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Sujet du Bac Allemand 2026 · Métropole
Sujet du Bac d’Allemand 2026, Métropole : 2 exercices corrigés. Thèmes : Exil et migrations, La nature, source de mythes et Traduction en français. Gratuit.
Thèmes du sujet : Exil et migrations · La nature, source de mythes · Traduction en français (version) d'un passage du dossier · Transposition en français des idées d'un document
Sujet 1 - Partie 1 : Synthèse du dossier · Exil et migrations
DOCUMENT A
Die deutschen Auswanderer
Ein stolzes Schiff streicht einsam durch die Wellen
Es führt uns uns’re deutschen Brüder fort!
Die Flagge weht, die weißen Segel schwellen
5 Amerika ist der Bestimmungsort.
Auf dem Verdecke 1 stehen
Noch einmal anzusehen
Das Vaterland, das heimatliche Grün
Mann, Weib und Kind, eh sie von dannen ziehen 2.
10 Dort zieh’n sie hin, wer wagt es, noch zu fragen
Warum verlassen sie ihr Vaterland?
O, altes Deutschland, kannst du es ertragen,
Daß deine Völker werden so verbannt?
Schaut her, Ihr Volksbeglücker 3,
15 Schaut her, Ihr Unterdrücker 4,
Seht eure besten Arbeitskräfte flieh’n,
Seht, wie sie über’s große Weltmeer zieh’n.
Wir stehen hier am heimatlichen Strande
Und blicken unsern deutschen Brüdern nach.
20 Nicht Hochmuth 5 treibt sie aus dem Vaterlande,
Nein, Nahrungslosigkeit und Noth und Schmach 6.
Was hier nicht war zu finden,
Wollen sie sich dort begründen;
Sie segeln von dem deutschen Boden ab
25 Und suchen in Amerika ein Grab. [...]
Heinrich SCHACHT, Die deutschen Auswanderer, in: Seemanns Liedertafel,
Hamburg, 1860
1 das Verdeck: le pont du bateau
2 von dannen ziehen (alt): partir
3 die Volksbeglücker: (ici) les monarques, ceux qui détiennent le pouvoir
4 die Unterdrücker: les oppresseurs
5 der Hochmuth: l’orgueil
6 die Schmach: l’opprobre, le mépris
DOCUMENT B
Arnold Schwarzenegger wurde 1947 in Thal, Österreich, geboren. 1968 wanderte er in die USA aus, um seine Bodybuilder-Karriere fortzusetzen. Später wurde er als Schauspieler berühmt und diente von 2003 bis 2011 als Gouverneur von Kalifornien.
Ich kann nicht mehr genau sagen, wann zum ersten Mal der Plan entstand, ein Buch über ihn zu schreiben. Eigentlich war es nur logisch, der nächste Schritt. Wenn man sich über so viele Jahre mit einer Person beschäftigt, kommt irgendwann der Wunsch auf, sie umfassend zu beschreiben.
5 Arnold Schwarzenegger weiß von dieser Biographie und er hat mein Vorhaben unterstützt. Ich habe zahlreiche Interviews nur für dieses Buch mit ihm geführt, er hat mit mir über seine Jugend gesprochen, seine Ankunft in Amerika, seinen Aufstieg zum Bodybuilder, zum Filmstar und schließlich zum Gouverneur [...]. Dennoch ist dies keine autorisierte Biographie, die er vor der Veröffentlichung gelesen hat, denn ich will 10 ihn so darstellen, wie ich ihn sehe, nicht, wie er sich selbst sieht.
Schwarzenegger ist für mich vielleicht der amerikanischste Amerikaner, weil er das Klischee vom amerikanischen Traum wie kaum ein anderer verkörpert: Er ist ein Mann ohne besonderes Talent, kein Mozart, kein Nurejew 1. Er wurde nicht hineingeboren in den Erfolg, war kein Naturtalent, weder als Bodybuilder noch als 15 Schauspieler noch als Politiker. Dafür hat Schwarzenegger sehr ausgeprägte Eigenschaften: Er kann Menschen für sich gewinnen, und vor allem hat er einen unbeugsamen Willen und eine ungeheure Disziplin. Er ist eine Lernmaschine, ausgestattet mit einem Gespür für die richtigen Leute. [...]
