Abitur NRW Soziologie 2022 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Soziologie in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 7 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Rollentheorien und Rollenkonflikte · Wertewandel und Individualisierung · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Sozialstaat und soziale Sicherung

Aufgabe 1 · Sozialstaat und soziale Sicherung

Thema: Soziale Sicherung – ist die Rente noch zu retten?

Materialgrundlage: Fratzscher, Marcel: Ohne Rentenreform keine Generationengerechtigkeit. In: ZEIT ONLINE vom 09.07.2021 (Auszüge)

Marcel Fratzscher

Ohne Rentenreform keine Generationengerechtigkeit

Es besteht ein breiter Konsens, dass der Schutz von Klima und Umwelt zentral für Generationengerechtigkeit ist. Ähnliches gilt aber auch für einen anderen Aspekt: die Rente. Niemand kann mittlerweile mehr leugnen, dass die gesetzliche Rente in Deutschland auf einem gefährlichen Pfad ist, den impliziten Generationenvertrag zu sprengen und künftigen Generationen eine nicht mehr zu tragende Bürde aufzuerlegen. Die Politik darf […] dieses Thema nicht weiter ignorieren.

Öffentliche Debatten zur Reform der gesetzlichen Rentenversicherung enden fast immer mit dem Argument, man wolle den Rentnerinnen und Rentnern nicht schaden und die Renten müssten erhöht werden. Es ist schwer, dem zu begegnen, denn viele Ältere können von ihrer Rente nicht leben, obwohl sie ein Leben lang hart gearbeitet haben. Es ist aber sehr viel schwerer zu vermitteln, dass die gesetzliche Rente Teil eines Generationenvertrags ist, denn in Deutschland wird sie als Umlage finanziert: Junge Menschen zahlen die Rente für die Älteren, sodass sie selbst im Alter ihre Rente von der jungen Generation erhalten. Und kaum einer schaut sich an, was die junge Generation heute leisten muss, um diese Rente aufzubringen, und welche Gefahren dies mit sich bringt.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass das staatliche Versprechen einer „sicheren Rente“ schon lange nicht mehr zu halten ist. Das Rentenniveau von knapp 48 Prozent des durchschnittlichen Lebenseinkommens ist für Geringverdienende mittlerweile nicht mehr ausreichend, sodass immer mehr in Altersarmut fallen und auf die Grundsicherung des Staates angewiesen sind – zumal die meisten Geringverdienenden auch kaum eine Absicherung über die zweite und dritte Säule der Rente (die Betriebsrente und die private Vorsorge) haben. Zwar hat die Politik dieses Problem erkannt, aber die vor einigen Jahren eingeführte „Respektrente“, die Menschen nach 35 Beitragsjahren eine Mindestrente leicht über dem Grundsicherungsniveau garantiert, ist nicht mehr als ein trauriges Trostpflaster.

Daher ist es einerseits verständlich, dass nicht wenige mit Empörung reagieren, wenn „Reformen“ der gesetzlichen Rentenversicherung gefordert werden. Der andere Teil der Wahrheit ist jedoch, dass schon heute die Zahlungen der gesetzlichen Rentenversicherung eine riesige finanzielle Belastung für die junge Generation sind. Nicht nur müssen die Jüngeren selbst knapp 20 Prozent ihres Lohns für die Sozialversicherung abführen, der andere Teil kommt von den Arbeitgebern. Hinzu kommen riesige Steuersubventionen für die gesetzliche Rentenversicherung von knapp 100 Milliarden Euro oder drei Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Die Subventionierung durch das Steuersystem ist clever, aber perfide¹, denn dies bedeutet, dass die jungen Menschen nicht nur durch ihre Beiträge, sondern auch durch ihre Steuern für die gesetzliche Rente zahlen – nur dass sie für ihre Steuern selbst keine Ansprüche auf eine eigene Rente erwerben. Kurzum, die Logik des Generationenvertrages der Rente ist schon längst ausgehebelt. […]

Wie konnte das passieren, wenn die Politik doch immer eine sichere Rente versprochen hat? Die kurze Antwort ist: Vor allem der demografische Wandel ist schuld. […] Immer weniger junge Menschen müssen für immer mehr ältere Menschen die Rente zahlen.

