Abitur Hessen Erziehungswissenschaft 2021 · LK

Abiturprüfung Erziehungswissenschaft in Hessen 2021, LK: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Reformpädagogische Ansätze. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Reformpädagogische Ansätze · Sozialisation in Lebensaltern, Entwicklungsaufgaben und Identität · Sozialisationsinstanzen und Mediatisierung · Öffentliches Bildungssystem, Schule und Schulabsentismus · System der Kinder- und Jugendhilfe

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Öffentliches Bildungssystem, Schule und Schulabsentismus

Aufgaben

1 Schulabsentismus

Material 1

Erik Weckel: „... und was kostet das alles? Effizienz“ (2017)

[...] Was kostet Schulverweigerung und was kosten Maßnahmen zur Prävention und Intervention? [...] Viele Schulverweigerer sind später auf öffentliche Unterstützung angewiesen, wechseln häufiger die Arbeitsstelle, sind von mehr gesundheitlichen Risiken betroffen, werden öfter straffällig und weisen höhere Scheidungsraten auf. [...]

Durch Klassenwiederholung entstehen Kosten für das Bildungsministerium und für den Schulträger. Durch den Schulabbruch oder das Nichterreichen eines Schulabschlusses entstehen Kosten für den nachträglichen Erwerb eines Schulabschlusses an berufsbildenden Schulen oder dem zweiten Bildungsweg als nachschulische Qualifizierung. Der verspätete Eintritt in den Arbeitsmarkt kostet, ebenso die Nichtvermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt und eventueller Bezug von Arbeitslosengeld oder lebenslanger Sozialhilfe. Kriminalität zieht Kosten in der Jugendhilfe nach sich und Kosten für Strafverfolgung und Justiz. Hinzu kommen Kosten des Strafvollzugs und der Rehabilitation, wie Betreuungen und Eingliederungshilfen der Jugendgerichtshilfe. Öffentliche und private Kosten für die Kriminalitätsopfer sind zu saldieren, wie der Ausgleich von Eigentumsverlusten oder lebenslängliche Folgekosten für Opfer von Gewalttaten und Tötungsdelikten. Schließlich das häufige Ausbleiben des gesellschaftlichen Nutzens lebenslanger Arbeit, des Schaffens von Werten und des Zahlens von Steuern und Sozialabgaben.

Weiter wirken sich die Folgen auf den Gesundheitsbereich aus, gering gebildete und qualifizierte Menschen sind früher und häufiger krank. Deutlich wird, wer diese zusätzlichen Kosten trägt oder von Entlastungen profitieren könnte. Gleichzeitig fördert ein chronisch unterfinanzierter Bildungsbereich diese Entwicklungen, sodass letztlich die strukturelle und individuelle Gewalt deutlich wird, die diese gesellschaftliche Lage auf die Schüler*innen ausübt. Die Fakten zeigen einen großen Handlungsbedarf auf. [...]

Helmut Klein, vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, weist aus: „die mangelnde Effizienz des Schulsystems verursacht Kosten von insgesamt 3,7 Milliarden Euro pro Jahr. [...] Die Shell Jugendstudie weist aus, dass fünf Klassenwiederholende eine Hauptschule 28.000 Euro kosten. [...] Helmut Klein sieht neben Kosten für Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen weitere Kosteneffekte. Die Benachteiligtenförderung qualifiziert bestimmte Jugendliche für ihre Integration in die Arbeitswelt und Gesellschaft. Hierfür werden die Jugendhilfe, die Agentur für Arbeit oder die Jobcenter stark herangezogen. Der Umfang der eingesetzten Ressourcen ist nicht direkt ersichtlich. [...]

Unzureichende Bildung sorgt für gesteigerte Kriminalität und Kriminalitätskosten. [...] „Ein niedriger Anteil an Schulabgängern ohne Hauptschulabschluss reduziert Delikte signifikant“. Die Steigerung der Anteile an Hauptschulabschlüssen oder mehr „ist daher als wirksame präventive Maßnahme gegen Eigentums- und Gewaltdelikte anzusehen, wie das Ziel, jedem Jugendlichen einen Ausbildungsabschluss zu ermöglichen.

