Abitur NRW Soziologie 2022 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 8 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten · Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wertewandel und Individualisierung · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut · Sozialstaat und soziale Sicherung

Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1: Rollentheorie · Rollentheorien und Rollenkonflikte

Thema: Arbeit im Fürsorge- und Gesundheitssektor – Ausbeutung von Frauen?

Lena Böllinger

Die schlechte Nachricht: Niemand muss zurück an den Herd

Vor ziemlich genau einem Jahr warnte die renommierte Soziologin und Präsidentin des Wis-

senschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, die Corona-Krise gehe

mit einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ des Geschlechterverhältnisses einher. Wir wür-

den mit Rollenverteilungen konfrontiert, die denen unserer Eltern und Großeltern ähnelten,

5 und gleichstellungspolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Verschiedene Studien belegen

inzwischen in der Tat, dass die Krise für Frauen, insbesondere für Mütter, sehr viel negativere

Konsequenzen hat als für Männer und Väter. Zu diskutieren bleibt allerdings, wie wir diese

Befunde einordnen und politisch skandalisieren.

Die griffige These einer Retraditionalisierung scheint dabei zwar sehr medientauglich, sie ist

10 jedoch völlig ungeeignet, um zu verstehen, wie die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern

heute tatsächlich zustande kommt und warum sie sich so beharrlich hält. Die Berichterstat-

tung und Forschung zur Retraditionalisierungsthese verengt den Blick auf ungleiche Erwerbs-

arbeitszeiten und die Verteilung der Haus- und Sorgearbeit in den heterosexuellen Paarbezie-

hungen. Entlang linearer Fortschrittserzählungen wird dann viel darüber gestritten, ob sich die

15 Verhältnisse in den Familien nun re- oder enttraditionalisiert haben. Dringender und sinnvoller

wäre es jedoch, nachzuvollziehen, wie grundlegend sich die Art der Ausbeutung verändert

hat, mit der Frauen heute konfrontiert sind.

Um das zu verstehen, genügt es nicht, kleinteilig zu zählen, wer in den Kleinfamilien wie

viele Stunden Sorgearbeit leistet. Nicht, dass diese Statistiken völlig irrelevant wären, das

20 sind sie keinesfalls. Entscheidend ist jedoch die Frage, zu welchen ökonomischen, zeitlichen

und sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft insgesamt Sorgearbeit geleistet wird. Fest

steht: Die bürgerliche Vollzeithausfrau der Fünfzigerjahre, vor deren Rückkehr so eindring-

lich wie fehlgeleitet gewarnt wird, ist heute größtenteils verschwunden. Die Situation der Sor-

genden – meist Frauen – ist jedoch so miserabel wie seit eh und je. Wie kommt das? […]

25 [I]n der BRD bildeten sich 1975 „Lohn für Hausarbeit“-Gruppen. Wie kamen die Frauen dazu,

Lohn für Hausarbeit zu fordern? Das zentrale Argument war, dass die unbezahlte Hausarbeit

der Frauen weder natürliche Regung qua Mutterinstinkt noch ausschließlicher Liebesdienst

war, sondern einen handfesten ökonomischen Faktor darstellte, der die kapitalistische Produk-

tion überhaupt erst ermöglichte. Bevor Arbeiter in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinn

30 erwirtschaften können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt

werden, so die simple wie unmittelbar einleuchtende These. Obwohl diese Tätigkeiten dem-

nach die eigentliche Grundlage der Wirtschaft darstellen, wurden sie als außerökonomische

Tätigkeiten abqualifiziert. Die Arbeit der Frauen galt schlicht nicht als Arbeit, sondern als eine

Art dauerverfügbare Ressource, an der man sich gesellschaftlich und individuell scheinbar

35 endlos bedienen konnte. […]

Heute […] hat sich die Prognose einer „Hausfrauisierung der Arbeit“ bewahrheitet. Die Sozio-

loginnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof prophezeiten

damit bereits in den Achtzigerjahren die neoliberale Deregulierung und Prekarisierung der

meisten Arbeitsverhältnisse. Im Zentrum steht die These, dass sie sukzessive so behandelt

40 werden, als handele es sich um Hausfrauenarbeiten. Sie gelten dann tendenziell entweder als

wertlos oder als eine Art Zuverdienst. Die kapitalistische Verwertung kann so nahezu unent-

geltlich auf diese Arbeit zugreifen. Der Profit und das gute Leben einiger weniger werden auf

Kosten der schlecht oder unbezahlt Arbeitenden ermöglicht.

Tatsächlich gerieten Familien in den letzten Jahrzehnten finanziell sehr unter Druck. Ein Lohn

45 reicht heute nicht mehr für die ganze Familie. Frauen wollen und dürfen heute nicht nur einer

Erwerbsarbeit nachgehen – sie müssen es auch. Durch diesen Ressourcenabzug aus den Haus-

halten fehlt den Familien allerdings zunehmend Zeit, um überhaupt adäquat Sorge- und Haus-

arbeit leisten zu können. […]

Diese Entwicklung ist mit der These einer vermeintlichen Enttraditionalisierung der Verhält-

50 nisse, die man dann vor einer erneuten Retraditionalisierung bewahren müsste, nur unzurei-

chend beschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine schwer durchschaubare, weil verdeckte

Verschärfung der Ausbeutung von Frauen als Sorgenden.

Selbst dort, wo Sorgearbeit heute bezahlt wird, haben wir es eher mit einer pervertierten Kari-

katur dessen zu tun, wofür Feministinnen gekämpft haben. Zwar ist Sorgearbeit heute als

55 Beruf und Lohnarbeit durchaus anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind katastrophal

und die Löhne mies. Die Ökonomin Mascha Madörin weist darauf hin, dass das kein Zufall

ist. Das Problem seien die divergierenden Arbeitsproduktivitäten wertschöpfungsstarker und

wertschöpfungsschwacher Sektoren: In wertschöpfungsstarken Sektoren wie zum Beispiel in

der Automobilindustrie lässt sich die Arbeitszeit verdichten, technische Innovationen können

60 die Produktion beschleunigen oder Personal ersetzen. All das senkt die Produktionskosten,

steigert die Wertschöpfung und erhöht letztlich den Profit. Im Gesundheits-, Pflege- und Erzie-

hungssektor ist das nicht in gleichem Maße möglich. Die Kosten scheinen daher ständig zu

explodieren. Um sie dennoch zu drücken, spart man am Personal und an der Bezahlung der

Arbeitenden. Die Konsequenzen sind bekannt: auf der einen Seite schlechte Versorgung und

65 Verwahrlosung der Sorgebedürftigen. Auf der anderen Seite Überlastung, Burn-out, Armut

bei den Sorgenden, die noch dazu ein chronisch schlechtes Gewissen haben, den Bedürfnis-

sen der Sorgeempfangenden nicht gerecht zu werden. Die ehemaligen Vollzeithausfrauen ver-

dienen jetzt ihr eigenes Geld, und zwar unter miserablen Bedingungen. Der Sparzwang im

Sorgesektor hält sie zudem auch noch dazu an, die daraus resultierende Misere in unbezahl-

70 ten Überstunden und privater, unbezahlter Arbeit abzufedern.

Auch hier kommt man mit der Klage über retraditionalisierte Geschlechterverhältnisse nicht

weiter, denn diese Art der Zumutung in einem stetig wachsenden, profitorientierten und extrem

prekarisierten Sorgesektor ist neu. Wir müssen diese Veränderungen in ihrer Neuheit begrei-

fen, um dagegen vorgehen können. Der furchtsame Blick in die Vergangenheit, von der wir

75 glauben, sie könne uns wieder einholen, hilft da nicht weiter. […]

Die Situation von Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifellos sehr verändert. Die

beschriebene historische Entwicklung ist aber gerade keine lineare Fortschrittsgeschichte, bei

der es lediglich darum ginge, vermeintliche Erfolge zu verteidigen. Denn eines hat sich in all

den Jahren nicht verändert: Die Sorgearbeit gilt heute wie seit eh und je als quasi dauerver-

80 fügbare, weiblich konnotierte 1 Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen

zu können glaubt. […]

Das Schreckgespenst der bürgerlichen Vollzeithausfrau, vor dem in der Retraditionalisie-

rungsdebatte so einmütig gewarnt wird, ist damit eher ein Phantom als eine reale Bedrohung.