Über die Lösung dieses Konflikts wird heftig gerungen. […]

Der beste Weg […] ist […] die Demografie und den Arbeitsmarkt zu verändern. Eine Studie des IW Köln² schlägt genau das vor, jedoch mit einer mehr als kontroversen Idee, nämlich Urlaubs- und Feiertage zu reduzieren und wöchentliche Arbeitszeiten zu erhöhen. Auch wenn man sich nie zu sicher mit seinen Prognosen sein sollte, so scheint dieser Weg jedoch höchst unwahrscheinlich und unpopulär bei fast allen (außer vielleicht bei manchen Arbeitgebern).

Die bessere Logik ist, mehr Menschen in Erwerbstätigkeit zu bringen, und das mit mehr Arbeitsstunden. Das größte ungehobene wirtschaftliche Potenzial Deutschlands ist die Erwerbstätigkeit von Frauen. Zwar ist diese nach der Wiedervereinigung stetig auf heute knapp 70 Prozent gestiegen, jedoch arbeiten ungewöhnlich viele Frauen in Teilzeit. Viele möchten mehr arbeiten. Außer Belgien gibt es kein anderes Land, das durch sein Steuersystem – vor allem sein Ehegattensplitting³ – die Arbeitszeit von Frauen stärker reduziert als Deutschland. Ein fehlendes Angebot oder eine unzureichende Qualität der Betreuung von Kindern und Jugendlichen, aber auch eine häufig schlechte Bezahlung von Frauen – es gibt kaum ein Land in Europa mit einem größeren Gender Pay Gap zwischen Männern und Frauen – machen es schwierig und häufig nicht sehr attraktiv für Frauen, berufstätig zu sein oder mehr Stunden zu arbeiten. Eine Steigerung von Erwerbstätigkeit und Löhnen für Frauen hätte einen zweiten Vorteil, nämlich dass diese selbst eine bessere Absicherung im Alter hätten, zumal es vor allem Frauen sind, die besonders stark von der Altersarmut betroffen sind.

Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass Deutschland ohne eine massive Immigration nicht nur im globalen Wettbewerb wirtschaftlich an Boden verlieren wird, sondern auch seine Sozialsysteme, und vor allem die Rente, nicht mehr finanzieren kann. […]

Die vergangenen drei Bundesregierungen haben sich hartnäckig geweigert, eine längst überfällige Reform der gesetzlichen Rente auf den Weg zu bringen. Der wichtigste Beitrag wären jedoch sowohl eine Verbesserung der Erwerbstätigkeit für Frauen und eine deutliche Erhöhung der Zuwanderung als auch bessere Löhne und Arbeitsbedingungen für Geringverdienende. Das würde nicht nur die Chancengleichheit verbessern und Fachkräftelücken zu schließen helfen, sondern es wäre ein zentraler Beitrag zur Generationengerechtigkeit. […]

Zum Autor: Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

¹ perfide: niederträchtig, heimtückisch

² IW: Institut der deutschen Wirtschaft

³ Ehegattensplitting: ein Verfahren zur gemeinsamen Besteuerung von Ehepartnern. Es führt in der Regel dazu, dass Ehepaare mit unterschiedlicher Einkommensverteilung geringer besteuert werden, als wenn jeder Ehepartner Steuern zahlen würde.

1.

Analysieren Sie, was der Autor über die gesetzliche Rentenversicherung aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die Kennzeichen und die Gründe des erwähnten demografischen Wandels. (30 Punkte)

2.

Stellen Sie dar, wie der deutsche Sozialstaat rechtlich verankert ist, welches Ziel er verfolgt und auf welchen Grundprinzipien die soziale Sicherung beruht, und beschreiben Sie die Grundlagen des deutschen Sozialversicherungssystems. Erläutern Sie auf dieser Basis die Auffassung des Autors, das staatliche Versprechen einer sicheren Rente lasse sich nicht mehr einhalten. (26 Punkte)

3.