Klein verdeutlicht, dass auch Einnahme – und Steuerausfälle, etwa infolge eines verspäteten Arbeitsmarkteintritts, zu berücksichtigen sind. „So beträgt das Durchschnittsalter von Auszubildenden bei Ausbildungsbeginn mittlerweile 19 Jahre. Ebenso müssten den Folgekosten einer verfehlten Bildungspolitik auch die Sozialhilfeaufwendungen oder die Transfers im Rahmen von Hartz IV für ungelernte und arbeitslose Jugendliche zugerechnet werden.“ Ein bedeutender Risikofaktor ist die langfristige Entwicklung. Entkopplung ist mit zunehmender Dauer kaum noch rückgängig zu machen, die Langzeitfolgen sind außerordentlich groß. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen zu Quereinsteigenden, die einen Berufsabschluss ohne Ausbildung erwerben, dass erhebliche bildungsökonomische Effekte verzeichnet werden, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Individuell sind es die Steigerung von Einkommen, der Arbeitsqualität, des Sozialprestiges, der Arbeitsplatzsicherheit und andere; gesellschaftlich sind es die Steigerung staatlicher Einnahmen durch höhere Steuereinnahmen und Sozialbeiträge sowie die Senkung der Sozialbeiträge und weiteres. [...]

Schulverweigerung bringt häufig Störungen im Verhalten und psychische Störungen mit sich. Das Grünbuch¹ der Europäischen Kommission weist aus, dass sich die Kosten sozialer Ausgrenzung für Kinder mit diesen Störungen von 20.000 Euro auf 120.000 Euro im Lebenslauf versechsfachen. 2/3 davon sind Kosten für Kriminalität. Gesundheitliche Folgekosten sind empirisch kaum ermittelbar. [...]

geändert nach: Erik Weckel und Meike Grams (Hg.): Schulverweigerung. Bildung, Arbeitskraft, Eigentum. Eine Einführung. Weinheim, Basel. 2017, S. 122 – 126.

¹ Grünbücher werden von der EU-Kommission zu mittel- und langfristigen Politikzielen verfasst. Sie richten sich an Experten, Interessenvertreter und eine breitere Öffentlichkeit und bieten diesen die Möglichkeit, sich an Beratungen zu beteiligen. Die Ergebnisse der durch die Grünbücher eingeleiteten Konsultationen werden öffentlich vorgestellt. Grünbücher können die Grundlage für sog. Weißbücher sein, die konkrete (Gesetzes-)Vorschläge für ein Tätigwerden der EU in den entsprechenden Bereichen enthalten. Durch die Einbeziehung von möglichst viel Sachverstand sollen die besten Argumente in den politischen Entscheidungsprozess einfließen und damit die Legitimation der EU gestärkt werden.

1.1

Beschreiben Sie Formen und Ursachen von Schulabsentismus. [15 BE]

1.2

Erklären Sie ausgehend von dem Text „... und was kostet das alles? Effizienz“ von Erik Weckel (Material 1) Folgen von Schulabsentismus. [20 BE]

1.3

Entwickeln Sie Ideen, mit denen die Institution Schule der Problematik des Schulabsentismus vorbeugen und entgegenwirken kann. [15 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Reformpädagogische Ansätze

2 Reformpädagogik nach Maria Montessori

Material 2

Dietmar und Regine Böhm: Der Situationsansatz – die Hauptziele

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Zimmer beschreibt als wesentliches Ziel des Situationsansatzes, „Kinder verschiedener Herkunft und mit unterschiedlicher Lerngeschichte zu befähigen, in Situationen ihres gegenwärtigen und künftigen Lebens möglichst autonom, solidarisch und kompetent zu handeln“ […].

