Abitur NRW Soziologie 2023 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 5 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut
Aufgabe 1 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Rollentheorien und Rollenkonflikte
Materialgrundlage
Markus Deggerich, Heike Klovert, Marc Röhlig und Julia Stanek: Worunter moderne Väter leiden. In: DER SPIEGEL, Nr. 33/2021 vom 13.08.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).
[...]
Nach wie vor ist die Erziehungsarbeit in deutschen Haushalten ungleich verteilt. Ausgerechnet
jene Väter, die sich für ihre Familien stark engagieren, stoßen häufig auf ein unterschätztes
Hindernis: Mütter, die nicht loslassen wollen. Neue Väter, sagen Experten, kann es nur geben,
wenn auch die Frauen ihre Rolle in der Familie verändern. Die mütterliche Macht, erzählt
5 Schulte und muss lächeln, reiche bis in sein Väterzentrum. Der Laden im Prenzlauer Berg 1 ist
so was wie eine Keimzelle der neuen Papas. Seit 2007 betreibt Sozialpädagoge Schulte, 54,
drei Kinder, hier seine Oase für Väter, wo sie sich unter ihresgleichen austauschen, entspan-
nen, sich fortbilden und professionellen Rat finden. Was als Pilotprojekt begonnen hatte, ist
inzwischen eine Säule der Berliner Familienbildungsarbeit mit dem Fokus auf Väter. Doch
10 egal wie etabliert und erfolgreich die Arbeit für moderne Väter inzwischen ist, eines hat sich
kaum geändert: Es komme immer noch vor, erzählt Schulte, dass draußen vor der Tür ein
Auto halte. Vater und Kind bleiben im Wagen sitzen, die Mutter steigt aus, steckt den Kopf
durch die Tür, inspiziert das Terrain und stellt ein paar betont freundliche Fragen zum inhalt-
lichen Angebot.
15 Und erst danach, wenn sie ihr Okay gegeben hat, dürfen Vater und Kind das Neuland betreten.
So etwas signalisiere ihm, sagt Schulte, dass bei allem Wandel im Rollenverständnis die Kern-
botschaft seiner Arbeit immer noch durchdringen müsse: „Männer, geht mehr in die Väter-
rolle!“ Und, genauso wichtig: „Mütter, lasst los!“
Viele Männer haben in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt in der Familienarbeit. Sie
20 stehen mit im Kreißsaal, sie bilden sich in Väterkursen fort, sie kochen und waschen und
wickeln, sie nehmen Elternzeit oder streiten beim Chef für Teilzeit. [...] In gesellschaftlichen
Diskussionen gelten sie als diejenigen, die sich ändern, die ihre neue Rolle finden müssen.
[...] [D]ie eigentlich geforderte Ausweitung der Väterzone stößt an ein schwer zu überwin-
dendes Hindernis: die Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in
25 den eigenen vier Wänden. [...]
Wie Familien sich organisieren, ist eine Frage, die in Deutschland Einfluss auf das Leben von
10,7 Millionen Kindern unter 14 Jahren und deren Eltern hat. Eigentlich ist es banal: Familien
sind Systeme – verändert sich einer, verändert sich alles. Auf den berechtigten Ruf nach neuen
Vätern, schwant nun den Frauen, kann die Antwort der Mütter nicht sein: Ich will so bleiben,
30 wie ich bin. „Frauen leben leider immer noch nach der Ideologie von der guten Mutter und
übertragen diese auf den Vater“, sagt die renommierte Schweizer Erziehungswissenschaftle-
rin Margrit Stamm. Neue Väter aber, so ihre zentrale Forschungserkenntnis, brauchten eben
auch neue Mütter. [...]
Die Elternzeitmonate nach der Geburt sind seit ihrer Einführung 2007 so etwas wie der Leit-
35 index für die Bewertung von Vätern geworden. Inzwischen sind 25 Prozent der Elterngeld-
beziehenden Männer, die wenigsten beantragen mehr als zwei Monate. Die sind gemeinhin
als „Vätermonate“ bekannt, was eine irreführende Bezeichnung ist. Es klingt, als müsste die
Mutter zwingend mehr Elternzeit nehmen als der Vater. Der Gesetzgeber macht Eltern de
facto ein anderes Angebot: Das Paar kann nach der Geburt eines Kindes insgesamt 14 Monate
40 Basis-Elterngeld beziehen – vorausgesetzt, beide Elternteile beantragen die Familienleistung,
einer von ihnen für mindestens zwei Monate.
Es hat sich allerdings eine Art Konsens eingeschlichen, dass der Mann derjenige ist, der die
nötigen zwei Monate nimmt, um das Maximum an Monaten rauszuschlagen, die Mütter neh-
men überwiegend fast das ganze erste Jahr. Vielleicht auch, weil in Paarhaushalten ohne Kin-
45 der unter 14 Jahren die Männer im Durchschnitt elf Prozent mehr verdienen. Ein klarer Fall
von Ungerechtigkeit, von Gender-Pay-Gap und in der Folge auch Care-Gap? Die Frage, die
unter einigen Paaren zu wenig diskutiert wird: Würde die Mama dem Papa überhaupt zuge-
stehen, die Hälfte der Zeit zu nehmen – ihm, so scheinen es manche Mütter zu sehen, etwas
von „ihrer“ Zeit abzugeben –, und sie dann umgekehrt den Großteil des Lebensunterhalts er-
50 wirtschaften? [...]
„Es fehlt in der Gesellschaft an Unterstützung und Anerkennung aktiver, fürsorglicher Väter“,
sagt Michael Tunç. Er lehrt an der HAW 2 Hamburg zu Gender- und Männlichkeitsforschung.
Auf Infobroschüren des Familienministeriums würden deutlich mehr Frauen auftauchen.
Längst würden sich mehr Väter einbringen wollen, nach Teilzeitmodellen fragen – aber die
55 gesellschaftliche Entwicklung käme nicht mit. Tunç fordert daher ein Umdenken schon in der
Sprache. „Wenn wir von Ärzten reden, sollen Ärztinnen mitgemeint sein, und wenn wir von
Eltern reden, sollen Mütter und Väter gemeint sein.“
Es sind Sätze, mit denen feministische Bewegungen seit Jahrzehnten argumentieren – unter
umgekehrten Vorzeichen: „Männer fühlen sich oft etwas verloren unter Müttern, bei Krabbel-
60 und Babygruppen starren sie Löcher in die Luft, weil sich Gespräche allzu oft um Themen
wie Brustentzündung nach dem Stillen drehen.“ Dass Frauen diesen Raum brauchen, sei unbe-
stritten – dass er den Männern oft fehle, ein Problem. Der Papa, der anpacken will und kann,
bleibe laut Tunç so „eine ungenutzte Ressource“. Väter müssten sich mehr engagieren, und
die Politik müsse helfen, dass sie wahrgenommen werden, sichtbar sind. [...]
