Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2021
Thema: Sozialisationsinstanzen und Mediatisierung · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Vorschlag B – Sozialisationsinstanzen und Schule
1 Sozialisationsinstanzen
1.1
Beschreiben Sie drei Aufgaben bzw. Funktionen der heutigen Familie als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz. (15 BE)
Material 1
Familie heute – vielfältig und herausfordernd
[...] Familie ist heute vielfältiger als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Immer mehr Kinder werden außerhalb der Ehe geboren, die Zahl der Patchworkfamilien steigt und mittlerweile ist jede fünfte Familie alleinerziehend. Mehr als ein Viertel aller Kinder hat einen Migrationshintergrund. Das klassische „Ernährermodell“ hat ausgedient: Heute sind zwei Drittel aller Mütter mit minderjährigen Kindern erwerbstätig, die meisten jedoch in Teilzeit. Mütter kehren früher in den Beruf zurück. Das hat zur Folge, dass Kinder immer häufiger und schon früh in Bildungs- und Betreuungsinstitutionen aufwachsen.
Familien stehen daher vor neuen Herausforderungen, zumal Institutionen und Infrastrukturen oft noch nicht zum veränderten Familienalltag passen. Seien es fehlende Kita-Plätze in Wohnortnähe, mangelnde Qualität oder unzureichende Flexibilität – diese Nicht-Passung trägt dazu bei, dass Eltern nur schwer den Ansprüchen in Beruf und Familie gerecht werden. Familien- und Kinderarmut sowie prekäre Beschäftigungsverhältnisse erhöhen den Druck. Besonders Alleinerziehende sind hiervon betroffen: Sie beziehen fünfmal häufiger Hartz IV als Paarfamilien, jedes zweite Kind im SGB-II-Bezug lebt nur mit einem Elternteil zusammen. [...]
geändert nach: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/familie-und-bildung-politik-vom-kind-aus-denken/projektthemen/familie-heute-vielfaeltig-und-herausfordernd/ (aufgerufen am 21.02.2020)
1.2
Stellen Sie ausgehend von dem Text „Familie heute – vielfältig und herausfordernd“ (Material 1) besondere Lebensumstände und Anforderungen an heutige Familien dar. (15 BE)
Material 2
Der Fall Dieter
Meine Lehrer wollten, dass meine Eltern mich zum Gymnasium schicken, aber für meine Eltern war es schon einen Schritt weiter, die Realschule besucht zu haben. Und mein Vater war Hauptschüler und gelernter Schlosser und meine Mutter war Verkäuferin. Und so bin ich dann zur Realschule gegangen. Habe mich dort eigentlich sehr wohl gefühlt, auch im Kreise der Mitschüler, die ich dort hatte. Die Schule befand sich außerhalb meines direkten Wohnumfeldes in einem anderen Stadtteil, den ich dann mit dem Fahrrad erreichte. Ich bin also als Zehnjähriger mit dem Fahrrad rund zwölf Kilometer bis zu der Schule gefahren, bei Wind und Wetter natürlich. Und wir hatten kein Geld, um irgendwelche weiteren ergänzenden Maßnahmen wie Straßenbahnfahrten oder solche Dinge zu bezahlen. [...]
Wir waren eine sehr verschworene Gemeinschaft und ich habe eigentlich sehr positive Erinnerungen an diese Schulzeit. Als dann die Realschulzeit beendet war, empfahlen meine Lehrer meinen Eltern, mich weiter zum Aufbaugymnasium – hieß das damals – weiterzuschicken. Dort kamen also alle Schüler, die von den Realschulen kamen und für würdig befunden wurden, weitere Schulbildung zu genießen, wurden da zusammengefasst, um dann da das Abitur zu machen. Ich wollte das aber nicht. Ich wollte Geld verdienen und wollte in den Beruf. Meine Eltern haben mich dann doch gebeten, das zu tun. Da habe ich gesagt, nein, ich würde das nicht wollen und wenn sie mich da hinschicken, würde ich keine Schularbeiten machen und dann würde ich da schon sitzen bleiben. Naja, und so bin ich dann also in den Beruf gegangen. Am liebsten hätte ich Schlosser werden wollen und das wollte mein Vater nicht, weil das der Beruf war, den er hatte und ich sollte keinen Blaumann mehr tragen. Ich sollte etwas Höherwertiges lernen. Weil ich aber nicht so richtig wusste, was ich eigentlich machen wollte, habe ich mich nach meinen schulischen Neigungen entschieden und habe ich mich dann beworben als Vermessungstechniker unter Tage [...]
