Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2021

Thema: Sozialisation in Lebensaltern, Entwicklungsaufgaben und Identität · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Vorschlag C: Sozialisation und Entwicklungsaufgaben und das System der Kinder- und Jugendhilfe

1 Sozialisation und Identität

Material 1: Generationenbeziehungen im Wandel

[...] Kindheit bis zur Pubertät wird immer kürzer, Jugend beginnt immer früher, der Übergang ins Erwachsenenalter geschieht immer später. Dies lässt sich zum Beispiel ersehen an der sogenannten Bildungsexpansion und ihren Folgen. Je höher der Schulabschluss, desto länger die Zeit, in der sich Kinder und Jugendliche in ökonomischen Abhängigkeiten von ihren Eltern befinden und desto später der Zeitpunkt, zu dem sie in der Regel das Elternhaus verlassen.

Der Umstand, dass Kindheit heute so behütet ist, wie noch nie zuvor, ist jedoch nicht damit zu verwechseln, dass Kinder von allen gesellschaftlichen Pflichten und Zwängen entlastet wären [...]. Im Gegenteil, sind Kinder heute mit großen Erwartungen und Anforderungen konfrontiert. Durch das Verbot von Kinderarbeit und den hohen Wert der Bildung wurden Kinder heute für ihre Eltern zwar wirtschaftlich über die letzten beiden Jahrhunderte hinweg immer wertloser, gleichzeitig aber emotional immer wertvoller [...]. Weil Kinder für ihre Eltern und für die Gesellschaft keinen unmittelbaren ökonomischen Wert mehr haben und diese zusätzlich viel in ihre Bildung investieren, besteht ein hoher Druck auf Kinder, einerseits so liebenswert und emotional bereichernd für ihre Eltern zu sein, wie diese es für sich erhoffen, und andererseits den Bildungserfolg zu haben, der von ihnen erwartet wird.

Dies trifft in besonderer Weise auf Kinder der Mittelschicht zu. Wie die World Vision Kinderstudien (2007, 2010, 2013) zeigen, sorgen wirtschaftlich gut situierte Eltern dafür, dass ihre Kinder neben Kindergarten und Schule vielfältige Anregungen durch Musik, Ballett, Sport oder Theater in ihrer Freizeit erhalten. Kinder werden gewissermaßen zum „Zukunftsobjekt“ ihrer Eltern, die in ihnen eine Investition in ihre Zukunft sehen. Aus diesen Impulsen heraus hat sich ein ansehnlicher Markt für kindbezogene Angebote entwickelt. Im Gegensatz zur finanziell weniger gut aufgestellten Unterschicht verfügen Mittelschichteltern über das notwendige Geld und auch den nötigen Willen, um für solche Dienstleistungen zu bezahlen. [...]

Über viele Jahrzehnte hinweg konnten sich in sogenannten westlichen Gesellschaften Angehörige breiter Mittelschichten darauf verlassen, dass es ihnen relativ gut geht. Diese Verlässlichkeit ist seit den 2000er Jahren nicht mehr gegeben: Der Sozialstaat wird immer weiter zurückgebaut und die Mittelschicht schrumpft [...]. Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass man selbst relativ wohlhabend bleibt und es den eigenen Kindern gleich gut oder sogar besser geht, sondern dies bedarf einer zusätzlichen Anstrengung. Eltern der unter Druck geratenen Mittelschicht versuchen deshalb, ihren Kindern etwas „extra“ mitzugeben – und dieses Extra, dass die Mittelschicht beziehungsweise das Bürgertum seinen Kindern mitgeben kann, ist und war seit jeher intellektuelle und soziale Bildung. [...]

geändert nach: Heidrun Bründel und Klaus Hurrelmann: Kindheit heute – Lebenswelten der jungen Generation, Weinheim und Basel 2017, S. 37–38.

Material 2: Die Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft

[...] Die Digitalisierung führt zu tiefgreifenden Änderungen sowohl im Informations- und Entscheidungsverhalten des Einzelnen als auch im menschlichen Miteinander: Immer mehr Gegenstände und Prozesse des täglichen Lebens werden digital miteinander vernetzt. Durch ihre Allgegenwart prägt die digitale Technologie unter anderem die Art und Weise, wie Menschen ihre Meinungen bilden, wie sie entscheiden, wie sie miteinander in Verbindung treten, wie sie Informationen austauschen. Digitale Technologie macht Information überall und sofort abrufbar. Dabei ist die Vertrauenswürdigkeit der verfügbaren Informationen in zunehmendem Maße schwer zu beurteilen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass die Nutzung digitaler Angebote zu Änderungen der menschlichen Lern- und Wahrnehmungsprozesse führt – z. B. dadurch, dass digitale Assistenten dem Nutzer in immer größerem Maße kognitive Aufgaben abnehmen. Die Schnelligkeit, mit der sich Informationen verbreiten, sowie die Macht digitaler Analysen können die individuelle Meinungsbildung und Entscheidungsfindung unterstützen. Andererseits bilden aber diese beiden Faktoren auch die Grundlage für neue Instrumente zur Beeinflussung von Meinungen und Entscheidungen. Dies betrifft nicht nur das Verhalten von Individuen, sondern auch Gruppendynamiken und sogar gesamtgesellschaftliche Entwicklungen [...]

https://www.leopoldina.org/de/veranstaltungen/veranstaltung/event/2464/, (abgerufen am 26.09.2020).

1.1

Beschreiben Sie die vier Entwicklungsaufgaben nach Klaus Hurrelmann. (16 BE)

1.2

Erklären Sie den Prozess der Identitätsbildung im Rahmen der Sozialisation im Jugendalter. (15 BE)

1.3

Untersuchen Sie vor dem Hintergrund von Material 1 „Generationenbeziehungen im Wandel“ die gegenwärtige Situation von Kindern und Jugendlichen. (10 BE)

1.4

Beurteilen Sie anhand des Textes „Digitalisierung und ihre Auswirkung auf Mensch und Gesellschaft“ (Material 2) den Einfluss digitaler Medien auf zwei Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach Hurrelmann. (15 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1.1 Beschreiben Sie die vier Entwicklungsaufgaben nach Klaus Hurrelmann.

Lösung: Beschreibung der vier lebenslang bedeutsamen Entwicklungsaufgaben mit altersspezifischen Schwerpunkten: Qualifizieren, Binden, Konsumieren und Partizipieren.

1.2 Erklären Sie den Prozess der Identitätsbildung im Rahmen der Sozialisation im Jugendalter.

Lösung: Erklärung der Identitätsbildung als Zusammenspiel individueller Persönlichkeitsmerkmale und gesellschaftlicher Sozialisationsinstanzen (Familie, Peers, Schule, Medien).

1.3 Untersuchen Sie vor dem Hintergrund von Material 1 „Generationenbeziehungen im Wandel“ die gegenwärtige Situation von Kindern und Jugendlichen.

Lösung: Untersuchung der Lebenssituation: Längere Bildungsabhängigkeit, hohe emotionale und leistungsmäßige Erwartungen, organisierte Freizeit sowie soziale Ungleichheiten im Bildungszugang.

1.4 Beurteilen Sie anhand des Textes „Digitalisierung und ihre Auswirkung auf Mensch und Gesellschaft“ (Material 2) den Einfluss digitaler Medien auf zwei Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nach Hurrelmann.

Lösung: Beurteilung des Einflusses digitaler Medien auf zwei ausgewählte Entwicklungsaufgaben (z. B. Qualifizieren und Konsumieren) hinsichtlich Chancen, Risiken und Identitätsentwicklung.

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