Die Verhältnisse haben sich ideologisch und ökonomisch so grundlegend gewandelt, dass

85 kein simpler „Rückfall“ und kein „Rollback“ anstehen. Das ist allerdings keine gute Nach-

richt: Frauen müssen heute keine Angst haben, dass sie an den Herd zurückgeschickt werden,

sondern vielmehr, dass sie als chronische Burn-out-Patientinnen in der Klinik landen. Der

eigentliche Skandal besteht […] darin, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse

Sorgende in körperliche und psychische Erschöpfungszustände treiben, sie prekarisieren und

90 ihnen ein Leben in Altersarmut in Aussicht stellen.

1 konnotiert: hier: besetzt

Zur Autorin: Lena Böllinger ist Lehrbeauftragte für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund.

1.

Analysieren Sie, was die Verfasserin über die sogenannte Sorgearbeit aussagt. Beschreiben Sie in diesem Zusammenhang die zentralen Annahmen der strukturfunktionalistischen Rollentheorie und erklären Sie vor diesem Hintergrund, wie sich die im Text dargestellte aktuelle Aufteilung der Sorgearbeit begründen lässt. (30 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3: Wandel von Arbeitsst… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Thema: Arbeit im Fürsorge- und Gesundheitssektor – Ausbeutung von Frauen?

Lena Böllinger

Die schlechte Nachricht: Niemand muss zurück an den Herd

Vor ziemlich genau einem Jahr warnte die renommierte Soziologin und Präsidentin des Wis-

senschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, Jutta Allmendinger, die Corona-Krise gehe

mit einer „entsetzlichen Retraditionalisierung“ des Geschlechterverhältnisses einher. Wir wür-

den mit Rollenverteilungen konfrontiert, die denen unserer Eltern und Großeltern ähnelten,

5 und gleichstellungspolitisch um Jahrzehnte zurückgeworfen. Verschiedene Studien belegen

inzwischen in der Tat, dass die Krise für Frauen, insbesondere für Mütter, sehr viel negativere

Konsequenzen hat als für Männer und Väter. Zu diskutieren bleibt allerdings, wie wir diese

Befunde einordnen und politisch skandalisieren.

Die griffige These einer Retraditionalisierung scheint dabei zwar sehr medientauglich, sie ist

10 jedoch völlig ungeeignet, um zu verstehen, wie die Asymmetrie zwischen den Geschlechtern

heute tatsächlich zustande kommt und warum sie sich so beharrlich hält. Die Berichterstat-

tung und Forschung zur Retraditionalisierungsthese verengt den Blick auf ungleiche Erwerbs-

arbeitszeiten und die Verteilung der Haus- und Sorgearbeit in den heterosexuellen Paarbezie-

hungen. Entlang linearer Fortschrittserzählungen wird dann viel darüber gestritten, ob sich die

15 Verhältnisse in den Familien nun re- oder enttraditionalisiert haben. Dringender und sinnvoller

wäre es jedoch, nachzuvollziehen, wie grundlegend sich die Art der Ausbeutung verändert

hat, mit der Frauen heute konfrontiert sind.

Um das zu verstehen, genügt es nicht, kleinteilig zu zählen, wer in den Kleinfamilien wie

viele Stunden Sorgearbeit leistet. Nicht, dass diese Statistiken völlig irrelevant wären, das

20 sind sie keinesfalls. Entscheidend ist jedoch die Frage, zu welchen ökonomischen, zeitlichen

und sozialen Bedingungen in unserer Gesellschaft insgesamt Sorgearbeit geleistet wird. Fest

steht: Die bürgerliche Vollzeithausfrau der Fünfzigerjahre, vor deren Rückkehr so eindring-

lich wie fehlgeleitet gewarnt wird, ist heute größtenteils verschwunden. Die Situation der Sor-

genden – meist Frauen – ist jedoch so miserabel wie seit eh und je. Wie kommt das? […]

25 [I]n der BRD bildeten sich 1975 „Lohn für Hausarbeit“-Gruppen. Wie kamen die Frauen dazu,

Lohn für Hausarbeit zu fordern? Das zentrale Argument war, dass die unbezahlte Hausarbeit

der Frauen weder natürliche Regung qua Mutterinstinkt noch ausschließlicher Liebesdienst

war, sondern einen handfesten ökonomischen Faktor darstellte, der die kapitalistische Produk-

tion überhaupt erst ermöglichte. Bevor Arbeiter in Fabriken und Angestellte in Büros Gewinn

30 erwirtschaften können, müssen sie erst einmal geboren, gepflegt, geliebt, erzogen und versorgt

werden, so die simple wie unmittelbar einleuchtende These. Obwohl diese Tätigkeiten dem-

nach die eigentliche Grundlage der Wirtschaft darstellen, wurden sie als außerökonomische

Tätigkeiten abqualifiziert. Die Arbeit der Frauen galt schlicht nicht als Arbeit, sondern als eine

Art dauerverfügbare Ressource, an der man sich gesellschaftlich und individuell scheinbar

35 endlos bedienen konnte. […]

Heute […] hat sich die Prognose einer „Hausfrauisierung der Arbeit“ bewahrheitet. Die Sozio-

loginnen Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen und Claudia von Werlhof prophezeiten

damit bereits in den Achtzigerjahren die neoliberale Deregulierung und Prekarisierung der

meisten Arbeitsverhältnisse. Im Zentrum steht die These, dass sie sukzessive so behandelt

40 werden, als handele es sich um Hausfrauenarbeiten. Sie gelten dann tendenziell entweder als

wertlos oder als eine Art Zuverdienst. Die kapitalistische Verwertung kann so nahezu unent-

geltlich auf diese Arbeit zugreifen. Der Profit und das gute Leben einiger weniger werden auf

Kosten der schlecht oder unbezahlt Arbeitenden ermöglicht.

Tatsächlich gerieten Familien in den letzten Jahrzehnten finanziell sehr unter Druck. Ein Lohn

45 reicht heute nicht mehr für die ganze Familie. Frauen wollen und dürfen heute nicht nur einer

Erwerbsarbeit nachgehen – sie müssen es auch. Durch diesen Ressourcenabzug aus den Haus-

halten fehlt den Familien allerdings zunehmend Zeit, um überhaupt adäquat Sorge- und Haus-

arbeit leisten zu können. […]

Diese Entwicklung ist mit der These einer vermeintlichen Enttraditionalisierung der Verhält-

50 nisse, die man dann vor einer erneuten Retraditionalisierung bewahren müsste, nur unzurei-

chend beschrieben. Vielmehr handelt es sich um eine schwer durchschaubare, weil verdeckte

Verschärfung der Ausbeutung von Frauen als Sorgenden.

Selbst dort, wo Sorgearbeit heute bezahlt wird, haben wir es eher mit einer pervertierten Kari-

katur dessen zu tun, wofür Feministinnen gekämpft haben. Zwar ist Sorgearbeit heute als

55 Beruf und Lohnarbeit durchaus anerkannt, aber die Arbeitsbedingungen sind katastrophal

und die Löhne mies. Die Ökonomin Mascha Madörin weist darauf hin, dass das kein Zufall

ist. Das Problem seien die divergierenden Arbeitsproduktivitäten wertschöpfungsstarker und

wertschöpfungsschwacher Sektoren: In wertschöpfungsstarken Sektoren wie zum Beispiel in

der Automobilindustrie lässt sich die Arbeitszeit verdichten, technische Innovationen können

60 die Produktion beschleunigen oder Personal ersetzen. All das senkt die Produktionskosten,

steigert die Wertschöpfung und erhöht letztlich den Profit. Im Gesundheits-, Pflege- und Erzie-

hungssektor ist das nicht in gleichem Maße möglich. Die Kosten scheinen daher ständig zu

explodieren. Um sie dennoch zu drücken, spart man am Personal und an der Bezahlung der

Arbeitenden. Die Konsequenzen sind bekannt: auf der einen Seite schlechte Versorgung und

65 Verwahrlosung der Sorgebedürftigen. Auf der anderen Seite Überlastung, Burn-out, Armut

bei den Sorgenden, die noch dazu ein chronisch schlechtes Gewissen haben, den Bedürfnis-

sen der Sorgeempfangenden nicht gerecht zu werden. Die ehemaligen Vollzeithausfrauen ver-

dienen jetzt ihr eigenes Geld, und zwar unter miserablen Bedingungen. Der Sparzwang im

Sorgesektor hält sie zudem auch noch dazu an, die daraus resultierende Misere in unbezahl-

70 ten Überstunden und privater, unbezahlter Arbeit abzufedern.

