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Sujet du Bac Allemand 2022 · Métropole remplacement
Sujet du Bac d’Allemand 2022, Métropole remplacement : 2 exercices corrigés. Thèmes : Exil et migrations et La nature, source de mythes. Gratuit.
Thèmes du sujet : Exil et migrations · La nature, source de mythes · Traduction en français (version) d'un passage du dossier · Transposition en français des idées d'un document
Sujet 1 - Partie 1 · Exil et migrations
Document A
Hans Rudolf UTHOFF, Türkische Gastarbeiter für das Ruhrrevier (1964)
Document B
1 In München angekommen, wurde ich in die Schule gebracht und ein halbes Jahr lang an jedem Schultag nachmittags für anderthalb Stunden zu Frau Saal, einer pensionierten Volksschullehrerin mit strengen Gesichtszügen, die sich jedoch lockerten, wenn sie mit mir die deutsche Sprache übte. Bei Frau Saal schmeckten die Wörter nach Kaffee und Kuchen, 5 genauer gesagt, nach Apfelkuchen, der fast immer auf dem Tisch stand und von dem ich kosten durfte, wenn ich fleißig gewesen war.
Ihre Wohnung war auffallend dunkel. Es war wieder Winter geworden, und ich besuchte sie meistens spätnachmittags. Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals das Licht eingeschaltet hätte, wenn wir uns über die Bücher beugten.
10 Als ich sie Jahre später einmal besuchte, um nach ihr zu sehen und mich für die Lehrstunden zu bedanken, konnte ich es nicht lassen und fragte sie danach, warum wir beim Lernen immer so im Halbdunkel gesessen hatten. Vielleicht täuschte mich ja auch meine Erinnerung. Sie lachte laut auf und antwortete ohne zu zögern: „Wenn man eine neue 15 Sprache lernt, muss man die Wörter möglichst lange und genau beobachten. Du aber bist mir zu schnell von einem Wort zum andern gesprungen. Die Dunkelheit hat dich langsamer und aufmerksamer gemacht, und wir sind ja auch gut vorangekommen, wie man sieht." Sie deutete auf meinen ersten Gedichtband, den ich ihr gerade überreicht hatte.
Ich verdanke also mein Gefühl für die deutsche Sprache dem Halbdunkel und dem Geschmack von Kaffee und Kuchen, vorzugsweise Apfelkuchen. Wahrscheinlich verdanke 20 ich dem Halbdunkel auch die Brille, die ich schon sehr früh tragen musste. Für die Sprache, die mir so gut schmeckte, hätte ich damals alles hergegeben. Sogar das Büffeln 1 der komplizierten Grammatik, die mir wie ein Labyrinth vorkam, nahm ich widerstandslos hin. Mit Fleiß lässt sich jede Fremdsprache bis zu einem gewissen Grad erlernen. Wer aber in 25 den Genuss einer fremden Sprache kommen möchte, braucht Hingabe 2. Ich bin Frau Saal heute dankbar, dass sie mir nicht nur die Sprache beigebracht hat, sondern auch die Hingabe abforderte, ja sie in mir auslöste, ohne die ich heute kein deutschsprachiger Schriftsteller sein könnte
Zafer ŞENOCAK, Deutschsein – eine Aufklärungsschrift, « Die Sprache öffnen » (2011)
1 büffeln ( fam.): bûcher, potasser, bosser dur
2 braucht Hingabe: cela nécessite que l'on s'y consacre sans retenue
Document C
Vor dem Haus, in dem die Vermögensverwaltung Falstaff ihren Sitz hat, demonstriert das „Bündnis gegen Zwangsräumung". Auf einem Transparent prangt die Losung 3: „Ob Nuriye 5 oder Kalle, wir bleiben alle". Inmitten der Menge thront Nuriye Cengiz, die damit gemeint ist, in ihrem Rollstuhl. Als die 63-Jährige das Mikrofon bekommt, erzählt sie mit lauter Stimme die Geschichte, wie sie von ihrem Vermieter ausgetrickst 4 wurde, schimpft auf die Politik und bricht zwischendrin fast in Tränen aus. [...] Die türkische Rentnerin ist zur Symbolfigur 10 für die Opfer der steigenden Mieten in Berlin-Kreuzberg geworden. [...] Auch Nuriye Cengiz ist davon betroffen, obwohl sie streng genommen in Neukölln lebt – allerdings in jenem Teil, der wegen seiner Nähe zu Kreuzberg auch „Kreuzkölln" genannt wird. Hier teilt sie sich mit ihren beiden Katzen und zwei Kaninchen eine kleine Wohnung, deren Wände Koranverse schmücken. [...]
