gott seine Botschaft vom Reich Gottes bestätigt hat. Diese Erfahrung

setzte bei den Jüngerinnen und Jüngern Jesu Auferstehungsprozesse in Gang: Sie, die voller Angst

65 geflüchtet waren und deren Hoffnung tot war, wurden zum Leben erweckt und mit der Aufgabe

betraut, die Arbeit am Reich Gottes weiterzuführen. So sollten auch wir heute Auferstehungsmomente

in unserem Leben wahrnehmen und Auferstehungsprozesse in Gang setzen. „Auferstehung“

umschreibt für viele feministische Theologinnen den Glauben, dass die Erfahrung eines

lebenspendenden Gottes stärker ist als die täglichen Erfahrungen des Scheiterns, des Unrechts und des

70 Todes. Auferstehung ist Aufstehen aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit; die Erfahrung, dass uns

dort, wo alles tot und zerbrochen schien, plötzlich neue Lebensmöglichkeiten geschenkt werden.

Aufgabe der Theologie müsste es sein, diesen Auferstehungserfahrungen ebenso Ausdruck zu geben

wie der Erfahrung des Kreuzes; neben dem Kreuz Symbole und Bilder anzubieten, die von der

Auferstehung vom Tod ins Leben erzählen: der Auferstehung der unterdrückten Körper von Frauen,

75 Männern und Kindern, von der Auferstehung der Hoffnung, der Gerechtigkeit und der Liebe.

Doris Strahm: Das ist keine Liebe, das ist pervers, in: Publik-Forum 5/2019, S. 29f., Hervorhebungen im Original.

Hinweise

Doris Strahm (*1953): schweizerische feministische Theologin und Publizistin

Zwischenüberschriften wurden entfernt.

2 Setzen Sie Strahms Position in Beziehung zu neutestamentlichen Deutungen von Kreuz und Auferstehung Christi. [40 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Setzen Sie Strahms Position in Beziehung zu neutestamentlichen Deutungen von Kreuz und Auferstehung Christi.

Lösung: Vergleich zwischen Strahms Thesen und neutestamentlichen Deutungen: - Ausgangspunkt: Alle NT-Schriften deuten das Geschehen nachesterlich, sehen den Kreuzestod aber häufig positiv im göttlichen Heilsplan verankert. - Zustimmung Strahms zur heilsgeschichtlichen Bedeutung der Auferstehung: Befreiung vom Gesetz der Sünde und des Todes (vgl. Röm 8,2); Neuanfang und Überwindung des Todes. - Kritik an Sühnopfer- und Passalammtheologie: NT-Traditionen deuten Jesu Tod als Passalamm (1Kor 5,7; Joh 1,29) bzw. als Sühnopfer (Hebr 9; Röm 3,25; Jes 53 / Gottesknecht). Strahm lehnt das Konzept ab, dass Gottes Liebe ein blutiges Opfer zur Versöhnung erfordere. - Letzte Worte Jesu am Kreuz: * Lukas (Lk 23,46: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“): Märtyrertod / Hingabe legitimiert Jesu Botschaft, steht aber in Spannung zu Strahms Kritik an der Verklärung von Gehorsam und Unterwerfung. * Johannes (Joh 19,30: „Es ist vollbracht“; Joh 3,16): Tod als Erhöhung und Offenbarung göttlicher Liebe, was Strahm als gefährliche Koppelung von Opfer und Liebe zurückweist. - Anknüpfungspunkte bei Johannes und den Auferstehungserzählungen: Dienende Liebe Jesu (Joh 13), Sendung ins Leben, Emmausjünger (Lk 24,13–35) und Maria Magdalena (Joh 20,11–18) als Urform von „Auferstehungsprozessen“ gegen Angst und Resignation.

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