Auch hier kommt man mit der Klage über retraditionalisierte Geschlechterverhältnisse nicht

weiter, denn diese Art der Zumutung in einem stetig wachsenden, profitorientierten und extrem

prekarisierten Sorgesektor ist neu. Wir müssen diese Veränderungen in ihrer Neuheit begrei-

fen, um dagegen vorgehen können. Der furchtsame Blick in die Vergangenheit, von der wir

75 glauben, sie könne uns wieder einholen, hilft da nicht weiter. […]

Die Situation von Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten zweifellos sehr verändert. Die

beschriebene historische Entwicklung ist aber gerade keine lineare Fortschrittsgeschichte, bei

der es lediglich darum ginge, vermeintliche Erfolge zu verteidigen. Denn eines hat sich in all

den Jahren nicht verändert: Die Sorgearbeit gilt heute wie seit eh und je als quasi dauerver-

80 fügbare, weiblich konnotierte 1 Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen

zu können glaubt. […]

Das Schreckgespenst der bürgerlichen Vollzeithausfrau, vor dem in der Retraditionalisie-

rungsdebatte so einmütig gewarnt wird, ist damit eher ein Phantom als eine reale Bedrohung.

Die Verhältnisse haben sich ideologisch und ökonomisch so grundlegend gewandelt, dass

85 kein simpler „Rückfall“ und kein „Rollback“ anstehen. Das ist allerdings keine gute Nach-

richt: Frauen müssen heute keine Angst haben, dass sie an den Herd zurückgeschickt werden,

sondern vielmehr, dass sie als chronische Burn-out-Patientinnen in der Klinik landen. Der

eigentliche Skandal besteht […] darin, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse

Sorgende in körperliche und psychische Erschöpfungszustände treiben, sie prekarisieren und

90 ihnen ein Leben in Altersarmut in Aussicht stellen.

1 konnotiert: hier: besetzt

Zur Autorin: Lena Böllinger ist Lehrbeauftragte für Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Dortmund.

2.

Stellen Sie die Veränderung von Arbeitsstrukturen und Geschlechterrollen im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Gesellschaft dar. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang, welche Aussagen die Autorin über die Auswirkungen von Sorgearbeit auf die betroffenen Frauen trifft. (26 Punkte)

3.

Erörtern Sie die Behauptung der Autorin, Sorgearbeit werde heute als „quasi dauerverfügbare, weiblich konnotierte Ressource, an der man sich gesellschaftlich beliebig bedienen zu können glaubt“ (Z. 79 ff.) betrachtet. (24 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1: Wandel der Arbeit als Ursac… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Christoph Butterwegge

Die polarisierende Pandemie

In der Covid-19-Pandemie hat sich die soziale Ungleichheit auf der ganzen Welt zum Teil

drastisch verschärft. Dafür ist allerdings nicht primär SARS-CoV-2 verantwortlich, denn vor

diesem Virus sind, was seine Infektiosität betrifft, alle Menschen gleich. Doch weil sich deren

Gesundheitszustand, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Einkommens-, Vermögens- und

5 Wohnverhältnisse stark voneinander unterscheiden, sind auch die Infektionsrisiken sehr un-

gleich auf einzelne Gruppen verteilt.

Ungerecht ist nicht das Virus an sich, sondern die Klassengesellschaft, auf deren Mitglieder

es trifft. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Machtstrukturen und Verteilungsmecha-

nismen bewirken, dass Covid-19 den Trend zur sozioökonomischen Polarisierung verstärkt.

10 Die Pandemie erzeugt schwere wirtschaftliche Verwerfungen und macht so das Kardinal-

problem 1 der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß wie unter einem Brenn-

glas sichtbar, sondern wirkt auch als Katalysator, wodurch sich die Ungleichheit weiter ver-

schärft. Die Pandemie wirkt polarisierend – ökonomisch, sozial und politisch.

Von der Pandemie am stärksten betroffen sind die Immun- und die Finanzschwächsten – zwei

15 Gruppen, die sich personell nicht zufällig überlappen. Denn sozial bedingte Vorerkrankungen

wie Asthma bronchiale, Adipositas (Fettleibigkeit), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder

COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen beispielsweise in der Fleischindus-

trie sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko für eine

Infektion und einen schweren Krankheitsverlauf beträchtlich. Die Hauptleidtragenden der

20 Pandemie sind die überwiegend einkommens- und immunschwachen Obdach- und Wohnungs-

losen, aber auch andere Bewohner*innen von Gemeinschaftsunterkünften wie Strafgefangene

oder Geflüchtete. Ähnliches gilt für Suchtkranke, Erwerbslose, Geringverdiener*innen oder

Kleinstrentner*innen.

Länger geltende Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen

25 zerstören die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen. So führen das Aus-

bleiben von Passant*innen und die Furcht vor Infektionen manchmal zum Totalausfall der

Einnahmen von Bettler*innen oder Pfandsammler*innen. Auch die Schließung der meisten

Lebensmitteltafeln erhöht die finanzielle Belastung Bedürftiger. [...]

Aufgrund der stärkeren Krisenbetroffenheit gering entlohnter Berufsgruppen hat das Armuts-

30 risiko im unteren Einkommensbereich stark zugenommen. Wissenschaftler*innen des Insti-

tuts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gelangen zu dem Ergebnis, „dass die besser

entlohnten Arbeitskräfte in Deutschland im Mittel in deutlich geringerem Maße den krisen-

bedingten Ausschlägen am Arbeitsmarkt ausgesetzt waren als die Beschäftigten im unteren

Lohnbereich.“

35 Im scharfen Kontrast dazu steht der obere Teil der Einkommenspyramide: Zwar brachen

die Aktienkurse hierzulande nach Ausbruch der Pandemie im März 2020 wie an sämtlichen

Börsen der Welt vorübergehend ein. Dramatische Verluste erlitten jedoch primär Kleinaktio-

när*innen, die generell zu Panikreaktionen und überhasteten Verkäufen neigen. [...] Groß-

aktionär*innen dürften die Gunst der Stunde [hingegen] für Ergänzungskäufe zu relativ nie-

40 drigen Kursen genutzt und davon profitiert haben, dass der Kurstrend in Erwartung eines

staatlichen Konjunkturprogramms bald wieder nach oben zeigte. Ungefähr zur selben Zeit,

als die Zahl der täglich an Covid-19 Verstorbenen kurz nach Weihnachten einen Höchststand

erreichte, stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) sogar auf einen historischen Rekordwert.

So kann es nicht verwundern, dass zu den Hauptprofiteuren des Krisendesasters einige der

45 profitabelsten Unternehmen mit den reichsten Eigentümern gehören. Unter dem Druck der

Coronakrise, die zu Einkommensverlusten durch Kurzarbeit, Geschäftsaufgaben und Arbeits-

losigkeit geführt hat, kauften mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern ein, wodurch die

Besitzer solcher Ladenketten, die ohnehin zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch

reicher geworden sind. [...] Hingegen haben viele kleine Einzelhändler*innen während der

50 Lockdowns wegen der Schließung ihrer Läden und ausbleibender Kund*innen ihre Existenz-

grundlage verloren.

Während es in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie zu zahlreichen Kon-

kursen und Entlassungen kommt, haben Großkonzerne krisenresistenter Branchen in der

Coronakrise sogar Extraprofite realisiert. Das gilt etwa auch für Drogeriemärkte, den Ver-

55 sandhandel, Lieferdienste, die Digitalwirtschaft und die Pharmaindustrie. Auch ist der Besitzer

eines Baumarktes nunmehr in einer sehr viel günstigeren Situation als ein Unternehmer im

Messebau. Ob man als Steuerberater*in arbeitet oder in einem Reisebüro beschäftigt ist, macht

gleichfalls einen riesigen Unterschied.

Zudem verschärft sich die Ungleichheit der Geschlechter, denn Frauen sind, anders als bei

60 der Finanzkrise 2008/09, stärker vom Beschäftigungsrückgang betroffen, weil sie häufiger

in Krisenbranchen wie dem Gastgewerbe tätig sind. Außerdem sind es hauptsächlich Mütter,

die im Erwerbsleben zurückstecken müssen, weil sich Beruf und Familie im Homeoffice bei

geschlossenen Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen noch weniger miteinander ver-

einbaren lassen als sonst. Während sich so das Erwerbseinkommen von Frauen verringert,

65 vermehrt sich die von ihnen erbrachte Sorgearbeit, weshalb man von ihrer „doppelten Benach-

teiligung“ sprechen kann.