65 „An der Art, wie Männer ihre Vaterschaft leben, lässt sich sehr viel über Geschlechterver-
hältnisse zeigen“, sagt der auf Familien spezialisierte Soziologe Simon Bohn. Was haben
Frauen zu leisten und was die Männer, unter welchen Erwartungen ächzen sie jeweils? Im
Prinzip seien es immer noch die über Dekaden verfestigten Mutterschaftsideale, die darüber
entscheiden, was in Familien heutzutage geht – und was nicht.
70 „Es gibt eingeschliffene Praktiken und Erwartungen, die an Mütter gestellt werden und denen
sie irgendwie entsprechen müssen, um als gute Mutter gesellschaftliche Anerkennung erfahren
zu können“, sagt Bohn, 35, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-
Universität Jena empirische Sozialforschung lehrt. Man denke nur an die sehr verbreitete Vor-
stellung, dass gesundes Heranwachsen von Babys durch mütterliche Nähe und durch Stillen
75 ermöglicht wird, sagt Bohn. „Schon für diese erste frühe Phase gibt es also Räume, die primär
von Müttern besetzt sind.“ [...]
Sind [darüber hinaus auch] die Regeln der Arbeitswelt das Hindernis für Männer, oder sind
sie eine willkommene Ausrede – für Mutter und Vater? „Den Kampf um die Teilzeitstellen
müssen tatsächlich die Väter in die Unternehmen tragen“, fordert der Berliner Berater Schulte.
80 Denn solange Frauen und Männer unterschiedlich bezahlt werden, einigen sich Paare meis-
tens darauf, am höheren Einkommen festzuhalten. Noch immer arbeiteten nur 6,4 Prozent der
erwerbstätigen Väter mit minderjährigen Kindern 2019 in Teilzeit, bei den Frauen waren es
66,2 Prozent. [...]
Zeit, Geld und Anerkennung sind die großen Ressourcen, die Mütter und Väter erst mal orga-
85 nisieren müssen. Wenn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeits-
recht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen – und schon sind alle Vereinbarkeits-
probleme gelöst?
So einfach ist es nicht. Denn zum einen ist die Bereitschaft längst nicht bei allen Männern da,
ihre Anerkennung im Job und einen Teil ihres Gehalts, ihrer Macht abzugeben. Zum ande-
90 ren gibt es Wechselwirkungen zwischen den Elternteilen. Untersuchungen legen nahe, dass
Mütter für aktive Vaterschaft sorgen können, indem sie selbst mit einer hohen Stundenzahl
in den Beruf zurückkehren. Anders gesagt: Eine Mutter, die nach ihrer Elternzeit lediglich
15 Wochenstunden arbeiten will, schafft schlechte Voraussetzungen für einen aktiven Vater.
[...]
1 Prenzlauer Berg: Stadtteil Berlins mit einem relativ hohen Anteil junger Berufstätiger und wohlhabender Familien
2 HAW: Hochschule für angewandte Wissenschaften
Zu den Autorinnen und Autoren:
Markus Deggerich, geb. 1969, Heike Klovert, geb. 1981, Marc Röhlig, geb. 1986, und Julia Stanek, geb. 1979, sind Redakteurinnen und Redakteure beim SPIEGEL.
Aufgabenstellung:
Thema: Tradierte Geschlechternormen und Rollenkonflikte – Herausforderungen für moderne Mütter und Väter?
1. Analysieren Sie, was die Autorinnen und Autoren über das Geschlechterverhältnis von Eltern aussagen. Stellen Sie hierzu die Grundzüge der interaktionistischen Rollentheorie dar und erläutern Sie auf dieser Grundlage die im Text thematisierten Herausforderungen, vor denen moderne Väter stehen. (30 Punkte)
Aufgabe 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt
Materialgrundlage
Markus Deggerich, Heike Klovert, Marc Röhlig und Julia Stanek: Worunter moderne Väter leiden. In: DER SPIEGEL, Nr. 33/2021 vom 13.08.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).
[...]
Nach wie vor ist die Erziehungsarbeit in deutschen Haushalten ungleich verteilt. Ausgerechnet
jene Väter, die sich für ihre Familien stark engagieren, stoßen häufig auf ein unterschätztes
Hindernis: Mütter, die nicht loslassen wollen. Neue Väter, sagen Experten, kann es nur geben,
wenn auch die Frauen ihre Rolle in der Familie verändern. Die mütterliche Macht, erzählt
5 Schulte und muss lächeln, reiche bis in sein Väterzentrum. Der Laden im Prenzlauer Berg 1 ist
so was wie eine Keimzelle der neuen Papas. Seit 2007 betreibt Sozialpädagoge Schulte, 54,
drei Kinder, hier seine Oase für Väter, wo sie sich unter ihresgleichen austauschen, entspan-
nen, sich fortbilden und professionellen Rat finden. Was als Pilotprojekt begonnen hatte, ist
inzwischen eine Säule der Berliner Familienbildungsarbeit mit dem Fokus auf Väter. Doch
10 egal wie etabliert und erfolgreich die Arbeit für moderne Väter inzwischen ist, eines hat sich
kaum geändert: Es komme immer noch vor, erzählt Schulte, dass draußen vor der Tür ein
Auto halte. Vater und Kind bleiben im Wagen sitzen, die Mutter steigt aus, steckt den Kopf
durch die Tür, inspiziert das Terrain und stellt ein paar betont freundliche Fragen zum inhalt-
lichen Angebot.
15 Und erst danach, wenn sie ihr Okay gegeben hat, dürfen Vater und Kind das Neuland betreten.
So etwas signalisiere ihm, sagt Schulte, dass bei allem Wandel im Rollenverständnis die Kern-
botschaft seiner Arbeit immer noch durchdringen müsse: „Männer, geht mehr in die Väter-
rolle!“ Und, genauso wichtig: „Mütter, lasst los!“
Viele Männer haben in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt in der Familienarbeit. Sie
20 stehen mit im Kreißsaal, sie bilden sich in Väterkursen fort, sie kochen und waschen und
wickeln, sie nehmen Elternzeit oder streiten beim Chef für Teilzeit. [...] In gesellschaftlichen
Diskussionen gelten sie als diejenigen, die sich ändern, die ihre neue Rolle finden müssen.
