Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Evangelische Religion LK 2021

Thema: Jesus Christus: Reich-Gottes-Verkündigung, Kreuz und Auferstehung · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Hans Küng: Statt Gesetzlichkeit Gottes Wille (2014)

Das Tun des Willens Gottes ist für viele Fromme eine fromme Formel geworden. Sie haben ihn mit

dem Gesetz identifiziert. Daß es hier um eine sehr radikale Parole geht, erkennt man erst, wenn man

sieht: Der Wille Gottes ist nicht einfach identisch mit dem geschriebenen Gesetz und erst recht nicht

identisch mit der das Gesetz auslegenden Tradition. Sosehr das Gesetz den Willen Gottes künden

5 kann, sosehr kann es auch Mittel sein, um sich hinter ihm gegen Gottes Willen zu verschanzen. So

leicht führt das Gesetz zur Haltung der Gesetzlichkeit 1. Eine Haltung, die trotz rabbinischer Aussagen

über das Gesetz als Ausdruck der Gnade und des Gotteswillens weit verbreitet war!

Ein Gesetz gibt Sicherheit: weil man weiß, woran man sich zu halten hat. An genau dieses nämlich: an

nicht weniger (das kann manchmal lästig sein), aber auch nicht an mehr (das ist manchmal recht

10 bequem). Nur was geboten ist, muß ich tun. Und was nicht verboten ist, das ist erlaubt. Und wie viel

kann man in einzelnen Fällen tun und lassen, bevor man mit dem Gesetz in Konflikt kommt! Kein

Gesetz kann alle Möglichkeiten berücksichtigen, alle Fälle einkalkulieren, alle Lücken schließen.

Zwar versucht man immer wieder, frühere Gesetzesbestimmungen (für die Moral oder die Lehre), die

damals einen Sinn hatten, ihn aber unterdessen verloren haben, künstlich auf die neuen Lebens-

15 bedingungen zurechtzubiegen beziehungsweise aus ihnen künstlich etwas Entsprechendes für die

veränderte Situation abzuleiten. Dies scheint der einzige Weg zu sein, wenn man den Buchstaben des

Gesetzes mit dem Willen Gottes identifiziert: durch Gesetzesinterpretation und Gesetzesexplikation 2

zur Gesetzeskumulation 3.

Im mosaischen Gesetz zählte man 613 Vorschriften […]. Aber je feiner das Gesetz geknüpft ist, um so

20 zahlreicher sind auch die Löcher. Und je mehr Gebote und Verbote man aufstellt, um so mehr

verdeckt man das, worauf es entscheidend ankommt. Und vor allem ist möglich, daß man das Gesetz

im Ganzen oder auch einzelne Gesetze nur hält, weil es nun einmal vorgeschrieben ist und man

eventuell die negativen Folgen zu fürchten hat. Wäre es nicht vorgeschrieben, würde man es nicht tun.

Und umgekehrt ist möglich, daß man vieles nicht tut, was eigentlich getan werden sollte, weil es nun

25 einmal nicht vorgeschrieben ist und einen niemand darauf festlegen kann. […]

Die Vorteile der Gesetzlichkeit damals wie heute sind unübersehbar. Es läßt sich leicht begreifen,

warum so viele Menschen sich gegenüber anderen Menschen lieber an ein Gesetz halten, als sich

persönlich zu entscheiden: Wie vieles müßte ich sonst tun, was nicht vorgeschrieben ist? Und wie

vieles lassen, was gar nicht verboten ist? Dann doch lieber klare Grenzen. Im Einzelfall läßt sich dann

30 noch immer diskutieren: ob wirklich eine Gesetzesübertretung vorlag, ob es wirklich schon Ehebruch

war, ob direkt ein Meineid, ob geradezu Mord …! Und wenn auch Ehebruch gesetzlich verboten ist,

so doch nicht alles, was dazu führt. Und wenn schon Meineid, so doch nicht alle harmloseren Formen

der Unwahrhaftigkeit. Und wenn schon Mord, so doch nicht alle böswilligen Gedanken, die

bekanntlich zollfrei sind. Was ich bei mir selber, was ich in meinem Herzen denke, begehre, möchte,

35 ist meine Sache.