Der Staat hat seinerseits dazu beigetragen, diese Ungleichheit zu verschärfen: Bund, Länder

und Gemeinden haben in der Coronakrise hohe Geldbeträge für direkte Finanzhilfen, Bürg-

schaften und Kredite bereitgestellt, die hauptsächlich den Unternehmen – auch und gerade

70 Konzernen wie der Lufthansa, dem Reiseanbieter TUI oder Galeria Karstadt Kaufhof – zu-

gutekamen. Sozial benachteiligte Personengruppen wie Obdachlose, Hartz-IV-Bezieher*innen

und Kleinstrentner*innen wurden hingegen bislang – wenn überhaupt – nur am Rande berück-

sichtigt. Das gilt auch für eine weitere Gruppe, die derzeit mit erheblichen Einbußen leben

muss: Beschäftigte im Niedriglohnsektor gehören zu den Hauptleidtragenden der Covid-19-

75 Pandemie, weil sie besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und den damit verbun-

denen Einkommensverlusten betroffen sind. „Dabei greifen sozialpolitische Kompensations-

maßnahmen wie die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes gerade für diese Beschäftigten-

gruppe am wenigsten“, so der Politikwissenschaftler Thorsten Schulten.

Auch Studierende, die mit ihrem regulären BAföG-Satz nicht auskommen und von ihren

80 Eltern nicht unterstützt werden (können), haben häufig ihren Nebenjob verloren, etwa in der

Gastronomie. Da sie weder Kurzarbeiter- noch Arbeitslosengeld oder Arbeitslosengeld II

beantragen können, kommt es zu Studienabbrüchen. Weder die Studienkredite der KfW 2 in

Höhe von maximal 650 Euro pro Monat noch die erst ab Mitte/Ende Juni 2020 gezahlten

Überbrückungshilfen aus dem Nothilfefonds im Umfang von 100 Mio. Euro reichen aus, um

85 die Betroffenen aufzufangen. [...]

Ganz anders sieht es auf Unternehmerseite aus: BMW ließ sich beispielsweise für über 20.000

Beschäftigte in Kurzarbeit fast die gesamten Lohnkosten einschließlich der Arbeitgeberbei-

träge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung erstatten, zahlte aber im Mai 2020 nicht

weniger als 1,64 Mrd. Euro an Dividenden für das Vorjahr aus. Davon erhielten allein die

90 beiden Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt, denen fast die Hälfte des Münchner

Automobilherstellers gehört, 769 Mio. Euro. Dass es auch anders geht, zeigen Frankreich,

Dänemark und Schweden: Sie haben Finanzhilfen an die Bedingung geknüpft, dass Unter-

nehmen vorübergehend keine Gewinne ausschütten. [...]

Auch in der Coronakrise hat sich damit eines nicht geändert: Wer hat, dem wird gegeben. Und

95 wer vor der Pandemie schon kaum über die Runden kam, hat es jetzt noch schwerer. [...]

Zum Autor:

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, war bis 2016 Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

1 Kardinalproblem: Hauptproblem, wichtigstes Problem

2 KfW: Kreditanstalt für Wiederaufbau, die weltweit größte nationale Förderbank

1. Analysieren Sie, was der Autor über die gesellschaftliche Polarisierung aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Ursachen, die schon vor der Corona-Pandemie Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen gefördert haben. (27 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2: Modelle sozialer Ungleichhe… · Soziale Ungleichheit: Dimensionen, Modelle und Armut

Christoph Butterwegge

Die polarisierende Pandemie

In der Covid-19-Pandemie hat sich die soziale Ungleichheit auf der ganzen Welt zum Teil

drastisch verschärft. Dafür ist allerdings nicht primär SARS-CoV-2 verantwortlich, denn vor

diesem Virus sind, was seine Infektiosität betrifft, alle Menschen gleich. Doch weil sich deren

Gesundheitszustand, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Einkommens-, Vermögens- und

5 Wohnverhältnisse stark voneinander unterscheiden, sind auch die Infektionsrisiken sehr un-

gleich auf einzelne Gruppen verteilt.

Ungerecht ist nicht das Virus an sich, sondern die Klassengesellschaft, auf deren Mitglieder

es trifft. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Machtstrukturen und Verteilungsmecha-

nismen bewirken, dass Covid-19 den Trend zur sozioökonomischen Polarisierung verstärkt.

10 Die Pandemie erzeugt schwere wirtschaftliche Verwerfungen und macht so das Kardinal-

problem 1 der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß wie unter einem Brenn-

glas sichtbar, sondern wirkt auch als Katalysator, wodurch sich die Ungleichheit weiter ver-

schärft. Die Pandemie wirkt polarisierend – ökonomisch, sozial und politisch.

Von der Pandemie am stärksten betroffen sind die Immun- und die Finanzschwächsten – zwei

15 Gruppen, die sich personell nicht zufällig überlappen. Denn sozial bedingte Vorerkrankungen

wie Asthma bronchiale, Adipositas (Fettleibigkeit), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder

COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen beispielsweise in der Fleischindus-

trie sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko für eine

Infektion und einen schweren Krankheitsverlauf beträchtlich. Die Hauptleidtragenden der

20 Pandemie sind die überwiegend einkommens- und immunschwachen Obdach- und Wohnungs-

losen, aber auch andere Bewohner*innen von Gemeinschaftsunterkünften wie Strafgefangene

oder Geflüchtete. Ähnliches gilt für Suchtkranke, Erwerbslose, Geringverdiener*innen oder

Kleinstrentner*innen.

Länger geltende Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen

25 zerstören die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen. So führen das Aus-

bleiben von Passant*innen und die Furcht vor Infektionen manchmal zum Totalausfall der

Einnahmen von Bettler*innen oder Pfandsammler*innen. Auch die Schließung der meisten

Lebensmitteltafeln erhöht die finanzielle Belastung Bedürftiger. [...]

Aufgrund der stärkeren Krisenbetroffenheit gering entlohnter Berufsgruppen hat das Armuts-

30 risiko im unteren Einkommensbereich stark zugenommen. Wissenschaftler*innen des Insti-

tuts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gelangen zu dem Ergebnis, „dass die besser

entlohnten Arbeitskräfte in Deutschland im Mittel in deutlich geringerem Maße den krisen-

bedingten Ausschlägen am Arbeitsmarkt ausgesetzt waren als die Beschäftigten im unteren

Lohnbereich.“

35 Im scharfen Kontrast dazu steht der obere Teil der Einkommenspyramide: Zwar brachen

die Aktienkurse hierzulande nach Ausbruch der Pandemie im März 2020 wie an sämtlichen

Börsen der Welt vorübergehend ein. Dramatische Verluste erlitten jedoch primär Kleinaktio-

när*innen, die generell zu Panikreaktionen und überhasteten Verkäufen neigen. [...] Groß-

aktionär*innen dürften die Gunst der Stunde [hingegen] für Ergänzungskäufe zu relativ nie-

40 drigen Kursen genutzt und davon profitiert haben, dass der Kurstrend in Erwartung eines

staatlichen Konjunkturprogramms bald wieder nach oben zeigte. Ungefähr zur selben Zeit,

als die Zahl der täglich an Covid-19 Verstorbenen kurz nach Weihnachten einen Höchststand

erreichte, stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) sogar auf einen historischen Rekordwert.

So kann es nicht verwundern, dass zu den Hauptprofiteuren des Krisendesasters einige der

45 profitabelsten Unternehmen mit den reichsten Eigentümern gehören. Unter dem Druck der

Coronakrise, die zu Einkommensverlusten durch Kurzarbeit, Geschäftsaufgaben und Arbeits-

losigkeit geführt hat, kauften mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern ein, wodurch die

Besitzer solcher Ladenketten, die ohnehin zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch

reicher geworden sind. [...] Hingegen haben viele kleine Einzelhändler*innen während der

50 Lockdowns wegen der Schließung ihrer Läden und ausbleibender Kund*innen ihre Existenz-

grundlage verloren.

Während es in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie zu zahlreichen Kon-

kursen und Entlassungen kommt, haben Großkonzerne krisenresistenter Branchen in der

Coronakrise sogar Extraprofite realisiert. Das gilt etwa auch für Drogeriemärkte, den Ver-

55 sandhandel, Lieferdienste, die Digitalwirtschaft und die Pharmaindustrie. Auch ist der Besitzer

eines Baumarktes nunmehr in einer sehr viel günstigeren Situation als ein Unternehmer im

Messebau. Ob man als Steuerberater*in arbeitet oder in einem Reisebüro beschäftigt ist, macht

gleichfalls einen riesigen Unterschied.

Zudem verschärft sich die Ungleichheit der Geschlechter, denn Frauen sind, anders als bei

60 der Finanzkrise 2008/09, stärker vom Beschäftigungsrückgang betroffen, weil sie häufiger

in Krisenbranchen wie dem Gastgewerbe tätig sind. Außerdem sind es hauptsächlich Mütter,

die im Erwerbsleben zurückstecken müssen, weil sich Beruf und Familie im Homeoffice bei

geschlossenen Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen noch weniger miteinander ver-

einbaren lassen als sonst. Während sich so das Erwerbseinkommen von Frauen verringert,

65 vermehrt sich die von ihnen erbrachte Sorgearbeit, weshalb man von ihrer „doppelten Benach-

teiligung“ sprechen kann.

