Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2021

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde (1994)

Am 4. Juli 1954 hört der Ich-Erzähler, ein elfjähriger Pfarrerssohn aus einem hessischen Dorf, im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft in Bern. Es spielt Ungarn gegen Deutschland, und Deutschland wird schließlich das Spiel gänzlich unerwartet mit 3:2 gewinnen. Die Eltern des Jungen halten nichts von Fußball und haben nur widerstrebend erlaubt, dass der Junge die Reportage hört. „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ ist eine autobiographische Erzählung.

Ich hatte noch nie eine Fußballreportage gehört, immer öfter fielen Wörter, die nichts mit Fußball zu tun hatten… Wunder! …Gott sei Dank! …So haben wir alle gehofft, gebetet! …und ich staunte, daß der Reporter das Wort glauben mit mehr Inbrunst als ein Pfarrer oder Religionslehrer aussprechen konnte. Beinah wieder ein Tor für Ungarn, beinah ein Tor für Deutschland, und wieder hielt Toni Turek einen unmöglichen Ball, wieder Gefahr, der Ball im Tor, nein, …Turek, du bist ein Teufelskerl! Turek, du bist ein Fußballgott!

Ich erschrak über diese Sätze und freute mich gleichzeitig, daß Turek gehalten hatte, aber der Schrecken saß tiefer, und im Abklingen des Echos dieser Rufe begann ich auf die schüchternste Weise zu ahnen, was für Schreie das waren: eine neue Form der Anbetung, ein lästerlicher, unerhörter Gottesdienst, eine heidnische Messe, in der einer gleichzeitig als Teufel und Gott angerufen wurde. Auch wenn es nicht wörtlich gemeint war, Phrasen des Jubels nur, ich drehte die Lautstärke noch ein wenig herunter, weil es mir peinlich gewesen wäre, wenn jemand mich beim Hören von Wörtern wie Fußballgott gehört hätte. Ich sträubte mich gegen diese Lästerung und bot all meine Argumente dagegen auf: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir, Du sollst den Namen des Herrn nicht unnützlich führen, und doch gefiel mir, noch immer gebannt vom Nachklang der drei Silben Fußballgott, daß dieser Gott sehr menschlich war, dass da Götter, statt blutend am Kreuz zu hängen, für mich im Tor standen oder Tore schossen, sich abrackerten im strömenden Regen, und kämpften wie Liebrich, Liebrich, immer wieder Liebrich, und langsam ahnte ich, weshalb meine Eltern für den Fußball und für meine schüchterne Neigung zu diesem Sport nichts übrig hatten und hier vielleicht die Konkurrenz anderer, lebendigerer Götter fürchteten.

Die Spannung des Spiels lockte meine widerspenstigen Schuldgefühle, gegen das erste Gebot zu verstoßen durch bloßes Zuhören, ich fand von Minute zu Minute mehr Gefallen daran, einen heimlichen Gott, einen Fußballgott neben dem Herrgott zu haben. Der Mann der Gebote hing direkt hinter mir an der Wand, ich sah mich um, auf einem postkartengroßen, goldgerahmten Bild hielt ein braundunkler, bärtiger Moses die Feder und nahm das Diktat der Zehn Gebote entgegen, aber er blickte zur Seite, zum Herrn, schrieb mit der Gänsefeder und kümmerte sich um die Gotteslästerung des Reporters und meinen Anflug der Zustimmung nicht.

Ich war allein, aber umstellt von Bildern und Gegenständen, die das Zimmer zum Amts- und Gotteszimmer machten, wo Predigten geschrieben, Andachten gehalten, Anweisungen an Brautpaare und Taufpaten gegeben wurden, wo die Bücher dunkel hinter Glas aufgereiht auf ihre staubige Auferstehung warteten, wo die Strenge zweier Kreuze die Wände markierte und die dreifache Rose als Familienwappen ein Schmuck war, hier musste man sich jeden Vormittag um elf zu einem kurzen Gebet versammeln, hier wertete mein Vater die Wunder Jesu aus dem Heiligen Land für die Bauern von Wehrda, Rhina, Schletzenrod und Wetzlos aus, hier wälzte er das Wort Gottes um und schöpfte Erkenntnisse, Zitate, Stichworte, hier wollte er nicht gestört sein und spielte die bekannten Kirchenlieder auf dem Klavier, hier teilte er Prügel und Geschenke aus: wenn die Zehn Gebote irgendwo galten, dann hier. Die Rufe des Reporters Ein Wunder! …gebetet! …Fußballgott! klangen in meinen Ohren nach und rüttelten an allem, was ich in diesem Zimmer sah, aber die Kreuze waren nicht von der Wand gerutscht, der Ermunterungsspruch in halbverständlichem Latein für den Seelsorger VENI SANCTE SPIRITUS / PASCE PASTOREM / DUC DUCEM / APERI APERTURO / DA DATURO 1 prangte in gespreizter Schönschrift unter dem Kreuz, ohne dass der Heilige Geist dazwischengefahren war, die dicke HEILIGE SCHRIFT lag wie ein schwarzer Kindergrabstein auf dem grünen Filz des Schreibtischs, und als der Reporter von unserem Schutzengel sprach, rührten sich die Musikengel über dem Klavier so wenig wie der Engel der Verkündigung gegenüber an der Wand, der steif vor der knienden Maria im Säulengang die segnenden Hände hob. Immer besser gefiel mir die Lästerung, und in diesen Minuten rückte ich ab von der dreieinigen Besatzungsmacht Gott, Jesus und Heiliger Geist und begann an einen Fußballgott und Außenseitergott zu glauben, und nicht nur an einen, denn wenn Turek ein Fußballgott war, dann mussten die anderen zehn auch so etwas wie Götter sein. […]