Unter Autonomie wird im Situationsansatz verstanden, die Selbstbestimmung und die Eigenständigkeit der Kinder zu fördern. Hierzu gehört auch die Partizipation der Kinder, also ihre Beteiligung und Mitbestimmung. So lernen sie ihre Stärken und Fähigkeiten immer besser kennen und einschätzen. Da dies nicht isoliert von der Umwelt geschieht – zum einen, weil Kinder auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind, zum anderen, weil all unser Handeln Konsequenzen für die Menschen hat, mit denen wir zusammenleben –, nennt der Situationsansatz als zweites Hauptziel die Solidarität. Hierbei geht es um die Bedeutung der Gemeinschaft, des Zusammenlebens miteinander und die Rolle, die der Einzelne dabei spielt. Die Kompetenz von Kindern zu fördern – das dritte Hauptziel –, verweist auf das Bildungsverständnis. Es geht darum, Kinder zu befähigen mit Dingen und Situationen kompetent umzugehen. Hierfür benötigen sie Wissen. Diese Wissensvermittlung geschieht aber nicht isoliert in einzelnen Sachgebieten oder Bildungsbereichen, sondern in realen sozialen Zusammenhängen. Nur so kann „personale Kompetenz“ entstehen, da das erworbene Wissen mit der konkreten Lebenssituation des einzelnen Kindes verbunden werden kann und somit nicht abstrakt bleibt. Dabei wird berücksichtigt, dass Wissen mehr ist als die bloße Vermittlung von Fakten und Informationen. Wissen, das sind ebenso Erinnerungsspuren des Kindes, Routinen, Zweifel, offene Fragen, intelligentes Raten. Auch entscheiden zu können: das interessiert mich jetzt nicht. Wissen heißt nicht, über etwas viel reden, sondern etwas tun können.

Der Erwerb der Kompetenzen erstreckt sich damit auf die Bereiche der Ich-, Sozial- und Sachkompetenz. Die drei Bereiche gehören zusammen und können nicht isoliert voneinander gefördert werden, so wie die Ziele selbst auch als Einheit zu betrachten sind.

geändert nach: Liegel, L. u. a.: Kindergarten heute – Pädagogische Handlungskonzepte von Fröbel bis zum Situationsansatz, Freiburg im Breisgau 2007, S. 52 – 53.

2.1

Geben Sie Grundideen und Ziele des Situationsansatzes aus dem Text „Der Situationsansatz – die Hauptziele“ von Dietmar und Regine Böhm (Material 2) wieder. [15 BE]

2.2

Vergleichen Sie den Situationsansatz mit der Reformpädagogik nach Maria Montessori anhand vier selbstgewählter Gesichtspunkte. [20 BE]

2.3

Nehmen Sie Stellung zu der Frage der Aktualität von Lehrmethoden und Unterrichtsmaterialien der Montessori-Pädagogik. [15 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Sozialisationsinstanzen und Mediatisierung

Vorschlag B – Sozialisationsinstanzen und Schule

1 Sozialisationsinstanzen

1.1

Beschreiben Sie drei Aufgaben bzw. Funktionen der heutigen Familie als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz. (15 BE)

Material 1

Familie heute – vielfältig und herausfordernd

[...] Familie ist heute vielfältiger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Immer mehr Kinder werden außerhalb der Ehe geboren, die Zahl der Patchworkfamilien steigt und mittlerweile ist jede fünfte Familie alleinerziehend. Mehr als ein Viertel aller Kinder hat einen Migrationshintergrund. Das klassische „Ernährermodell“ hat ausgedient: Heute sind zwei Drittel aller Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, die meisten jedoch in Teilzeit. Mütter kehren früher in den Beruf zurück. Das hat zur Folge, dass Kinder immer häufiger und schon früh in Bildungs- und Betreuungsinstitutionen aufwachsen.

