Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2022

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Gedankengang wiedergeben · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde (1962)

Der Roman „Die Wasser der Sünde“ (engl. „The Bell“) spielt im Milieu einer christlichen Laiengemeinde. Die Mitglieder predigen sonntags im Wechsel; der folgende Text enthält eine Predigt des Gemeindemitglieds James Tayper Pace.

„Erste Voraussetzung eines Gott wohlgefälligen Lebens“, sagte James Tayper Pace, „ist, keine

falschen Vorstellungen von sich selbst zu haben. Ich sage dies, meine lieben Brüder und Schwestern,

wohl wissend, daß ich selbst von diesem Idealzustand weit entfernt bin.“ Es war am nächsten Tag.

James stand auf dem Podium im Langen Zimmer, ließ einen Arm leicht auf dem Notenständer ruhen

5 und hielt die sonntägliche Ansprache. Er runzelte nervös die Stirn, schwankte im Sprechen hin und

her, und mit ihm schwankte der Notenständer.

„Meines Erachtens“, fuhr er fort, „wirkt das Studium der eigenen Persönlichkeit, ja, wie man die

Persönlichkeit als solche überhaupt auffaßt, als Gefahr für die Güte. In der Schule sagte man uns,

wenigstens hat man es mir gesagt, wir sollten Ideale haben. Das ist, so scheint mir, kein guter Rat.

10 Ideale sind Träume. Sie schieben sich zwischen uns und die Wirklichkeit, dabei ist doch gerade, was

uns am meisten nottut, das Erkennen der Wirklichkeit. Und diese liegt außerhalb unserer selbst. Wo

Vollkommenheit ist, ist auch Wirklichkeit. Und wo suchen wir die Vollkommenheit? Nicht etwa in

irgendeinem nebulosen Bild, das wir uns vom eigenen Charakter machen, sondern in etwas anderem,

so weit außerhalb unserer selbst und so entrückt, daß wir höchst selten und auch dann nur

15 andeutungsweise eine Vorstellung davon bekommen.

Nun werdet ihr mir antworten: ‚Mein lieber James, erst sagst du uns, wir sollten nach Vollkommenheit

suchen, und dann sagst du, sie sei uns so fern, daß wir sie nur erahnen können, wie sollen wir das

verstehen?‘ Nun, Gott hat uns hier nicht ohne Rat lassen wollen. Wie hätte sonst unser Herr uns das

Gebot geben können: ‚Darum sollt ihr vollkommen sein‘? Matthäus 5,48. Klipp und klar, so eindeutig,

20 dass es unseren spitzfindigen Moralpsychologen schon langweilig erscheint, wissen wir, was wir tun

und lassen sollen. Freilich kennen wir genug und mehr als genug Regeln, nach denen wir leben sollen;

und ich muß gestehen, daß ich wenig Geduld mit einem Menschen habe, der sein Leben für zu

kompliziert und zu eigenartig erachtet, als daß er sich an die allgemeinen Regeln halten könnte.

Diesem Mann würde ich sagen: ‚Was hast du im Sinn, mein Freund? Was willst du vor uns

25 verbergen?‘ […] In unserer Sünde sehen wir alle gleich aus, und unsere Sünde ist zutiefst langweilig,

etwas, das man meiden, nicht aber etwas, das man auch noch untersuchen sollte. Wir sollten also

lieber von außen nach innen arbeiten. Wir sollten uns unsere Handlungen überlegen und an Gott und

seinen Geboten unsere Maße messen. Wir sollten also, um’s mal moralisch auszudrücken, nicht

überlegen: was erfreut uns oder was ekelt uns an, sondern: was ist gestattet und was verboten? Und

30 das wissen wir doch nur zu gut, auch wenn wir es nicht zugeben wollen. Wir wissen es aus dem Wort

Gottes […] mit einer Gewißheit, die stets ebenso stark ist wie unser Glaube. Aufrichtigkeit ist geboten,

Leiden zu lindern ist geboten; Ehebruch ist verboten, Unzucht ist verboten. Und ich finde, wir sollten

über diese Dinge ganz schlicht denken, etwa so: die Wahrheit ist nicht herrlich, sie ist einfach ein

Gebot; die Unzucht ist nicht widerwärtig, sie ist einfach verboten. Das sind Regeln, nach denen wir

35 uns selbst und andere unvoreingenommen beurteilen sollen. Alles andere ist Selbsttäuschung, eitler

Tand und ein Schmeicheln der eigenen Triebe. Die Menschen, die davor zurückschrecken, andere zu

beurteilen, sind gewöhnlich auch jene, die zu feige sind, mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Wir

denken hier an die Worte des heiligen Paulus – Michael, korrigiere bitte mein Latein – justus ex fide

vivit: Der Gerechte wird seines Glaubens leben 1. Galater 3,11. Ich glaube, wir dürfen diesen

40 Ausspruch ganz wörtlich nehmen. Der Gerechte tut, was recht zu sein scheint und was das Gebot

befiehlt, ohne Berechnung und ohne Ausflüchte, weil er weiß, daß Gott alles zum Besten fügen wird.

