Aufgabe HT 3 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Rollentheorien und Rollenkonflikte · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Lea Hampel

Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere

[...] In den vergangenen Jahrzehnten ist viel über Vereinbarkeit debattiert worden, und es

wurde einiges getan, damit Menschen Karriere und Kinder unter einen Hut bringen können.

Wegweisend war unter anderem eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Jahr

1998, dass der Staat es ermöglichen soll, „Familientätigkeit und Erwerbstätigkeit miteinan-

5 der zu verbinden“. Im Jahr 2007 wurde das Elterngeld und 2013 der Rechtsanspruch auf einen

Kita-Platz eingeführt. Auch dieses Jahr hat das Familienministerium verkündet, für 2020 so

viel Geld wie nie zu haben und das in Elterngeld, Kitas und Ganztagesbetreuung von Grund-

schulkindern zu stecken. Auch Unternehmen betonen gern, Vereinbarkeit zu fördern. Sei es

Bosch, wo es mehr als 100 verschiedene Arbeitszeitmodelle gibt, oder kleine Unternehmen

10 wie der Kondomhersteller Einhorn, bei dem sich Gehälter danach richten, wie viele Kinder

jemand hat.

Das alles aber reicht nicht. Dinner-to-go aus der Kantine hin, Mitarbeiterkrippe her – eine A. T.

Kearney 1 -Studie zeigte kürzlich, dass 80 Prozent der Mitarbeiter mit der Familienfreundlich-

keit ihrer Arbeitgeber unzufrieden sind. Dieses Gefühl dürfte sich nicht auf Arbeitgeber be-

15 schränken. Was zum einen daran liegt, dass die Ziele lobenswert sind, aber selten vollständig

erreicht werden. Zum anderen liegt es daran, dass nicht alle familiären Probleme durch äußere

Strukturen lösbar sind. Politik und Wirtschaft können den Rahmen setzen, innerhalb dessen

jede Familie die tägliche Balance zwischen Kita-Schließzeiten, Abendmeetings und Projekt-

abgaben sucht. Aber solange es nicht staatlich verordnete Hauswirtschafterinnen oder Senioren-

20 betreuerinnen für alle gibt, müssen Nudeln gekocht (und vom Boden aufgesammelt), Schuhe

geputzt und Arzttermine eingehalten werden. Man könnte auch sagen: Jeder Tag hat nur

24 Stunden. In den passen Arbeit, Familie, Haushalt und Freizeit gelegentlich nicht hinein

oder nur mit viel Abstimmung und Optimierung.

Problematisch ist das, weil die daraus entstehenden Vereinbarkeitsprobleme oft Frauen zu-

25 geordnet werden. Wenn Wissenschaftler sich damit befassen, wie sich flexible Arbeitszeiten

auf das Familienwohl auswirken, kommen sie zu deprimierenden Ergebnissen: Obwohl immer

mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, verbringen sie an Wochentagen zwei Stunden

mit Hausarbeit, Männer im Durchschnitt 52 Minuten, wie das Deutsche Institut für Wirtschafts-

forschung dieses Jahr ermittelte. In Akademikerhaushalten machen Frauen mehr Haushalts-

30 arbeit, schon bevor Kinder da sind. Danach arbeiten sie, bei gleichen Ausbildungszeiten, häu-

figer in Teilzeit. Andere Studien zeigen, dass Männer in Teilzeit nicht mehr Haushaltsarbeit

erledigen. Befördert wird der große Abstand dadurch, dass Frauen in der Regel den besseren

Überblick über alles haben, was im Haus zu tun ist – sie managen die Familie. [...]

Natürlich gibt es für diesen Missstand Ursachen, die weit über den fehlenden strukturellen

35 Rahmen und problematische Instrumente wie das Ehegattensplitting 2 hinausreichen. Frauen

und Männer lernen von klein auf, bestimmte Aufgaben zu übernehmen. Diese Tendenz verste-

tigt sich im Verlauf des Lebens, weil jeder das, was er oft macht, gut kann. Eines der Ergeb-

nisse davon ist, dass Frauen immer noch weniger ökonomischen Verhandlungsspielraum

haben – wer mehr Geld in den Haushalt bringt, hat das Sagen. Und auch Abgeben will ge-

40 lernt sein: Ingrid Hofmann betreibt eines der größten Personalvermittlungsunternehmen der

Republik und beschäftigt viele Mütter. Die dürfen mit einem oder zwei Tagen Teilzeit aus

der Elternzeit zurückkommen, die Bedingung lautet: Es müssen ganze Tage sein – damit die

Frauen merken, dass die Dinge zu Hause ohne sie funktionieren.