Und ebenfalls läßt sich leicht begreifen, warum so viele Menschen sich auch im Blick auf Gott selbst

lieber an ein Gesetz halten: Weiß ich auf diese Weise doch genau, wann ich meine Pflicht getan habe.

Bei entsprechender Leistung darf ich auch mit entsprechender Belohnung rechnen. Und falls ich mehr

als meine Pflicht getan habe, mit einer Spezialvergütung. Auf diese Weise lassen sich meine

40 Verdienste und Verschuldungen gerecht verrechnen, moralische Minuspunkte durch überschüssige

Sonderleistungen einholen und letztlich vielleicht die Strafen durch den Lohn aufheben. Das ist eine

klare Rechnung, und man weiß, woran man ist mit seinem Gott.

Aber gerade dieser gesetzlichen Haltung gibt Jesus den Todesstoß.

Nicht auf das Gesetz selbst, wohl aber auf die Gesetzlichkeit, von der das Gesetz freizuhalten ist, zielt

45 er. Auf den Kompromiß, der diese Gesetzesfrömmigkeit kennzeichnet. Die den Menschen

abschirmende Mauer, deren eine Seite Gottes Gesetz ist und deren andere des Menschen gesetzliche

Leistungen, durchbricht er. Er läßt den Menschen nicht sich hinter dem Gesetz in Gesetzlichkeit

verschanzen und schlägt ihm seine Verdienste aus den Händen. Den Buchstaben des Gesetzes mißt er

am Willen Gottes selbst und stellt den Menschen damit in befreiender und beglückender Weise

50 unmittelbar vor Gott. Nicht in einem kodifizierten 4 Rechtsverhältnis steht der Mensch zu Gott, bei

dem er sein eigenes Selbst heraushalten kann. Nicht einfach dem Gesetz, sondern Gott selber soll er

sich stellen: dem nämlich, was Gott ganz persönlich von ihm will.

Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische

Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. Er gibt nicht

55 Anweisungen für alle Gebiete des Lebens. […]

Vielmehr: Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik 5 und Gesetzlichkeit, unkonventionell und

treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen

soll.

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2014, S. 79–83, Hervorhebungen im Original.

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe und Professor für Ökumenische Theologie

1 Unter Gesetzlichkeit ist hier ein Gottesverhältnis zu verstehen, das auf Leistung und Gegenleistung beruht: Schuld und Verdienste lassen sich so verrechnen. Diese von Küng kritisierte Haltung findet sich in vielen Religionen, auch im Christentum.

2 Gesetzesexplikation – Auslegung des Gesetzes, u. a. hinsichtlich der Frage, wie ein Gesetz korrekt angewendet wird

3 Gesetzeskumulation – zusammenfassende Anwendung mehrerer Gesetze auf dieselbe Rechtsfrage

4 Kodifizieren – Aufnahme einer Rechtsnorm in eine Rechtssammlung, beispielsweise ein Gesetzbuch

5 Kasuistik – eine Ethik, die für mögliche Fälle des praktischen Lebens anhand eines Systems von Geboten das rechte Verhalten bestimmt

2

„Deshalb verzichtet Jesus darauf, gelehrt über Gott zu reden, allgemeine, allumfassende moralische Prinzipien zu proklamieren, dem Menschen ein neues System beizubringen. [...] Ganz konkret zugreifend, fern aller Kasuistik und Gesetzlichkeit, unkonventionell und treffsicher ruft Jesus den Einzelnen zum Gehorsam gegen Gott auf, der das ganze Leben umfassen soll.“ (Material)

Erläutern Sie diese Aussage vor dem Hintergrund des Textes und unter Bezugnahme auf die Überlieferung von Jesus in den Evangelien. (40 BE)

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Erläutern Sie diese Aussage vor dem Hintergrund des Textes und unter Bezugnahme auf die Überlieferung von Jesus in den Evangelien.

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