Je länger ich mich mit Schwarzenegger beschäftigte, desto mehr zog er mich in seinen 20 Bann, sein Lebenslauf, der unwahrscheinliche Erfolg, es von einem Dorf in der Steiermark an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundesstaates der Vereinigten Staaten geschafft zu haben. Sein Leben faszinierte mich, weil es nach einem einzigen Jungenstreich klingt.
Im Juli 2003 war das Männermagazin Esquire erstmals mit Arnold Schwarzenegger 25 als Titelheld erschienen. Die Titelzeile lautete: „Arnold. Der nächste Gouverneur von Kalifornien. Wirklich.“ An das Bild sollte ich noch oft denken. Es war so amerikanisch. Es verkörperte alles, was in Amerika möglich ist und in Deutschland nicht.
Und gleichzeitig war er doch einer von uns, ein Sohn des alten Europa, der es in der neuen Welt geschafft hat, wie es sich so viele wünschen. Als er tatsächlich Gouverneur 30 wurde, war der Spott 2 groß, und am größten war er in Deutschland. Wie kann einer wie Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien werden? Es bestätigte 3 alle Vorurteile, die man hierzulande über Amerika pflegt, jenes große, protzige 4 Land, ignorant, in weiten Teilen blöd, geistig verarmt im Massenkonsum. Diese Reaktion sagt aber auch viel über Deutschland aus: darüber, was hier fehlt, an gesellschaftlicher 35 Offenheit, an Möglichkeiten, vielleicht auch an Irrsinn. In Deutschland jedenfalls hätte Schwarzenegger keine Chance gehabt. Am Ende war es wohl das, was mich dazu brachte, mich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte wissen: Was für ein Mensch ist dieser Mann wirklich, was hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er ist? Er gilt als eine Berühmtheit, die jeder kennt. Doch wer kennt ihn schon wirklich?
Marc HUJER, Arnold Schwarzenegger, die Biographie, 2009
1 (Rudolf) Nurejew: célèbre danseur et chorégraphe russe
2 der Spott: la moquerie
3 bestätigen: confirmer
4 protzig: bling-bling
DOCUMENT C
www.statista.com, 06.07.2022
Die Vereinigten Staaten galten lange als Traumziel für viele deutsche Auswanderer. [...] Doch das Bild vom amerikanischen Traum scheint an Kraft zu verlieren. [...]
www.deutsche-im-ausland.org, 04.11.2024
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein. (ca. 500 Wörter)
Fassen Sie den Inhalt des vorliegenden Dossiers zusammen und erklären Sie den thematischen und zeitlichen Hintergrund.
Analysieren Sie die verschiedenen Gründe für die Emigration aus dem deutschsprachigen Raum in die USA im Zusammenhang mit der Entwicklung des Begriffs „amerikanischer Traum“ im Laufe der Zeit.
„Das eigene Land verlassen, um seinen Traum zu verwirklichen“: Diskutieren Sie, inwiefern dieses Thema von hoher Aktualität ist. Belegen Sie Ihre Antwort mit Beispielen aus der Literatur und/oder Ihrer eigenen Erfahrung.
Sujet 1 - Partie 2 : Traduction en français · Traduction en français (version) d'un passage du dossier
Partie 2: Traduction en français
[4 points]
DOCUMENT A
Die deutschen Auswanderer
Ein stolzes Schiff streicht einsam durch die Wellen
Es führt uns uns’re deutschen Brüder fort!
Die Flagge weht, die weißen Segel schwellen
5 Amerika ist der Bestimmungsort.
Auf dem Verdecke 1 stehen
Noch einmal anzusehen
Das Vaterland, das heimatliche Grün
Mann, Weib und Kind, eh sie von dannen ziehen 2.
10 Dort zieh’n sie hin, wer wagt es, noch zu fragen
Warum verlassen sie ihr Vaterland?
