Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2021

Thema: Reformpädagogische Ansätze · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

2 Reformpädagogik nach Maria Montessori

Material 2

Dietmar und Regine Böhm: Der Situationsansatz – die Hauptziele

Der Erziehungswissenschaftler Jürgen Zimmer beschreibt als wesentliches Ziel des Situationsansatzes, „Kinder verschiedener Herkunft und mit unterschiedlicher Lerngeschichte zu befähigen, in Situationen ihres gegenwärtigen und künftigen Lebens möglichst autonom, solidarisch und kompetent zu handeln“ […].

Unter Autonomie wird im Situationsansatz verstanden, die Selbstbestimmung und die Eigenständigkeit der Kinder zu fördern. Hierzu gehört auch die Partizipation der Kinder, also ihre Beteiligung und Mitbestimmung. So lernen sie ihre Stärken und Fähigkeiten immer besser kennen und einschätzen. Da dies nicht isoliert von der Umwelt geschieht – zum einen, weil Kinder auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind, zum anderen, weil all unser Handeln Konsequenzen für die Menschen hat, mit denen wir zusammenleben –, nennt der Situationsansatz als zweites Hauptziel die Solidarität. Hierbei geht es um die Bedeutung der Gemeinschaft, des Zusammenlebens miteinander und die Rolle, die der Einzelne dabei spielt. Die Kompetenz von Kindern zu fördern – das dritte Hauptziel –, verweist auf das Bildungsverständnis. Es geht darum, Kinder zu befähigen mit Dingen und Situationen kompetent umzugehen. Hierfür benötigen sie Wissen. Diese Wissensvermittlung geschieht aber nicht isoliert in einzelnen Sachgebieten oder Bildungsbereichen, sondern in realen sozialen Zusammenhängen. Nur so kann „personale Kompetenz“ entstehen, da das erworbene Wissen mit der konkreten Lebenssituation des einzelnen Kindes verbunden werden kann und somit nicht abstrakt bleibt. Dabei wird berücksichtigt, dass Wissen mehr ist als die bloße Vermittlung von Fakten und Informationen. Wissen, das sind ebenso Erinnerungsspuren des Kindes, Routinen, Zweifel, offene Fragen, intelligentes Raten. Auch entscheiden zu können: das interessiert mich jetzt nicht. Wissen heißt nicht, über etwas viel reden, sondern etwas tun können.

Der Erwerb der Kompetenzen erstreckt sich damit auf die Bereiche der Ich-, Sozial- und Sachkompetenz. Die drei Bereiche gehören zusammen und können nicht isoliert voneinander gefördert werden, so wie die Ziele selbst auch als Einheit zu betrachten sind.

geändert nach: Liegel, L. u. a.: Kindergarten heute – Pädagogische Handlungskonzepte von Fröbel bis zum Situationsansatz, Freiburg im Breisgau 2007, S. 52 – 53.

2.1

Geben Sie Grundideen und Ziele des Situationsansatzes aus dem Text „Der Situationsansatz – die Hauptziele“ von Dietmar und Regine Böhm (Material 2) wieder. [15 BE]

2.2

Vergleichen Sie den Situationsansatz mit der Reformpädagogik nach Maria Montessori anhand vier selbstgewählter Gesichtspunkte. [20 BE]

2.3

Nehmen Sie Stellung zu der Frage der Aktualität von Lehrmethoden und Unterrichtsmaterialien der Montessori-Pädagogik. [15 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Abitur Hessen Erziehungswissenschaft LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2.1 Geben Sie Grundideen und Ziele des Situationsansatzes aus dem Text „Der Situationsansatz – die Hauptziele“ von Dietmar und Regine Böhm (Material 2) wieder. [15 BE]

Lösung: Wiedergabe der wesentlichen Grundideen und Hauptziele: - Wesentliches Ziel nach Jürgen Zimmer: Befähigung von Kindern unterschiedlicher Herkunft und Lebensbiografie zu autonomem, solidarischem und kompetentem Handeln im gegenwärtigen und künftigen Leben. - Autonomie: Förderung von Selbsteinschätzung, Selbstständigkeit, Selbst- und Mitbestimmung (Partizipation) eingebunden in ein soziales Miteinander. - Solidarität: Bedeutung der Gemeinschaft und des Zusammenlebens; Erkennen der Konsequenzen eigenen Handelns für andere. - Kompetenz / Bildungsverständnis: Befähigung zur Bewältigung von Herausforderungen. Bildung als ko-konstruktiver Prozess statt reiner Faktenvermittlung; Wissen bedeutet Handlungsfähigkeit („etwas tun können“ statt nur reden). - Einheit der Kompetenzbereiche: Förderung von Ich-, Sozial- und Sachkompetenz in realen sozialen Zusammenhängen und Lebenssituationen.

