Aufgabe 3 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Väter zwischen aktiver Vaterschaft und alten Rollenzwängen

Materialgrundlage: Wilke, Felicitas: Und jetzt ist Papa dran. In: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

Felicitas Wilke

Und jetzt ist Papa dran

Als Hans-Georg Nelles vor 25 Jahren mit seiner Arbeit begann, hieß die Elternzeit noch Er-

ziehungsurlaub. Nur ungefähr ein Prozent der Väter machten damals die Erfahrung, dass es

eher Arbeit als All-inclusive-Ferien gleichkommt, ein Baby zu wickeln, zu füttern und her-

umzutragen, bis es einschlummert. Denn all das erledigten fast immer die Mütter. Wenn in

5 politischen Willenserklärungen und bunten Arbeitgeber-Broschüren von „Vereinbarkeit von

Beruf und Familie“ die Rede war, dann ging es meist um Mütter, fast nie um Väter. „Das

wollte ich ändern“, sagt Nelles, der selbst drei erwachsene Kinder hat. Heute leitet er die Lan-

desarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW und berät Unternehmen, wie sie „väterbewusste

Personalpolitik“ machen können.

10 Auch wenn sich in den vergangenen 25 Jahren viel getan hat: Die Arbeit dürfte ihm so schnell

nicht ausgehen.

Spricht man mit Aktivisten wie Nelles, mit Juristinnen und Juristen oder Wissenschaftlern,

dann wird klar: Ähnlich wie Mütter machen auch Väter im Beruf diskriminierende Erfahrun-

gen. Es fällt nur seltener auf, weil Männer generell seltener und kürzer in Elternzeit gehen.

15 Da ist der Arbeitgeber, der den werdenden Vater sicherheitshalber noch mal fragt, ob er sich

das mit der Elternzeit denn gut überlegt habe. Oder der Angestellte, dessen Leistungsbeurtei-

lung nach der beruflichen Auszeit schlechter ausfällt als zuvor. Oder aber, im Extremfall, der

Mitarbeiter, dem direkt nach seiner Elternzeit die Kündigung ins Haus flattert. Andererseits

gibt es auch Beispiele, die Väter ermutigen könnten, länger im Job auszusetzen.

20 Bis zu drei Jahre lang können Eltern hierzulande pro Kind in Elternzeit gehen, egal ob Vater

oder Mutter. Das Elterngeld […] wird in der Basis-Version bis zu 14 Monate an die Eltern

ausgezahlt, wobei maximal zwölf Monate von einem Elternteil genommen werden dürfen.

In der Praxis beantragt ein Elternteil, meist die Mutter, das Elterngeld in knapp drei Viertel

aller Fälle für zwölf Monate, der andere Elternteil, meist der Vater, für zwei. Auch deshalb

25 gelten sie umgangssprachlich als „Vätermonate“. Das kann schon mal zu Missverständnissen

führen: „Teilweise fragen Vorgesetzte werdende Väter, ob sie das denn überhaupt dürften –

mehr als zwei Monate in Elternzeit gehen“, berichtet Nelles. Er lacht dabei ein wenig ver-

zweifelt.

Der Anteil der Väter an allen Elterngeldbeziehern ist 2020 auf knapp 25 Prozent angestiegen,

30 fünf Jahre zuvor lag er noch bei knapp 21 Prozent. Es hat sich also etwas getan, seit der CSU-

Politiker Peter Ramsauer die Partnermonate als „Wickelvolontariat“ verspottete: Davon zeugt

die Statistik genauso wie die sichtbar gestiegene Zahl von Männern, die Kinderwagen durch

Straßen und Parks schieben. „Es ist bei den meisten Arbeitgebern angekommen und akzep-

tiert, wenn Väter für zwei Monate in Elternzeit gehen“, sagt der Soziologe Benjamin Neumann,

35 der an der TU Dortmund zu dem Thema forscht. Aber: „Bei allem, was darüber hinausgeht,

beginnen oft die Sorgen, sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Vätern.“

Bleibt ein Mitarbeiter seinem Arbeitsplatz länger fern, können Arbeitgeber die Abwesenheit

nicht mehr wie einen längeren Urlaub behandeln. „Sie müssen sich in diesem Fall überlegen,

wie sie die Arbeit neu verteilen und ob eine Vertretung eingestellt wird“, sagt Neumann.

40 Eigentlich alles Aufgaben, die sie von Mitarbeiterinnen in Elternzeit kennen könnten. Aber

eben auch: zusätzlicher Aufwand.