O, altes Deutschland, kannst du es ertragen,
Daß deine Völker werden so verbannt?
Schaut her, Ihr Volksbeglücker 3,
15 Schaut her, Ihr Unterdrücker 4,
Seht eure besten Arbeitskräfte flieh’n,
Seht, wie sie über’s große Weltmeer zieh’n.
Wir stehen hier am heimatlichen Strande
Und blicken unsern deutschen Brüdern nach.
20 Nicht Hochmuth 5 treibt sie aus dem Vaterlande,
Nein, Nahrungslosigkeit und Noth und Schmach 6.
Was hier nicht war zu finden,
Wollen sie sich dort begründen;
Sie segeln von dem deutschen Boden ab
25 Und suchen in Amerika ein Grab. [...]
Heinrich SCHACHT, Die deutschen Auswanderer, in: Seemanns Liedertafel,
Hamburg, 1860
1 das Verdeck: le pont du bateau
2 von dannen ziehen (alt): partir
3 die Volksbeglücker: (ici) les monarques, ceux qui détiennent le pouvoir
4 die Unterdrücker: les oppresseurs
5 der Hochmuth: l’orgueil
6 die Schmach: l’opprobre, le mépris
DOCUMENT B
Arnold Schwarzenegger wurde 1947 in Thal, Österreich, geboren. 1968 wanderte er in die USA aus, um seine Bodybuilder-Karriere fortzusetzen. Später wurde er als Schauspieler berühmt und diente von 2003 bis 2011 als Gouverneur von Kalifornien.
Ich kann nicht mehr genau sagen, wann zum ersten Mal der Plan entstand, ein Buch über ihn zu schreiben. Eigentlich war es nur logisch, der nächste Schritt. Wenn man sich über so viele Jahre mit einer Person beschäftigt, kommt irgendwann der Wunsch auf, sie umfassend zu beschreiben.
5 Arnold Schwarzenegger weiß von dieser Biographie und er hat mein Vorhaben unterstützt. Ich habe zahlreiche Interviews nur für dieses Buch mit ihm geführt, er hat mit mir über seine Jugend gesprochen, seine Ankunft in Amerika, seinen Aufstieg zum Bodybuilder, zum Filmstar und schließlich zum Gouverneur [...]. Dennoch ist dies keine autorisierte Biographie, die er vor der Veröffentlichung gelesen hat, denn ich will 10 ihn so darstellen, wie ich ihn sehe, nicht, wie er sich selbst sieht.
Schwarzenegger ist für mich vielleicht der amerikanischste Amerikaner, weil er das Klischee vom amerikanischen Traum wie kaum ein anderer verkörpert: Er ist ein Mann ohne besonderes Talent, kein Mozart, kein Nurejew 1. Er wurde nicht hineingeboren in den Erfolg, war kein Naturtalent, weder als Bodybuilder noch als 15 Schauspieler noch als Politiker. Dafür hat Schwarzenegger sehr ausgeprägte Eigenschaften: Er kann Menschen für sich gewinnen, und vor allem hat er einen unbeugsamen Willen und eine ungeheure Disziplin. Er ist eine Lernmaschine, ausgestattet mit einem Gespür für die richtigen Leute. [...]
Je länger ich mich mit Schwarzenegger beschäftigte, desto mehr zog er mich in seinen 20 Bann, sein Lebenslauf, der unwahrscheinliche Erfolg, es von einem Dorf in der Steiermark an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundesstaates der Vereinigten Staaten geschafft zu haben. Sein Leben faszinierte mich, weil es nach einem einzigen Jungenstreich klingt.
Im Juli 2003 war das Männermagazin Esquire erstmals mit Arnold Schwarzenegger 25 als Titelheld erschienen. Die Titelzeile lautete: „Arnold. Der nächste Gouverneur von Kalifornien. Wirklich.“ An das Bild sollte ich noch oft denken. Es war so amerikanisch. Es verkörperte alles, was in Amerika möglich ist und in Deutschland nicht.