Familien stehen daher vor neuen Herausforderungen, zumal Institutionen und Infrastrukturen oft noch nicht zum veränderten Familienalltag passen. Seien es fehlende Kita-Plätze in Wohnortnähe, mangelnde Qualität oder unzureichende Flexibilität – diese Nicht-Passung trägt dazu bei, dass Eltern nur schwer den Ansprüchen in Beruf und Familie gerecht werden. Familien- und Kinderarmut sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse erhöhen den Druck. Besonders Alleinerziehende sind hiervon betroffen: Sie beziehen fünfmal häufiger Hartz IV als Paarfamilien, jedes zweite Kind im SGB-II-Bezug lebt nur mit einem Elternteil zusammen. [...]

geändert nach: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/familie-und-bildung-politik-vom-kind-aus-denken/projektthemen/familie-heute-vielfaeltig-und-herausfordernd/ (aufgerufen am 21.02.2020)

1.2

Stellen Sie ausgehend von dem Text „Familie heute – vielfältig und herausfordernd“ (Material 1) besondere Lebensumstände und Anforderungen an heutige Familien dar. (15 BE)

Material 2

Der Fall Dieter

Meine Lehrer wollten, dass meine Eltern mich zum Gymnasium schicken, aber für meine Eltern war es schon einen Schritt weiter, die Realschule besucht zu haben. Und mein Vater war Hauptschüler und gelernter Schlosser und meine Mutter war Verkäuferin. Und so bin ich dann zur Realschule gegangen. Habe mich dort eigentlich sehr wohl gefühlt, auch im Kreise der Mitschüler, die ich dort hatte. Die Schule befand sich außerhalb meines direkten Wohnumfeldes in einem anderen Stadtteil, den ich dann mit dem Fahrrad erreichte. Ich bin also als Zehnjähriger mit dem Fahrrad rund zwölf Kilometer bis zu der Schule gefahren, bei Wind und Wetter natürlich. Und wir hatten kein Geld, um irgendwelche weiteren ergänzenden Maßnahmen wie Straßenbahnfahrten oder solche Dinge zu bezahlen. [...]

Wir waren eine sehr verschworene Gemeinschaft und ich habe eigentlich sehr positive Erinnerungen an diese Schulzeit. Als dann die Realschulzeit beendet war, empfahlen meine Lehrer meinen Eltern, mich weiter zum Aufbaugymnasium – hieß das damals – weiterzuschicken. Dort kamen also alle Schüler, die von den Realschulen kamen und für würdig befunden wurden, weitere Schulbildung zu genießen, wurden da zusammengefasst, um dann da das Abitur zu machen. Ich wollte das aber nicht. Ich wollte Geld verdienen und wollte in den Beruf. Meine Eltern haben mich dann doch gebeten, das zu tun. Da habe ich gesagt, nein, ich würde das nicht wollen und wenn sie mich da hinschicken, würde ich keine Schularbeiten machen und dann würde ich da schon sitzen bleiben. Naja, und so bin ich dann also in den Beruf gegangen. Am liebsten hätte ich Schlosser werden wollen und das wollte mein Vater nicht, weil das der Beruf war, den er hatte und ich sollte keinen Blaumann mehr tragen. Ich sollte etwas Höherwertiges lernen. Weil ich aber nicht so richtig wusste, was ich eigentlich machen wollte, habe ich mich nach meinen schulischen Neigungen entschieden und habe ich mich dann beworben als Vermessungstechniker unter Tage [...]

Die haben nur wenige eingestellt. Mich wollte man nehmen, ich musste dann noch die gesundheitliche Prüfung machen. Dabei stellte man fest, dass ein Auge schwachsichtig ist und nur zehn Prozent Sehkraft habe und ich damit nicht grubentauglich war. Und somit war der Wunsch vom Vermessungstechniker unter Tage dahin. [...]

Ich überlegte dann weiter, was ich denn sonst vielleicht noch machen könnte und da ich in der Schule an naturwissenschaftlichen Fächern Spaß hatte, habe ich mich entschlossen, mich als Chemielaborant zu bewerben. Ohne eigentlich zu wissen, was diesen Beruf eigentlich richtig ausmacht. [...]