Der Staat hat seinerseits dazu beigetragen, diese Ungleichheit zu verschärfen: Bund, Länder

und Gemeinden haben in der Coronakrise hohe Geldbeträge für direkte Finanzhilfen, Bürg-

schaften und Kredite bereitgestellt, die hauptsächlich den Unternehmen – auch und gerade

70 Konzernen wie der Lufthansa, dem Reiseanbieter TUI oder Galeria Karstadt Kaufhof – zu-

gutekamen. Sozial benachteiligte Personengruppen wie Obdachlose, Hartz-IV-Bezieher*innen

und Kleinstrentner*innen wurden hingegen bislang – wenn überhaupt – nur am Rande berück-

sichtigt. Das gilt auch für eine weitere Gruppe, die derzeit mit erheblichen Einbußen leben

muss: Beschäftigte im Niedriglohnsektor gehören zu den Hauptleidtragenden der Covid-19-

75 Pandemie, weil sie besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und den damit verbun-

denen Einkommensverlusten betroffen sind. „Dabei greifen sozialpolitische Kompensations-

maßnahmen wie die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes gerade für diese Beschäftigten-

gruppe am wenigsten“, so der Politikwissenschaftler Thorsten Schulten.

Auch Studierende, die mit ihrem regulären BAföG-Satz nicht auskommen und von ihren

80 Eltern nicht unterstützt werden (können), haben häufig ihren Nebenjob verloren, etwa in der

Gastronomie. Da sie weder Kurzarbeiter- noch Arbeitslosengeld oder Arbeitslosengeld II

beantragen können, kommt es zu Studienabbrüchen. Weder die Studienkredite der KfW 2 in

Höhe von maximal 650 Euro pro Monat noch die erst ab Mitte/Ende Juni 2020 gezahlten

Überbrückungshilfen aus dem Nothilfefonds im Umfang von 100 Mio. Euro reichen aus, um

85 die Betroffenen aufzufangen. [...]

Ganz anders sieht es auf Unternehmerseite aus: BMW ließ sich beispielsweise für über 20.000

Beschäftigte in Kurzarbeit fast die gesamten Lohnkosten einschließlich der Arbeitgeberbei-

träge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung erstatten, zahlte aber im Mai 2020 nicht

weniger als 1,64 Mrd. Euro an Dividenden für das Vorjahr aus. Davon erhielten allein die

90 beiden Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt, denen fast die Hälfte des Münchner

Automobilherstellers gehört, 769 Mio. Euro. Dass es auch anders geht, zeigen Frankreich,

Dänemark und Schweden: Sie haben Finanzhilfen an die Bedingung geknüpft, dass Unter-

nehmen vorübergehend keine Gewinne ausschütten. [...]

Auch in der Coronakrise hat sich damit eines nicht geändert: Wer hat, dem wird gegeben. Und

95 wer vor der Pandemie schon kaum über die Runden kam, hat es jetzt noch schwerer. [...]

Zum Autor:

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, war bis 2016 Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

1 Kardinalproblem: Hauptproblem, wichtigstes Problem

2 KfW: Kreditanstalt für Wiederaufbau, die weltweit größte nationale Förderbank

2. Stellen Sie die Grundannahmen von Modellen dar, mit denen sich vertikale soziale Ungleichheit erfassen lässt (z. B. Schichtmodelle). Stellen Sie ebenso die Grundannahmen von Modellen dar, die darüber hinaus auch horizontale Ungleichheit berücksichtigen (z. B. Lebenslagenansatz). Ordnen Sie anschließend Butterwegges Analyse der gesellschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in diese Modelle ein. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 3: Sozialpolitische Maßnahmen · Sozialstaat und soziale Sicherung

Christoph Butterwegge

Die polarisierende Pandemie

In der Covid-19-Pandemie hat sich die soziale Ungleichheit auf der ganzen Welt zum Teil

drastisch verschärft. Dafür ist allerdings nicht primär SARS-CoV-2 verantwortlich, denn vor

diesem Virus sind, was seine Infektiosität betrifft, alle Menschen gleich. Doch weil sich deren

Gesundheitszustand, Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Einkommens-, Vermögens- und

5 Wohnverhältnisse stark voneinander unterscheiden, sind auch die Infektionsrisiken sehr un-

gleich auf einzelne Gruppen verteilt.

Ungerecht ist nicht das Virus an sich, sondern die Klassengesellschaft, auf deren Mitglieder

es trifft. Die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Machtstrukturen und Verteilungsmecha-

nismen bewirken, dass Covid-19 den Trend zur sozioökonomischen Polarisierung verstärkt.

10 Die Pandemie erzeugt schwere wirtschaftliche Verwerfungen und macht so das Kardinal-

problem 1 der Bundesrepublik, die wachsende Ungleichheit, nicht bloß wie unter einem Brenn-

glas sichtbar, sondern wirkt auch als Katalysator, wodurch sich die Ungleichheit weiter ver-

schärft. Die Pandemie wirkt polarisierend – ökonomisch, sozial und politisch.

Von der Pandemie am stärksten betroffen sind die Immun- und die Finanzschwächsten – zwei

15 Gruppen, die sich personell nicht zufällig überlappen. Denn sozial bedingte Vorerkrankungen

wie Asthma bronchiale, Adipositas (Fettleibigkeit), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder

COPD (Raucherlunge), katastrophale Arbeitsbedingungen beispielsweise in der Fleischindus-

trie sowie beengte und hygienisch bedenkliche Wohnverhältnisse erhöhen das Risiko für eine

Infektion und einen schweren Krankheitsverlauf beträchtlich. Die Hauptleidtragenden der

20 Pandemie sind die überwiegend einkommens- und immunschwachen Obdach- und Wohnungs-

losen, aber auch andere Bewohner*innen von Gemeinschaftsunterkünften wie Strafgefangene

oder Geflüchtete. Ähnliches gilt für Suchtkranke, Erwerbslose, Geringverdiener*innen oder

Kleinstrentner*innen.

Länger geltende Kontaktverbote, Ausgangsbeschränkungen und Einrichtungsschließungen

25 zerstören die ohnehin brüchige Lebensgrundlage der ärmsten Menschen. So führen das Aus-

bleiben von Passant*innen und die Furcht vor Infektionen manchmal zum Totalausfall der

Einnahmen von Bettler*innen oder Pfandsammler*innen. Auch die Schließung der meisten

Lebensmitteltafeln erhöht die finanzielle Belastung Bedürftiger. [...]

Aufgrund der stärkeren Krisenbetroffenheit gering entlohnter Berufsgruppen hat das Armuts-

30 risiko im unteren Einkommensbereich stark zugenommen. Wissenschaftler*innen des Insti-

tuts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gelangen zu dem Ergebnis, „dass die besser

entlohnten Arbeitskräfte in Deutschland im Mittel in deutlich geringerem Maße den krisen-

bedingten Ausschlägen am Arbeitsmarkt ausgesetzt waren als die Beschäftigten im unteren

Lohnbereich.“

35 Im scharfen Kontrast dazu steht der obere Teil der Einkommenspyramide: Zwar brachen

die Aktienkurse hierzulande nach Ausbruch der Pandemie im März 2020 wie an sämtlichen

Börsen der Welt vorübergehend ein. Dramatische Verluste erlitten jedoch primär Kleinaktio-

när*innen, die generell zu Panikreaktionen und überhasteten Verkäufen neigen. [...] Groß-

aktionär*innen dürften die Gunst der Stunde [hingegen] für Ergänzungskäufe zu relativ nie-

40 drigen Kursen genutzt und davon profitiert haben, dass der Kurstrend in Erwartung eines

staatlichen Konjunkturprogramms bald wieder nach oben zeigte. Ungefähr zur selben Zeit,

als die Zahl der täglich an Covid-19 Verstorbenen kurz nach Weihnachten einen Höchststand

erreichte, stieg der Deutsche Aktienindex (Dax) sogar auf einen historischen Rekordwert.

So kann es nicht verwundern, dass zu den Hauptprofiteuren des Krisendesasters einige der

45 profitabelsten Unternehmen mit den reichsten Eigentümern gehören. Unter dem Druck der

Coronakrise, die zu Einkommensverlusten durch Kurzarbeit, Geschäftsaufgaben und Arbeits-

losigkeit geführt hat, kauften mehr Familien bei Lebensmittel-Discountern ein, wodurch die

Besitzer solcher Ladenketten, die ohnehin zu den vermögendsten Deutschen gehören, noch

reicher geworden sind. [...] Hingegen haben viele kleine Einzelhändler*innen während der

50 Lockdowns wegen der Schließung ihrer Läden und ausbleibender Kund*innen ihre Existenz-

grundlage verloren.