Die haben nur wenige eingestellt. Mich wollte man nehmen, ich musste dann noch die gesundheitliche Prüfung machen. Dabei stellte man fest, dass ein Auge schwachsichtig ist und nur zehn Prozent Sehkraft habe und ich damit nicht grubentauglich war. Und somit war der Wunsch vom Vermessungstechniker unter Tage dahin. [...]
Ich überlegte dann weiter, was ich denn sonst vielleicht noch machen könnte und da ich in der Schule an naturwissenschaftlichen Fächern Spaß hatte, habe ich mich entschlossen, mich als Chemielaborant zu bewerben. Ohne eigentlich zu wissen, was diesen Beruf eigentlich richtig ausmacht. [...]
Naja, ich habe dann also die Lehre angefangen, als Chemielaborant in einem völlig fremden Umfeld. Erstmal kam ein Schock auf mich zu, als ich in so ein Labor reinkam. Ich war zum ersten Mal da. Also solche Praktika, wie es heute gibt, dass Schüler mal vorher in das Berufsleben reinschnuppern können, gab es zu der Zeit nicht. Und ich hatte einfach geglaubt, das begreifst du nie hier, aber das ist nun wie das ist. Nach relativ kurzer Zeit versteht man es doch. Und bewegt sich in seinem Umfeld dann auch noch einigermaßen sicher. Ich merkte dann allerdings sehr schnell, dass dies nicht mein Job fürs ganze Leben sein sollte und ich sah mich um, was man da machen könnte. Und habe dann noch mit zwei anderen Kollegen angefangen, am Abendgymnasium hier das Abitur nachzumachen. Also das, was ich hätte vorher machen können mit Sanktionierung von Eltern und Lehrern, was ich aber nicht wollte, dann eben aus freiwilligen Stücken. [...]
Zur besseren Lesbarkeit sprachlich überarbeitete Interview-Transkription aus: Aladin El-Mafaalani: Bildungsaufsteiger aus benachteiligten Milieus, Wiesbaden 2012, Seite 171 – 174.
1.3
Beurteilen Sie den Einfluss der familiären und schulischen Sozialisation auf den schulischen Erfolg unter Berücksichtigung der Interview-Transkription „Der Fall Dieter“ (Material 2). (15 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1.1 Beschreiben Sie drei Aufgaben bzw. Funktionen der heutigen Familie als Erziehungs- und Sozialisationsinstanz.
Lösung: Beschreibung von drei zentralen Familienfunktionen (z. B. biologische Reproduktionsfunktion, Sozialisationsfunktion, Spannungsausgleichsfunktion, Versorgungsfunktion, Freizeitfunktion oder Platzierungsfunktion).
1.2 Stellen Sie ausgehend von dem Text „Familie heute – vielfältig und herausfordernd“ (Material 1) besondere Lebensumstände und Anforderungen an heutige Familien dar.
Lösung: Darstellung der veränderten Familienformen, Lebensumstände sowie der resultierenden Anforderungen und Belastungen (Vereinbarkeit, Armutsrisiko, Infrastrukturmängel).
1.3 Beurteilen Sie den Einfluss der familiären und schulischen Sozialisation auf den schulischen Erfolg unter Berücksichtigung der Interview-Transkription „Der Fall Dieter“ (Material 2).
Lösung: Differenzierte Beurteilung der Wechselwirkung von familiärer und schulischer Sozialisation auf den Bildungsweg und die Identitätsentwicklung am Fallbeispiel Dieter mit abschließendem Fazit.
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