Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3: Wandel von Arbeitsst… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Thema: Arbeit im Fürsorge- und Gesundheitssektor – Ausbeutung von Frauen?

Lena Böllinger

Die schlechte Nachricht: Niemand muss zurück an den Herd

Vor ziemlich genau einem Jahr warnte die renommierte Soziologin und Präsidentin des Wis-

senschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, die Corona-Krise gehe

mit einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ des Geschlechterverhältnisses einher. Wir wür-

den mit Rollenverteilungen konfrontiert, die denen unserer Eltern und Großeltern ähnelten,

5 und gleichstellungspolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Verschiedene Studien belegen

inzwischen in der Tat, dass die Krise für Frauen, insbesondere für Mütter, sehr viel negativere

Konsequenzen hat als für Männer und Väter. Zu diskutieren bleibt allerdings, wie wir diese

Befunde einordnen und politisch skandalisieren.

Die griffige These einer Retraditionalisierung scheint dabei zwar sehr medientauglich, sie ist

10 jedoch völlig ungeeignet, um zu verstehen, wie die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern

heute tatsächlich zustande kommt und warum sie sich so beharrlich hält. Die Berichterstat-

tung und Forschung zur Retraditionalisierungsthese verengt den Blick auf ungleiche Erwerbs-

arbeitszeiten und die Verteilung der Haus- und Sorgearbeit in den heterosexuellen Paarbezie-

hungen. Entlang linearer Fortschrittserzählungen wird dann viel darüber gestritten, ob sich die

15 Verhältnisse in den Familien nun re- oder enttraditionalisiert haben. Dringender und sinnvoller

wäre es jedoch, nachzuvollziehen, wie grundlegend sich die Art der Ausbeutung verändert

hat, mit der Frauen heute konfrontiert sind.

Um das zu verstehen, genügt es nicht, kleinteilig zu zählen, wer in den Kleinfamilien wie

viele Stunden Sorgearbeit leistet. Nicht, dass diese Statistiken völlig irrelevant wären, das

20 sind sie keinesfalls. Entscheidend ist jedoch die Frage, zu welchen ökonomischen, zeitlichen

und sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft insgesamt Sorgearbeit geleistet wird. Fest

steht: Die bürgerliche Vollzeithausfrau der Fünfzigerjahre, vor deren Rückkehr so eindring-

lich wie fehlgeleitet gewarnt wird, ist heute größtenteils verschwunden. Die Situation der Sor-

genden – meist Frauen – ist jedoch so miserabel wie seit eh und je. Wie kommt das? […]

25 [I]n der BRD bildeten sich 1975 „Lohn für Hausarbeit“-Gruppen. Wie kamen die Frauen dazu,

Lohn für Hausarbeit zu fordern? Das zentrale Argument war, dass die unbezahlte Hausarbeit

der Frauen weder natürliche Regung qua Mutterinstinkt noch ausschließlicher Liebesdienst

war, sondern einen handfesten ökonomischen Faktor darstellte, der die kapitalistische Produk-

tion überhaupt erst ermöglichte. Bevor Arbeiter in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinn

30 erwirtschaften können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt

werden, so die simple wie unmittelbar einleuchtende These. Obwohl diese Tätigkeiten dem-

nach die eigentliche Grundlage der Wirtschaft darstellen, wurden sie als außerökonomische

Tätigkeiten abqualifiziert. Die Arbeit der Frauen galt schlicht nicht als Arbeit, sondern als eine

Art dauerverfügbare Ressource, an der man sich gesellschaftlich und individuell scheinbar

35 endlos bedienen konnte. […]

Heute […] hat sich die Prognose einer „Hausfrauisierung der Arbeit“ bewahrheitet. Die Sozio-

loginnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof prophezeiten

damit bereits in den Achtzigerjahren die neoliberale Deregulierung und Prekarisierung der

meisten Arbeitsverhältnisse. Im Zentrum steht die These, dass sie sukzessive so behandelt

40 werden, als handele es sich um Hausfrauenarbeiten. Sie gelten dann tendenziell entweder als

wertlos oder als eine Art Zuverdienst. Die kapitalistische Verwertung kann so nahezu unent-

geltlich auf diese Arbeit zugreifen. Der Profit und das gute Leben einiger weniger werden auf

Kosten der schlecht oder unbezahlt Arbeitenden ermöglicht.

