Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 - Sinusgrößen und komplex… · Abitur Hessen Elektrotechnik LK 2022

Thema: Sinusgrößen und komplexe Wechselstromrechnung · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Enthält ein Wechselstromkreis eine Spule mit der Induktivität LL, wird infolge der Wirkung des Magnetfelds das Verhalten von Strom und Spannung durch die Gesetzmäßigkeit u=L⋅didtu = L\cdot\frac{\mathrm{d}i}{\mathrm{d}t} bestimmt. Der hier enthaltene Differentialquotient di/dt\mathrm{d}i/\mathrm{d}t stellt die Änderungsgeschwindigkeit des Stromes in der Spule dar. Der periodisch ändernde Stromfluss generiert dabei ein periodisch wechselndes Magnetfeld. Die Spule speichert Energie im Magnetfeld und gibt sie wieder ab. Dem sich auf- und abbauende Magnetfeld folgt ein Induktionsstrom (Selbstinduktion), der nach der Lenzschen Regel seiner Ursache entgegenwirkt. Aus diesem Grund wird die Energie auch Blindenergie und der Widerstand der Spule induktiver Blindwiderstand genannt.

Wenn in der Fachliteratur von Schaltungen mit induktiven Bauelementen gesprochen wird, handelt es sich dabei meistens nicht um reale, sondern um ideale Spulen. Dies dient einer vereinfachten Betrachtungsweise, der durch die Vereinfachung entstehende Fehler ist meistens sehr klein. Tatsächlich besitzen jedoch sowohl die Spule als auch der Kondensator neben den Blindkomponenten auch Verlustkomponenten.

Das Ersatzschaltbild einer realen Spule soll als eine Reihenschaltung aus idealer Induktivität und Wirkwiderstand betrachtet werden. Um die Werte der realen Spule zu ermitteln, wurde eine Gleich- und eine Wechselstrommessung durchgeführt, die folgende Messergebnisse ergaben:

Messung bei Gleichspannung: U=12 VU = 12\text{ V}, I=1,5 AI = 1{,}5\text{ A}

Messung bei Wechselspannung: U=12 V/50 HzU = 12\text{ V} / 50\text{ Hz}, I=370 mAI = 370\text{ mA}

Material 1

Material 2

Ersatzschaltbild Elektromotor

Material 3

Drehstromnetz

1.1

Begründen Sie die ausgewählten Messverfahren und stellen Sie die reale Spule als Ersatzschaltbild dar. [10 BE]

1.2

Berechnen Sie alle Werte der Bauteile des von Ihnen gezeichneten Ersatzschaltbilds. [6 BE]

1.3

Skizzieren Sie das Widerstands-Zeigerdiagramm der realen Spule. [3 BE]

1.4

Im Material 1 sind der Phasenverschiebungswinkel φ\varphi und der Verlustwinkel δ\delta in einem Zeigerdiagramm dargestellt.

Bestimmen Sie den Verlustfaktor und die Güte der Spule. Erläutern Sie den Begriff Güte in Bezug auf die Spule.

Hinweis: Der Verlustfaktor ist das Verhältnis von Blind- zu Realanteil. [7 BE]

1.5

Für die Umrechnung von komplizierten Wechselstromschaltungen kann es von Vorteil sein, wenn die Schaltung in eine äquivalente Ersatzschaltung umgewandelt wird.

Berechnen Sie für die Reihenschaltung, bestehend aus einem Widerstand R=100 ΩR = 100\,\Omega und einer Spule L=40 mHL = 40\,\mathrm{mH}, die äquivalente Parallelschaltung. Stellen Sie sowohl die Reihenschaltung als auch die äquivalente Parallelschaltung als Ersatzschaltung inkl. der Bauteilwerte dar.

Hinweise: Die Berechnung ist für eine Frequenz von f=800 Hzf = 800\,\mathrm{Hz} durchzuführen. Der ermittelte Leitwert der Reihenschaltung muss in einem ersten Schritt konjugiert komplex erweitert werden. [9 BE]

1.7

Die einfache Erzeugung und Transformation sowie geringe Verluste und Verzerrungen bei sinusförmigem Verlauf sind Gründe dafür, dass die elektrische Energieversorgung weltweit am häufigsten mit sinusförmigem Wechselstrom realisiert wird.

Berechnen Sie für die Netzwechselspannung mit der Funktionsgleichung u(t)=325 V⋅sin⁡(ωt)u(t) = 325\,\mathrm{V}\cdot\sin(\omega t) die folgenden Kenndaten periodischer Signale: den arithmetischen Mittelwert und den Gleichrichtwert. Bestimmen Sie den Effektivwert. Erklären Sie die Bedeutung dieser drei Kennwerte für die Wechselstromtechnik. [10 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 - Sinusgrößen und komplex… · Abitur Hessen Elektrotechnik LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1.1 Begründen Sie die ausgewählten Messverfahren