Diskutieren Sie, inwiefern die drei Maßnahmen, die Fratzscher vorschlägt, zu mehr Generationengerechtigkeit beitragen können. (24 Punkte)

Aufgabe 2 - Sozialstaat und soziale Sicherung · Sozialstaat und soziale Sicherung

Rico Grimm

„Dieser Sozialstaat ist nicht krisenfest“

Interview mit Philip Kovce

Grimm: [...] Herr Kovce, warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um über das bedingungs-

lose Grundeinkommen zu reden?

Kovce: Weil wir noch kein Grundeinkommen haben und es dringend benötigen! Blöderweise

fällt uns das erst in der Corona-Krise auf, wo alles ganz schnell gehen muss, weil Millionen

5 Menschen gleichzeitig das Einkommen unverschuldet wegbricht. Wenn wir vorher daran ge-

dacht hätten, die marode Infrastruktur unseres überholten Sozialstaats zu modernisieren, dann

hätten wir heute ein Problem weniger.

Ich sehe aber, dass Kurzarbeit greift, dass die Regierung in für ihre Verhältnisse Re-

kordgeschwindigkeit einen Rettungsschirm aufgespannt hat [...]. Jedenfalls versucht

10 die Regierung es. In den USA haben sich innerhalb von einem Monat schätzungsweise

20 Millionen Menschen ohne Arbeit wiedergefunden. Diese Zahl wird bei uns viel, viel

niedriger sein, eben weil wir den Sozialstaat haben. Was ist marode an ihm? [...]

In den USA offenbart sich derzeit auf dramatische Weise, was es heißt, so gut wie gar keinen

Sozialstaat zu haben. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir hierzulande in der

15 besten aller möglichen Sozialstaatswelten leben. Im Gegenteil: Dass jetzt auch bei uns in Win-

deseile verzweifelte Rettungsmaßnahmen ergriffen werden müssen, um den ökonomischen

Kollaps der Menschen da draußen zu vermeiden, sehe ich eher als Bestätigung, dass auch der

Sozialstaat, wie wir ihn kennen, weder krisenfest noch zukunftsträchtig ist.

Warum sollte er nicht zukunftsträchtig sein?

20 [...] Der Sozialstaat von heute orientiert sich mit seinen Leistungen und deren Finanzierung

immer noch an den Lebensverhältnissen des 19. Jahrhunderts. Zu Bismarcks 1 Zeiten hatte der

Otto Normalarbeiter noch einen Industriepatriarchen als Chef, der ihn lebenslang in seiner

Fabrik verschliss, eine Hausfrau, die lebenslang am Herd stand und in Heimarbeit ein Zubrot

verdiente, sowie einen Rentenanspruch ab 70, den er nicht einlösen konnte, weil er bereits mit

25 50 tot umfiel. An diesen Verhältnissen hat sich inzwischen alles geändert – außer dem Sozial-

staat!

Sie behaupten also, dass wir, was den Sozialstaat betrifft, noch immer im 19. Jahrhun-

dert festhängen.

Trotz der heutigen flexiblen Arbeits- und Lebensverhältnisse und einer viel höheren Lebens-

30 erwartung tun wir weiterhin so, als ließe sich der Sozialstaat vor allem über Lohnnebenkosten

finanzieren. Das ist absurd, da die Produktion dank Automatisierung und Digitalisierung

immer kapitalintensiver wird, Maschinen also verhältnismäßig immer mehr, Menschen immer

weniger produzieren.

Außerdem herrscht immer noch die Ansicht vor, es sei vordringliche Aufgabe des Sozialstaats,

35 milde Gaben an brave Bedürftige zu verteilen, deren Antragsbetteleien und Gehorsamsge-

lübde 2 umständlich zu prüfen und im Zweifelsfall zu beanstanden sind. Kein Wunder, dass

uns diese [...] Kontrollbürokratie inzwischen zwar sehr viel kostet, aber wenig bringt.