15 In letzter Zeit sitzt bei ihr häufiger Sandy Kaltenborn auf dem Sofa, beide rauchen dann ihre Selbstgedrehten. Der 43-Jährige trägt Hornbrille, Seitenscheitel 5, eine Jeansjacke mit Buttons – und man merkt, dass ihm Nuriye Cengiz' aufmüpfige 6 Art gefällt. „Viele ältere 20 Migranten haben Angst, ihre Rechte geltend zu machen", sagt er, doch Nuriye Cengiz bilde da eine Ausnahme: An ihre Fenster hat sie außen Zettel angebracht, mit denen sie auf ihre Situation hinweist. „Ich, Rentnerin, im Rollstuhl, soll raus und will nicht", steht da. Oder: „Hier wird gentrifiziert".
Seit 1969 lebt Nuriye Cengiz in Berlin, bis 1990 schraubte sie hier Telefone 25 zusammen. Wie viele türkische Migranten verlor sie nach dem Mauerfall ihren Job. Als der neue Eigentümer vor ein paar Jahren ihr Haus erwarb, setzte er die Mieten drastisch herauf, ihre stieg von 386 auf 626 Euro – zu viel für das Sozialamt, das ihre Miete bezahlt. Fast alle Nachbarn sind inzwischen ausgezogen, ihre Wohnungen wurden verkauft, nur Nuriye Cengiz harrt 7 im Erdgeschoss noch aus und prozessiert.[...]
Kreuzbergs Bevölkerungsstruktur war schon immer ein Politikum. Bis zum Mauerfall bekamen einige Türken in Berlin sogar einen Stempel in ihren Pass, der es ihnen untersagte, in Bezirke wie Kreuzberg zu ziehen. Mit dieser „Zuzugssperre" wollte der Senat eine Gettobildung verhindern. Jetzt, wo steigende Mieten viele alteingesessene Migranten 8 aus dem Bezirk verdrängen, vermuten nicht wenige von ihnen Absicht dahinter. „Die wollen keine Ausländer mehr hier haben", lautet eine verbreitete Ansicht.
Nach: Daniel BAX, Gentrifizierungsgegner in Berlin: Nuriye und Kalle wollen bleiben, taz.de (03.08.2012)
3 die Losung = das Motto
4 austricksen ( ugs.) = täuschen, betrügen
5 Seitenscheitel tragen: être coiffé avec la raie sur le côté
6 aufmüpfig = rebellisch
7 aus/harren = bleiben
8 alteingesessene Migranten = Migranten, die schon seit langem hier wohnen
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie insbesondere auf folgende Punkte eingehen:
Stellen Sie das Dossier (Texte und Bild) vor und berücksichtigen Sie dabei den zeitlichen Hintergrund.
Analysieren Sie in dem Romanauszug von Zafer Şenocak das Verhältnis des Erzählers zu der deutschen Sprache.
Diskutieren Sie anhand des Dossiers und Ihrer Kenntnisse die Integration der türkischen Bevölkerung in die deutsche Gesellschaft und die Herausforderung, die sie heute darstellt.