[...] [D]ie eigentlich geforderte Ausweitung der Väterzone stößt an ein schwer zu überwin-
dendes Hindernis: die Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in
25 den eigenen vier Wänden. [...]
Wie Familien sich organisieren, ist eine Frage, die in Deutschland Einfluss auf das Leben von
10,7 Millionen Kindern unter 14 Jahren und deren Eltern hat. Eigentlich ist es banal: Familien
sind Systeme – verändert sich einer, verändert sich alles. Auf den berechtigten Ruf nach neuen
Vätern, schwant nun den Frauen, kann die Antwort der Mütter nicht sein: Ich will so bleiben,
30 wie ich bin. „Frauen leben leider immer noch nach der Ideologie von der guten Mutter und
übertragen diese auf den Vater“, sagt die renommierte Schweizer Erziehungswissenschaftle-
rin Margrit Stamm. Neue Väter aber, so ihre zentrale Forschungserkenntnis, brauchten eben
auch neue Mütter. [...]
Die Elternzeitmonate nach der Geburt sind seit ihrer Einführung 2007 so etwas wie der Leit-
35 index für die Bewertung von Vätern geworden. Inzwischen sind 25 Prozent der Elterngeld-
beziehenden Männer, die wenigsten beantragen mehr als zwei Monate. Die sind gemeinhin
als „Vätermonate“ bekannt, was eine irreführende Bezeichnung ist. Es klingt, als müsste die
Mutter zwingend mehr Elternzeit nehmen als der Vater. Der Gesetzgeber macht Eltern de
facto ein anderes Angebot: Das Paar kann nach der Geburt eines Kindes insgesamt 14 Monate
40 Basis-Elterngeld beziehen – vorausgesetzt, beide Elternteile beantragen die Familienleistung,
einer von ihnen für mindestens zwei Monate.
Es hat sich allerdings eine Art Konsens eingeschlichen, dass der Mann derjenige ist, der die
nötigen zwei Monate nimmt, um das Maximum an Monaten rauszuschlagen, die Mütter neh-
men überwiegend fast das ganze erste Jahr. Vielleicht auch, weil in Paarhaushalten ohne Kin-
45 der unter 14 Jahren die Männer im Durchschnitt elf Prozent mehr verdienen. Ein klarer Fall
von Ungerechtigkeit, von Gender-Pay-Gap und in der Folge auch Care-Gap? Die Frage, die
unter einigen Paaren zu wenig diskutiert wird: Würde die Mama dem Papa überhaupt zuge-
stehen, die Hälfte der Zeit zu nehmen – ihm, so scheinen es manche Mütter zu sehen, etwas
von „ihrer“ Zeit abzugeben –, und sie dann umgekehrt den Großteil des Lebensunterhalts er-
50 wirtschaften? [...]
„Es fehlt in der Gesellschaft an Unterstützung und Anerkennung aktiver, fürsorglicher Väter“,
sagt Michael Tunç. Er lehrt an der HAW 2 Hamburg zu Gender- und Männlichkeitsforschung.
Auf Infobroschüren des Familienministeriums würden deutlich mehr Frauen auftauchen.
Längst würden sich mehr Väter einbringen wollen, nach Teilzeitmodellen fragen – aber die
55 gesellschaftliche Entwicklung käme nicht mit. Tunç fordert daher ein Umdenken schon in der
Sprache. „Wenn wir von Ärzten reden, sollen Ärztinnen mitgemeint sein, und wenn wir von
Eltern reden, sollen Mütter und Väter gemeint sein.“
Es sind Sätze, mit denen feministische Bewegungen seit Jahrzehnten argumentieren – unter
umgekehrten Vorzeichen: „Männer fühlen sich oft etwas verloren unter Müttern, bei Krabbel-
60 und Babygruppen starren sie Löcher in die Luft, weil sich Gespräche allzu oft um Themen
wie Brustentzündung nach dem Stillen drehen.“ Dass Frauen diesen Raum brauchen, sei unbe-
stritten – dass er den Männern oft fehle, ein Problem. Der Papa, der anpacken will und kann,
bleibe laut Tunç so „eine ungenutzte Ressource“. Väter müssten sich mehr engagieren, und
die Politik müsse helfen, dass sie wahrgenommen werden, sichtbar sind. [...]
65 „An der Art, wie Männer ihre Vaterschaft leben, lässt sich sehr viel über Geschlechterver-
hältnisse zeigen“, sagt der auf Familien spezialisierte Soziologe Simon Bohn. Was haben
Frauen zu leisten und was die Männer, unter welchen Erwartungen ächzen sie jeweils? Im
Prinzip seien es immer noch die über Dekaden verfestigten Mutterschaftsideale, die darüber
entscheiden, was in Familien heutzutage geht – und was nicht.
70 „Es gibt eingeschliffene Praktiken und Erwartungen, die an Mütter gestellt werden und denen
sie irgendwie entsprechen müssen, um als gute Mutter gesellschaftliche Anerkennung erfahren
zu können“, sagt Bohn, 35, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-
Universität Jena empirische Sozialforschung lehrt. Man denke nur an die sehr verbreitete Vor-
stellung, dass gesundes Heranwachsen von Babys durch mütterliche Nähe und durch Stillen
75 ermöglicht wird, sagt Bohn. „Schon für diese erste frühe Phase gibt es also Räume, die primär
von Müttern besetzt sind.“ [...]
Sind [darüber hinaus auch] die Regeln der Arbeitswelt das Hindernis für Männer, oder sind
sie eine willkommene Ausrede – für Mutter und Vater? „Den Kampf um die Teilzeitstellen
müssen tatsächlich die Väter in die Unternehmen tragen“, fordert der Berliner Berater Schulte.
80 Denn solange Frauen und Männer unterschiedlich bezahlt werden, einigen sich Paare meis-
tens darauf, am höheren Einkommen festzuhalten. Noch immer arbeiteten nur 6,4 Prozent der
erwerbstätigen Väter mit minderjährigen Kindern 2019 in Teilzeit, bei den Frauen waren es
66,2 Prozent. [...]
Zeit, Geld und Anerkennung sind die großen Ressourcen, die Mütter und Väter erst mal orga-
85 nisieren müssen. Wenn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeits-
recht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen – und schon sind alle Vereinbarkeits-
probleme gelöst?