Naja, ich habe dann also die Lehre angefangen, als Chemielaborant in einem völlig fremden Umfeld. Erstmal kam ein Schock auf mich zu, als ich in so ein Labor reinkam. Ich war zum ersten Mal da. Also solche Praktika, wie es heute gibt, dass Schüler mal vorher in das Berufsleben reinschnuppern können, gab es zu der Zeit nicht. Und ich hatte einfach geglaubt, das begreifst du nie hier, aber das ist nun wie das ist. Nach relativ kurzer Zeit versteht man es doch. Und bewegt sich in seinem Umfeld dann auch noch einigermaßen sicher. Ich merkte dann allerdings sehr schnell, dass dies nicht mein Job fürs ganze Leben sein sollte und ich sah mich um, was man da machen könnte. Und habe dann noch mit zwei anderen Kollegen angefangen, am Abendgymnasium hier das Abitur nachzumachen. Also das, was ich hätte vorher machen können mit Sanktionierung von Eltern und Lehrern, was ich aber nicht wollte, dann eben aus freiwilligen Stücken. [...]

Zur besseren Lesbarkeit sprachlich überarbeitete Interview-Transkription aus: Aladin El-Mafaalani: Bildungsaufsteiger aus benachteiligten Milieus, Wiesbaden 2012, Seite 171 – 174.

1.3

Beurteilen Sie den Einfluss der familiären und schulischen Sozialisation auf den schulischen Erfolg unter Berücksichtigung der Interview-Transkription „Der Fall Dieter“ (Material 2). (15 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Öffentliches Bildungssystem, Schule und Schulabsentismus

2 Das System öffentlicher Bildung und Erziehung

Material 3: Wie geht es den Kindern in der Schule?

[...] Wir haben die Kinder nach verschiedenen Aspekten des Schullebens und ihrer Zufriedenheit mit diesen gefragt. Am wohlsten fühlen sich die Kinder mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, 50% wählen bei ihrer Antwort den zufriedensten von fünf Smileys. Ihre Zufriedenheit mit den Lehrerinnen und Lehrer bewerten 49% der Kinder und ihr Gefallen am Unterricht 46% sehr positiv.

Mit zunehmendem Alter nimmt die anfängliche Begeisterung der Kinder für die Schule ab: Der Anteil derjenigen, denen der Unterricht sehr gut gefällt, fällt von 61% bei den 6- bis 7-Jährigen auf 33% bei den 10- bis 11-Jährigen. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Zufriedenheit mit den Lehrern (64% und 37% „sehr zufrieden“). Deutlich stabiler bleibt der Anteil derjenigen, die sich mit den anderen Kindern sehr wohl fühlen (54% und 45%).

In allen drei bewerteten schulischen Bereichen sind die Mädchen zufriedener als die Jungen. Vor allem den Unterricht (51% zu 41% „sehr gut“) und die Lehrer (55% zu 45% „sehr zufrieden“) sehen sie positiver. Mit den anderen Kindern in der Klasse fühlen sich 52% der Mädchen und 48% der Jungen „sehr wohl“. Dass die Mädchen mit dem Unterricht und den Lehrern zufriedener sind, hängt sicherlich mit ihrer Selbsteinschätzung bezüglich ihrer Schulleistung zusammen: Die Mädchen denken eher von sich, eine „sehr gute“ oder „gute“ Schülerin zu sein als dies die Jungen in Bezug auf ihre Person tun.

Von allen 6- bis 11-Jährigen haben 3% „sehr oft“ und 15% „öfter“ Kopf- oder Bauchschmerzen. Je älter die Kinder sind, desto häufiger empfinden sie diese Stress-Symptome. Die Mädchen sind etwas häufiger betroffen als die Jungen. [...]

geändert nach: World Vision Deutschland e. V. (Hg.): Kinder in Deutschland 2018. 4. World Vision Kinderstudie, Weinheim, Basel 2018, S. 15 f.

