Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2021
Thema: Handeln aus christlicher Perspektive: ethische Urteilsbildung · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Evangelische Kirche in Deutschland: Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (2007)
Wer aus Gottes Frieden lebt, tritt für den Frieden in der Welt ein. Bei aller Vielgestaltigkeit und Unterschiedlichkeit, die das Engagement von Christen und Kirchen für den irdischen Frieden kennzeichnet, geht es immer zurück auf Gottes Verheißung und Gebot und ihren gemeinsamen Glauben. In ihm ist eine umfassende Deutung des menschlichen Lebens im Verhältnis zu Gott, zum 5 Mitmenschen und zum gesellschaftlichen Zusammenleben enthalten. Im Folgenden soll die genuin christliche Friedensverantwortung […] sowohl in ihrer biblischen und theologischen Begründung wie in ihren praktischen Konkretionen entfaltet werden.
Die Kirche tritt für den Frieden der Welt ein, indem sie zuallererst den Frieden Gottes bezeugt. Gottes Wirken ist zu allen Zeiten geleitet von „Gedanken des Friedens“ (Jer 29,11). Dieser Friede umfasst 10 den ganzen Menschen; in ihm kommt der Leib zu seinem Recht, die sozialen Beziehungen sind auf gegenseitige Zuwendung ausgerichtet, und in Dankbarkeit gegenüber Gott kann Lebensfreude wachsen. Bereits in den prophetischen Texten des Alten Testaments findet sich die messianische Erwartung eines Friedensfürsten (Jes 9,5); bei der Geburt Jesu von Nazareth wurde der „Friede auf Erden“ als irdische Entsprechung zur „Ehre Gottes in der Höhe“ verkündet (Lk 2,14). Jesus pries die 15 Friedensstifter glückselig, „denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9). Vor seinem Tod hinterließ er den Seinen zum Abschied seinen Frieden, der die Angst überwindet (Joh 14,27). Als Auferstandener teilt er diesen Frieden mit jedem Friedensgruß aus (Joh 20,19.21.26). Mit der Verbreitung seines Friedens beauftragt er die Jüngerinnen und Jünger: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh 20,21) Zum Wesen des Friedens Christi gehört es, gegeben und 20 weitergegeben, geschenkt und bezeugt zu werden, damit immer mehr Menschen aus dem Frieden leben können.
Der Grund für die vielfältigen Gefährdungen des Friedens liegt nicht nur in politischen Strukturen und sozioökonomischen Entwicklungen, sondern auch in der Verfassung der menschlichen Natur. Zum Menschen gehört die Sehnsucht nach Frieden ebenso wie die Neigung zur Rivalität bis hin zur 25 Gewaltbereitschaft. Menschen sind zum Guten wie zum Bösen fähig; sie sind nicht nur auf Kooperation angelegt, sondern tendieren auch dazu, die eigenen Interessen ohne Rücksicht auf andere durchzusetzen. Für den christlichen Glauben ist dieser destruktive Hang Ausdruck der Sünde, nämlich Folge eines verkehrten Verhältnisses zu Gott. […]
Weil Gott in Christus Frieden stiftet, können Christenmenschen inmitten einer von Gewalt entstellten 30 Welt aus diesem Frieden leben. Der Friede Christi wird in jeder Feier des christlichen Gottesdienstes vergegenwärtigt. […] Wenn die Gemeinde in der Feier des Abendmahls Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott und Gemeinschaft erfährt, so kann dies Konfliktpotenziale überwinden und neue Zukunft eröffnen. Diesen Frieden nimmt die Gemeinde mit, wenn sie nach empfangenem Mahl mit den Worten „Geht hin in Frieden“ verabschiedet wird. Mit den gottesdienstlichen Sprachformen des 35 Grußes, des Zuspruchs und des Segens wird der Friede wirksam ausgeteilt. […]