Lösung: Der ohmsche Widerstand wird durch die Gleichstrommessung bestimmt. Wird eine Spule an eine Gleichspannung angelegt, fließt ein Magnetisierungsstrom. Der Aufbau des Magnetfelds erzeugt eine Selbstinduktionsspannung, die das sprunghafte Ansteigen des Stromes verhindert. Im Laufe des Feldaufbaus steigt der Strom, die induzierte Spannung nimmt ab. Bei einem rein induktiven Verbraucher fließt nur so viel Blindstrom, um jenen magnetischen Fluss aufzubauen, der die gleiche Selbstinduktionsspannung erzeugt wie die angelegte Spannung. Hat der Strom seinen maximalen Wert erreicht, so ist der Feldaufbau abgeschlossen und uL=0 Vu_L = 0\,\mathrm{V}. Die Stromstärke wird durch den ohmschen Widerstand bestimmt: R=U−/I−R = U_- / I_-. Im Wechselstromkreis ist der Wirkwiderstand RR ebenfalls vorhanden. Da der gemessene Wert erheblich größer ist als der Wirkwiderstand, muss durch die Selbstinduktion ein weiterer Widerstand hinzugekommen sein (induzierte Spannung wirkt der angelegten entgegen). Da er nur bei Wechselspannung auftritt, wird er als Blindwiderstand XLX_L bezeichnet. Der Widerstand besteht aus zwei Anteilen und wird als Scheinwiderstand ZZ bezeichnet: Z=U∼/I∼Z = U_\sim / I_\sim. Die Frequenz der Wechselspannung muss bekannt sein.

1.2 Berechnen Sie alle Werte der Bauteile: Ohmscher Wirkwiderstand RR

Lösung: 8 Ω

1.2 Berechnen Sie alle Werte der Bauteile: Scheinwiderstand ZZ

Lösung: 32,4 Ω

1.2 Berechnen Sie alle Werte der Bauteile: Induktiver Blindwiderstand XLX_L

Lösung: 31,4 Ω

1.2 Berechnen Sie alle Werte der Bauteile: Induktivität LL

Lösung: 100 mH / 0,1 H

1.4 Bestimmen Sie die Güte der Spule

Lösung: 3,93

1.4 Bestimmen Sie den Verlustfaktor der Spule

Lösung: 0,255

1.4 Erläutern Sie den Begriff Güte in Bezug auf die Spule

Lösung: Die Güte dient der Bewertung frequenzbestimmender Komponenten und ist ein Maß für Verluste in einer Spule, die für gewöhnlich unerwünscht sind. Bei Spulen sind es die ohmschen Verluste des Spulendrahts. Sie gehen umgekehrt proportional in die Spulengüte ein und errechnen sich aus dem Verhältnis Blindanteil zu Realanteil. Die Spule nähert sich in ihrem Verhalten einer idealen Spule mit einem hohen Gütefaktor bzw. einer hohen Güte an. Der Phasenverschiebungswinkel φ\varphi zwischen Strom und Spannung bei einer Spule hoher Güte liegt nahe 90∘90^\circ. Je geringer die Teilspannung URU_R wird, d. h. je kleiner RR wird, desto kleiner wird der Verlustwinkel δ\delta.

1.5 Berechnen Sie den Parallelwiderstand RpR_p

Lösung: 500 Ω

1.5 Berechnen Sie die parallele Induktivität LpL_p

Lösung: 50 mH / 49,7 mH / 0,05 H

1.7 Berechnen Sie den arithmetischen Mittelwert

Lösung: 0 V

1.7 Berechnen Sie den Gleichrichtwert

Lösung: 206,9 V

1.7 Bestimmen Sie den Effektivwert

Lösung: 230 V

1.7 Erklären Sie die Bedeutung dieser drei Kennwerte für die Wechselstromtechnik

Lösung: Arithmetischer Mittelwert: Der arithmetische Mittelwert ist der lineare Mittelwert einer periodischen Größe über eine Periodendauer. Da die Spannungs-Zeitflächen unter- und oberhalb der Zeitachse gleich groß sind, ist der arithmetische Mittelwert einer sinusförmigen Wechselgröße gleich Null. Gleichrichtwert: Der Gleichrichtwert dieser periodischen Größe ist der arithmetische Mittelwert ihrer Beträge über eine Periodendauer. Der Gleichrichtwert ist innerhalb der Messtechnik von Bedeutung (z. B. bei der Zweiweg-Gleichrichtung). Effektivwert: Der Effektivwert ist gleich dem positiven Wert der Quadratwurzel aus dem quadratischen Mittelwert der Momentanwerte der periodischen Größe über eine Periodendauer. Der Effektivwert eines Wechselstroms entspricht dem Wert eines Gleichstroms, der in einem ohmschen Widerstand dieselbe Wärme erzeugt. Aus dem Effektivwert kann mithilfe des Scheitelfaktors 2\sqrt{2} einer sinusförmigen Wechselgröße die Amplitude u^\hat{u} ermittelt werden. Der Effektivwert (UU, II) wird in den Formeln zur Leistungsberechnung verwendet und kann mit einem effektivwertbildenden Strommessgerät gemessen werden.

Zeichnungen und Diagramme (1.1 Ersatzschaltbild, 1.3 Zeigerdiagramm, 1.5 Äquivalente Schaltungen)

Lösung: 1.1 Ersatzschaltbild: Reihenschaltung aus ohmschen Widerstand RR und idealer Induktivität LL. 1.3 Widerstands-Zeigerdiagramm: Widerstands-Zeigerdiagramm in der komplexen Ebene: Wirkwiderstand R‾\underline{R} auf der reellen Achse in Richtung des Stroms I‾\underline{I}, induktiver Blindwiderstand X‾L\underline{X}_L im rechten Winkel nach oben (imaginäre Achse) und die Scheinimpedanz Z‾\underline{Z} als Zeigersumme. 1.5 Äquivalente Ersatzschaltungen: Reihenschaltung (R=100 ΩR = 100\,\Omega, L=40 mHL = 40\,\mathrm{mH}) ist äquivalent zur Parallelschaltung aus Rp=500 ΩR_p = 500\,\Omega und Lp=50 mHL_p = 50\,\mathrm{mH}.

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