Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2021
Thema: Theodizee: Gott und das Leid · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Hans Küng: Der Sinn von Christi Kreuz und Tod (1992)
Weder die Hebräische Bibel noch das Neue Testament erklären es uns, wie der gute, gerechte und
mächtige Gott – alle diese Attribute kann man schließlich und endlich doch nicht aufgeben, wenn es
noch um Gott gehen soll! –, wie Gott in dieser seiner Welt solch unermessliches Leid im Kleinen (aber
was ist hier „klein“?) und im Großen (ja, Übergroßen) hat geschehen lassen können. Wie hat Gott
5 „mitansehen“ können, dass Auschwitz möglich gemacht wurde? […]
Oder soll ich mich einfach mit der klassischen theologischen Formel über all das Leid des Holocaust
hinwegtrösten: Gott „will“ das Leid nicht; er will es aber auch nicht nicht, er läßt es vielmehr nur
geschehen: „permittit“, „läßt es zu“. Doch löst das alle Rätsel auf? Nein, das löste gestern so wenig,
wie es heute etwas löst. […]
10 Manchmal genügt schon ein beruflicher Mißerfolg, eine Krankheit, der Verlust, der Verrat oder der
Tod eines einzigen Menschen, um uns in Verzweiflung zu stürzen. […]
Daß „Allmacht“ ein mißverständliches Attribut Gottes ist, haben wir gehört. Doch ein aller Macht
beraubter Gott hörte auf, Gott zu sein. Und die Vorstellung, daß der Gott der Bibel statt gütig und
gerecht grausam und willkürlich wäre, ist erst recht unerträglich. […]
15 Erklärt denn Gottlosigkeit die Welt besser? Ihre misère 1 und ihre grandeur 2 ? Erklärt sie die Welt, wie
sie nun einmal ist? Vermag etwa Unglaube in unschuldigem, unbegreiflichem, sinnlosem Leid zu
trösten? Als ob an solchem Leid nicht auch alle ungläubige Ratio 3 ihre Grenze hätte! Als ob
Auschwitz nicht weitgehend gerade die Tat bereits gottloser Verbrecher gewesen wäre! Nein, der
Antitheologe ist hier keinesfalls besser dran als der Theologe. […]
20 Wir kommen um das ernüchternde Eingeständnis nicht herum: Wenn weder eine theologische noch
eine antitheologische „Theorie“ das Leid erklärt, dann ist eine andere Grundhaltung gefordert. Es ist
meine über Jahrzehnte gewachsene Einsicht, zu der ich bisher keine mich überzeugende Alternative
gefunden habe: Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid läßt sich – im individuellen wie im
sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen. […]
25 Für Christen – und warum schließlich nicht auch für Juden? – scheint im äußersten Leid über die
(letztlich doch fiktive) Gestalt des Ijob hinaus die wahrhaft historische Gestalt des leidenden und
sterbenden „Gottesknechtes“ (vgl. Jes 52,13–53,12), des Schmerzensmannes aus Nazaret, auf. […]
Hatte Jesu Tod einen Sinn? Ich antworte nochmals: Nur von der geglaubten Auferweckung Jesu zu
neuem Leben durch und mit Gott kann ein „Sinn“ in dieses äußerlich sinnlose, gottverlassene Sterben
30 hineinkommen. Nur aufgrund dieses Glaubens ist der zu Gottes ewigem Leben erweckte Gekreuzigte
die Einladung, auch bei anscheinend sinnlosem Leiden auf einen Sinn zu vertrauen und für sich selber
in diesem Leben ein Durchstehen und Durchhalten bis zum Ende einzuüben. Also nicht die Erwartung
eines Happy End auf Erden wie in der Rahmengeschichte des Ijob, der am Ende sogar – für die
Verlorenen – noch mal sieben Söhne und drei Töchter zeugen kann. Sondern ganz radikal das
35 Angebot, selbst im (zur Not bis zum bitteren Ende durchgestandenen) sinnlosen Leiden einen Sinn zu
bejahen. Einen verborgenen Sinn, den der Mensch nicht von sich aus entdecken, wohl aber im Licht
dieses einen von Gott und Menschen Verlassenen und doch Gerechtfertigten geschenkt erhalten kann.
Leiden und Hoffnung gehören für die Schrift unlösbar zusammen! Hoffnung auf einen Gott, der sich
trotz allem nicht als launisch-apathischer 4 Willkürgott, sondern als Gott der rettenden Liebe erweisen
40 und durchsetzen wird.
Ohne daß also das Leiden verniedlicht, uminterpretiert oder glorifiziert oder auch einfach stoisch 5,
apathisch, gefühllos hingenommen wird, läßt sich vom leidenden Gottesknecht Jesus her erkennen und
in oft beinahe verzweifelter Hoffnung in Protest und Gebet bekennen,
– daß Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verborgen anwesend bleibt;
45 – daß Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt;
– daß wir so, wo immer möglich, Solidarität im Leiden beweisen und es mitzutragen versuchen
sollten;
– ja, daß wir das Leid so nicht nur ertragen, sondern, wo immer möglich, bekämpfen, bekämpfen
weniger im Einzelnen als in den leidverursachenden Strukturen und Verhältnissen.
50 Ob dies eine leb-bare Antwort ist, die das Leid nicht vergessen, aber verarbeiten hilft, muß jeder, muß
jede für sich selbst entscheiden. Betroffen gemacht und ermutigt hat mich die Tatsache, daß selbst in
Auschwitz ungezählte Juden und auch einige Christen an den trotz aller Schrecknisse dennoch
verborgen anwesenden, an den nicht nur mitleidenden, sondern sich auch erbarmenden Gott geglaubt
haben. Sie haben vertraut, und sie haben – was oft übersehen wird – auch gebetet selbst noch in der
55 Hölle von Auschwitz!
Hans Küng: Credo. Das apostolische Glaubensbekenntnis, München 1992, S. 121–128, Hervorhebungen getilgt.
Hinweis
Hans Küng (1928–2021): Schweizer katholischer Theologe
1 misère (frz.) – unglückliche Situation, bedauernswerte Lage, Notlage
2 grandeur (frz.) – Größe, Pracht, Erhabenheit
3 Ratio – Vernunft
4 apathisch – teilnahmslos, gleichgültig
5 stoisch – hier: unerschütterlich
3
Hans Küng schreibt: „Leid, übergroßes, unschuldiges, sinnloses Leid lässt sich – im individuellen wie im sozialen Bereich – nicht theoretisch verstehen, sondern nur praktisch bestehen.“ (Material)
Überprüfen Sie, inwieweit Küngs Gottesbild, wie es im vorliegenden Text zum Ausdruck kommt, biblisch angemessen ist und dabei helfen kann, Leid praktisch zu bestehen.
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Überprüfen Sie, inwieweit Küngs Gottesbild, wie es im vorliegenden Text zum Ausdruck kommt, biblisch angemessen ist und dabei helfen kann, Leid praktisch zu bestehen.
Lösung: Eine kritische und differenzierte Beurteilung setzt sich mit der biblischen Angemessenheit von Küngs Entwurf (Vielfalt biblischer Gottesbilder, Unverfügbarkeit Gottes) auseinander und wägt Chancen und Grenzen für das praktische Bestehen von Leid ab.
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