Aufgabe 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Markus Deggerich, Heike Klovert, Marc Röhlig und Julia Stanek: Worunter moderne Väter leiden. In: DER SPIEGEL, Nr. 33/2021 vom 13.08.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

[...]

Nach wie vor ist die Erziehungsarbeit in deutschen Haushalten ungleich verteilt. Ausgerechnet

jene Väter, die sich für ihre Familien stark engagieren, stoßen häufig auf ein unterschätztes

Hindernis: Mütter, die nicht loslassen wollen. Neue Väter, sagen Experten, kann es nur geben,

wenn auch die Frauen ihre Rolle in der Familie verändern. Die mütterliche Macht, erzählt

5 Schulte und muss lächeln, reiche bis in sein Väterzentrum. Der Laden im Prenzlauer Berg 1 ist

so was wie eine Keimzelle der neuen Papas. Seit 2007 betreibt Sozialpädagoge Schulte, 54,

drei Kinder, hier seine Oase für Väter, wo sie sich unter ihresgleichen austauschen, entspan-

nen, sich fortbilden und professionellen Rat finden. Was als Pilotprojekt begonnen hatte, ist

inzwischen eine Säule der Berliner Familienbildungsarbeit mit dem Fokus auf Väter. Doch

10 egal wie etabliert und erfolgreich die Arbeit für moderne Väter inzwischen ist, eines hat sich

kaum geändert: Es komme immer noch vor, erzählt Schulte, dass draußen vor der Tür ein

Auto halte. Vater und Kind bleiben im Wagen sitzen, die Mutter steigt aus, steckt den Kopf

durch die Tür, inspiziert das Terrain und stellt ein paar betont freundliche Fragen zum inhalt-

lichen Angebot.

15 Und erst danach, wenn sie ihr Okay gegeben hat, dürfen Vater und Kind das Neuland betreten.

So etwas signalisiere ihm, sagt Schulte, dass bei allem Wandel im Rollenverständnis die Kern-

botschaft seiner Arbeit immer noch durchdringen müsse: „Männer, geht mehr in die Väter-

rolle!“ Und, genauso wichtig: „Mütter, lasst los!“

Viele Männer haben in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt in der Familienarbeit. Sie

20 stehen mit im Kreißsaal, sie bilden sich in Väterkursen fort, sie kochen und waschen und

wickeln, sie nehmen Elternzeit oder streiten beim Chef für Teilzeit. [...] In gesellschaftlichen

Diskussionen gelten sie als diejenigen, die sich ändern, die ihre neue Rolle finden müssen.

[...] [D]ie eigentlich geforderte Ausweitung der Väterzone stößt an ein schwer zu überwin-

dendes Hindernis: die Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in

25 den eigenen vier Wänden. [...]

Wie Familien sich organisieren, ist eine Frage, die in Deutschland Einfluss auf das Leben von

10,7 Millionen Kindern unter 14 Jahren und deren Eltern hat. Eigentlich ist es banal: Familien

sind Systeme – verändert sich einer, verändert sich alles. Auf den berechtigten Ruf nach neuen

Vätern, schwant nun den Frauen, kann die Antwort der Mütter nicht sein: Ich will so bleiben,

30 wie ich bin. „Frauen leben leider immer noch nach der Ideologie von der guten Mutter und

übertragen diese auf den Vater“, sagt die renommierte Schweizer Erziehungswissenschaftle-

rin Margrit Stamm. Neue Väter aber, so ihre zentrale Forschungserkenntnis, brauchten eben

auch neue Mütter. [...]

Die Elternzeitmonate nach der Geburt sind seit ihrer Einführung 2007 so etwas wie der Leit-

35 index für die Bewertung von Vätern geworden. Inzwischen sind 25 Prozent der Elterngeld-

beziehenden Männer, die wenigsten beantragen mehr als zwei Monate. Die sind gemeinhin

als „Vätermonate“ bekannt, was eine irreführende Bezeichnung ist. Es klingt, als müsste die

Mutter zwingend mehr Elternzeit nehmen als der Vater. Der Gesetzgeber macht Eltern de

facto ein anderes Angebot: Das Paar kann nach der Geburt eines Kindes insgesamt 14 Monate

40 Basis-Elterngeld beziehen – vorausgesetzt, beide Elternteile beantragen die Familienleistung,

einer von ihnen für mindestens zwei Monate.

Es hat sich allerdings eine Art Konsens eingeschlichen, dass der Mann derjenige ist, der die

nötigen zwei Monate nimmt, um das Maximum an Monaten rauszuschlagen, die Mütter neh-

men überwiegend fast das ganze erste Jahr. Vielleicht auch, weil in Paarhaushalten ohne Kin-

45 der unter 14 Jahren die Männer im Durchschnitt elf Prozent mehr verdienen. Ein klarer Fall

von Ungerechtigkeit, von Gender-Pay-Gap und in der Folge auch Care-Gap? Die Frage, die

unter einigen Paaren zu wenig diskutiert wird: Würde die Mama dem Papa überhaupt zuge-

stehen, die Hälfte der Zeit zu nehmen – ihm, so scheinen es manche Mütter zu sehen, etwas

von „ihrer“ Zeit abzugeben –, und sie dann umgekehrt den Großteil des Lebensunterhalts er-

50 wirtschaften? [...]

„Es fehlt in der Gesellschaft an Unterstützung und Anerkennung aktiver, fürsorglicher Väter“,

sagt Michael Tunç. Er lehrt an der HAW 2 Hamburg zu Gender- und Männlichkeitsforschung.

Auf Infobroschüren des Familienministeriums würden deutlich mehr Frauen auftauchen.