Und gleichzeitig war er doch einer von uns, ein Sohn des alten Europa, der es in der neuen Welt geschafft hat, wie es sich so viele wünschen. Als er tatsächlich Gouverneur 30 wurde, war der Spott 2 groß, und am größten war er in Deutschland. Wie kann einer wie Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien werden? Es bestätigte 3 alle Vorurteile, die man hierzulande über Amerika pflegt, jenes große, protzige 4 Land, ignorant, in weiten Teilen blöd, geistig verarmt im Massenkonsum. Diese Reaktion sagt aber auch viel über Deutschland aus: darüber, was hier fehlt, an gesellschaftlicher 35 Offenheit, an Möglichkeiten, vielleicht auch an Irrsinn. In Deutschland jedenfalls hätte Schwarzenegger keine Chance gehabt. Am Ende war es wohl das, was mich dazu brachte, mich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte wissen: Was für ein Mensch ist dieser Mann wirklich, was hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er ist? Er gilt als eine Berühmtheit, die jeder kennt. Doch wer kennt ihn schon wirklich?
Marc HUJER, Arnold Schwarzenegger, die Biographie, 2009
1 (Rudolf) Nurejew: célèbre danseur et chorégraphe russe
2 der Spott: la moquerie
3 bestätigen: confirmer
4 protzig: bling-bling
DOCUMENT C
www.statista.com, 06.07.2022
Die Vereinigten Staaten galten lange als Traumziel für viele deutsche Auswanderer. [...] Doch das Bild vom amerikanischen Traum scheint an Kraft zu verlieren. [...]
www.deutsche-im-ausland.org, 04.11.2024
Traduisez en français l'extrait suivant du document B.
Als er tatsächlich Gouverneur wurde, war der Spott groß, und am größten war er in Deutschland. Wie kann einer wie Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien werden? Es bestätigte alle Vorurteile, die man hierzulande über Amerika pflegt, jenes große, protzige Land, ignorant, in weiten Teilen blöd, geistig verarmt im Massenkonsum. Diese Reaktion sagt aber auch viel über Deutschland aus: darüber, was hier fehlt, an gesellschaftlicher Offenheit, an Möglichkeiten, vielleicht auch an Irrsinn. In Deutschland jedenfalls hätte Schwarzenegger keine Chance gehabt.
Sujet 2 - Partie 1 : Synthèse du dossier · La nature, source de mythes
SUJET 2
Thématique: « Espace germanophone et ses mythologies » — Axe d'étude: « La nature, source de mythes »
Document A
Undines 1 gewaltiger Vater
In diesem Text beschreibt der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll seine persönliche Beziehung zum Rhein.
Ich bin bereit, dem Rhein alles zu glauben: nur seine sommerliche Heiterkeit 2 habe ich ihm nie glauben können, ich habe diese Heiterkeit gesucht, aber nie gefunden, vielleicht ist es ein Augenfehler oder ein Gemütsfehler, der mich hinderte, diese Heiterkeit zu entdecken.
5 Mein Rhein ist dunkel und schwermütig 3. […] Ich bin mit den weißen Schiffen gefahren, über die Rheinhöhen gegangen, mit dem Fahrrad von Mainz bis Köln, von Rüdesheim bis Deutz, von Köln bis Xanten gefahren, im Herbst, im Frühjahr und im Sommer, ich habe während des Winters in kleinen Hotels gewohnt, die nahe am Fluss lagen, und mein Rhein war nie der Sommer-Rhein.
10 Mein Rhein ist der, den ich aus meiner frühesten Kindheit kenne: ein dunkler, schwermütiger Fluss, den ich immer gefürchtet und geliebt habe; drei Minuten nur von ihm entfernt bin ich geboren; ich konnte noch nicht sprechen, so eben laufen, da spielte ich schon an seinen Ufern.
