Sujet 1 - Partie 1 · Bac Allemand Métropole remplacement 2022
Thème : Exil et migrations · Tiré du sujet Métropole France remplacement (2022)
Énoncé
Document A
Hans Rudolf UTHOFF, Türkische Gastarbeiter für das Ruhrrevier (1964)
Document B
1 In München angekommen, wurde ich in die Schule gebracht und ein halbes Jahr lang an jedem Schultag nachmittags für anderthalb Stunden zu Frau Saal, einer pensionierten Volksschullehrerin mit strengen Gesichtszügen, die sich jedoch lockerten, wenn sie mit mir die deutsche Sprache übte. Bei Frau Saal schmeckten die Wörter nach Kaffee und Kuchen, 5 genauer gesagt, nach Apfelkuchen, der fast immer auf dem Tisch stand und von dem ich kosten durfte, wenn ich fleißig gewesen war.
Ihre Wohnung war auffallend dunkel. Es war wieder Winter geworden, und ich besuchte sie meistens spätnachmittags. Ich erinnere mich nicht, dass sie jemals das Licht eingeschaltet hätte, wenn wir uns über die Bücher beugten.
10 Als ich sie Jahre später einmal besuchte, um nach ihr zu sehen und mich für die Lehrstunden zu bedanken, konnte ich es nicht lassen und fragte sie danach, warum wir beim Lernen immer so im Halbdunkel gesessen hatten. Vielleicht täuschte mich ja auch meine Erinnerung. Sie lachte laut auf und antwortete ohne zu zögern: „Wenn man eine neue 15 Sprache lernt, muss man die Wörter möglichst lange und genau beobachten. Du aber bist mir zu schnell von einem Wort zum andern gesprungen. Die Dunkelheit hat dich langsamer und aufmerksamer gemacht, und wir sind ja auch gut vorangekommen, wie man sieht." Sie deutete auf meinen ersten Gedichtband, den ich ihr gerade überreicht hatte.
Ich verdanke also mein Gefühl für die deutsche Sprache dem Halbdunkel und dem Geschmack von Kaffee und Kuchen, vorzugsweise Apfelkuchen. Wahrscheinlich verdanke 20 ich dem Halbdunkel auch die Brille, die ich schon sehr früh tragen musste. Für die Sprache, die mir so gut schmeckte, hätte ich damals alles hergegeben. Sogar das Büffeln 1 der komplizierten Grammatik, die mir wie ein Labyrinth vorkam, nahm ich widerstandslos hin. Mit Fleiß lässt sich jede Fremdsprache bis zu einem gewissen Grad erlernen. Wer aber in 25 den Genuss einer fremden Sprache kommen möchte, braucht Hingabe 2. Ich bin Frau Saal heute dankbar, dass sie mir nicht nur die Sprache beigebracht hat, sondern auch die Hingabe abforderte, ja sie in mir auslöste, ohne die ich heute kein deutschsprachiger Schriftsteller sein könnte
Zafer ŞENOCAK, Deutschsein – eine Aufklärungsschrift, « Die Sprache öffnen » (2011)
1 büffeln ( fam.): bûcher, potasser, bosser dur
2 braucht Hingabe: cela nécessite que l'on s'y consacre sans retenue
Document C
Vor dem Haus, in dem die Vermögensverwaltung Falstaff ihren Sitz hat, demonstriert das „Bündnis gegen Zwangsräumung". Auf einem Transparent prangt die Losung 3: „Ob Nuriye 5 oder Kalle, wir bleiben alle". Inmitten der Menge thront Nuriye Cengiz, die damit gemeint ist, in ihrem Rollstuhl. Als die 63-Jährige das Mikrofon bekommt, erzählt sie mit lauter Stimme die Geschichte, wie sie von ihrem Vermieter ausgetrickst 4 wurde, schimpft auf die Politik und bricht zwischendrin fast in Tränen aus. [...] Die türkische Rentnerin ist zur Symbolfigur 10 für die Opfer der steigenden Mieten in Berlin-Kreuzberg geworden. [...] Auch Nuriye Cengiz ist davon betroffen, obwohl sie streng genommen in Neukölln lebt – allerdings in jenem Teil, der wegen seiner Nähe zu Kreuzberg auch „Kreuzkölln" genannt wird. Hier teilt sie sich mit ihren beiden Katzen und zwei Kaninchen eine kleine Wohnung, deren Wände Koranverse schmücken. [...]