2.1

Skizzieren Sie die wesentlichen Aussagen des Textes „Wie geht es den Kindern in der Schule?“ (Material 3). (15 BE)

2.2

Erklären Sie rechtliche Grundlagen sowie drei Ziele und drei Funktionen der hessischen Schulen. (25 BE)

2.3

Diskutieren Sie vor dem Hintergrund der Ergebnisse aus dem Text „Wie geht es den Kindern in der Schule?“ (Material 3), ob die verbindliche Einführung von Unterrichtsprinzipien (z. B. nach Hilbert Meyer – 10 Merkmale guten Unterrichts) förderliche Auswirkungen auf das Lernen und die Zufriedenheit der Lernenden zeigen könnte. (15 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Sozialisation in Lebensaltern, Entwicklungsaufgaben und Identität

Vorschlag C: Sozialisation und Entwicklungsaufgaben und das System der Kinder- und Jugendhilfe

1 Sozialisation und Identität

Material 1: Generationenbeziehungen im Wandel

[...] Kindheit bis zur Pubertät wird immer kürzer, Jugend beginnt immer früher, der Übergang ins Erwachsenenalter geschieht immer später. Dies lässt sich zum Beispiel ersehen an der sogenannten Bildungsexpansion und ihren Folgen. Je höher der Schulabschluss, desto länger die Zeit, in der sich Kinder und Jugendliche in ökonomischen Abhängigkeiten von ihren Eltern befinden und desto später der Zeitpunkt, zu dem sie in der Regel das Elternhaus verlassen.

Der Umstand, dass Kindheit heute so behütet ist, wie noch nie zuvor, ist jedoch nicht damit zu verwechseln, dass Kinder von allen gesellschaftlichen Pflichten und Zwängen entlastet wären [...]. Im Gegenteil, sind Kinder heute mit großen Erwartungen und Anforderungen konfrontiert. Durch das Verbot von Kinderarbeit und den hohen Wert der Bildung wurden Kinder heute für ihre Eltern zwar wirtschaftlich über die letzten beiden Jahrhunderte hinweg immer wertloser, gleichzeitig aber emotional immer wertvoller [...]. Weil Kinder für ihre Eltern und für die Gesellschaft keinen unmittelbaren ökonomischen Wert mehr haben und diese zusätzlich viel in ihre Bildung investieren, besteht ein hoher Druck auf Kinder, einerseits so liebenswert und emotional bereichernd für ihre Eltern zu sein, wie diese es für sich erhoffen, und andererseits den Bildungserfolg zu haben, der von ihnen erwartet wird.

Dies trifft in besonderer Weise auf Kinder der Mittelschicht zu. Wie die World Vision Kinderstudien (2007, 2010, 2013) zeigen, sorgen wirtschaftlich gut situierte Eltern dafür, dass ihre Kinder neben Kindergarten und Schule vielfältige Anregungen durch Musik, Ballett, Sport oder Theater in ihrer Freizeit erhalten. Kinder werden gewissermaßen zum „Zukunftsobjekt“ ihrer Eltern, die in ihnen eine Investition in ihre Zukunft sehen. Aus diesen Impulsen heraus hat sich ein ansehnlicher Markt für kindbezogene Angebote entwickelt. Im Gegensatz zur finanziell weniger gut aufgestellten Unterschicht verfügen Mittelschichteltern über das notwendige Geld und auch den nötigen Willen, um für solche Dienstleistungen zu bezahlen. [...]

Über viele Jahrzehnte hinweg konnten sich in sogenannten westlichen Gesellschaften Angehörige breiter Mittelschichten darauf verlassen, dass es ihnen relativ gut geht. Diese Verlässlichkeit ist seit den 2000er Jahren nicht mehr gegeben: Der Sozialstaat wird immer weiter zurückgebaut und die Mittelschicht schrumpft [...]. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man selbst relativ wohlhabend bleibt und es den eigenen Kindern gleich gut oder sogar besser geht, sondern dies bedarf einer zusätzlichen Anstrengung. Eltern der unter Druck geratenen Mittelschicht versuchen deshalb, ihren Kindern etwas „extra“ mitzugeben – und dieses Extra, dass die Mittelschicht beziehungsweise das Bürgertum seinen Kindern mitgeben kann, ist und war seit jeher intellektuelle und soziale Bildung. [...]

geändert nach: Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann: Kindheit heute – Lebenswelten der jungen Generation, Weinheim und Basel 2017, S. 37–38.