Christen kennen nur zu gut das ambivalente 1 Verhältnis von Religion und Gewalt. Religion ist der immer unvollkommene menschliche Versuch, auf die Wirklichkeit Gottes zu antworten. […] Die selbstkritische Auseinandersetzung mit dieser Ambivalenz ist eine wichtige theologische Aufgabe. Auch die Verbreitung des Christentums war häufig mit der Anwendung von Gewalt gegen 40 Andersgläubige und Kritiker in den eigenen Reihen verbunden. Dazu wurden einzelne biblische Motive und Traditionen aus dem Gesamtzusammenhang der großen jüdisch-christlichen Erzählung von der Geschichte Gottes mit den Menschen herausgenommen und zur Legitimation von Gewaltanwendung im Namen Gottes missbraucht. Vor solchen Missgriffen schützt nur eine durch die historische Kritik hindurchgegangene und hermeneutisch reflektierte Aneignung des lebensdienlichen 45 Sinnes, des Heils-Sinns der biblischen Schriften. Sie erweisen sich dann als Zeugnisse eines (immer wieder von Rückfällen begleiteten) Lernprozesses, der das Gottesbild einbezieht, indem Gott immer deutlicher als der erkennbar wird, der Vergebung schenkt, Versöhnung stiftet und so Frieden schafft. Damit verbindet sich auch die Einsicht, dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist. […]
Bei Menschheitsverbrechen wie einsetzendem Genozid, Massenmord an Minderheiten, Massakern an 50 ethnischen Gruppen und ethnischer Vertreibung, kollektiver Folter und Versklavung kann militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein, wenn die weiteren Kriterien rechtserhaltenden Gewaltgebrauchs […] erfüllt sind. […] Zugleich gilt aber auch hier, dass der Einsatz militärischer Gewalt […] nur als äußerstes Mittel erwogen werden darf. Gerade dann, wenn man […] die wirksame Verhinderung von Völkermord zu den Pflichten der Staatengemeinschaft rechnet, ist es dringend 55 erforderlich, nationale und internationale Mechanismen der Prävention im Sinn eines Einwirkens im Vorfeld zu etablieren. […] Die Notwendigkeit zum Handeln besteht jedoch bei Völkermord oder anderen gravierenden Menschenrechtsverletzungen, wenn nationale Gerichte versagen. So wie das Leitbild des gerechten Friedens zu seiner Verwirklichung des Rechts bedarf, so bedarf das Recht in bestimmten, klar eingrenzbaren Kontexten der Instrumente rechtserhaltender Gewalt.
1 ambivalent – gespalten, zwiespältig
Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007, S. 28–31.
Hinweis
In EKD-Denkschriften soll ein auf christlicher Verantwortung beruhender, sorgfältig geprüfter und stellvertretend für die ganze Gesellschaft formulierter Konsens zum Ausdruck kommen. Die vorliegende Denkschrift wurde von der Kammer für Öffentliche Verantwortung erarbeitet und vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), einem Leitungsgremium der EKD, einstimmig bejaht.
Aufgaben
3
Im vorliegenden Textauszug heißt es einerseits, „dass Gewalt nicht durch Gewalt zu überwinden ist“, andererseits, dass „militärisches Eingreifen gerechtfertigt sein“ kann. (Material)
Diskutieren Sie diese differenzierte Position unter Bezugnahme auf die Bergpredigt und ihre Auslegungen.
[30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Diskutieren Sie diese differenzierte Position unter Bezugnahme auf die Bergpredigt und ihre Auslegungen.
Lösung: Theologische Diskussion der Spannung zwischen absolutem Gewaltverzicht und rechtserhaltender Gewalt: - Bergpredigt (Mt 5–7): Eindeutige Orientierung an Gewaltlosigkeit (Friedensstifter Mt 5,9; Antithesen zum Tötungsverbot und zur Vergeltung Mt 5,21–48; Feindesliebe; Verzicht auf Rache). - Auslegungsgeschichte der Bergpredigt: * Radikale / wörtliche Auslegung: Unbedingter Pazifismus (z. B. Franziskus, Täuferbewegungen, Dostoijewski, Politische Theologie). * Verantwortungsethische / relativierende Auslegung: Schutzpflicht für Schwache und Unschuldige; Unterlassung von Hilfe kann mitschuldig machen; militärische Gewalt als „ultima ratio“ zur Verhinderung schwerster Menschheitsverbrechen. - Einordnung der Position der EKD-Denkschrift: Grundsätzliche Ächtung von Gewalt, aber Anerkennung eng umgrenzter Instrumente rechtserhaltender Gewalt (als kleinstes Übel zum Schutz von Menschenleben). - Begründetes eigenes Sach- und Werturteil.
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