Sujet 1 - Partie 2 · Traduction en français (version) d'un passage du dossier
Document A
Hans Rudolf UTHOFF, Türkische Gastarbeiter für das Ruhrrevier (1964)
Document B
1 In München angekommen, wurde ich in die Schule gebracht und ein halbes Jahr lang an jedem Schultag nachmittags für anderthalb Stunden zu Frau Saal, einer pensionierten Volksschullehrerin mit strengen Gesichtszügen, die sich jedoch lockerten, wenn sie mit mir die deutsche Sprache übte. Bei Frau Saal schmeckten die Wörter nach Kaffee und Kuchen, 5 genauer gesagt, nach Apfelkuchen, der fast immer auf dem Tisch stand und von dem ich kosten durfte, wenn ich fleißig gewesen war.
Ihre Wohnung war auffallend dunkel. Es war wieder Winter geworden, und ich besuchte sie meistens spätnachmittags. Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals das Licht eingeschaltet hätte, wenn wir uns über die Bücher beugten.
10 Als ich sie Jahre später einmal besuchte, um nach ihr zu sehen und mich für die Lehrstunden zu bedanken, konnte ich es nicht lassen und fragte sie danach, warum wir beim Lernen immer so im Halbdunkel gesessen hatten. Vielleicht täuschte mich ja auch meine Erinnerung. Sie lachte laut auf und antwortete ohne zu zögern: „Wenn man eine neue 15 Sprache lernt, muss man die Wörter möglichst lange und genau beobachten. Du aber bist mir zu schnell von einem Wort zum andern gesprungen. Die Dunkelheit hat dich langsamer und aufmerksamer gemacht, und wir sind ja auch gut vorangekommen, wie man sieht." Sie deutete auf meinen ersten Gedichtband, den ich ihr gerade überreicht hatte.
Ich verdanke also mein Gefühl für die deutsche Sprache dem Halbdunkel und dem Geschmack von Kaffee und Kuchen, vorzugsweise Apfelkuchen. Wahrscheinlich verdanke 20 ich dem Halbdunkel auch die Brille, die ich schon sehr früh tragen musste. Für die Sprache, die mir so gut schmeckte, hätte ich damals alles hergegeben. Sogar das Büffeln 1 der komplizierten Grammatik, die mir wie ein Labyrinth vorkam, nahm ich widerstandslos hin. Mit Fleiß lässt sich jede Fremdsprache bis zu einem gewissen Grad erlernen. Wer aber in 25 den Genuss einer fremden Sprache kommen möchte, braucht Hingabe 2. Ich bin Frau Saal heute dankbar, dass sie mir nicht nur die Sprache beigebracht hat, sondern auch die Hingabe abforderte, ja sie in mir auslöste, ohne die ich heute kein deutschsprachiger Schriftsteller sein könnte
Zafer ŞENOCAK, Deutschsein – eine Aufklärungsschrift, « Die Sprache öffnen » (2011)
1 büffeln ( fam.): bûcher, potasser, bosser dur
2 braucht Hingabe: cela nécessite que l'on s'y consacre sans retenue
Document C
Vor dem Haus, in dem die Vermögensverwaltung Falstaff ihren Sitz hat, demonstriert das „Bündnis gegen Zwangsräumung". Auf einem Transparent prangt die Losung 3: „Ob Nuriye 5 oder Kalle, wir bleiben alle". Inmitten der Menge thront Nuriye Cengiz, die damit gemeint ist, in ihrem Rollstuhl. Als die 63-Jährige das Mikrofon bekommt, erzählt sie mit lauter Stimme die Geschichte, wie sie von ihrem Vermieter ausgetrickst 4 wurde, schimpft auf die Politik und bricht zwischendrin fast in Tränen aus. [...] Die türkische Rentnerin ist zur Symbolfigur 10 für die Opfer der steigenden Mieten in Berlin-Kreuzberg geworden. [...] Auch Nuriye Cengiz ist davon betroffen, obwohl sie streng genommen in Neukölln lebt – allerdings in jenem Teil, der wegen seiner Nähe zu Kreuzberg auch „Kreuzkölln" genannt wird. Hier teilt sie sich mit ihren beiden Katzen und zwei Kaninchen eine kleine Wohnung, deren Wände Koranverse schmücken. [...]