Material 2: Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft

[...] Die Digitalisierung führt zu tiefgreifenden Änderungen sowohl im Informations- und Entscheidungsverhalten des Einzelnen als auch im menschlichen Miteinander: Immer mehr Gegenstände und Prozesse des täglichen Lebens werden digital miteinander vernetzt. Durch ihre Allgegenwart prägt die digitale Technologie unter anderem die Art und Weise, wie Menschen ihre Meinungen bilden, wie sie entscheiden, wie sie miteinander in Verbindung treten, wie sie Informationen austauschen. Digitale Technologie macht Information überall und sofort abrufbar. Dabei ist die Vertrauenswürdigkeit der verfügbaren Informationen in zunehmendem Maße schwer zu beurteilen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Nutzung digitaler Angebote zu Änderungen der menschlichen Lern- und Wahrnehmungsprozesse führt – z. B. dadurch, dass digitale Assistenten dem Nutzer in immer größerem Maße kognitive Aufgaben abnehmen. Die Schnelligkeit, mit der sich Informationen verbreiten, sowie die Macht digitaler Analysen können die individuelle Meinungsbildung und Entscheidungsfindung unterstützen. Andererseits bilden aber diese beiden Faktoren auch die Grundlage für neue Instrumente zur Beeinflussung von Meinungen und Entscheidungen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten von Individuen, sondern auch Gruppendynamiken und sogar gesamtgesellschaftliche Entwicklungen [...]

https://www.leopoldina.org/de/veranstaltungen/veranstaltung/event/2464/, (abgerufen am 26.09.2020).

1.1

Beschreiben Sie die vier Entwicklungsaufgaben nach Klaus Hurrelmann. (16 BE)

1.2

Erklären Sie den Prozess der Identitätsbildung im Rahmen der Sozialisation im Jugendalter. (15 BE)

1.3

Untersuchen Sie vor dem Hintergrund von Material 1 „Generationenbeziehungen im Wandel“ die gegenwärtige Situation von Kindern und Jugendlichen. (10 BE)

1.4

Beurteilen Sie anhand des Textes „Digitalisierung und ihre Auswirkung auf Mensch und Gesellschaft“ (Material 2) den Einfluss digitaler Medien auf zwei Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach Hurrelmann. (15 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · System der Kinder- und Jugendhilfe

2 System der Kinder- und Jugendhilfe

Material 3: Auszug aus dem Achten Sozialgesetzbuch (SGB VIII)

§1 SGB VIII – Recht auf Erziehung, Elternverantwortung, Jugendhilfe

(1) Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

(3) Jugendhilfe soll zur Verwirklichung des Rechts nach Absatz 1 insbesondere

1. junge Menschen in ihrer individuellen und sozialen Entwicklung fördern und dazu beitragen, Benachteiligungen zu vermeiden oder abzubauen,

2. Eltern und andere Erziehungsberechtigte bei der Erziehung beraten und unterstützen,

3. Kinder und Jugendliche vor Gefahren für ihr Wohl schützen,

4. dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. https://dejure.org/gesetze/SGB_VIII/1.html (abgerufen am 01.09.2020).

Material 4: Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann: Kinder unter gesellschaftlicher Beobachtung

[...] Wenn sich Armut und Benachteiligung immer wieder von den Eltern auf die Kinder übertragen, dann muss die nachwachsende Generation besser als bisher gebildet werden, damit diese mehr Erfolg im Leben haben werden. Sozialinvestive Politik 1 geht mit einer Unterstützung sozial benachteiligter Eltern einher, von denen befürchtet wird, dass sie nicht in der Lage sind, ihre Kinder ausreichend zu fördern.