15 In letzter Zeit sitzt bei ihr häufiger Sandy Kaltenborn auf dem Sofa, beide rauchen dann ihre Selbstgedrehten. Der 43-Jährige trägt Hornbrille, Seitenscheitel 5, eine Jeansjacke mit Buttons – und man merkt, dass ihm Nuriye Cengiz' aufmüpfige 6 Art gefällt. „Viele ältere 20 Migranten haben Angst, ihre Rechte geltend zu machen", sagt er, doch Nuriye Cengiz bilde da eine Ausnahme: An ihre Fenster hat sie außen Zettel angebracht, mit denen sie auf ihre Situation hinweist. „Ich, Rentnerin, im Rollstuhl, soll raus und will nicht", steht da. Oder: „Hier wird gentrifiziert".
Seit 1969 lebt Nuriye Cengiz in Berlin, bis 1990 schraubte sie hier Telefone 25 zusammen. Wie viele türkische Migranten verlor sie nach dem Mauerfall ihren Job. Als der neue Eigentümer vor ein paar Jahren ihr Haus erwarb, setzte er die Mieten drastisch herauf, ihre stieg von 386 auf 626 Euro – zu viel für das Sozialamt, das ihre Miete bezahlt. Fast alle Nachbarn sind inzwischen ausgezogen, ihre Wohnungen wurden verkauft, nur Nuriye Cengiz harrt 7 im Erdgeschoss noch aus und prozessiert.[...]
Kreuzbergs Bevölkerungsstruktur war schon immer ein Politikum. Bis zum Mauerfall bekamen einige Türken in Berlin sogar einen Stempel in ihren Pass, der es ihnen untersagte, in Bezirke wie Kreuzberg zu ziehen. Mit dieser „Zuzugssperre" wollte der Senat eine Gettobildung verhindern. Jetzt, wo steigende Mieten viele alteingesessene Migranten 8 aus dem Bezirk verdrängen, vermuten nicht wenige von ihnen Absicht dahinter. „Die wollen keine Ausländer mehr hier haben", lautet eine verbreitete Ansicht.
Nach: Daniel BAX, Gentrifizierungsgegner in Berlin: Nuriye und Kalle wollen bleiben, taz.de (03.08.2012)
3 die Losung = das Motto
4 austricksen ( ugs.) = täuschen, betrügen
5 Seitenscheitel tragen: être coiffé avec la raie sur le côté
6 aufmüpfig = rebellisch
7 aus/harren = bleiben
8 alteingesessene Migranten = Migranten, die schon seit langem hier wohnen
Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)
Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie insbesondere auf folgende Punkte eingehen:
Stellen Sie das Dossier (Texte und Bild) vor und berücksichtigen Sie dabei den zeitlichen Hintergrund.
Analysieren Sie in dem Romanauszug von Zafer Şenocak das Verhältnis des Erzählers zu der deutschen Sprache.
Diskutieren Sie anhand des Dossiers und Ihrer Kenntnisse die Integration der türkischen Bevölkerung in die deutsche Gesellschaft und die Herausforderung, die sie heute darstellt.

Corrigé
Corrigé proposé par AprenAI (non officiel)
Fassen Sie das vorliegende Dossier zusammen (ca. 500 Wörter), indem Sie insbesondere auf folgende Punkte eingehen: Stellen Sie das Dossier vor und berücksichtigen Sie den zeitlichen Hintergrund; Analysieren Sie das Verhältnis des Erzählers zur deutschen Sprache; Diskutieren Sie die Integration und heutige Herausforderungen.