So einfach ist es nicht. Denn zum einen ist die Bereitschaft längst nicht bei allen Männern da,
ihre Anerkennung im Job und einen Teil ihres Gehalts, ihrer Macht abzugeben. Zum ande-
90 ren gibt es Wechselwirkungen zwischen den Elternteilen. Untersuchungen legen nahe, dass
Mütter für aktive Vaterschaft sorgen können, indem sie selbst mit einer hohen Stundenzahl
in den Beruf zurückkehren. Anders gesagt: Eine Mutter, die nach ihrer Elternzeit lediglich
15 Wochenstunden arbeiten will, schafft schlechte Voraussetzungen für einen aktiven Vater.
[...]
1 Prenzlauer Berg: Stadtteil Berlins mit einem relativ hohen Anteil junger Berufstätiger und wohlhabender Familien
2 HAW: Hochschule für angewandte Wissenschaften
Zu den Autorinnen und Autoren:
Markus Deggerich, geb. 1969, Heike Klovert, geb. 1981, Marc Röhlig, geb. 1986, und Julia Stanek, geb. 1979, sind Redakteurinnen und Redakteure beim SPIEGEL.
Aufgabenstellung:
2.
Stellen Sie dar, wie sich Familie und Arbeitswelt seit 1949 verändert haben. Erläutern Sie auf dieser Grundlage die Aussage des Textes „[w]enn es um Zeit und Geld geht, müssten Männer vermehrt ihren im Arbeitsrecht verbrieften Anspruch auf Teilzeit wahrnehmen“ (Z. 85 f.). (26 Punkte)
3.
Erörtern Sie die von den Verfasserinnen und Verfassern aufgestellte These, es gebe eine „Macht des Matriarchats in der institutionellen Kinderbetreuung und in den eigenen vier Wänden“ (Z. 24 f.). (24 Punkte)
Aufgabe 2 · Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten
Thema: Rechtsextremistische Gewalt – lassen sich junge Männer vor Radikalisierung schützen?
Materialgrundlage
Ratmann, Mirjam: „Wer solche Gewalttaten begeht, wird schnell zum Helden der Szene“ – Interview mit Judith Rahner. In: ze.tt vom 13.05.2022 (Auszüge).
Mirjam Ratmann
„Wer solche Gewalttaten begeht, wird schnell zum Helden der Szene“ – Interview mit Judith Rahner
Material zum Bau einer Bombe, selbstgebaute Schusswaffen, antisemitisches und rassistisches Textmaterial und Neonazisymbolik – das alles fand die Polizei […] in dem Zimmer eines 16-jährigen Schülers in Essen. Der Verdacht: Er habe mutmaßlich einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag an seiner Schule geplant. […] Auch in Halle, Christchurch, Hanau oder München waren es rechtsextreme Männer, die Terroranschläge verübten. Was Männlichkeit mit rechter Gewalt zu tun hat, darüber sprachen wir mit Judith Rahner von der Amadeu Antonio Stiftung.
ze.tt: Frau Rahner, Sie beschäftigen sich in Ihrer Arbeit mit der Prävention von Rechtsextremismus. Warum sind es meistens Männer, die rechtsterroristische Attentate verüben oder diese planen?
Judith Rahner: Das liegt in erster Linie daran, dass Gewalt dicht mit Männlichkeit verknüpft ist. Das heißt nicht, dass Frauen keinen rechtsextremen Terror verüben. Aber tätliche Gewalt ist gesamtgesellschaftlich männlich konnotiert. So haben Männer eine höhere Affinität zu Waffen oder interessieren sich mehr für Körperlichkeit. Viele eifern dem Ideal eines muskelbepackten, starken Mannes nach. Das hat mit ihrer Sozialisation zu tun. Also damit, wie junge Männer in dieser Gesellschaft geprägt werden und wie sie aufwachsen. Oft wird von ihnen erwartet: Sei stark, sei hart, sei männlich, setz dich durch und steh für deine Sache ein. Diese Art, Männer zu adressieren, beinhaltet viel von dem, was im Rechtsextremismus von Männlichkeit erwartet wird.
Trotzdem werden ja nicht alle Männer, die so geprägt wurden, Rechtsterroristen.
Es geht nicht um Männer oder Männlichkeit, sondern um toxische Männlichkeit und um das Ideal eines überlegenen, soldatischen Mannes, der im Zentrum rechtsextremen Denkens steht. Sie unterscheiden sich vorrangig in der Radikalität von anderen Männern in der Mitte der Gesellschaft. Rechtsextremisten wollen eine komplett andere, menschenfeindliche und rassistische Gesellschaftsform etablieren. Für Rechtsextremisten sind Frauen und Männer nicht gleich und es gibt klare Hierarchien zwischen Menschen. Also wird dieser demokratische Grundsatz gezielt bekämpft – zur Not mit Gewalt.
Was genau macht den Rechtsextremismus dann für Männer so attraktiv?
Der Rechtsextremismus bietet eine Überlegenheit an: die Vorstellung der Überlegenheit des weißen Mannes. Wenn ich mich als junger Mensch schwach fühle, verspricht einem die rechtsextremistische Ideologie vermeintlich über allen anderen Männern zu stehen. Vor allem über schwulen, jüdischen oder muslimischen Männern. Und natürlich über Frauen. Angebote von rechtsextremen Gruppierungen oder Parteien versuchen oft genau mit dieser Ideologie zu werben, nach dem Motto: Bei uns kannst du wieder ein richtiger Mann sein. Sie locken mit Kampfsport und Wettbewerben, in denen Männer ihre Stärke und ihre Muskeln beweisen können.
Was haben Verschwörungserzählungen damit zu tun?
Im Rechtsextremismus steht der weiße Mann, der seine Vormachtstellung unter Beweis stellen muss, im Zentrum. Er muss jeden Tag aufs Neue für die Wiederherstellung oder Erhaltung einer weißen Männlichkeit und die weiße Bevölkerungsgruppe kämpfen. Diese Männer werden als Soldaten stilisiert, die die deutschen Mädchen und Frauen von außen, also vor allem vor Migranten, schützen müssen. Hinzu kommen verschiedene Verschwörungserzählungen: Beispielsweise, dass irgendwelche Eliten – meist als jüdisch deklariert – den weißen Mann ausrotten wollten. Oder dass der Feminismus, der den Mann verweiblichen würde, der Grund allen Übels sei. Deswegen fühlen sich Rechtsextremisten so sehr vom Feminismus bedroht. Dieses Narrativ kann auf Männer mobilisierend wirken und dazu führen, dass sie sich vom Rechtsextremismus angezogen fühlen und sich radikalisieren. […]
Sind Männer gefährdeter sich zu radikalisieren als Frauen?