Während es in der Gastronomie, der Touristik und der Luftfahrtindustrie zu zahlreichen Kon-

kursen und Entlassungen kommt, haben Großkonzerne krisenresistenter Branchen in der

Coronakrise sogar Extraprofite realisiert. Das gilt etwa auch für Drogeriemärkte, den Ver-

55 sandhandel, Lieferdienste, die Digitalwirtschaft und die Pharmaindustrie. Auch ist der Besitzer

eines Baumarktes nunmehr in einer sehr viel günstigeren Situation als ein Unternehmer im

Messebau. Ob man als Steuerberater*in arbeitet oder in einem Reisebüro beschäftigt ist, macht

gleichfalls einen riesigen Unterschied.

Zudem verschärft sich die Ungleichheit der Geschlechter, denn Frauen sind, anders als bei

60 der Finanzkrise 2008/09, stärker vom Beschäftigungsrückgang betroffen, weil sie häufiger

in Krisenbranchen wie dem Gastgewerbe tätig sind. Außerdem sind es hauptsächlich Mütter,

die im Erwerbsleben zurückstecken müssen, weil sich Beruf und Familie im Homeoffice bei

geschlossenen Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen noch weniger miteinander ver-

einbaren lassen als sonst. Während sich so das Erwerbseinkommen von Frauen verringert,

65 vermehrt sich die von ihnen erbrachte Sorgearbeit, weshalb man von ihrer „doppelten Benach-

teiligung“ sprechen kann.

Der Staat hat seinerseits dazu beigetragen, diese Ungleichheit zu verschärfen: Bund, Länder

und Gemeinden haben in der Coronakrise hohe Geldbeträge für direkte Finanzhilfen, Bürg-

schaften und Kredite bereitgestellt, die hauptsächlich den Unternehmen – auch und gerade

70 Konzernen wie der Lufthansa, dem Reiseanbieter TUI oder Galeria Karstadt Kaufhof – zu-

gutekamen. Sozial benachteiligte Personengruppen wie Obdachlose, Hartz-IV-Bezieher*innen

und Kleinstrentner*innen wurden hingegen bislang – wenn überhaupt – nur am Rande berück-

sichtigt. Das gilt auch für eine weitere Gruppe, die derzeit mit erheblichen Einbußen leben

muss: Beschäftigte im Niedriglohnsektor gehören zu den Hauptleidtragenden der Covid-19-

75 Pandemie, weil sie besonders häufig von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und den damit verbun-

denen Einkommensverlusten betroffen sind. „Dabei greifen sozialpolitische Kompensations-

maßnahmen wie die Aufstockung des Kurzarbeitergeldes gerade für diese Beschäftigten-

gruppe am wenigsten“, so der Politikwissenschaftler Thorsten Schulten.

Auch Studierende, die mit ihrem regulären BAföG-Satz nicht auskommen und von ihren

80 Eltern nicht unterstützt werden (können), haben häufig ihren Nebenjob verloren, etwa in der

Gastronomie. Da sie weder Kurzarbeiter- noch Arbeitslosengeld oder Arbeitslosengeld II

beantragen können, kommt es zu Studienabbrüchen. Weder die Studienkredite der KfW 2 in

Höhe von maximal 650 Euro pro Monat noch die erst ab Mitte/Ende Juni 2020 gezahlten

Überbrückungshilfen aus dem Nothilfefonds im Umfang von 100 Mio. Euro reichen aus, um

85 die Betroffenen aufzufangen. [...]

Ganz anders sieht es auf Unternehmerseite aus: BMW ließ sich beispielsweise für über 20.000

Beschäftigte in Kurzarbeit fast die gesamten Lohnkosten einschließlich der Arbeitgeberbei-

träge zur Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung erstatten, zahlte aber im Mai 2020 nicht

weniger als 1,64 Mrd. Euro an Dividenden für das Vorjahr aus. Davon erhielten allein die

90 beiden Großaktionäre Susanne Klatten und Stefan Quandt, denen fast die Hälfte des Münchner

Automobilherstellers gehört, 769 Mio. Euro. Dass es auch anders geht, zeigen Frankreich,

Dänemark und Schweden: Sie haben Finanzhilfen an die Bedingung geknüpft, dass Unter-

nehmen vorübergehend keine Gewinne ausschütten. [...]

Auch in der Coronakrise hat sich damit eines nicht geändert: Wer hat, dem wird gegeben. Und

95 wer vor der Pandemie schon kaum über die Runden kam, hat es jetzt noch schwerer. [...]

Zum Autor:

Prof. Dr. Christoph Butterwegge, geb. 1951, war bis 2016 Professor für Politikwissenschaft an der Universität zu Köln.

1 Kardinalproblem: Hauptproblem, wichtigstes Problem

2 KfW: Kreditanstalt für Wiederaufbau, die weltweit größte nationale Förderbank

3. Gestalten Sie in der Rolle einer Soziologin bzw. eines Soziologen, die bzw. der zu einer sozialpolitischen Fachtagung eingeladen wurde, eine Rede, die sich mit dem Abbau der durch die Corona-Pandemie verstärkten sozialen Ungleichheit befasst. Entwickeln Sie darin zwei sozialpolitische Maßnahmen. (27 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Demografischer Wandel und Rentensystem · Sozialstaat und soziale Sicherung

Thema: Demografischer Wandel – droht eine Überforderung des Rentensystems?

1. Analysieren Sie, was der Autor über die künftigen Schwierigkeiten der Rentenversicherung aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang Merkmale des zugrunde liegenden demografischen Wandels sowie dessen Ursachen. (30 Punkte)

2. Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welche Zielsetzung er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien sozialer Sicherung er beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie auf dieser Basis, was die im Text genannte „demografische Atemnot“ (Z. 13) für den deutschen Sozialstaat bedeutet. (26 Punkte)

3. Beurteilten Sie die angesprochenen Maßnahmen der Kopplung des Rentenalters an die Entwicklung der Lebenserwartung, der Einbeziehung von Beamtinnen und Beamten und Selbstständigen in die Rentenversicherung und der Senkung des Rentenniveaus für höhere Einkommen. (24 Punkte)

Aufgabe HT 4 - Teilaufgaben 1 und 3: Sozialisation und Ju… · Sozialisation, Identität, Gruppen und abweichendes Verhalten

Maja Brankovic, Corinna Budras und Jan Scholl

Generation flexibel

Eigentlich würde Kiara Busse jetzt auf gepackten Koffern sitzen. Im August wollte sie für ein

soziales Jahr nach Bolivien, als Assistentin an eine Schule. Die Welt wollte sie entdecken,

Spanisch lernen und dabei auch noch Gutes tun. Doch Kiara musste umdisponieren. Schon

die Abi-Zeit war eine ganz andere als sonst: erst die Unsicherheit, dann Prüfungen unter er-

5 schwerten Bedingungen, schließlich eine abgespeckte Abi-Feier. [...] Und dann musste sie

auch noch auf Bolivien verzichten. Vorerst jedenfalls, vielleicht kann sie ja etwas später hin.

Statt Südamerika plant sie jetzt ihren Einsatz im Taunus, an der örtlichen Grundschule. [...]

Eine ganze Generation plant um. Zurückstecken tun wir doch alle, mag mancher jetzt einwen-

den. Das stimmt. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber während die meisten jetzt Erfah-

10 rungen machen, auf die sie gerne verzichtet hätten, gilt gerade für junge Menschen zusätzlich

genau das Gegenteil: Sie verzichten auf Erfahrungen, die sie gerne gemacht hätten. Und das

ist noch einmal eine ganz andere Nummer. [...]

Was macht dieser flächendeckende Kahlschlag mit der Generation der Schulabgänger und

Berufsanfänger? Schon zu Beginn der Krise kam der Abgesang. Als „verlorene Generation“

15 wurden sie bezeichnet. Das war zwar nett gemeint, ein Ausdruck der Empathie. Tatsächlich

aber klingt es nach Sackgasse ohne Wendekreis. Da will man als hoffnungsfroher Mensch,

gerade dem Grauen der Pubertät entronnen, lieber nicht schnurstracks hineinrauschen. [...]