Mein Rhein ist der Winterrhein, der Rhein der Krähen, die auf Eisschollen nordwestwärts 15 ziehen, den Niederlanden zu; ein Breughel-Rhein, dessen Farben Grüngrau sind, Schwarz und Weiß, viel Grau, und die bräunlichen Fassaden der Häuser, die sich erst wieder auftakeln, wenn der Sommer naht. Ich habe immer noch Angst vor dem Rhein, der im Frühjahr böse werden kann, wenn Hausrat 4 im Fluss dahintreibt, ertrunkenes Vieh, entwurzelte Bäume; wenn auf die Uferbäume Plakate mit dem roten Wort 20 Warnung geklebt werden. (…) Angst vor dem Rhein, der unheimlich und so sanft durch die Träume der Kinder murmelt, ein dunkler Gott, der bewiesen haben will, dass er noch Opfer 5 fordert: heidnisch, Natur, nichts von Lieblichkeit, wird er breit wie ein Meer, dringt in Wohnungen ein, steigt grünlich in den Kellern hoch, quillt aus Kanälen, brüllt unter Brückenbögen dahin: Undines gewaltiger Vater.
Heinrich Böll, Menschen am Rhein, 1960.
1 Undine: Name einer Frau in der germanischen Mythologie, Nixe, Wasserfrau
2 die Heiterkeit: la gaieté
3 schwermütig: mélancolique
4 der Hausrat: les meubles (emportés par les flots)
5 das Opfer: la victime, le sacrifice
Document B
Deutschland verliert gerade einen großen Teil seiner Identität
SPIEGEL: Frau Mattheis, der Dürre-Sommer in Deutschland brachte in diesem Jahr auch Waldbrände 1 mit sich: in Brandenburg etwa oder in Sachsen. Was verlieren wir in diesem Feuer neben den Bäumen?
5 Lisa Mattheis: Aus meiner Sicht als Kunsthistorikerin ist das eine ganze Menge: Deutschland verliert durch diese Brände gerade einen großen Teil seiner Identität. Schließlich sind die Deutschen und ihr Wald unzertrennlich, der Wald ist omnipräsent im deutschsprachigen Kulturraum. Denken Sie an die berühmten Gemälde Caspar David Friedrichs, an die bedeutenden Lyriker Heinrich Heine oder Joseph von Eichendorff, die den Wald in ihrer Poesie beschrieben haben. In der Romantik wurde 10 der Begriff „Waldeinsamkeit“ geprägt. Er meint das Mit-Sich-Sein in der Abgeschiedenheit des Waldes. Denken Sie aber auch an das berühmte Märchen Hänsel und Gretel: Dort ist der Wald der große, finstere, undurchdringbare Ort.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass der Wald in unserer Kultur eine so große Rolle spielt?
Lisa Mattheis: Zum einen ist Deutschland einfach stark bewaldet. Wer hier aufwächst, 15 lernt in seiner Kindheit und Jugend mit großer Wahrscheinlichkeit verschiedene Wälder kennen. Selbst Städter kennen meist einen Wald um die Ecke. Zum anderen ist der Wald Teil unseres Gründungsmythos’. Gehen wir etwa 2000 Jahre zurück, es war um das Jahr 9 nach Christus: In der Varusschlacht 2, die auch Schlacht im Teutoburger Wald genannt wird, schlugen die germanischen Volksstämme die Römer. Der Sieg geriet für 20 Hunderte Jahre in Vergessenheit und wurde erst später, ab der Romantik zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt.
SPIEGEL: Apropos verklärt: Auch im Nationalsozialismus spielte der Wald eine Rolle.
Lisa Mattheis: In der Tat, die Nazis hatten eine sehr sonderbare Beziehung zum Wald. Für sie war der deutsche Wald gegenüber anderen Nationen ein Überlegenheitsfaktor 3. 25 Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand eine langsame, ich nenne es mal: Rehabilitierung des Waldes statt. Manche erinnern sich vielleicht noch an den US-Zeichentrickfilm „Bambi“, der verspätet 1950 in die deutschen Kinos kam. Der junge Hirsch hüpft durch seine sorglose Kindheit im Wald, muss sich immer wieder Gefahren stellen, aber natürlich geht am Ende alles gut. Damit war der Wald ein Lebensraum für 30 Tiere, für viele ein Rückzugsort.