In meiner Spannung wollte ich durchs Zimmer gehen, am Bücherregal entlang, zum Sofa in der Ecke oder um die Festung Schreibtisch herum, aber ich blieb auf dem Platz, von dem die väterliche Gewalt ausging, von dem aus er die Gemeinden in vier Dörfern regierte, ich konnte nicht weg vom Gerät, aus dem meine frohe Botschaft kam. Die Stimme hatte mich wieder nah an den Lautsprecher gezogen, unter dem Radio das Stuttgarter Biblische Nachschlagewerk, das Evangelische Kirchenlexikon, Predigthilfen, Kommentare, Aktenordner, das Werkzeug des Vaters, der schlief oder schon nicht mehr schlief, ich wusste die Uhrzeit nicht, es zählten nur die Spielminuten… sechs Minuten noch, zwei zu zwei, das ist mehr, als wir in unsern kühnsten Träumen erwartet haben. […] Schäfer müßte schießen! Abgewehrt! Und Nachschuß! Abgewehrt! […] Kinder, Kinder, Kinder, zwei Minuten vor Halbzeit die mögliche Führung für Deutschland! […] Was ich hörte, wärmte mich, anders als die Vaterstimme, von innen, es schien mir, als sei alles, was mich blockierte, gelockert, als dürfe ich hier endlich so fühlen, wie ich mich wohl fühlte, trotz der wachsamen Nähe all der dicken, schwarzen Bücher und der Pfarreraktentasche.

Friedrich Christian Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, Reinbek bei Hamburg 1994, S. 93–98, Hervorhebungen im Original.

1 Wörtliche Übersetzung – „Komm, Heiliger Geist, sei der Hirte des Hirten, führe den Führer, öffne dem, der sich öffnen wird, gib dem, der geben wird.“ Der Anfang bezieht sich auf die Pfingstliturgie der katholischen Messe.

Material 2

Martin Luther: Auslegung zum ersten Gebot Ex 20,2–3 (1529)

Was heißt: „einen Gott haben“?

Das ist: Du sollst mich alleine für Deinen Gott halten. Was bedeutet das, und wie versteht mans? Was heißt, „einen Gott haben“, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, von dem man alles Gute erwarten und bei dem man Zuflucht in allen Nöten haben soll, so daß „einen Gott haben“ nichts anderes ist, als ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, daß allein das Vertrauen und Glauben des Herzens beide macht: Gott und Abgott. Sind Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht; und umgekehrt: Wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Woran Du nun (sage ich) Dein Herz hängst und Dich darauf verlässt, das ist eigentlich Dein Gott.

Darum laßt uns das erste Gebot gut lernen, daß wir sehen, wie Gott […] nicht Höheres von uns fordert als eine herzliche Zuversicht alles Guten. So daß wir richtig und gerade unseren Weg gehen und alle Güter, die Gott gibt, nicht weiter brauchen als wie ein Schuster seine Nadel, Ahle und Draht zur Arbeit braucht und danach hinweglegt […]; (und so tue) ein jeglicher in seinem Stand nach Gottes Ordnung und lasse nur deren keines seinen Herrn oder Abgott sein.

Martin Luther: Der Große und der Kleine Katechismus, Göttingen 2. Aufl. 1985, S. 12.

Hinweise

Friedrich Christian Delius (*1943): deutscher Schriftsteller

Martin Luther (1483–1546): zunächst Augustinermönch, später Theologieprofessor, Initiator der Reformation

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material 1)

(30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material 1)

Lösung: Individuelle Textzusammenfassung mit Einleitungssatz (Autor: Friedrich Christian Delius, Titel: „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“, Textsorte: autobiographische Erzählung, Erscheinungsjahr: 1994, Kernthema: Der elfjährige Ich-Erzähler hört im Amtszimmer seines Vaters die Radioübertragung des WM-Endspiels 1954 und gerät durch die religiös aufgeladene Sprache in einen inneren Konflikt bezüglich seines bisherigen Gottesbildes) und strukturierter Wiedergabe der Haupthandlungsschritte.

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