Welche unserer aktuellen Probleme wären uns denn mit einem bedingungslosen Grund-

einkommen erspart geblieben?

40 Nehmen wir nur das Beispiel Hartz IV: Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Urtei-

len das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums gestärkt.

Außerdem hat es die bisherigen Hartz-IV-Sanktionen als teilweise verfassungswidrig verwor-

fen. Dennoch fehlt uns bis heute eine bürokratiearme, sanktionsfreie Grundsicherung. Das ist

aktuell, da Millionen Menschen auf einen Schlag in Existenznot geraten, besonders fatal und

45 wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht passiert.

Das Grundeinkommen erkennt an, dass jeder Mensch, der in einer modernen arbeitsteiligen

Gesellschaft lebt, unbedingt ein Einkommen benötigt, um seine Grundbedürfnisse zu befrie-

digen und an der Gesellschaft teilzuhaben. Ganz egal, ob er arbeitet oder nicht, jung oder alt

ist, in mageren ebenso wie in fetten Jahren. Damit wären wir nicht nur in der jetzigen Krise

50 besser aufgestellt, sondern ebenfalls für die Zukunft der Arbeit gut gerüstet.

Für die Zukunft der Arbeit gilt: Gehorchen sollten nicht Menschen, sondern Maschinen. Men-

schen werden gebraucht als Gestalter. Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht ge-

rade jenen Gestaltungsspielraum, der die beste Voraussetzung guter menschlicher Leistung

ist. [...]

55 Macht die Corona-Krise ein bedingungsloses Grundeinkommen wahrscheinlicher oder

unwahrscheinlicher?

Ich gehe davon aus, dass das bedingungslose Grundeinkommen früher oder später kommen

wird. Dank der Corona-Krise eher früher als später, weil wir gerade alle live miterleben, was

uns ohne Grundeinkommen fehlt. Wenn wir verhindern wollen, dass es uns bald schon wie-

60 der fehlt, dann sollten wir das Grundeinkommen so schnell wie möglich einführen.

Was meinen Sie? Was genau fehlt ohne Grundeinkommen?

Eben genau das: Ohne Grundeinkommen fehlt das Grundeinkommen! Aber das ist nicht alles.

Es fehlt noch mehr: Das Grundeinkommen entspricht einem institutionalisierten Vertrauens-

vorschuss. Eigentlich sollten wir den gewohnt sein, denn sowohl Demokratie als auch Markt-

65 wirtschaft wären ohne Vertrauen auf Mündigkeit und Fähigkeit der anderen undenkbar. [...]

Hauptsächlich geht es beim Grundeinkommen um die Frage, wie wir künftig miteinander

leben und arbeiten wollen. Das Grundeinkommen bedeutet in dieser Hinsicht eine große Trans-

formation, da es Arbeitszwang de facto abschafft und damit reale Freiheit für alle ermöglicht.

Das ist revolutionär und betrifft alle – von der Kita bis zum Altenheim. Solch ein neuer Gesell-

70 schaftsvertrag sollte nicht Hals über Kopf aufgesetzt, sondern ebenso besonnen wie beharr-

lich ausgehandelt werden. [...]

Grundsätzlich gilt: Ein bedingungsloses Grundeinkommen muss stets so hoch bemessen sein,

dass man davon bescheiden, aber menschenwürdig leben kann. Um das zu gewährleisten,

müsste es im Zweifelsfall inflationsbedingt angepasst werden.

75 Das wäre auch gar kein Problem: Steigen die Preise, so steigen die Steuereinnahmen – und

dementsprechend das Grundeinkommen. [...] Geld muss für das Grundeinkommen nicht neu

geschöpft, sondern bloß neu verteilt werden. [...]

Beim Grundeinkommen handelt es sich nicht um zusätzliches, sondern um grundsätzliches

Einkommen. Es ersetzt den existenzsichernden Anteil der bestehenden Einkommen und macht

80 ihn bedingungslos. Finanziell gesehen ist das ein Nullsummenspiel, kulturell gesehen ein Quan-

tensprung. [...]