SPIEGEL: Ein guter Ort, der mit Entspannung, Spaziergängen, kleinen Abenteuern verbunden wird.
Lisa Mattheis: Heute gibt es in der Natur wohl keinen anderen Ort, der mit so viel Symbolkraft aufgeladen ist. In den Wald flieht man vor der unruhigen Welt. Die moderne 35 „Work-Life-Balance“ vollendet sich im Wald; der Wald als Ort, an dem Heilung stattfinden kann.
Nach Spiegelonline, 12.08.2022
1 die Waldbrände: les incendies de forêts
2 die Schlacht: la bataille
3 die Überlegenheit: la supériorité
Document C
Partie 1: Synthèse du dossier [16 points]
Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein (ca. 500 Wörter):
Fassen Sie den Inhalt des vorliegenden Dossiers zusammen und erklären Sie den thematischen Hintergrund.
Analysieren Sie anhand dieses Dossiers die unterschiedlichen Bedeutungen der Natur für die Deutschen.
Diskutieren Sie, welche Rolle Mythen heute noch spielen. Sie können sich dabei auch auf Ihre eigenen Kenntnisse beziehen.
Sujet 2 - Partie 2 : Transposition en français · Transposition en français des idées d'un document
Document A
Undines 1 gewaltiger Vater
In diesem Text beschreibt der deutsche Schriftsteller Heinrich Böll seine persönliche Beziehung zum Rhein.
Ich bin bereit, dem Rhein alles zu glauben: nur seine sommerliche Heiterkeit 2 habe ich ihm nie glauben können, ich habe diese Heiterkeit gesucht, aber nie gefunden, vielleicht ist es ein Augenfehler oder ein Gemütsfehler, der mich hinderte, diese Heiterkeit zu entdecken.
5 Mein Rhein ist dunkel und schwermütig 3. […] Ich bin mit den weißen Schiffen gefahren, über die Rheinhöhen gegangen, mit dem Fahrrad von Mainz bis Köln, von Rüdesheim bis Deutz, von Köln bis Xanten gefahren, im Herbst, im Frühjahr und im Sommer, ich habe während des Winters in kleinen Hotels gewohnt, die nahe am Fluss lagen, und mein Rhein war nie der Sommer-Rhein.
10 Mein Rhein ist der, den ich aus meiner frühesten Kindheit kenne: ein dunkler, schwermütiger Fluss, den ich immer gefürchtet und geliebt habe; drei Minuten nur von ihm entfernt bin ich geboren; ich konnte noch nicht sprechen, so eben laufen, da spielte ich schon an seinen Ufern.
Mein Rhein ist der Winterrhein, der Rhein der Krähen, die auf Eisschollen nordwestwärts 15 ziehen, den Niederlanden zu; ein Breughel-Rhein, dessen Farben Grüngrau sind, Schwarz und Weiß, viel Grau, und die bräunlichen Fassaden der Häuser, die sich erst wieder auftakeln, wenn der Sommer naht. Ich habe immer noch Angst vor dem Rhein, der im Frühjahr böse werden kann, wenn Hausrat 4 im Fluss dahintreibt, ertrunkenes Vieh, entwurzelte Bäume; wenn auf die Uferbäume Plakate mit dem roten Wort 20 Warnung geklebt werden. (…) Angst vor dem Rhein, der unheimlich und so sanft durch die Träume der Kinder murmelt, ein dunkler Gott, der bewiesen haben will, dass er noch Opfer 5 fordert: heidnisch, Natur, nichts von Lieblichkeit, wird er breit wie ein Meer, dringt in Wohnungen ein, steigt grünlich in den Kellern hoch, quillt aus Kanälen, brüllt unter Brückenbögen dahin: Undines gewaltiger Vater.
Heinrich Böll, Menschen am Rhein, 1960.