Längst würden sich mehr Väter einbringen wollen, nach Teilzeitmodellen fragen – aber die

55 gesellschaftliche Entwicklung käme nicht mit. Tunç fordert daher ein Umdenken schon in der

Sprache. „Wenn wir von Ärzten reden, sollen Ärztinnen mitgemeint sein, und wenn wir von

Eltern reden, sollen Mütter und Väter gemeint sein.“

Es sind Sätze, mit denen feministische Bewegungen seit Jahrzehnten argumentieren – unter

umgekehrten Vorzeichen: „Männer fühlen sich oft etwas verloren unter Müttern, bei Krabbel-

60 und Babygruppen starren sie Löcher in die Luft, weil sich Gespräche allzu oft um Themen

wie Brustentzündung nach dem Stillen drehen.“ Dass Frauen diesen Raum brauchen, sei unbe-

stritten – dass er den Männern oft fehle, ein Problem. Der Papa, der anpacken will und kann,

bleibe laut Tunç so „eine ungenutzte Ressource“. Väter müssten sich mehr engagieren, und

die Politik müsse helfen, dass sie wahrgenommen werden, sichtbar sind. [...]

65 „An der Art, wie Männer ihre Vaterschaft leben, lässt sich sehr viel über Geschlechterver-

hältnisse zeigen“, sagt der auf Familien spezialisierte Soziologe Simon Bohn. Was haben

Frauen zu leisten und was die Männer, unter welchen Erwartungen ächzen sie jeweils? Im

Prinzip seien es immer noch die über Dekaden verfestigten Mutterschaftsideale, die darüber

entscheiden, was in Familien heutzutage geht – und was nicht.

70 „Es gibt eingeschliffene Praktiken und Erwartungen, die an Mütter gestellt werden und denen

sie irgendwie entsprechen müssen, um als gute Mutter gesellschaftliche Anerkennung erfahren

zu können“, sagt Bohn, 35, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-

Universität Jena empirische Sozialforschung lehrt. Man denke nur an die sehr verbreitete Vor-

stellung, dass gesundes Heranwachsen von Babys durch mütterliche Nähe und durch Stillen

75 ermöglicht wird, sagt Bohn. „Schon für diese erste frühe Phase gibt es also Räume, die primär

von Müttern besetzt sind.“ [...]

Sind [darüber hinaus auch] die Regeln der Arbeitswelt das Hindernis für Männer, oder sind

sie eine willkommene Ausrede – für Mutter und Vater? „Den Kampf um die Teilzeitstellen

müssen tatsächlich die Väter in die Unternehmen tragen“, fordert der Berliner Berater Schulte.

80 Denn solange Frauen und Männer unterschiedlich bezahlt werden, einigen sich Paare meis-

tens darauf, am höheren Einkommen festzuhalten. Noch immer arbeiteten nur 6,4 Prozent der

erwerbstätigen Väter mit minderjährigen Kindern 2019 in Teilzeit, bei den Frauen waren es

66,2 Prozent. [...]

Zeit, Geld und Anerkennung sind die großen Ressourcen, die Mütter und Väter erst mal orga-

85 nisieren müssen. Wenn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeits-

recht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen – und schon sind alle Vereinbarkeits-

probleme gelöst?

So einfach ist es nicht. Denn zum einen ist die Bereitschaft längst nicht bei allen Männern da,

ihre Anerkennung im Job und einen Teil ihres Gehalts, ihrer Macht abzugeben. Zum ande-

90 ren gibt es Wechselwirkungen zwischen den Elternteilen. Untersuchungen legen nahe, dass

Mütter für aktive Vaterschaft sorgen können, indem sie selbst mit einer hohen Stundenzahl

in den Beruf zurückkehren. Anders gesagt: Eine Mutter, die nach ihrer Elternzeit lediglich

15 Wochenstunden arbeiten will, schafft schlechte Voraussetzungen für einen aktiven Vater.

[...]

1 Prenzlauer Berg: Stadtteil Berlins mit einem relativ hohen Anteil junger Berufstätiger und wohlhabender Familien

2 HAW: Hochschule für angewandte Wissenschaften

Zu den Autorinnen und Autoren:

Markus Deggerich, geb. 1969, Heike Klovert, geb. 1981, Marc Röhlig, geb. 1986, und Julia Stanek, geb. 1979, sind Redakteurinnen und Redakteure beim SPIEGEL.

Aufgabenstellung:

2.

Stellen Sie dar, wie sich Familie und Arbeitswelt seit 1949 verändert haben. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage des Textes „[w]enn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeitsrecht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen“ (Z. 85 f.). (26 Punkte)

3.

Erörtern Sie die von den Verfasserinnen und Verfassern aufgestellte These, es gebe eine „Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in den eigenen vier Wänden“ (Z. 24 f.). (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie dar, wie sich Familie und Arbeitswelt seit 1949 verändert haben. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage des Textes „[w]enn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeitsrecht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen“ (Z. 85 f.). (26 Punkte)

Lösung: Differenzierte Darstellung des Wandels von Familie und Arbeitswelt seit 1949 sowie fundierte Erläuterung des Zitats zur väterlichen Teilzeitarbeit im Kontext von Partnerschaftlichkeit, Digitalisierung und Gender-Pay-Gap.

3. Erörtern Sie die von den Verfasserinnen und Verfassern aufgestellte These, es gebe eine „Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in den eigenen vier Wänden“ (Z. 24 f.). (24 Punkte)

Lösung: Ausgewogene dialektische Erörterung der These unter Einbezug von Argumenten für und gegen die Annahme eines Matriarchats in Familie und Erziehungsinstitutionen, abgeschlossen durch ein begründetes Urteil.

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