Réponse : Musterlösung (ca. 500 Wörter): Das vorliegende Dossier befasst sich mit der Geschichte und den Herausforderungen der türkischen Einwanderung nach Deutschland und ist mit dem Thema „Exil und Migrationen“ verknüpft. Es besteht aus drei Dokumenten aus unterschiedlichen Epochen: - einer Fotografie von Hans Rudolf Uthoff aus dem Jahr 1964 (Dokument A), - einem autobiografischen Auszug aus Zafer Şenocaks Werk *Deutschsein – eine Aufklärungsschrift* von 2011 (Dokument B), - einem Presseartikel von Daniel Bax, erschienen am 3. August 2012 auf taz.de (Dokument C). Historisch spannt das Dossier einen Bogen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart. Uthoffs Fotografie zeigt junge türkische „Gastarbeiter“, die mit Koffern auf einem Bahnsteig im Ruhrgebiet ankommen. Sie kamen infolge des Anwerbeabkommens von 1961, um den Arbeitskräftemangel des Wirtschaftswunders zu decken. Auffällig ist der Kontrast zu der blonden Frau, die auf der Bank sitzt und die Ankommenden nicht beachtet. Das kann man als Symbol für das gleichgültige Nebeneinander von Einheimischen und Neuankömmlingen deuten. Damals glaubte man, der Aufenthalt sei nur vorübergehend. Viele blieben jedoch und holten ihre Familien nach. Die Dokumente B und C zeigen die Folgen dieses dauerhaften Bleibens: - Şenocak, der als Kind nach München kam, erinnert sich an seinen Spracherwerb. - Der taz-Artikel beleuchtet die soziale Lage älterer Migranten in Berlin-Kreuzberg bzw. „Kreuzkölln“ im Kontext der Gentrifizierung. Im Text von Şenocak hat die deutsche Sprache eine zentrale, sinnliche und identitätsstiftende Rolle. Für den jungen Erzähler ist das Lernen eng mit Geborgenheit und Zuwendung verbunden: „Bei Frau Saal schmeckten die Wörter nach Kaffee und Kuchen“. Die strenge, aber herzliche pensionierte Lehrerin lässt ihn im Halbdunkel arbeiten. So zwingt sie ihn, die Wörter „möglichst lange und genau“ zu beobachten, und macht ihn langsamer und aufmerksamer. Die Grammatik erscheint ihm wie ein „Labyrinth“, doch er nimmt das Büffeln „widerstandslos“ hin, denn die Sprache wird für ihn zum Genuss. Er unterscheidet zwischen Fleiß, der nur bis zu einem gewissen Grad reicht, und „Hingabe“. Nur diese Hingabe hat ihn zum deutschsprachigen Schriftsteller gemacht, was sein Gedichtband beweist. Deutsch ist für ihn also kein Zwang, sondern eine Quelle der Freude und Zugehörigkeit. Die Integration der türkischstämmigen Bevölkerung ist jedoch ein vielschichtiger und oft widersprüchlicher Prozess. Einerseits zeigt Şenocaks Werdegang, dass kulturelle Teilhabe gelingen kann, vor allem durch Bildung und persönliche Förderung. Andererseits verdeutlicht das Schicksal von Nuriye Cengiz die sozialen Brüche. Sie lebt seit 1969 in Berlin und hat jahrzehntelang Telefone montiert, verlor aber nach dem Mauerfall wie viele Migranten ihren Job. Heute ist sie auf das Sozialamt angewiesen. Frühere politische Maßnahmen wie die „Zuzugssperre“ sollten Gettobildung verhindern, stigmatisierten die Migranten aber faktisch. Heute droht eine neue Verdrängung: Durch drastisch steigende Mieten (von 386 auf 626 Euro) werden alteingesessene Bewohner aus ihren Vierteln vertrieben. Viele vermuten dahinter die Absicht, „keine Ausländer mehr hier haben“ zu wollen. Bemerkenswert ist dennoch Cengiz' Engagement. Unterstützt vom „Bündnis gegen Zwangsräumung“ und von Aktivisten wie Sandy Kaltenborn wehrt sie sich öffentlich und vor Gericht. Damit widerlegt sie das Bild des passiven Migranten. Der Slogan „Ob Nuriye oder Kalle, wir bleiben alle“ zeigt eine Solidarität über Herkunftsgrenzen hinweg. Die heutige Herausforderung besteht also darin, über die sprachliche und kulturelle Integration hinaus auch soziale Gerechtigkeit zu sichern: - bezahlbaren Wohnraum, - Schutz vor Armut im Alter, - Anerkennung der Lebensleistung der ersten Generation. Integration ist kein abgeschlossener Prozess, sondern eine gemeinsame Aufgabe der ganzen Gesellschaft.
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