15 In letzter Zeit sitzt bei ihr häufiger Sandy Kaltenborn auf dem Sofa, beide rauchen dann ihre Selbstgedrehten. Der 43-Jährige trägt Hornbrille, Seitenscheitel 5, eine Jeansjacke mit Buttons – und man merkt, dass ihm Nuriye Cengiz' aufmüpfige 6 Art gefällt. „Viele ältere 20 Migranten haben Angst, ihre Rechte geltend zu machen", sagt er, doch Nuriye Cengiz bilde da eine Ausnahme: An ihre Fenster hat sie außen Zettel angebracht, mit denen sie auf ihre Situation hinweist. „Ich, Rentnerin, im Rollstuhl, soll raus und will nicht", steht da. Oder: „Hier wird gentrifiziert".
Seit 1969 lebt Nuriye Cengiz in Berlin, bis 1990 schraubte sie hier Telefone 25 zusammen. Wie viele türkische Migranten verlor sie nach dem Mauerfall ihren Job. Als der neue Eigentümer vor ein paar Jahren ihr Haus erwarb, setzte er die Mieten drastisch herauf, ihre stieg von 386 auf 626 Euro – zu viel für das Sozialamt, das ihre Miete bezahlt. Fast alle Nachbarn sind inzwischen ausgezogen, ihre Wohnungen wurden verkauft, nur Nuriye Cengiz harrt 7 im Erdgeschoss noch aus und prozessiert.[...]
Kreuzbergs Bevölkerungsstruktur war schon immer ein Politikum. Bis zum Mauerfall bekamen einige Türken in Berlin sogar einen Stempel in ihren Pass, der es ihnen untersagte, in Bezirke wie Kreuzberg zu ziehen. Mit dieser „Zuzugssperre" wollte der Senat eine Gettobildung verhindern. Jetzt, wo steigende Mieten viele alteingesessene Migranten 8 aus dem Bezirk verdrängen, vermuten nicht wenige von ihnen Absicht dahinter. „Die wollen keine Ausländer mehr hier haben", lautet eine verbreitete Ansicht.
Nach: Daniel BAX, Gentrifizierungsgegner in Berlin: Nuriye und Kalle wollen bleiben, taz.de (03.08.2012)
3 die Losung = das Motto
4 austricksen ( ugs.) = täuschen, betrügen
5 Seitenscheitel tragen: être coiffé avec la raie sur le côté
6 aufmüpfig = rebellisch
7 aus/harren = bleiben
8 alteingesessene Migranten = Migranten, die schon seit langem hier wohnen
Partie 2: Traduction en français
[4 points]
Traduisez en français le passage suivant, extrait du roman de Zafer Şenocak:
Als ich sie Jahre später einmal besuchte, um nach ihr zu sehen und mich für die Lehrstunden zu bedanken, konnte ich es nicht lassen und fragte sie danach, warum wir beim Lernen immer so im Halbdunkel gesessen hatten. Vielleicht täuschte mich ja auch meine Erinnerung. Sie lachte laut auf und antwortete ohne zu zögern: Wenn man eine neue Sprache lernt, muss man die Wörter möglichst lange und genau beobachten. Du aber bist mir zu schnell von einem Wort zum andern gesprungen.
Traduction envoyée. Comparez votre réponse avec la proposition de traduction ci-dessous.
Sujet 2 - Partie 1 · La nature, source de mythes
Sujet 2 — Thématique: « L’espace germanophone et ses mythologies » — Axe: « La nature source de mythes »
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Document A
Die Eichbäume
Aus den Gärten komm’ ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
5 In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt’ und erzog und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel 9,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute 10,
10 Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt’ ich die Knechtschaft 11 nur erdulden, ich neidete nimmer
15 Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd’ ich unter euch wohnen!