[...] Aus dieser Logik heraus lassen sich auch zwei der größten politischen Maßnahmen im Zuge sozialinvestiver Politik erklären: der Ausbau der Ganztagsschulen und Kindertagesbetreuung [...]. In beiden Fällen geht es in erster Linie darum, durch eine Verbesserung der Betreuung die Startchancen der Kinder aus bildungsfernen Familien anzugehen. Gleichzeitig wächst damit – strukturell gesehen – der Einfluss des Staates auf die Erziehung der Kinder. [...]

Im Zuge dieser Entwicklung sind Kinder unter „gesellschaftliche Beobachtung“ geraten. Es ist heute selbstverständlich geworden, zu fragen, ob sich ein Kind normal entwickelt, ob es für einen Drei-, Fünf- oder Achtjährigen schon gut genug sprechen oder als Zweijährige auf einem Bein stehen kann, und daraus dann gezielte frühe Interventionen bei Fehlentwicklungen abzuleiten. [...]

Heute sind es keine einzelnen bürgerlichen Väter und Mütter mehr, die sich die Beobachtung ihrer Kinder zur individuellen Aufgabe machen, sondern es ist gesellschaftlich verankert, dass alle Kinder in ihrer Entwicklung überwacht werden. Während die Beobachtung der Leistungsfortschritte von Schulkindern durch Notengebungsverfahren bereits seit langem etabliert ist, wird die Entwicklungsbeobachtung heute in etwas veränderter Form auf die frühe Kindheit angewendet. Dies geschieht beispielsweise über das Gesundheitssystem durch die 1991 eingeführten Kindervorsorgeuntersuchungen – die sogenannten U1 bis U9-Untersuchungen – sowie durch die Etablierung von standardisierten Kinderbeobachtungen in der Kindertagesbetreuung, die von immer mehr Kindern besucht wird. [...] Abweichungen von der alterstypischen Norm werden als mögliche Anzeichen einer Fehlentwicklung gesehen und sollen folglich kontrolliert werden.

[...] Das Besondere an der Entwicklungsdiagnostik ist, dass Abweichungen von der Normalentwicklung in aller Regel nicht so sehr um ihrer selbst willen problematisiert werden, sondern weil befürchtet wird, dass das Kind in Zukunft immer weiter von der Norm abweichen könnte [...]. So können etwa Schwierigkeiten beim Reimen im Vorschulalter als Hinweis auf eine Lese-Rechtschreibschwäche gedeutet werden, die sich sonst erst im Schulalter zeigen und verfestigen würde. Auch hier zeigt sich jenes Muster, das typisch für Kindheit heute ist: Kinder werden nicht nur als Zukunft der Gesellschaft betrachtet, sondern im Hinblick auf ihre Zukunft kontrolliert.

Für Kinder erweist sich dies als zweischneidiges Schwert. Einerseits erlaubt es die Entwicklungsdiagnostik, Schwierigkeiten bereits zu erkennen, bevor sie manifest werden, und das Kind entsprechend seiner individuellen Bedürfnisse zu fördern oder auch zu entlasten. Andererseits werden Kinder von ihren Eltern bereits sehr früh unter Druck gesetzt, bestimmte Dinge können zu müssen, die sie ihres Alters wegen können sollen. [...]

1 Soziale Investitionen sind Investitionen in Menschen. Menschen sollen ihre Fähigkeiten und Qualifikationen verbessern und sich uneingeschränkt am Arbeits- und Gesellschaftsleben beteiligen können, zentrale Politikbereiche sind Bildung, Kinderbetreuung, Weiterbildung etc.

geändert nach: Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann: Kindheit heute – Lebenswelten der jungen Generation, Weinheim und Basel 2017, S. 40 – 42

2.1

Stellen Sie fünf Möglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfe dar, den § 1 Abs. 3 SGB VIII (Material 3) umzusetzen.

(19 BE)

2.2

Erörtern Sie die Aussagen des Textes „Kinder unter gesellschaftlicher Beobachtung“ (Material 4) über das Verhältnis elterlicher und institutionalisierter Erziehung.

(25 BE)

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