Er modelt die Gebote nicht nach den Maßstäben dieser Welt um. Auch wenn er nicht weiß, was aus

seinem Tun entstehen kann, handelt er im Vertrauen auf Gott. Er tut das, was er für recht hält,

ungeachtet der Verworrenheit der Lage, und weiß, daß Gott das, was recht ist, auch Früchte tragen

45 läßt. Der Mensch ohne Glauben aber berechnet. Er meint, daß die Welt für das Beste zu kompliziert

sei, also tut er das Zweitbeste und denkt sich im Stillen, dies würde mit der Zeit dann von selbst zum

Besten führen. Ach, wie wenige unter uns haben den Glauben, von dem der heilige Paulus spricht!“

[…] „Wie falsch ist es, unsere Jugend zu lehren, sie solle Erfahrungen sammeln! Man sollte ihr

vielmehr empfehlen, daß sie ihre Unschuld schätzen und bewahren müsse: Diese Aufgabe ist schwer

50 genug und sie birgt Abenteuer genug. Und wenn wir unsere Unschuld lange genug bewahren können,

dann gesellt sich das Geschenk der Erkenntnis hinzu, einer tieferen und gründlicheren Erkenntnis als

sie jemals durch die trüben Methoden der sogenannten Erfahrung gewonnen werden kann. Die

Unschuld in uns und anderen muss hochgehalten werden, und wehe dem, der sie zerstört, wie schon

der Herr gesagt hat. Matthäus 18,7.

55 Und woran erkennt man die Unschuld? An der Offenheit – ein herrliches Wort – an der Aufrichtigkeit,

an der Einfachheit und daran, daß einer, ohne es zu wissen, zum Vorbild wird. Der Vergleich, der mir

hierbei in den Sinn kommt, ist uns sehr nahe. Ich denke an die Glocke. Die Glocke ist dazu bestimmt,

Laut zu geben. Welchen Wert hätte eine Glocke, die nie geläutet wird? Sie läutet vernehmlich, sie legt

Zeugnis ab, sie kann nicht sprechen, ohne daß es wie ein Ruf, wie ein Befehl klänge. Man kann eine

60 große Glocke nicht zum Schweigen bringen. Denkt auch an ihre Einfachheit! Da gibt es keinen

verborgenen Mechanismus. Ihr ganzes Wesen liegt deutlich und offen zutage. Und wenn sie bewegt

wird, dann muss sie auch läuten.“

1 Luther übersetzt: Der Gerechte wird aus Glauben leben.

Iris Murdoch: Die Wasser der Sünde, München 1962, S. 162–168.

Hinweis

Iris Murdoch (1919–1999): anglo-irische Schriftstellerin und Philosophin

1

Geben Sie die zentralen Aussagen der Predigt von James Tayper Pace wieder. (Material)

[30 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Evangelische Religion GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Geben Sie die zentralen Aussagen der Predigt von James Tayper Pace wieder. (Material)

Lösung: In einer Einleitung sollen Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: Im Roman „Die Wasser der Sünde“ von Iris Murdoch, veröffentlicht 1962, predigt der Laienprediger James Tayper Pace über die Frage der richtigen Lebensführung. Zentrale Aussagen der Predigt: - Pace hält es für ungünstig, sich zu sehr mit sich selbst zu beschäftigen. Es sei besser, sich kein falsches Bild von sich selbst zu machen und keinen Idealen anzuhängen, da diese den Blick auf die Wirklichkeit verstellten, die außerhalb des eigenen Selbst liege und nur vage zu erkennen sei. - Dennoch sei es, so Pace, dem Menschen möglich, nach Vollkommenheit zu streben: Jesus gebiete dies, und wenn man sich an die Regeln halte, sei dies möglich. Letztlich wisse jeder, was richtig und was falsch sei; vorzugeben, dies nicht zu wissen, sei Koketterie. - Anstatt über Sünde und emotionale innere Befindlichkeiten (Freude, Ekel) nachzudenken, solle der Mensch sein Handeln bedenken und an Gott ausrichten, ohne dessen Ge- und Verbote zu hinterfragen. - Anhand dieser Regeln solle man sich und andere ohne Selbstbetrug beurteilen. - Im Anschluss an Paulus (Gal 3,11) führt Pace aus, dass der recht Glaubende das offenkundig Richtige und Gebotene tue, in dem Wissen und Vertrauen, dass es letztlich Gott ist, bei dem alles Handeln sich sinnhaft fügt, auch wenn er selbst es nicht erkennt. Dieses Vertrauen habe der Nichtglaubende nicht. Er gehe den Weg des geringeren Widerstands und denke, die Zeit werde es schon richten. - Pace’ Rat an die Jugend ist, die Unschuld zu wahren, weil aus der Unschuld letztlich Erkenntnis erwachse. Er warnt davor, möglichst viel Erfahrung zu sammeln, und hält dies für nicht lebensdienlich. - Unschuld erkenne man an aufrechtem, schlichtem, offenem Handeln, das – unbeabsichtigt – Vorbildcharakter habe. Als Vergleich zieht Pace die Glocke heran, die zum Läuten bestimmt sei, läuten müsse, Zeugnis gebe, sobald sie bewegt werde.

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