Nein. Auch Frauen können sich radikalisieren. Aber Männer sind durch die Privilegien, die sie in unserer Gesellschaft aufgrund ihres Geschlechts haben, für viele Aspekte der rechtsextremistischen Ideologie prädestinierter. Denn diese Ideologie stellt sich schützend vor eine patriarchale Gesellschaft, die Männer klar bevorteilt und gegen all jene kämpft, die Männern ihre Privilegien streitig machen wollen. Männer können eher über die Erzählung „Taten statt Worte“ erreicht werden, vor allem dann, wenn es vermeintlich etwas zu beschützen gilt. Wenn sie dann auch noch glauben, dass irgendeine Elite sich gegen die weiße „Rasse“ verschworen hat und diese ausrotten will – dann ist der Schritt hin zu einer gewaltvollen Radikalisierung nicht mehr weit.
Wie findet so eine Radikalisierung statt?
Vor allem da, wo eine Normalisierung von Rechtsextremismus stattfindet, sind junge Menschen gefährdet, ebenfalls in der Szene zu landen. Zum Beispiel, wenn man als junger Mensch in einer Gemeinde aufwächst, in der Rechtsextremismus zum Stadtbild dazugehört. Und dann gibt es natürlich die Gefahr, dass man online in einen Strudel von Videos und Chatverläufen hineingezogen wird, die man gerade als junger Mensch noch nicht richtig einschätzen kann. Oft sind das gewaltvolle Videos oder Erzählungen, die in rechten Foren abgefeiert werden. Wenn man selbst solche Gewalttaten begeht und davon erzählt, wird man schnell zum Helden der Szene stilisiert. Das sind natürlich Dinge, die junge Menschen ansprechen, vor allem, wenn sie ohnehin für Gewalt empfänglich sind.
Der Tatverdächtige in Essen ist 16 Jahre alt. Wie kann es passieren, dass jemand so jung schon Bomben baut?
Der Grat zwischen einer Radikalität mit bloßen Gewaltfantasien und einer Radikalität, in der die Gewalt tatsächlich ausgeübt wird, ist sehr schmal. Da könnte jedes Detail dazu führen, dass so jemand ausrastet: Vielleicht wurde er in der Schule gemobbt? Hat Probleme zu Hause mit den Eltern? Hat schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht? Oder will sich einfach in der rechtsextremen Gruppe beweisen? Hat ein rassistisches Weltbild? Wenn also noch Vorurteile gegen bestimmte Menschengruppen hinzukommen, hat das Ganze ein politisches Ziel, gegen das sich dieser Hass und diese Aggression wenden. Es gibt also viele Faktoren, die begünstigen können, dass jemand sehr jung rechtsterroristisch aktiv wird. Problematisch finde ich allerdings die Erzählung des psychisch verwirrten Einzeltäters, die auch in Essen wieder einmal gesponnen wird.
Inwiefern?
Natürlich kann der Junge psychische Probleme gehabt haben – aber nicht alle Menschen, die psychische Probleme haben, wollen an ihrer Schule Sprengstoff deponieren. Man darf nicht vergessen, dass rechtsextreme Ideologien ganz entscheidend zu einer solchen Tat motivieren können. Und so ist es dann nicht ein vereitelter Amoklauf an einer Schule, sondern ein vereitelter rechtsextremer Terroranschlag, hinter dem ein klares Motiv steht, mit dem eine wie auch immer geartete Kränkung kompensiert wird.
Sind also gekränkte Männer das eigentliche Problem?
In rechtsextremen Milieus können gekränkte Männer brandgefährlich sein. Vor allem, wenn sie sich als Opfer einer modernen und vielfältigen Gesellschaft verstehen. Oft nehmen sie eine Kränkung als Entmännlichung wahr. Um das vermeintliche Gleichgewicht wieder herzustellen, wollen sie dann ihre Männlichkeit beweisen. Genau da wird es gefährlich: nämlich, wenn sie sich dazu entscheiden, dies durch Gewalt zu tun. Wenn gekränkte Männer ideologisch in Szenen eingebunden sind, die zusätzlich noch rassistisch und antisemitisch geprägt sind, birgt das eine sehr große Gefahr. Und da kann ein 16-Jähriger dann genauso gefährlich sein, wie ein 50-Jähriger.
1.
Analysieren Sie, was die interviewte Person über die rechtsextreme Radikalisierung junger Männer aussagt. Erläutern Sie dabei aus sozialisationstheoretischer Perspektive mögliche Ursachen. [27 Punkte]
2.
Stellen Sie zwei theoretische Ansätze dar, die abweichendes Verhalten erklären. Vergleichen Sie anschließend die Erklärung der interviewten Person mit diesen Ansätzen. [26 Punkte]
3.
Gestalten Sie in der Rolle einer eingeladenen Soziologin bzw. eines eingeladenen Soziologen einen Redebeitrag für eine Fachtagung zur Rechtsextremismusprävention. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge, wie sich vor allem junge Männer vor einer Radikalisierung schützen lassen. [27 Punkte]
Aufgabe 3 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt
Jana Gioia Baurmann
„Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey
ZEIT ONLINE: Deutschland steckt in der vierten Welle, Pflegekräfte sind völlig überarbeitet, es gibt zu wenige Intensivbetten. Warum bekommen diese Menschen, die unverzichtbar für unsere Gesellschaft sind, Merci-Schokolade – und nicht einen angemessenen Lohn für das, was sie leisten?
5 Oliver Nachtwey: Weil sich die Auffassung, was Leistung ist, in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Die gesellschaftliche Norm der Leistung wurde nachhaltig umgedeutet. Als Leistungsträgerinnen und Leistungsträger wurden nicht mehr diejenigen angesehen, die hart arbeiten – sondern all diejenigen, die Geld, Einfluss und Erfolg haben. Unternehmer, Managerinnen, Berater zum Beispiel. Sprechen wir über Leistung, geht es aber nicht allein
10 um Geld und Anerkennung, sondern um übergeordnete Fragen: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir arbeiten?
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gesellschaft diese Fragen stellt?