Auch viele Väter schrecken davor zurück, den Schreibtisch länger gegen die Wickelkommode

einzutauschen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass

dies vorwiegend finanzielle Gründe hat. Noch immer verdienen Männer in Deutschland mehr

45 als Frauen, was wiederum auch daran liegt, dass sie öfter in besser bezahlten Branchen und

Berufen arbeiten. Da das Elterngeld in der Regel nur 65 Prozent des letzten Nettogehalts be-

trägt und bei 1800 Euro gedeckelt ist, bedeutet mehr Zeit mit Papa für viele Familien auch

weniger Geld. „Gerade in größeren Städten muss man sich erst mal leisten können, darauf zu

verzichten“, sagt Nelles.

50 Die Sorge, im Job benachteiligt zu werden, ist ein zweiter Grund, weshalb viele Männer eine

längere Elternzeit scheuen. Fernab heftiger Mehr-oder-weniger-Einzelfälle gibt es zwar keine

empirischen Belege, ob sich längere Abwesenheiten negativ auf die berufliche Laufbahn von

Vätern auswirken. Was Mütter im Job erleben, dürfte manchen jedoch als abschreckendes

Beispiel genügen: So ist erstens nur knapp jede dritte Führungskraft in Deutschland eine Frau.

55 Und zweitens kostet das Muttersein eine Frau bis zu zwei Drittel ihres Lebenserwerbseinkom-

mens. Damit dieses Szenario nicht auch noch dem Hauptverdiener droht, kehrt er schneller

an den Arbeitsplatz zurück. Es ist ein Kreislauf aus alten Rollenbildern und strukturellen

Ungleichheiten. […]

In Schweden, Norwegen oder Spanien sieht der Staat mehr Partnermonate als in Deutschland

60 vor. Nimmt sie der Vater oder der zweite Elternteil nicht, verfallen sie. Ein Anreiz also für

eine gleichmäßigere Aufteilung der Elternzeit. Gleichzeitig ist der Maximalbetrag für das

Elterngeld in diesen Ländern teils deutlich höher, was finanzielle Sorgen nehmen und dazu

führen kann, dass auch der besserverdienende Partner Elterngeld-Monate nimmt. „Wären die

Regeln andere, würden die Väter auch länger in Elternzeit gehen und sich die Arbeitgeber

65 darauf einstellen“, glaubt Hans-Georg Nelles. Er hofft darauf, dass sich auch hierzulande poli-

tisch etwas tut.

Tatsächlich schlägt die Expertenkommission im jüngsten Familienbericht des Bundesfamilien-

ministeriums aus dem März eine solche Reform vor. Sie empfiehlt „drei exklusive Monate für

jeden Elternteil und acht weitere Monate, die die Eltern frei untereinander aufteilen können“.

70 Außerdem regt sie an, das Elterngeld für maximal sieben Monate pro Elternteil auf 80 Prozent

des Nettoeinkommens zu erhöhen.

Manchmal, sagt Hans-Georg Nelles, hätten Väter allerdings auch selbst Einfluss darauf, ob

ihre Elternzeit so verläuft, wie sie sich das wünschen. Sie könnten früh das Gespräch mit

ihrer Führungskraft suchen, sie könnten Sorgen ansprechen und Kollegen um Rat fragen, die

75 schon mal in Elternzeit waren. Die aktuelle Vätergeneration sehe er auf einem guten Weg,

sagt Nelles. „Sie will konstruktive Lösungen und fordert sie auch ein.“

Zur Autorin: Felicitas Wilke, geb. 1990, ist Journalistin im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung.

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über die Elternzeit von Vätern aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Gründe für die im Text erkennbare Veränderung der Vaterrolle. [27 Punkte]

3.

Gestalten Sie als Soziologe bzw. Soziologin einen Redebeitrag für eine Tagung von Führungskräften in Unternehmen, der darauf zielt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter zu verbessern. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge für „väterbewusste“ (Z. 8) Maßnahmen in der Arbeitswelt, die über die Angaben im Text hinausgehen. [27 Punkte]

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Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Abitur NRW Soziologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie, was die Autorin über die Elternzeit von Vätern aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Gründe für die im Text erkennbare Veränderung der Vaterrolle.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts.

3. Gestalten Sie als Soziologe bzw. Soziologin einen Redebeitrag für eine Tagung von Führungskräften in Unternehmen, der darauf zielt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter zu verbessern. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge für „väterbewusste“ (Z. 8) Maßnahmen in der Arbeitswelt, die über die Angaben im Text hinausgehen.

Lösung: Individueller Redebeitrag gemäß den Kriterien des Erwartungshorizonts.

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