2.2 Vergleichen Sie den Situationsansatz mit der Reformpädagogik nach Maria Montessori anhand vier selbstgewählter Gesichtspunkte. [20 BE]

Lösung: Vergleich anhand von vier Gesichtspunkten (Gemeinsamkeiten und Unterschiede), z. B.: 1. Förderung der Autonomie / Selbstständigkeit: - Parallelen: Beide Ansätze sehen das Kind als aktives Wesen. Montessori: „Hilf mir, es selbst zu tun“, Freiarbeit, freie Wahl von Material und Sozialform in der vorbereiteten Umgebung. Situationsansatz: Selbst- und Mitbestimmung, Partizipation. 2. Förderung der Solidarität / soziales Miteinander: - Parallelen: Vorbereitete Umgebung bei Montessori mit alters-, leistungs- und geschlechtsgemischten Gruppen (Vorbildfunktion, voneinander lernen), Prinzip der Begrenzung (Material meist nur einmal vorhanden erfordert Absprachen). Situationsansatz: Gemeinschaftsbewusstsein und Konsequenzen des Handelns. 3. Bildungsverständnis / Kompetenzentwicklung: - Parallelen: Ganzheitliches Verständnis von Sach-, Sozial- und Selbst-/Ich-Kompetenz; Problemlösekompetenz durch eigenständiges Handeln und Fehlerkontrolle. 4. Lebensweltbezug und Diversität / methodische Umsetzung: - Unterschiede: Der Situationsansatz orientiert sich flexibel an der individuellen Lebenswelt, Vielfalt und konkreten Alltagssituationen der Kinder (Ko-Konstruktion). Bei Montessori nutzen alle Kinder prinzipiell die gleichen strukturierten Entwicklungsmaterialien mit teils festgelegter Nutzungserwartung; Lebensweltbezug findet sich v. a. in kosmischer Erziehung und Übungen des praktischen Lebens, diese sind jedoch standardisierter.

2.3 Nehmen Sie Stellung zu der Frage der Aktualität von Lehrmethoden und Unterrichtsmaterialien der Montessori-Pädagogik. [15 BE]

Lösung: Differenzierte Stellungnahme mit Pro- und Contra-Argumenten sowie fundiertem Fazit: - Pro / Aktualität: * Das Bild vom Kind als aktiver Selbstgestalter und die Orientierung an sensiblen Phasen entsprechen modernen neurowissenschaftlichen und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen. * Freiarbeit und selbstgesteuertes Lernen fördern intrinsische Motivation, Eigenverantwortung und Selbsttätigkeit; diese Methoden haben breiten Eingang auch in Regelschulen gefunden. * Materialien mit immanenter Fehlerkontrolle ermöglichen entdeckendes, selbstwirksames Lernen. * Steigende Nachfrage und wachsende Anzahl an Montessori-Einrichtungen belegen die Attraktivität. - Contra / Grenzen: * Dogmatische bzw. enge Nutzungserwartung klassischer Entwicklungsmaterialien entspricht teils nicht mehr der heutigen Lebens- und Medienrealität von Kindern. * Rolle der Lehrkraft als zurückhaltende Beobachterin birgt die Gefahr eines distanzierten pädagogischen Bezugs. * Chancengleichheit ist durch die Finanzierung vieler Montessori-Schulen über Schulgeld eingeschränkt. - Fazit: Freiarbeit und das Prinzip der individuellen Förderung sind hochaktuell und zukunftsweisend; Materialien bedürfen jedoch einer Weiterentwicklung und Öffnung für zeitgemäße Lebenswelten.

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