Friedrich Hölderlin (1797)
9 die Wurzel (-n): la racine
10 die Beute: la proie
11 die Knechtschaft = Unfreiheit, Leben in Unterdrückung
Document B
Document C
Förster und Autor Peter Wohlleben: „Der Wald will genau das Gleiche wie wir“
Herr Wohlleben, wie klingt ein gesunder Wald?
Ein gesunder Wald klingt wie raschelndes Laub in großer Höhe, bei uns wäre das
nämlich Laubwald 12. Das Rascheln muss von oben kommen, denn die Bäume müssen
groß, dick und alt sein. Wenn der Wind in den Baumkronen rauscht, die Zweige bewegt
5 und man den blauen Himmel sieht. Das ist für mich perfekt.
Dass Wälder Kohlenstoffdioxid aufnehmen, ist bekannt. Aber welche Klimafunktion hat der Wald?
Erst einmal hat ein Wald keine Funktion, das ist ein großes Missverständnis. Wir teilen
Natur immer in Funktionen ein und versuchen, eine Maschine daraus zu bauen. Dabei
10 machen wir dauernd Fehler, weil das einfach nicht geht.
Glücklicherweise macht Wald dasselbe für sich, was wir uns auch wünschen: Er
speichert nicht nur in großen Mengen CO2 – ein natürlicher Wald mindestens das
Vierfache wie unsere bewirtschafteten Wälder 13 –, sondern er kühlt sich auch massiv
herunter. Wenn wir in Berlin 40 Grad hätten, haben wir in einem intakten Wald
15 außerhalb nur 25 Grad.
Wie macht der Wald das?
Bäume können nicht weglaufen, sondern müssen auch mit natürlichen
Klimaschwankungen klarkommen. Sie schließen sich dafür zu großen
Gemeinschaften, riesigen Urwäldern, zusammen. Über solchen Wäldern regnet es
20 auch mehr. Der Wald sorgt mit Verdunstung 14 für seine eigene Feuchtigkeit 15. Das ist
exakt das, was wir auch wollen: Wir möchten keine Hitze, keine Dürre 16 und kein
Hochwasser haben.
Sie haben die Flutkatastrophe in Ihrem Heimatort, der Eifel, aus nächster Nähe erlebt. Was können gesunde Wälder für den Hochwasserschutz leisten?
25 Wir sind im Epizentrum der Starkregenfälle in der Eifel gewesen. Auch das kann ein
intakter Wald: irre Mengen Wasser aufnehmen. […]
Waren Sie selbst von der Katastrophe betroffen?
Wir haben, Gott sei Dank, nur die Kollateralschäden wie beschädigte Trink- und
Abwasserleitungen, kein Strom und Internet mitbekommen. Das sind natürlich Peanuts
30 im Vergleich zu dem, was im Tal passiert ist. […]
Wie wird es weitergehen mit den Wäldern?
Ich vermute, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre 50 Prozent unserer Waldfläche
zusammenbrechen und verschwinden wird. Das sind nämlich genau diese
Nadelwaldplantagen 17. Dort, wo so hart gewirtschaftet wird, ist der Zustand sehr, sehr
35 schlecht – unabhängig vom Klimawandel. Dort, wo Wald sich halbwegs selbst
organisieren darf, sieht es dagegen noch relativ gut aus.
Was lässt sich gegen das Problem des Plantagensterbens tun?
Nichts. Wälder organisieren sich seit 300 Millionen Jahren selbst. Unsere geregelte
Forstwirtschaft haben wir seit 300 Jahren. Wir haben also noch nicht mal ein
40 Baumleben lang angefangen, gezielt zu manipulieren, und wir haben es schlicht drauf.
Forstwirtschaft scheitert doch gerade krachend.