Dass das im Jahr 2019 nötig ist, ist traurig. Dennoch sind die Menschen zumindest in dem,

45 was sie theoretisch für erstrebenswert halten, weiter als in der Praxis. 60 Prozent aller Eltern

befürworten es, jeweils gleich viel Erwerbs- und Hausarbeit wie der Partner zu erledigen.

Der Familienreport des Bundesministeriums von 2017 zeigte, dass zwei von drei Kindern

finden, ihr Vater habe nicht genug Zeit für sie. [...]

Dazu, wie Familie wirtschaftlich funktioniert, gibt es entgegengesetzte Ansichten: Die öko-

50 nomische Theorie sieht die Familie als Einheit, die ihren Nutzen maximiert. Aus Sicht der

Verhandlungstheoretiker schaut jeder Einzelne, wie er seine Bedürfnisse optimal erfüllt. Die

Realität liegt dazwischen – Verhandlungen darüber, was die Familie als Ganzes und was jeder

Einzelne braucht, sollten deshalb selbstverständlich sein. Dabei geht es nicht um andauernden

Streit, sondern darum, wie bei einem Ehevertrag, in guten Zeiten Bedingungen auszuhandeln

55 für später. „Intra Household bargaining“ heißt das in der Fachliteratur. Es sollte zu einer auf

Dauer angelegten Partnerschaft gehören, sich nicht nur damit zu befassen, ob man Kinder will

und wo die aufwachsen sollen, und für alles Übrige auf die Liebe zu vertrauen, sondern auch

andere Fragen abzustimmen. Wann willst Du wo sein im Beruf? Wie oft wollen wir unser

Kind selbst betreuen? Was machen wir, wenn der Opa dement wird? Wie gehen wir damit

60 um, dass in solchen Fällen einer weniger verdient? [...]

Strittige Fragen auszuhandeln, lohnt sich. Ob die Lösung letztlich eine 20:80- oder 50:50-Tei-

lung der Aufgaben ist, muss jedem Paar überlassen sein. Doch von einer bewussten Auseinan-

dersetzung profitieren alle: Kinder, Eltern, Arbeitgeber, die Gesellschaft. Studien zeigen, dass

Männer, die weniger engagiert in der Hausarbeit und bei der Kinderbetreuung sind, diesen

65 Zustand als wenig befriedigend empfinden. Gleichzeitig hilft es, die Arbeit in jeder Phase des

Lebens so aufzuteilen, dass beide zufrieden sind. [...]

Natürlich mag es noch ein Luxus für Paare mit großer beruflicher Wahlfreiheit sein, darüber

zu streiten, wie sie Erwerbs- und Familienarbeit besser aufteilen. Aber sie ist wichtig, weil

sie im Idealfall in Unternehmen und Gesellschaft zu einem Perspektivenwechsel führt. Mit-

70 arbeiter trauen sich eher, in Pflegezeit zu gehen, wenn der Chef das tut. Jeder, der Dienstpläne

schreibt, sollte wissen, wie es ist, Teilzeit zu arbeiten und zwei Grundschulkinder zu betreuen.

„Zeitsouveränität und Zeitwohlstand“ mögen Modebegriffe für wenige sein. Erstrebenswert

sind sie für alle. Deshalb lohnt es sich, nicht nur zu fragen. Sondern zu streiten.

1 A. T. Kearney: international tätige Unternehmensberatung

2 Ehegattensplitting: Dieses ist ein Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepaaren. Es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.

Zur Autorin:

Lea Hampel ist selbstständige Journalistin und hat Beiträge in verschiedenen überregionalen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht.