Zu den Warnern gehört niemand Geringerer als Paul Romer, Nobelpreisträger und Wirtschafts-

professor an der New York University. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei die Krise der

20 Jungen ein fundamentales Problem, sagt der Ökonom. „Das Unsichtbare, was die gesamte

Debatte um die wirtschaftlichen Folgen der Krise nicht berücksichtigt, sind die Brüche in der

Ausbildung.“ Es gebe Kinder und junge Erwachsene, die sich niemals von der Krise erholen

würden. Sie schmeißen die Schule, brechen ihre Ausbildung oder ihr Studium ab, werden wo-

möglich arbeitslos und beschreiten fortan einen anderen beruflichen Pfad. „Dieser Verlust ist

25 weit größer als die verlorengegangene Produktion“, sagt er. Und die Folgen dieser Brüche

seien für die Wirtschaft auch Jahrzehnte später verheerend.

Was es heißt, in einer großen Wirtschaftskrise jung zu sein, haben Wissenschaftler umfassend

erforscht. Im Grundsatz gilt: Wer als junger Mensch eine Wirtschaftskrise erlebt hat, trägt

diese Erfahrung ein Leben lang mit sich. Krisenkinder scheuen eher das Risiko, machen sich

30 seltener selbständig, handeln weniger mit Aktien und nehmen seltener Kredite auf. Schlechte

Nachrichten hält die Krise vor allem mit Blick aufs Gehalt parat – auch über den Lockdown-

Sommer hinaus. Studien zeigen, dass Kinder der Krise ihren Eltern länger auf der Tasche lie-

gen, weil sie es einerseits schwieriger haben, überhaupt einen Job zu finden, und andererseits

das Gehalt, wenn sie denn eines bekommen, seltener fürs Leben reicht. Zumindest in früheren

35 Krisen glichen sich die Einbußen auch Jahre später nicht aus. [...]

Eine Generation also, die ihre Verunsicherung nie wieder loswird? Das Bemerkenswerte ist:

So miesepetrig, wie ihre Zukunft gerade gemalt wird, schaut die Jugend gar nicht drein. Kiara

Busse jedenfalls fasst zusammen, was sie, ihre Freunde und wohl die meisten in ihrem Alter

gerade denken: „Man muss eben das Beste draus machen.“ Das bedeutet: Solange sich Plan

40 A nicht realisieren lässt, muss eben ein Plan B her. [...]

Beruhigend aus der Perspektive der Jungen ist, dass sie unter der Pandemie lange nicht am

stärksten leiden. Sie müssen weder gesundheitlich große Ängste haben, noch sind sie existen-

tiell gefährdet. Junge Menschen haben noch nicht viel zu verlieren, aber vieles zu gewinnen.

Auch war kaum eine Generation vor ihr so gut ausgebildet wie sie. Im Vergleich zu anderen

45 Altersgruppen und auch anderen Ländern sorgt das für Beruhigung.

Roland Verwiebe, Professor für Sozialstruktur und soziale Ungleichheit an der Uni Potsdam,

sieht das Problem auch eher woanders. Nach seinen Beobachtungen sorgen sich die jungen

Leute weniger um ihre berufliche Perspektive als um die soziale Isolation. „Die Gefahr der

Vereinsamung ist ein großes Thema bei meinen Studenten gewesen“, sagt er. Ein Teil der

50 Studenten habe sich zu den Eltern zurückgezogen. Keine vollen Seminare mehr, kein gemein-

sames Lernen in der Bibliothek, dafür Zoom-Meetings den ganzen Tag – es seien vor allem

diese Einschnitte im sozialen Leben, die seine Studenten beschäftigen.

Forschungen zur Verfassung der jüngeren Generation sind bislang rar. Noch lässt sich das

Ausmaß der negativen Folgen kaum abschätzen, dazu kam die Krise zu schnell, zu heftig, und

55 dazu ist die Zukunft zu ungewiss. Völlig unbekannt sei also, was es für sie bedeute, dass die

Pandemie in eine sensible Lebensphase fällt und diese unterbricht, sagt Steffen Hillmert,

Soziologieprofessor an der Universität Tübingen, dessen Schwerpunkt die Lebensverlaufs-

forschung ist. Mit sensiblen Lebensphasen meint er die sehr kleinen Zeitfenster, in denen

Menschen die Weichen für ihre Zukunft stellen oder den Grundstein für einen Lebenslauf

60 legen. Zum Beispiel eine Ausbildung. Diese macht man nur in einem ganz bestimmten Alter,

danach meist nie wieder. Gleichwohl können junge Menschen gewisse Lebensphasen auch

einfacher überbrücken, weil sie flexibler sind, keine eigene Familie haben und generell weni-

ger Verpflichtungen. Sie planen um, indem sie manchen Plan nach vorne ziehen, andere in

die Zukunft verlagern und neue Ideen entwickeln.

Diese Überbrückung sei schon in vollem Gange, sagt Pia Schober, ebenfalls Professorin für

Soziologie an der Universität Tübingen. „Die jungen Leute ziehen gewisse Grundsatzent-

scheidungen vor, fangen zum Beispiel früher an zu studieren.“ Auch änderten sich ihre Prä-

ferenzen: Der sichere Job erscheint in Krisenzeiten besonders attraktiv, „unsichere Studien-

gänge“ verlieren an Reiz.

70 Schober findet, man müsse aufpassen, dass man nichts herbeiredet, was es gar nicht gibt. „In

meiner Wahrnehmung haben junge Menschen in Deutschland mit die besten Chancen und

Möglichkeiten. Nur weil man kein Praktikum im Ausland machen kann, bedeutet das für die

langfristige Arbeitsmarktperspektive noch nichts Dramatisches“, sagt sie. [...]

Was Krisen nämlich auch leisten, davon zeugen Studien immer wieder: Sie bringen das Beste

75 im Menschen hervor. In einer großangelegten Untersuchung wühlte sich eine Forschergruppe

um die Psychologin Emily Bianchi durch detaillierte Umfragedaten von 35.000 Amerikanern,

die in den Jahren zwischen 1930 und 1994 geboren wurden, und glichen diese mit dem Zu-

stand der Wirtschaft in ihrer Jugend ab. Dabei fanden sie heraus, dass Kinder der Krise weni-

ger selbstbezogen und überheblich waren und seltener narzisstische Eigenschaften zeigten als

80 Menschen, deren Jugend in eine Zeit des Aufschwungs fiel. In einer anderen Arbeit zeigte die

Psychologin, dass sie in späteren Jahren zufriedener mit ihrer Arbeit waren. [...]

Auch [Sozialforscher] Verwiebe will in den Krisengenerationen einen Trend für das Gemein-

schaftliche erkennen. Ihre Mitglieder seien selbstloser und übten sich stärker in individuellem

Verzicht, sagt der Sozialforscher. Dass eine individuelle und kollektive Gesundheit zum Leit-

85 motiv für gesellschaftliches Handeln wird, damit hätten vor der Krise die wenigsten gerech-

net. Corona hat die sozialen Werte eher gestärkt – zu diesem Wertewandel trugen auch ganz

erheblich die jungen Menschen bei.

Zu den Autorinnen und zum Autor:

Maja Brankovic (geb. 1988) studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Corinna Budras (geb. 1976) studierte Jura und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Jan Scholl ist Gastautor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Thema: Jugend in der Pandemie – flexible oder verlorene Generation?

1.

Analysieren Sie, was die Autorinnen und der Autor über mögliche Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Jugendliche und junge Erwachsene aussagen. Stellen Sie hierbei dar, welche Bedeutung die sekundäre Sozialisationsphase hat, und erläutern Sie vor diesem Hintergrund, mit welchen Problemen junge Menschen infolge der Corona-Pandemie konfrontiert sein können. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie, ob man die von der Corona-Pandemie betroffenen Schulabgänger und Berufsanfänger als verlorene Generation bezeichnen kann. (24 Punkte)

Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 2: Wertewandel nach Inglehart… · Wertewandel und Individualisierung

Maja Brankovic, Corinna Budras und Jan Scholl

Generation flexibel

Eigentlich würde Kiara Busse jetzt auf gepackten Koffern sitzen. Im August wollte sie für ein

soziales Jahr nach Bolivien, als Assistentin an eine Schule. Die Welt wollte sie entdecken,

Spanisch lernen und dabei auch noch Gutes tun. Doch Kiara musste umdisponieren. Schon

die Abi-Zeit war eine ganz andere als sonst: erst die Unsicherheit, dann Prüfungen unter er-

5 schwerten Bedingungen, schließlich eine abgespeckte Abi-Feier. [...] Und dann musste sie

auch noch auf Bolivien verzichten. Vorerst jedenfalls, vielleicht kann sie ja etwas später hin.

Statt Südamerika plant sie jetzt ihren Einsatz im Taunus, an der örtlichen Grundschule. [...]