Schon immer haben Försterinnen und Förster gesagt: „Wir wissen genau, was in 80
Jahren mit dem Wald los ist.“ So lange dauert es ja mindestens, bis ein Baum erntereif
ist. Jetzt stellt man erneut fest, dass es nicht geklappt hat, und fängt schon wieder
45 damit an. Überall in Deutschland, wo man sich raushält 18, kommt sofort und in einem
rasanten Tempo natürlicher Laubwald zurück.
Nach: Maximilian ARNHOLD, Förster Peter Wohlleben: „ Der Wald will genau das Gleiche wie wir “, Redaktionsnetzwerk Deutschland (19.10.2021)
12 der Laubwald: la forêt de feuillus
13 bewirtschaftete Wälder = Wälder, die von Menschen bearbeitet werden
14 die Verdunstung: l’évaporation
15 die Feuchtigkeit: ici: le taux d’humidité
16 die Dürre = große Trockenheit
17 der Nadelwald (¨-er): la forêt de résineux
18 sich heraushalten = im Hintergrund bleiben, nicht intervenieren
Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie insbesondere auf folgende Punkte eingehen:
Stellen Sie das Dossier (Texte und Bild) vor und berücksichtigen Sie dabei den kulturellen und politischen Hintergrund.
Kennzeichnen Sie das Verhältnis des Menschen zur Natur in dem vorliegenden Dossier und beachten Sie dabei die stilistischen Mittel und den Ton in dem Gedicht von Hölderlin.
Analysieren Sie anhand des Dossiers und Ihrer persönlichen Kenntnisse die Bedeutung der Natur für die Deutschen in Beziehung zu der aktuellen ökologischen Krise.
Sujet 2 - Partie 2 · Transposition en français des idées d'un document
Document A
Die Eichbäume
Aus den Gärten komm’ ich zu euch, ihr Söhne des Berges!
Aus den Gärten, da lebt die Natur geduldig und häuslich,
Pflegend und wieder gepflegt mit dem fleißigen Menschen zusammen.
Aber ihr, Ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen
5 In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,
Der euch nährt’ und erzog und der Erde, die euch geboren.
Keiner von euch ist noch in die Schule der Menschen gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel 9,
Unter einander herauf und ergreift, wie der Adler die Beute 10,
10 Mit gewaltigem Arme den Raum, und gegen die Wolken
Ist euch heiter und groß die sonnige Krone gerichtet.
Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels
Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.
Könnt’ ich die Knechtschaft 11 nur erdulden, ich neidete nimmer
15 Diesen Wald und schmiegte mich gern ans gesellige Leben.
Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich,
Das von Liebe nicht läßt, wie gern würd’ ich unter euch wohnen!
Friedrich Hölderlin (1797)
9 die Wurzel (-n): la racine
10 die Beute: la proie
11 die Knechtschaft = Unfreiheit, Leben in Unterdrückung
Document B
Document C
Förster und Autor Peter Wohlleben: „Der Wald will genau das Gleiche wie wir“
Herr Wohlleben, wie klingt ein gesunder Wald?
Ein gesunder Wald klingt wie raschelndes Laub in großer Höhe, bei uns wäre das
nämlich Laubwald 12. Das Rascheln muss von oben kommen, denn die Bäume müssen
groß, dick und alt sein. Wenn der Wind in den Baumkronen rauscht, die Zweige bewegt
5 und man den blauen Himmel sieht. Das ist für mich perfekt.
Dass Wälder Kohlenstoffdioxid aufnehmen, ist bekannt. Aber welche Klimafunktion hat der Wald?
Erst einmal hat ein Wald keine Funktion, das ist ein großes Missverständnis. Wir teilen
Natur immer in Funktionen ein und versuchen, eine Maschine daraus zu bauen. Dabei
10 machen wir dauernd Fehler, weil das einfach nicht geht.