1 Undine: Name einer Frau in der germanischen Mythologie, Nixe, Wasserfrau
2 die Heiterkeit: la gaieté
3 schwermütig: mélancolique
4 der Hausrat: les meubles (emportés par les flots)
5 das Opfer: la victime, le sacrifice
Document B
Deutschland verliert gerade einen großen Teil seiner Identität
SPIEGEL: Frau Mattheis, der Dürre-Sommer in Deutschland brachte in diesem Jahr auch Waldbrände 1 mit sich: in Brandenburg etwa oder in Sachsen. Was verlieren wir in diesem Feuer neben den Bäumen?
5 Lisa Mattheis: Aus meiner Sicht als Kunsthistorikerin ist das eine ganze Menge: Deutschland verliert durch diese Brände gerade einen großen Teil seiner Identität. Schließlich sind die Deutschen und ihr Wald unzertrennlich, der Wald ist omnipräsent im deutschsprachigen Kulturraum. Denken Sie an die berühmten Gemälde Caspar David Friedrichs, an die bedeutenden Lyriker Heinrich Heine oder Joseph von Eichendorff, die den Wald in ihrer Poesie beschrieben haben. In der Romantik wurde 10 der Begriff „Waldeinsamkeit“ geprägt. Er meint das Mit-Sich-Sein in der Abgeschiedenheit des Waldes. Denken Sie aber auch an das berühmte Märchen Hänsel und Gretel: Dort ist der Wald der große, finstere, undurchdringbare Ort.
SPIEGEL: Wie kommt es, dass der Wald in unserer Kultur eine so große Rolle spielt?
Lisa Mattheis: Zum einen ist Deutschland einfach stark bewaldet. Wer hier aufwächst, 15 lernt in seiner Kindheit und Jugend mit großer Wahrscheinlichkeit verschiedene Wälder kennen. Selbst Städter kennen meist einen Wald um die Ecke. Zum anderen ist der Wald Teil unseres Gründungsmythos’. Gehen wir etwa 2000 Jahre zurück, es war um das Jahr 9 nach Christus: In der Varusschlacht 2, die auch Schlacht im Teutoburger Wald genannt wird, schlugen die germanischen Volksstämme die Römer. Der Sieg geriet für 20 Hunderte Jahre in Vergessenheit und wurde erst später, ab der Romantik zur Geburtsstunde der deutschen Nation verklärt.
SPIEGEL: Apropos verklärt: Auch im Nationalsozialismus spielte der Wald eine Rolle.
Lisa Mattheis: In der Tat, die Nazis hatten eine sehr sonderbare Beziehung zum Wald. Für sie war der deutsche Wald gegenüber anderen Nationen ein Überlegenheitsfaktor 3. 25 Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fand eine langsame, ich nenne es mal: Rehabilitierung des Waldes statt. Manche erinnern sich vielleicht noch an den US-Zeichentrickfilm „Bambi“, der verspätet 1950 in die deutschen Kinos kam. Der junge Hirsch hüpft durch seine sorglose Kindheit im Wald, muss sich immer wieder Gefahren stellen, aber natürlich geht am Ende alles gut. Damit war der Wald ein Lebensraum für 30 Tiere, für viele ein Rückzugsort.
SPIEGEL: Ein guter Ort, der mit Entspannung, Spaziergängen, kleinen Abenteuern verbunden wird.
Lisa Mattheis: Heute gibt es in der Natur wohl keinen anderen Ort, der mit so viel Symbolkraft aufgeladen ist. In den Wald flieht man vor der unruhigen Welt. Die moderne 35 „Work-Life-Balance“ vollendet sich im Wald; der Wald als Ort, an dem Heilung stattfinden kann.
Nach Spiegelonline, 12.08.2022
1 die Waldbrände: les incendies de forêts
2 die Schlacht: la bataille
3 die Überlegenheit: la supériorité
Document C
Partie 2: Transposition en français
[4 points]
Un jeune Français de passage dans le Brandebourg est témoin des incendies qui ravagent la région. Vous lui expliquez comment Lisa Mattheis décrit pour le journal Der Spiegel la relation des Allemands avec la forêt.
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