Eine ganze Generation plant um. Zurückstecken tun wir doch alle, mag mancher jetzt einwen-

den. Das stimmt. Die einen mehr, die anderen weniger. Aber während die meisten jetzt Erfah-

10 rungen machen, auf die sie gerne verzichtet hätten, gilt gerade für junge Menschen zusätzlich

genau das Gegenteil: Sie verzichten auf Erfahrungen, die sie gerne gemacht hätten. Und das

ist noch einmal eine ganz andere Nummer. [...]

Was macht dieser flächendeckende Kahlschlag mit der Generation der Schulabgänger und

Berufsanfänger? Schon zu Beginn der Krise kam der Abgesang. Als „verlorene Generation“

15 wurden sie bezeichnet. Das war zwar nett gemeint, ein Ausdruck der Empathie. Tatsächlich

aber klingt es nach Sackgasse ohne Wendekreis. Da will man als hoffnungsfroher Mensch,

gerade dem Grauen der Pubertät entronnen, lieber nicht schnurstracks hineinrauschen. [...]

Zu den Warnern gehört niemand Geringerer als Paul Romer, Nobelpreisträger und Wirtschafts-

professor an der New York University. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sei die Krise der

20 Jungen ein fundamentales Problem, sagt der Ökonom. „Das Unsichtbare, was die gesamte

Debatte um die wirtschaftlichen Folgen der Krise nicht berücksichtigt, sind die Brüche in der

Ausbildung.“ Es gebe Kinder und junge Erwachsene, die sich niemals von der Krise erholen

würden. Sie schmeißen die Schule, brechen ihre Ausbildung oder ihr Studium ab, werden wo-

möglich arbeitslos und beschreiten fortan einen anderen beruflichen Pfad. „Dieser Verlust ist

25 weit größer als die verlorengegangene Produktion“, sagt er. Und die Folgen dieser Brüche

seien für die Wirtschaft auch Jahrzehnte später verheerend.

Was es heißt, in einer großen Wirtschaftskrise jung zu sein, haben Wissenschaftler umfassend

erforscht. Im Grundsatz gilt: Wer als junger Mensch eine Wirtschaftskrise erlebt hat, trägt

diese Erfahrung ein Leben lang mit sich. Krisenkinder scheuen eher das Risiko, machen sich

30 seltener selbständig, handeln weniger mit Aktien und nehmen seltener Kredite auf. Schlechte

Nachrichten hält die Krise vor allem mit Blick aufs Gehalt parat – auch über den Lockdown-

Sommer hinaus. Studien zeigen, dass Kinder der Krise ihren Eltern länger auf der Tasche lie-

gen, weil sie es einerseits schwieriger haben, überhaupt einen Job zu finden, und andererseits

das Gehalt, wenn sie denn eines bekommen, seltener fürs Leben reicht. Zumindest in früheren

35 Krisen glichen sich die Einbußen auch Jahre später nicht aus. [...]

Eine Generation also, die ihre Verunsicherung nie wieder loswird? Das Bemerkenswerte ist:

So miesepetrig, wie ihre Zukunft gerade gemalt wird, schaut die Jugend gar nicht drein. Kiara

Busse jedenfalls fasst zusammen, was sie, ihre Freunde und wohl die meisten in ihrem Alter

gerade denken: „Man muss eben das Beste draus machen.“ Das bedeutet: Solange sich Plan

40 A nicht realisieren lässt, muss eben ein Plan B her. [...]

Beruhigend aus der Perspektive der Jungen ist, dass sie unter der Pandemie lange nicht am

stärksten leiden. Sie müssen weder gesundheitlich große Ängste haben, noch sind sie existen-

tiell gefährdet. Junge Menschen haben noch nicht viel zu verlieren, aber vieles zu gewinnen.

Auch war kaum eine Generation vor ihr so gut ausgebildet wie sie. Im Vergleich zu anderen

45 Altersgruppen und auch anderen Ländern sorgt das für Beruhigung.

Roland Verwiebe, Professor für Sozialstruktur und soziale Ungleichheit an der Uni Potsdam,

sieht das Problem auch eher woanders. Nach seinen Beobachtungen sorgen sich die jungen

Leute weniger um ihre berufliche Perspektive als um die soziale Isolation. „Die Gefahr der

Vereinsamung ist ein großes Thema bei meinen Studenten gewesen“, sagt er. Ein Teil der

50 Studenten habe sich zu den Eltern zurückgezogen. Keine vollen Seminare mehr, kein gemein-

sames Lernen in der Bibliothek, dafür Zoom-Meetings den ganzen Tag – es seien vor allem

diese Einschnitte im sozialen Leben, die seine Studenten beschäftigen.

Forschungen zur Verfassung der jüngeren Generation sind bislang rar. Noch lässt sich das

Ausmaß der negativen Folgen kaum abschätzen, dazu kam die Krise zu schnell, zu heftig, und

55 dazu ist die Zukunft zu ungewiss. Völlig unbekannt sei also, was es für sie bedeute, dass die

Pandemie in eine sensible Lebensphase fällt und diese unterbricht, sagt Steffen Hillmert,

Soziologieprofessor an der Universität Tübingen, dessen Schwerpunkt die Lebensverlaufs-

forschung ist. Mit sensiblen Lebensphasen meint er die sehr kleinen Zeitfenster, in denen

Menschen die Weichen für ihre Zukunft stellen oder den Grundstein für einen Lebenslauf

60 legen. Zum Beispiel eine Ausbildung. Diese macht man nur in einem ganz bestimmten Alter,

danach meist nie wieder. Gleichwohl können junge Menschen gewisse Lebensphasen auch

einfacher überbrücken, weil sie flexibler sind, keine eigene Familie haben und generell weni-

ger Verpflichtungen. Sie planen um, indem sie manchen Plan nach vorne ziehen, andere in

die Zukunft verlagern und neue Ideen entwickeln.

Diese Überbrückung sei schon in vollem Gange, sagt Pia Schober, ebenfalls Professorin für

Soziologie an der Universität Tübingen. „Die jungen Leute ziehen gewisse Grundsatzent-

scheidungen vor, fangen zum Beispiel früher an zu studieren.“ Auch änderten sich ihre Prä-

ferenzen: Der sichere Job erscheint in Krisenzeiten besonders attraktiv, „unsichere Studien-

gänge“ verlieren an Reiz.

70 Schober findet, man müsse aufpassen, dass man nichts herbeiredet, was es gar nicht gibt. „In

meiner Wahrnehmung haben junge Menschen in Deutschland mit die besten Chancen und

Möglichkeiten. Nur weil man kein Praktikum im Ausland machen kann, bedeutet das für die

langfristige Arbeitsmarktperspektive noch nichts Dramatisches“, sagt sie. [...]

Was Krisen nämlich auch leisten, davon zeugen Studien immer wieder: Sie bringen das Beste

75 im Menschen hervor. In einer großangelegten Untersuchung wühlte sich eine Forschergruppe

um die Psychologin Emily Bianchi durch detaillierte Umfragedaten von 35.000 Amerikanern,

die in den Jahren zwischen 1930 und 1994 geboren wurden, und glichen diese mit dem Zu-

stand der Wirtschaft in ihrer Jugend ab. Dabei fanden sie heraus, dass Kinder der Krise weni-

ger selbstbezogen und überheblich waren und seltener narzisstische Eigenschaften zeigten als

80 Menschen, deren Jugend in eine Zeit des Aufschwungs fiel. In einer anderen Arbeit zeigte die

Psychologin, dass sie in späteren Jahren zufriedener mit ihrer Arbeit waren. [...]

Auch [Sozialforscher] Verwiebe will in den Krisengenerationen einen Trend für das Gemein-

schaftliche erkennen. Ihre Mitglieder seien selbstloser und übten sich stärker in individuellem

Verzicht, sagt der Sozialforscher. Dass eine individuelle und kollektive Gesundheit zum Leit-

85 motiv für gesellschaftliches Handeln wird, damit hätten vor der Krise die wenigsten gerech-

net. Corona hat die sozialen Werte eher gestärkt – zu diesem Wertewandel trugen auch ganz

erheblich die jungen Menschen bei.

Zu den Autorinnen und zum Autor:

Maja Brankovic (geb. 1988) studierte Volkswirtschaftslehre und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Corinna Budras (geb. 1976) studierte Jura und arbeitet für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Jan Scholl ist Gastautor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Thema: Jugend in der Pandemie – flexible oder verlorene Generation?

2.

Stellen Sie die Wertewandeltheorien von Inglehart und Klages bezogen auf entwickelte Industriegesellschaften dar. Charakterisieren Sie auf dieser Grundlage das Verhalten junger Menschen, das im Text geschildert wird. (26 Punkte)

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