Glücklicherweise macht Wald dasselbe für sich, was wir uns auch wünschen: Er
speichert nicht nur in großen Mengen CO2 – ein natürlicher Wald mindestens das
Vierfache wie unsere bewirtschafteten Wälder 13 –, sondern er kühlt sich auch massiv
herunter. Wenn wir in Berlin 40 Grad hätten, haben wir in einem intakten Wald
15 außerhalb nur 25 Grad.
Wie macht der Wald das?
Bäume können nicht weglaufen, sondern müssen auch mit natürlichen
Klimaschwankungen klarkommen. Sie schließen sich dafür zu großen
Gemeinschaften, riesigen Urwäldern, zusammen. Über solchen Wäldern regnet es
20 auch mehr. Der Wald sorgt mit Verdunstung 14 für seine eigene Feuchtigkeit 15. Das ist
exakt das, was wir auch wollen: Wir möchten keine Hitze, keine Dürre 16 und kein
Hochwasser haben.
Sie haben die Flutkatastrophe in Ihrem Heimatort, der Eifel, aus nächster Nähe erlebt. Was können gesunde Wälder für den Hochwasserschutz leisten?
25 Wir sind im Epizentrum der Starkregenfälle in der Eifel gewesen. Auch das kann ein
intakter Wald: irre Mengen Wasser aufnehmen. […]
Waren Sie selbst von der Katastrophe betroffen?
Wir haben, Gott sei Dank, nur die Kollateralschäden wie beschädigte Trink- und
Abwasserleitungen, kein Strom und Internet mitbekommen. Das sind natürlich Peanuts
30 im Vergleich zu dem, was im Tal passiert ist. […]
Wie wird es weitergehen mit den Wäldern?
Ich vermute, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre 50 Prozent unserer Waldfläche
zusammenbrechen und verschwinden wird. Das sind nämlich genau diese
Nadelwaldplantagen 17. Dort, wo so hart gewirtschaftet wird, ist der Zustand sehr, sehr
35 schlecht – unabhängig vom Klimawandel. Dort, wo Wald sich halbwegs selbst
organisieren darf, sieht es dagegen noch relativ gut aus.
Was lässt sich gegen das Problem des Plantagensterbens tun?
Nichts. Wälder organisieren sich seit 300 Millionen Jahren selbst. Unsere geregelte
Forstwirtschaft haben wir seit 300 Jahren. Wir haben also noch nicht mal ein
40 Baumleben lang angefangen, gezielt zu manipulieren, und wir haben es schlicht drauf.
Forstwirtschaft scheitert doch gerade krachend.
Schon immer haben Försterinnen und Förster gesagt: „Wir wissen genau, was in 80
Jahren mit dem Wald los ist.“ So lange dauert es ja mindestens, bis ein Baum erntereif
ist. Jetzt stellt man erneut fest, dass es nicht geklappt hat, und fängt schon wieder
45 damit an. Überall in Deutschland, wo man sich raushält 18, kommt sofort und in einem
rasanten Tempo natürlicher Laubwald zurück.
Nach: Maximilian ARNHOLD, Förster Peter Wohlleben: „ Der Wald will genau das Gleiche wie wir “, Redaktionsnetzwerk Deutschland (19.10.2021)
12 der Laubwald: la forêt de feuillus
13 bewirtschaftete Wälder = Wälder, die von Menschen bearbeitet werden
14 die Verdunstung: l’évaporation
15 die Feuchtigkeit: ici: le taux d’humidité
16 die Dürre = große Trockenheit
17 der Nadelwald (¨-er): la forêt de résineux
18 sich heraushalten = im Hintergrund bleiben, nicht intervenieren
Partie 2: Transposition en français [4 points]
À l'aide des informations contenues dans le document C, proposez le texte de la quatrième de couverture pour l'édition française du livre de Peter Wohlleben Das geheime Leben der Bäume.
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