Durchaus. Zu Beginn der Pandemie haben Menschen ja nicht nur auf den Balkonen stehend geklatscht. Da kamen auch Diskussionen darüber auf, wie unsere Gesellschaft, unter anderem
15 das Gesundheitssystem, funktionieren könnte. Die systemrelevanten Berufe sind für eine kurze Zeit – so als hätte man in der Gesellschaft einmal das Licht angemacht – in den Vordergrund gerückt. Diese Öffnung in der Debatte wurde jedoch wieder zurückgenommen. Corona und die damit zusammenhängenden Probleme wurden in der Welt der Arbeit stark normalisiert, indem einfach so weitergemacht wurde. Die Schäden werden immens sein – und es wird einen
20 Wandel geben.
Was meinen Sie?
Man ignoriert sowohl die Belastung der Beschäftigten als auch die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer weniger auf Produktion ausgerichtet ist. Wir sind längst zu einer reproduktiven Gesellschaft geworden. Im Gesundheitssektor arbeiten dreimal mehr Menschen als
25 in der Automobilindustrie. Das produzierende Gewerbe stellt nur noch ein Viertel aller Beschäftigten. Pflege, Erziehung, Gesundheit gehören zu den größten Sektoren. Das ist eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung. Die Gesellschaft wird älter, aber dadurch auch vulnerabler 1. Weil viele Menschen von zu Hause wegziehen, können sie auch ihre Eltern nicht mehr pflegen, und weil immer häufiger beide Partner berufstätig sind, müssen die Kin-
30 der außer Haus versorgt werden. Und dann gibt es noch die aufgestiegene Mittelklasse, die – um in ihren Berufen besonders kompetitiv 2 zu sein – verschiedene Dienstboten braucht. Das will die Gesellschaft jedoch nicht sehen. Es wird verdrängt, dass unsere Gesellschaft auf einer reproduktiven Arbeiter:innenklasse beruht.
An wen denken Sie, wenn Sie von Dienstboten sprechen?
35 Die Mittelklasse kann ihr Mittelklassedasein in der Form nur praktizieren, weil sie von einer Reihe von Dienstboten abgesichert wird: Man hat eine Nanny 3, eine Zugehfrau 4, Hemden und Hosen gibt man zum Bügeln ab, das Essen wird bis an die Haustür geliefert.
Sollte die Mittelklasse ein schlechtes Gewissen haben, weil sie andere ausbeutet, um ihren eigenen Wohlstand zu halten?
40 Wenn man Tariflöhne zahlt und einen fairen Umgang pflegt – nicht unbedingt. Diese Form der Mittelklassenexistenz ist auch ein Resultat der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Emanzipation aus der Hausfrauenehe macht es für Familien und vor allem für Frauen unmöglich, Care-Tätigkeiten und gleichzeitig Erwerbsarbeit nachzukommen. Der Druck ist jetzt schon enorm. Wenn die Mittelklasse aufhören würde, Tätigkeiten zu delegieren, wäre sie nicht mehr
45 konkurrenzfähig. Man kann sich aber fragen: Will ich so leben? Oder noch besser: Sollten wir alle so leben? Individuelle Auswege sind kaum möglich, nur kollektiv würde das gehen. Etwa durch eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit – dann bräuchte es auch diese Form der Arbeitsteilung nicht mehr. [...]
Ist uns [...] nicht bewusst, dass wir in einer Klassengesellschaft leben?
50 In Großbritannien beispielsweise gehört die Existenz der Klassengesellschaft zum Alltagswissen, man erkennt sie an, blickt aber auch auf die Unterschicht herab. In Deutschland erzählt niemand stolz, dass dreimal in der Woche die Zugehfrau kommt. Stolz ist man hingegen, und erzählt es auch, wenn das fünfjährige Kind Englisch lernt. Die Leute wissen also ganz genau, dass es eine Klassengesellschaft gibt – sonst würden sie ihre Kinder nicht darauf
55 trimmen, oben bleiben zu können. Es ist nicht einfach Unwissen, sondern ein Wissen, das man leugnet, aber das durchaus da ist.
Sie haben vorhin gesagt, dass es eigentlich um zwei viel größere Fragen gehe, nämlich: Wie wollen wir arbeiten? Und wie wollen wir leben? Sie zu beantworten ist doch schwierig, wenn man die Tatsache verdrängt, dass es eine Klassengesellschaft gibt. Oder?
60 Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht in einer besonderen Situation sind. Das Bundesarbeitsgericht hat beispielsweise entschieden, dass für die 24-Stunden-Pflege der Mindestlohn gezahlt werden muss. Bei den Berliner Krankenhäusern wurde kürzlich gestreikt, Gorillas 5 -Fahrer streikten, Dutzende sind sogar vor Gericht gezogen. In den vergangenen fünf Jahren wurde nicht deutlich mehr gestreikt, aber zumindest mehr als früher. Paradoxerweise hat das auch
65 was mit der Ausweitung der Prekarisierung zu tun.
Inwiefern?
Mittlerweile gibt es mehr Jobs, aber auch mehr schlecht bezahlte mit hoher Arbeitsverdichtung. In der Pandemie haben viele Beschäftigte angefangen, sich anders zu orientieren. Es gibt nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern mittlerweile auch einen relativen Servicekräfte-
70 mangel. Das hat die Verhandlungsposition vieler Arbeiterinnen und Arbeiter gestärkt. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Die Existenz der Klassengesellschaft wird nicht durch einen Erkenntnisprozess der Mittelklasse stattfinden. Die Einsicht, dass es eine Klassengesellschaft gibt, kann nur durch soziale Kämpfe und Konflikte geschehen. Weil dadurch auch eine andere Form von gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung passiert und neue Legitimations-
75 zwänge entstehen. Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, ist es möglich, die Leistungstragenden im Schatten zu lassen.
Warum verhält sich die Unterschicht so ruhig? Warum begehrt sie nicht mehr auf?
Das ist eine interessante Frage. Zunächst, weil sie müde und erschöpft ist. Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Unterklasse haben lange Arbeitszeiten, bekommen viel Druck, spüren stän-
80 dig, flexibel sein zu müssen. Lohn und Anerkennung sind niedrig, das Beschäftigungsverhältnis in der Regel ungesichert, bei migrantischen Beschäftigten ist der Aufenthaltsstatus prekär. Dazu kommt, dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter desillusioniert sind – von der Politik, den Parteien, aber auch von den Gewerkschaften. [...] Individuell haben die Angehörigen der Unterklasse meistens nicht aufbegehrt, sondern am Ende auf Exit gesetzt: Sie haben sich weni-
85 ger am politischen Geschehen beteiligt, sind nicht mehr zur Wahl gegangen. Wenn es ihnen möglich ist, kämpfen sie nicht für bessere Bedingungen in ihren Jobs, sondern suchen sich vermeintlich bessere. Aber die Vektoren haben die Richtung geändert. Es gibt vorerst keine großen Kämpfe, aber wieder mehr Widerstand im Kleinen. [...]
Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, bleibt es bei den verkannten Leistungstragenden, haben Sie vorhin gesagt. Aber wer beantwortet nun Fragen wie: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten?
Am Ende wird es nicht der Staat lösen, sondern in ihm verdichten sich die Resultate gesellschaftlicher Debatten und Konflikte. Erste Anzeichen sehe ich, wie gesagt, schon jetzt. Die Bilder von der Berliner Krankenhausbewegung waren beeindruckend. Die Beschäftigten, die
95 sonst in ihren Stationen gefangen waren, kaum zu Hause bei ihren Familien sein konnten, diese Menschen haben plötzlich eine Form von kollektiver Stärke erlebt [...]. Es wird jetzt kein direktes politisches Klassenbewusstsein entstehen, aber schon jetzt gibt es eine kollektive Wahrnehmung im Sinne von: Wir haben mehr Macht, als wir dachten. Ein zartes Pflänzchen von Selbstbewusstsein.
1 vulnerabel: verletzlich
2 kompetitiv: wettbewerbs- oder konkurrenzfähig
3 Nanny: häusliche Angestellte, die sich um die Kinder einer Familie kümmert
4 Zugehfrau: Haushaltshilfe
5 Gorillas: Lebensmittel-Lieferdienst
Zur Interviewerin:
Jana Gioia Baurmann, geb. 1985, ist Redakteurin bei ZEIT ONLINE.
Zum Interviewten:
Prof. Dr. Oliver Nachtwey, geb. 1975, ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.
Baurmann, Jana Gioia: „Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey. In: ZEIT ONLINE vom 09.12.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).
Thema: Soziale Ungleichheit – hat sich Deutschland zu einer Klassengesellschaft entwickelt?
1. Analysieren Sie, was der Interviewte über die Polarisierung der Gesellschaft sagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die dahinterliegenden Veränderungen von Arbeitsstrukturen und Erwerbsbiografien.
(30 Punkte)
Aufgabe 3 - Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Mo… · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut
Thema: Soziale Ungleichheit – hat sich Deutschland zu einer Klassengesellschaft entwickelt?
Jana Gioia Baurmann
„Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey
ZEIT ONLINE: Deutschland steckt in der vierten Welle, Pflegekräfte sind völlig überarbeitet, es gibt zu wenige Intensivbetten. Warum bekommen diese Menschen, die unverzichtbar für unsere Gesellschaft sind, Merci-Schokolade – und nicht einen angemessenen Lohn für das, was sie leisten?
5 Oliver Nachtwey: Weil sich die Auffassung, was Leistung ist, in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Die gesellschaftliche Norm der Leistung wurde nachhaltig umgedeutet. Als Leistungsträgerinnen und Leistungsträger wurden nicht mehr diejenigen angesehen, die hart arbeiten – sondern all diejenigen, die Geld, Einfluss und Erfolg haben. Unternehmer, Managerinnen, Berater zum Beispiel. Sprechen wir über Leistung, geht es aber nicht allein
10 um Geld und Anerkennung, sondern um übergeordnete Fragen: Wie wollen wir leben? Und wie wollen wir arbeiten?
Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gesellschaft diese Fragen stellt?
Durchaus. Zu Beginn der Pandemie haben Menschen ja nicht nur auf den Balkonen stehend geklatscht. Da kamen auch Diskussionen darüber auf, wie unsere Gesellschaft, unter anderem
15 das Gesundheitssystem, funktionieren könnte. Die systemrelevanten Berufe sind für eine kurze Zeit – so als hätte man in der Gesellschaft einmal das Licht angemacht – in den Vordergrund gerückt. Diese Öffnung in der Debatte wurde jedoch wieder zurückgenommen. Corona und die damit zusammenhängenden Probleme wurden in der Welt der Arbeit stark normalisiert, indem einfach so weitergemacht wurde. Die Schäden werden immens sein – und es wird einen
20 Wandel geben.
Was meinen Sie?
Man ignoriert sowohl die Belastung der Beschäftigten als auch die Tatsache, dass unsere Gesellschaft immer weniger auf Produktion ausgerichtet ist. Wir sind längst zu einer reproduktiven Gesellschaft geworden. Im Gesundheitssektor arbeiten dreimal mehr Menschen als
25 in der Automobilindustrie. Das produzierende Gewerbe stellt nur noch ein Viertel aller Beschäftigten. Pflege, Erziehung, Gesundheit gehören zu den größten Sektoren. Das ist eine Folge der gesellschaftlichen Modernisierung. Die Gesellschaft wird älter, aber dadurch auch vulnerabler 1. Weil viele Menschen von zu Hause wegziehen, können sie auch ihre Eltern nicht mehr pflegen, und weil immer häufiger beide Partner berufstätig sind, müssen die Kin-
30 der außer Haus versorgt werden. Und dann gibt es noch die aufgestiegene Mittelklasse, die – um in ihren Berufen besonders kompetitiv 2 zu sein – verschiedene Dienstboten braucht. Das will die Gesellschaft jedoch nicht sehen. Es wird verdrängt, dass unsere Gesellschaft auf einer reproduktiven Arbeiter:innenklasse beruht.
An wen denken Sie, wenn Sie von Dienstboten sprechen?
35 Die Mittelklasse kann ihr Mittelklassedasein in der Form nur praktizieren, weil sie von einer Reihe von Dienstboten abgesichert wird: Man hat eine Nanny 3, eine Zugehfrau 4, Hemden und Hosen gibt man zum Bügeln ab, das Essen wird bis an die Haustür geliefert.
Sollte die Mittelklasse ein schlechtes Gewissen haben, weil sie andere ausbeutet, um ihren eigenen Wohlstand zu halten?
40 Wenn man Tariflöhne zahlt und einen fairen Umgang pflegt – nicht unbedingt. Diese Form der Mittelklassenexistenz ist auch ein Resultat der gesellschaftlichen Arbeitsteilung. Die Emanzipation aus der Hausfrauenehe macht es für Familien und vor allem für Frauen unmöglich, Care-Tätigkeiten und gleichzeitig Erwerbsarbeit nachzukommen. Der Druck ist jetzt schon enorm. Wenn die Mittelklasse aufhören würde, Tätigkeiten zu delegieren, wäre sie nicht mehr
45 konkurrenzfähig. Man kann sich aber fragen: Will ich so leben? Oder noch besser: Sollten wir alle so leben? Individuelle Auswege sind kaum möglich, nur kollektiv würde das gehen. Etwa durch eine radikale Verkürzung der Arbeitszeit – dann bräuchte es auch diese Form der Arbeitsteilung nicht mehr. [...]
