Aufgabe HT 2 - Wandel von Familie und Arbeitswelt · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Jana Hensel
Die Krise der Männer
Ganz am Anfang der Corona-Krise, da waren die Schulen und Kindergärten noch geöffnet,
habe ich auf Twitter aus nichts als einer Laune heraus gefragt, ob es unter den Virologen
in Deutschland eigentlich auch Frauen gäbe, und erntete das, was man einen veritablen 1
Shitstorm nennt.
5 Die allermeisten fanden, ich fasse das jetzt einmal so freundlich wie möglich zusammen, dass
es nun doch wirklich der falscheste Zeitpunkt für solcherart [...] Fragen sei. Hätte ich denn
nicht begriffen, wie ernst die Lage sei? Dass es doch völlig nebensächlich sei, ob Männer
oder Frauen oder Männer und Frauen mit Migrationsgeschichte uns retteten? Denn ja, im
Moment ginge es um nichts anderes als unser Überleben. [...]
10 Seither hören wir wie gebannt all den männlichen Wissenschaftlern und ihren Zahlenanaly-
sen zu. Wir schauen den männlichen Politikern bei uns und im Ausland zu, wie sie die Pande-
mie zu lösen und sich wie nebenbei zu profilieren versuchen. Und wenn uns das noch nicht
reicht, können wir auch noch stapelweise Interviews und Texte von männlichen Soziologen,
Philosophen, Ökonomen, Unternehmern, Schriftstellern und Therapeuten lesen, die uns erzäh-
15 len, wie sie durch die Krise kommen oder auf welche Art wir anderen es versuchen sollten.
Wären da nicht Angela Merkel, Juli Zeh 2 und die Infektiologin Marylyn Addo, man könnte
den Eindruck gewinnen, unser Land bestünde ausschließlich aus Männern. Aber, halt! Das
ist ja auch so, unser Land besteht in den Chefetagen noch immer größtenteils aus Männern,
und wer in all den feministischen Debatten der vergangenen Jahre eventuell den Eindruck
20 bekommen hatte, daran hätte sich irgendetwas geändert, der wird nun mit den kalten Tatsa-
chen konfrontiert. All die Chefs wissenschaftlicher, medizinischer oder virologischer Insti-
tute sind größtenteils Männer, die meisten Chefärzte von Kliniken und Pflegeeinrichtungen
sind ebenso Männer wie der übergroße Teil der Ökonomen und Politiker. All das ist bekannt.
Man weiß das aus allen möglichen statistischen Erhebungen und Faktenanalysen. Nun, in der
25 Krise, wird es uns noch einmal anschaulich und sichtbar vor Augen geführt. [...]
„Das Virus macht die Gesellschaft wieder viril 3, männlich“, schrieb die Journalistin Heide
Oestreich kürzlich in einer Kolumne. Ich würde ja eher sagen, das Virus zeigt unsere Gesell-
schaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist. Nun jedoch offen, hemdsärmelig und breitbeinig,
ohne schlechtes Gewissen und ohne verschämte Gesten.
30 Wie sagte Markus Söder kürzlich in einem Spiegel -Interview: „In der Krise wird oft nach dem
Vater gefragt.“ Obwohl, um einmal im Bild der Familie zu bleiben, von den 1,6 Millionen
Alleinerziehenden in Deutschland 1,44 Millionen Frauen sind und ungefähr die Hälfte der
Väter keinen Unterhalt zahlen. [...]
Obwohl der Anteil von Frauen in den sogenannten systemrelevanten Jobs bei 75 Prozent
35 liegt. Und es gerade [...] Wissenschaftlerinnen sind, die sich unter anderem mit der schlech-
ten Bezahlung von Frauen in Pflegeberufen, sogenannter Care-Workerinnen, beschäftigen.
Trotz des sich hartnäckig haltenden Klischees, wonach Feminismus eine Angelegenheit von
Besserverdienenden sei, waren es immer wieder Feministinnen, die auf solche sozialen Miss-
stände aufmerksam gemacht und dagegen gekämpft haben. Wo bleibt eigentlich deren Exper-
40 tise in diesen Wochen?
Solche Wortmeldungen sind nichts anderes als Versuche, traditionelle Rollenvorstellungen
wieder wie die natürlichste Sache der Welt aussehen zu lassen und emanzipative und progres-
sive Bewegungen und Diskurse als eine Art Luxusprobleme darzustellen. Krisen erleichtern
solche Argumentationen. Krisen lassen solche reaktionären Forderungen als irgendwie logisch
45 und plausibel erscheinen. Und so können Krisen, dafür gibt es genügend historische Beispiele,
immer auch genutzt werden, um einen Backlash 4 einzuleiten.
Nicht zuletzt in den Nachkriegsjahren der alten Bundesrepublik gelang es gerade wegen des
einsetzenden Wirtschaftswunders, Frauen in die Rolle der Mütter und Hausfrauen zurückzu-
drängen. [...]