Hampel, Lea: Vereinbarkeit: Küche, Kampf, Karriere. In: Süddeutsche Zeitung vom 19.07.2019

(Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet)

https://www.sz.de/1.4531751 (Zugriff: 29.03.2020)

Thema: Aufgabenverteilung in Familie und Berufsleben – kann die Vereinbarkeit von Familie und Beruf besser gelingen?

2.

Beschreiben Sie die unterschiedlichen Arten von Rollenkonflikten und greifen Sie dabei auf typische Rollenkonflikte berufstätiger Eltern zurück. Stellen Sie außerdem die interaktionistische Rollentheorie dar und erklären Sie vor deren Hintergrund, wie sich die zeitgleichen Ansprüche von Beruf und Familie bewältigen lassen. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Beschreiben Sie die unterschiedlichen Arten von Rollenkonflikten und greifen Sie dabei auf typische Rollenkonflikte berufstätiger Eltern zurück. Stellen Sie außerdem die interaktionistische Rollentheorie dar und erklären Sie vor deren Hintergrund, wie sich die zeitgleichen Ansprüche von Beruf und Familie bewältigen lassen. (26 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung zu Rollenkonflikten und interaktionistischer Rollentheorie: 1. Arten von Rollenkonflikten bei berufstätigen Eltern (8 Punkte): - Begriffsklärung: Soziale Positionen sind mit gesellschaftlichen Rollenerwartungen verknüpft; Rollenkonflikte entstehen bei unvereinbaren, gleichzeitig wirksamen Erwartungen. - Interrollenkonflikt: Konflikt zwischen zwei verschiedenen Rollen einer Person. Typisches Beispiel: Widerspruch zwischen der Elternrolle (zeitintensive Betreuung, Fürsorge, Erziehung der Kinder) und der Berufsrolle (zeitliche Flexibilität, Überstunden, Dienstreisen, ungeteilte Leistungsorientierung). - Intrarollenkonflikt: Widersprüchliche Erwartungen verschiedener Bezugsgruppen an dieselbe Rolle. Typisches Beispiel innerhalb der Elternrolle: Erwartung des Kindes nach elterlicher Anwesenheit und Zuwendung versus Erwartungen der Umwelt/Institutionen (z. B. Kita/Schule bzgl. Pünktlichkeit, Mitarbeit, Leistungsdruck) oder des Partners bzgl. Erziehungsstil. 2. Interaktionistische Rollentheorie (9 Punkte): - Identitätsbildung als dynamischer, interaktiver Prozess: Die Ich-Identität ist nicht starr vorgegeben, sondern muss in konkreten Handlungssituationen stets neu ausgehandelt werden. - Balance zwischen personaler Identität (eigene Wünsche, Motive, Biografie) und sozialer Identität (soziale Normen, gesellschaftliche Verhaltenserwartungen). - Rollenhandeln als Zusammenspiel von „role-taking“ (Übernahme bestehender Erwartungen) und „role-making“ (individuelle Interpretation, aktive Ausgestaltung und Veränderung der Rolle). - Notwendige Grundqualifikationen (nach Lothar Krappmann): Rollendistanz (Reflexion und Distanzierung von Rollenerwartungen), Empathie / Perspektivenübernahme (Hineinversetzen in Partner/Kinder/Arbeitgeber), Ambiguitätstoleranz (Ertragen von Widersprüchen und Ungewissheiten ohne Resignation) sowie Identitätsdarstellung/Kommunikationsfähigkeit. 3. Bewältigung gleichzeitiger Anforderungen (9 Punkte): - Eigenständige, partnerschaftlich ausbalancierte Rollengestaltung („role-making“), etwa durch innerfamiliäre Aushandlungsprozesse („Intra Household bargaining“). - Gezielte Rollendistanzierung: Bewusste Zurückweisung oder zeitweilige Relativierung einzelner Erwartungen (z. B. Reduzierung von Überstunden im Beruf oder Verzicht auf Perfektionismus im Haushalt). - Hohe Ambiguitätstoleranz bei objektiv unauflösbaren Zielkonflikten (z. B. Zeitmangel bei Alleinerziehenden), um handlungsfähig und psychisch stabil zu bleiben. - Empathische Kommunikation im Betrieb und in der Familie, um Überlastungen frühzeitig transparent zu machen und tragfähige Absprachen zu treffen.

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