Tatsächlich gerieten Familien in den letzten Jahrzehnten finanziell sehr unter Druck. Ein Lohn

45 reicht heute nicht mehr für die ganze Familie. Frauen wollen und dürfen heute nicht nur einer

Erwerbsarbeit nachgehen – sie müssen es auch. Durch diesen Ressourcenabzug aus den Haus-

halten fehlt den Familien allerdings zunehmend Zeit, um überhaupt adäquat Sorge- und Haus-

arbeit leisten zu können. […]

Diese Entwicklung ist mit der These einer vermeintlichen Enttraditionalisierung der Verhält-

50 nisse, die man dann vor einer erneuten Retraditionalisierung bewahren müsste, nur unzurei-

chend beschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine schwer durchschaubare, weil verdeckte

Verschärfung der Ausbeutung von Frauen als Sorgenden.

Selbst dort, wo Sorgearbeit heute bezahlt wird, haben wir es eher mit einer pervertierten Kari-

katur dessen zu tun, wofür Feministinnen gekämpft haben. Zwar ist Sorgearbeit heute als

55 Beruf und Lohnarbeit durchaus anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind katastrophal

und die Löhne mies. Die Ökonomin Mascha Madörin weist darauf hin, dass das kein Zufall

ist. Das Problem seien die divergierenden Arbeitsproduktivitäten wertschöpfungsstarker und

wertschöpfungsschwacher Sektoren: In wertschöpfungsstarken Sektoren wie zum Beispiel in

der Automobilindustrie lässt sich die Arbeitszeit verdichten, technische Innovationen können

60 die Produktion beschleunigen oder Personal ersetzen. All das senkt die Produktionskosten,

steigert die Wertschöpfung und erhöht letztlich den Profit. Im Gesundheits-, Pflege- und Erzie-

hungssektor ist das nicht in gleichem Maße möglich. Die Kosten scheinen daher ständig zu

explodieren. Um sie dennoch zu drücken, spart man am Personal und an der Bezahlung der

Arbeitenden. Die Konsequenzen sind bekannt: auf der einen Seite schlechte Versorgung und

65 Verwahrlosung der Sorgebedürftigen. Auf der anderen Seite Überlastung, Burn-out, Armut

bei den Sorgenden, die noch dazu ein chronisch schlechtes Gewissen haben, den Bedürfnis-

sen der Sorgeempfangenden nicht gerecht zu werden. Die ehemaligen Vollzeithausfrauen ver-

dienen jetzt ihr eigenes Geld, und zwar unter miserablen Bedingungen. Der Sparzwang im

Sorgesektor hält sie zudem auch noch dazu an, die daraus resultierende Misere in unbezahl-

70 ten Überstunden und privater, unbezahlter Arbeit abzufedern.

Auch hier kommt man mit der Klage über retraditionalisierte Geschlechterverhältnisse nicht

weiter, denn diese Art der Zumutung in einem stetig wachsenden, profitorientierten und extrem

prekarisierten Sorgesektor ist neu. Wir müssen diese Veränderungen in ihrer Neuheit begrei-

fen, um dagegen vorgehen können. Der furchtsame Blick in die Vergangenheit, von der wir

75 glauben, sie könne uns wieder einholen, hilft da nicht weiter. […]

Die Situation von Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifellos sehr verändert. Die

beschriebene historische Entwicklung ist aber gerade keine lineare Fortschrittsgeschichte, bei

der es lediglich darum ginge, vermeintliche Erfolge zu verteidigen. Denn eines hat sich in all

den Jahren nicht verändert: Die Sorgearbeit gilt heute wie seit eh und je als quasi dauerver-

80 fügbare, weiblich konnotierte 1 Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen

zu können glaubt. […]

Das Schreckgespenst der bürgerlichen Vollzeithausfrau, vor dem in der Retraditionalisie-

rungsdebatte so einmütig gewarnt wird, ist damit eher ein Phantom als eine reale Bedrohung.