50 Aber das ist das eine. Das ist die öffentliche und sichtbare Seite der sich momentan wieder so
viril zeigenden Gesellschaft. Dann gibt es noch eine andere, bisher eher unsichtbare Seite,
die sich nun jedoch in all den Bildern aus den Homeoffices, die man in den sozialen Netz-
werken sehen kann, offenbart.
Im Moment lassen uns viele ja in ihre privaten Wohnungen, auf ihre Schreibtische und Bal-
55 kone sehen. Das lässt sich nicht statistisch erfassen, aber nach meinem Gefühl sind auf den
allermeisten Bildern von sogenannten Telefonkonferenzen mehr Männer als Frauen zu sehen.
Auch sie zeigen nicht mehr als die Realität in vielen Büros und Institutionen, wo Frauen oft
die Minderheit darstellen. Normalerweise sieht man das nicht, normalerweise schaut man
nicht in so viele verschiedene Unternehmen und Institutionen hinein, nun aber wird auch die-
60 ses Phänomen öfter als sonst und meist wahrscheinlich eher unfreiwillig, wie ein unerwünsch-
ter Nebeneffekt, sichtbar gemacht. Diese Krise, sie ist auch ein Blick in all die vielen kleinen
Maschinenräume unseres Landes. [...]
Parallel dazu muss ich an die Mütter denken, die im Moment mit den Kindern zu Hause sind.
Auch dafür habe ich keine Zahlen, sondern muss mich auf die Beobachtungen in meinem
65 Umfeld stützen. In eigentlich allen Familien, die ich kenne, gehen nämlich die Männer den-
noch ins Büro und lösen die Frauen allenfalls in den späten Nachmittagsstunden mit der Kin-
derbetreuung ab. Es ist exakt eine Familie, die mir einfällt, in der diese Arbeit tatsächlich
paritätisch geteilt wird.
Schon als klar war, dass Homeschooling und Homeoffice drohten, war zu befürchten, dass
70 es in den Familien nun schnell zurück in alte Rollenmodelle ging – falls die jemals wirklich
aufgehoben waren. Frauen in den sozialen Netzwerken berichteten immer wieder, wie sie das
nun regeln, wie es manche auch überforderte. Lag das daran, dass Frauen sich mehr mit sol-
chen Fragen beschäftigen? Von den Alleinerziehenden einmal abgesehen, sie trifft natürlich
auch jetzt das härteste Los.
75 Trotz allem glaube ich nicht, dass die Corona-Krise das Land in einen Backlash stürzen wird.
Dafür wird sie trotz all der Einschränkungen nicht lang genug anhalten. Auch wenn freilich
noch niemand sagen kann, wie lange sie dauern wird. Aber die Corona-Krise hat uns, als ein
unbeabsichtigter Nebeneffekt freilich, gezeigt, wie sehr das Land noch immer von Männern
dominiert wird, welche Nebenrollen Frauen in vielen Bereichen noch immer spielen. Oder
80 dass sie dort, wo sie die Hauptlast einer solchen Krise tragen, erschreckend unterbezahlt sind.
In Wahrheit zeigt uns ausgerechnet Corona, wie unglaublich viel noch zu tun ist, wenn wir
wollen, dass es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberech-
tigung gibt.
1 veritabel: wahrhaftig
2 Julie Zeh: deutsche Juristin und Schriftstellerin
3 viril: in charakteristischer Weise männlich
4 Backlash: Gegenreaktion, hier im Sinne von Rückschritt
Zur Autorin: Jana Hensel ist als freie Journalistin u. a. für DIE ZEIT tätig.
Hensel, Jana: Die Krise der Männer. In: ZEIT ONLINE vom 13.04.2020 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)
Thema: Gleichberechtigung in Deutschland – offenbart die Corona-Pandemie eine Männerdominanz?
2.
Stellen Sie dar, wie sich Erwerbsbiografien und Geschlechterrollen verändert haben, und beziehen Sie dabei die zugrunde liegenden sozioökonomischen Wandlungsprozesse ein. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „das Virus zeigt unsere Gesellschaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist“ (Z. 27 f.). [26 Punkte]
3.
Erörtern Sie über den Text hinausgehend die Aussage der Autorin, es gebe noch unglaublich viel zu tun, bis es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberechtigung gebe. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie dar, wie sich Erwerbsbiografien und Geschlechterrollen verändert haben, und beziehen Sie dabei die zugrunde liegenden sozioökonomischen Wandlungsprozesse ein. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage, „das Virus zeigt unsere Gesellschaft wieder so viril, wie sie eigentlich ist“ (Z. 27 f.). (26 Punkte)
Lösung: Darstellung sozioökonomischer Wandlungsprozesse, des Wandels der Erwerbsbiografien und Geschlechterrollen sowie Erläuterung des Zitats bezüglich der fortdauernden Asymmetrien.
3. Erörtern Sie über den Text hinausgehend die Aussage der Autorin, es gebe noch unglaublich viel zu tun, bis es in Deutschland für Männer und Frauen wirklich so etwas wie Gleichberechtigung gebe. (24 Punkte)
Lösung: Ausgewogene Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten sowie fundiertem Fazit zum Stand der tatsächlichen Gleichberechtigung in Deutschland.
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