Ist uns [...] nicht bewusst, dass wir in einer Klassengesellschaft leben?
50 In Großbritannien beispielsweise gehört die Existenz der Klassengesellschaft zum Alltagswissen, man erkennt sie an, blickt aber auch auf die Unterschicht herab. In Deutschland erzählt niemand stolz, dass dreimal in der Woche die Zugehfrau kommt. Stolz ist man hingegen, und erzählt es auch, wenn das fünfjährige Kind Englisch lernt. Die Leute wissen also ganz genau, dass es eine Klassengesellschaft gibt – sonst würden sie ihre Kinder nicht darauf
55 trimmen, oben bleiben zu können. Es ist nicht einfach Unwissen, sondern ein Wissen, das man leugnet, aber das durchaus da ist.
Sie haben vorhin gesagt, dass es eigentlich um zwei viel größere Fragen gehe, nämlich: Wie wollen wir arbeiten? Und wie wollen wir leben? Sie zu beantworten ist doch schwierig, wenn man die Tatsache verdrängt, dass es eine Klassengesellschaft gibt. Oder?
60 Ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht in einer besonderen Situation sind. Das Bundesarbeitsgericht hat beispielsweise entschieden, dass für die 24-Stunden-Pflege der Mindestlohn gezahlt werden muss. Bei den Berliner Krankenhäusern wurde kürzlich gestreikt, Gorillas 5 -Fahrer streikten, Dutzende sind sogar vor Gericht gezogen. In den vergangenen fünf Jahren wurde nicht deutlich mehr gestreikt, aber zumindest mehr als früher. Paradoxerweise hat das auch
65 was mit der Ausweitung der Prekarisierung zu tun.
Inwiefern?
Mittlerweile gibt es mehr Jobs, aber auch mehr schlecht bezahlte mit hoher Arbeitsverdichtung. In der Pandemie haben viele Beschäftigte angefangen, sich anders zu orientieren. Es gibt nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern mittlerweile auch einen relativen Servicekräfte-
70 mangel. Das hat die Verhandlungsposition vieler Arbeiterinnen und Arbeiter gestärkt. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Die Existenz der Klassengesellschaft wird nicht durch einen Erkenntnisprozess der Mittelklasse stattfinden. Die Einsicht, dass es eine Klassengesellschaft gibt, kann nur durch soziale Kämpfe und Konflikte geschehen. Weil dadurch auch eine andere Form von gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung passiert und neue Legitimations-
75 zwänge entstehen. Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, ist es möglich, die Leistungstragenden im Schatten zu lassen.
Warum verhält sich die Unterschicht so ruhig? Warum begehrt sie nicht mehr auf?
Das ist eine interessante Frage. Zunächst, weil sie müde und erschöpft ist. Arbeiterinnen und Arbeiter aus der Unterklasse haben lange Arbeitszeiten, bekommen viel Druck, spüren stän-
80 dig, flexibel sein zu müssen. Lohn und Anerkennung sind niedrig, das Beschäftigungsverhältnis in der Regel ungesichert, bei migrantischen Beschäftigten ist der Aufenthaltsstatus prekär. Dazu kommt, dass viele Arbeiterinnen und Arbeiter desillusioniert sind – von der Politik, den Parteien, aber auch von den Gewerkschaften. [...] Individuell haben die Angehörigen der Unterklasse meistens nicht aufbegehrt, sondern am Ende auf Exit gesetzt: Sie haben sich weni-
85 ger am politischen Geschehen beteiligt, sind nicht mehr zur Wahl gegangen. Wenn es ihnen möglich ist, kämpfen sie nicht für bessere Bedingungen in ihren Jobs, sondern suchen sich vermeintlich bessere. Aber die Vektoren haben die Richtung geändert. Es gibt vorerst keine großen Kämpfe, aber wieder mehr Widerstand im Kleinen. [...]
Solange wir nur wenige Kämpfe sehen, bleibt es bei den verkannten Leistungstragenden, haben Sie vorhin gesagt. Aber wer beantwortet nun Fragen wie: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten?
Am Ende wird es nicht der Staat lösen, sondern in ihm verdichten sich die Resultate gesellschaftlicher Debatten und Konflikte. Erste Anzeichen sehe ich, wie gesagt, schon jetzt. Die Bilder von der Berliner Krankenhausbewegung waren beeindruckend. Die Beschäftigten, die
95 sonst in ihren Stationen gefangen waren, kaum zu Hause bei ihren Familien sein konnten, diese Menschen haben plötzlich eine Form von kollektiver Stärke erlebt [...]. Es wird jetzt kein direktes politisches Klassenbewusstsein entstehen, aber schon jetzt gibt es eine kollektive Wahrnehmung im Sinne von: Wir haben mehr Macht, als wir dachten. Ein zartes Pflänzchen von Selbstbewusstsein.
1 vulnerabel: verletzlich
2 kompetitiv: wettbewerbs- oder konkurrenzfähig
3 Nanny: häusliche Angestellte, die sich um die Kinder einer Familie kümmert
4 Zugehfrau: Haushaltshilfe
5 Gorillas: Lebensmittel-Lieferdienst
Zur Interviewerin:
Jana Gioia Baurmann, geb. 1985, ist Redakteurin bei ZEIT ONLINE.
Zum Interviewten:
Prof. Dr. Oliver Nachtwey, geb. 1975, ist Professor für Sozialstrukturanalyse an der Universität Basel.
Baurmann, Jana Gioia: „Die Mittelschicht braucht Dienstboten“ – Interview mit Oliver Nachtwey. In: ZEIT ONLINE vom 09.12.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).
2.
Beschreiben Sie ein Modell, mit dem sich vertikale soziale Ungleichheit erfassen lässt. Stellen Sie außerdem ein Modell dar, das darüber hinaus auch horizontale Ungleichheiten berücksichtigt. Vergleichen Sie die Gesellschaftsanalyse Nachtweys mit diesen beiden Modellen. (26 Punkte)
3.
Erörtern Sie die Auffassung Nachtweys, wonach die deutsche Gesellschaft als Klassengesellschaft zu verstehen sei (vgl. Z. 54 ff.). (24 Punkte)
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