Die Verhältnisse haben sich ideologisch und ökonomisch so grundlegend gewandelt, dass

85 kein simpler „Rückfall“ und kein „Rollback“ anstehen. Das ist allerdings keine gute Nach-

richt: Frauen müssen heute keine Angst haben, dass sie an den Herd zurückgeschickt werden,

sondern vielmehr, dass sie als chronische Burn-out-Patientinnen in der Klinik landen. Der

eigentliche Skandal besteht […] darin, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse

Sorgende in körperliche und psychische Erschöpfungszustände treiben, sie prekarisieren und

90 ihnen ein Leben in Altersarmut in Aussicht stellen.

1 konnotiert: hier: besetzt

Zur Autorin: Lena Böllinger ist Lehrbeauftragte für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund.

2.

Stellen Sie die Veränderung von Arbeitsstrukturen und Geschlechterrollen im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Gesellschaft dar. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche Aussagen die Autorin über die Auswirkungen von Sorgearbeit auf die betroffenen Frauen trifft. (26 Punkte)

3.

Erörtern Sie die Behauptung der Autorin, Sorgearbeit werde heute als „quasi dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen zu können glaubt“ (Z. 79 ff.) betrachtet. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3: Wandel von Arbeitsst… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie die Veränderung von Arbeitsstrukturen und Geschlechterrollen im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Gesellschaft dar. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche Aussagen die Autorin über die Auswirkungen von Sorgearbeit auf die betroffenen Frauen trifft.

Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung zu Teilaufgabe 2 umfasst: - Wandel zur postindustriellen Gesellschaft: Zunahme von Wohlstand und Bildungsexpansion als Treiber von Individualisierungsprozessen; rechtliche Gleichstellung; Übergang von der Industrie- zur Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft. - Wandel von Arbeitsstrukturen: Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, Zunahme atypischer und prekärer Beschäftigung (Befristung, Teilzeit, Leiharbeit, Minijobs), Flexibilisierung und Entgrenzung von Arbeit (z. B. Homeoffice, Projektarbeit). - Wandel von Geschlechterrollen: Aufbrechen der traditionellen Hausfrauenehe, Bildungsexpansion bei Frauen, partnerschaftliche Elternkonzepte, neue Väterrollen und steigende Erwerbsbeteiligung von Müttern. - Erläuterung der Textaussagen zu den Folgen: Entstehung einer Doppelbelastung (Erwerbs- und Fürsorgearbeit), physische und psychische Erschöpfung (Burn-out); Konzentration in unterbezahlten Care-Berufen; finanzielle Prekarität und drohende Altersarmut durch Teilzeitarbeit und geringe Rentenansprüche.

3. Erörtern Sie die Behauptung der Autorin, Sorgearbeit werde heute als „quasi dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen zu können glaubt“ (Z. 79 ff.) betrachtet.

Lösung: Eine überzeugende Erörterung zu Teilaufgabe 3 beinhaltet: - Argumente, die für die Aussage sprechen (Pro): Fortbestehende ungleiche Verteilung häuslicher Sorgearbeit (z. B. geringe Vätermonate bei der Elternzeit); Erfahrungen der Pandemie (Schul-/Kitaschließungen führten primär bei Frauen zu unbezahlter Mehrarbeit ohne adäquate Kompensation); deutliches Ungleichgewicht und niedrige Bezahlung in Care- und Pflegeberufen (Feminisierung des Niedriglohnsektors im Sozialbereich). - Argumente, die gegen die Aussage sprechen (Contra): Zunehmender Anteil aktiver Väter in Erziehung und Haushalt, verstärkte Inanspruchnahme von Elterngeld und ElterngeldPlus; politische Maßnahmen zur Aufwertung (z. B. Mütterrente, Debatten um Pflegegehälter/Boni); gestiegenes gesellschaftliches Bewusstsein für die Systemrelevanz von Sorgearbeit infolge der Corona-Krise. - Begründetes Fazit: Eigenständige Synthese und Beurteilung, inwieweit von einem tiefgreifenden Wertewandel versus struktureller Beharrung gesprochen werden kann.

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