1 Otto von Bismarck: von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches

2 Gelübde: feierliches Versprechen

Zum Interviewten: Philip Kovce, geb. 1986, Ökonom und Philosoph, forscht u. a. an der Universität Witten/Herdecke.

Zum Interviewer: Rico Grimm, geb. 1986, ist Journalist und Chefredakteur beim Online-Magazin „Krautreporter“.

1.

Analysieren Sie, was der Interviewte über das deutsche Sozialsystem sagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sowohl das Solidar- und das Subsidiaritätsprinzip als Grundprinzipien sozialer Sicherung als auch das Versicherungs- und das Fürsorgeprinzip als Grundlagen staatlicher Sozialpolitik. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie, ob es notwendig ist, in Deutschland flächendeckend ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen. (24 Punkte)

Aufgabe 2 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Rico Grimm

„Dieser Sozialstaat ist nicht krisenfest“

Interview mit Philip Kovce

Grimm: [...] Herr Kovce, warum ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um über das bedingungs-

lose Grundeinkommen zu reden?

Kovce: Weil wir noch kein Grundeinkommen haben und es dringend benötigen! Blöderweise

fällt uns das erst in der Corona-Krise auf, wo alles ganz schnell gehen muss, weil Millionen

5 Menschen gleichzeitig das Einkommen unverschuldet wegbricht. Wenn wir vorher daran ge-

dacht hätten, die marode Infrastruktur unseres überholten Sozialstaats zu modernisieren, dann

hätten wir heute ein Problem weniger.

Ich sehe aber, dass Kurzarbeit greift, dass die Regierung in für ihre Verhältnisse Re-

kordgeschwindigkeit einen Rettungsschirm aufgespannt hat [...]. Jedenfalls versucht

10 die Regierung es. In den USA haben sich innerhalb von einem Monat schätzungsweise

20 Millionen Menschen ohne Arbeit wiedergefunden. Diese Zahl wird bei uns viel, viel

niedriger sein, eben weil wir den Sozialstaat haben. Was ist marode an ihm? [...]

In den USA offenbart sich derzeit auf dramatische Weise, was es heißt, so gut wie gar keinen

Sozialstaat zu haben. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir hierzulande in der

15 besten aller möglichen Sozialstaatswelten leben. Im Gegenteil: Dass jetzt auch bei uns in Win-

deseile verzweifelte Rettungsmaßnahmen ergriffen werden müssen, um den ökonomischen

Kollaps der Menschen da draußen zu vermeiden, sehe ich eher als Bestätigung, dass auch der

Sozialstaat, wie wir ihn kennen, weder krisenfest noch zukunftsträchtig ist.

Warum sollte er nicht zukunftsträchtig sein?

20 [...] Der Sozialstaat von heute orientiert sich mit seinen Leistungen und deren Finanzierung

immer noch an den Lebensverhältnissen des 19. Jahrhunderts. Zu Bismarcks 1 Zeiten hatte der

Otto Normalarbeiter noch einen Industriepatriarchen als Chef, der ihn lebenslang in seiner

Fabrik verschliss, eine Hausfrau, die lebenslang am Herd stand und in Heimarbeit ein Zubrot

verdiente, sowie einen Rentenanspruch ab 70, den er nicht einlösen konnte, weil er bereits mit

25 50 tot umfiel. An diesen Verhältnissen hat sich inzwischen alles geändert – außer dem Sozial-

staat!

Sie behaupten also, dass wir, was den Sozialstaat betrifft, noch immer im 19. Jahrhun-

dert festhängen.

Trotz der heutigen flexiblen Arbeits- und Lebensverhältnisse und einer viel höheren Lebens-

30 erwartung tun wir weiterhin so, als ließe sich der Sozialstaat vor allem über Lohnnebenkosten

finanzieren. Das ist absurd, da die Produktion dank Automatisierung und Digitalisierung

immer kapitalintensiver wird, Maschinen also verhältnismäßig immer mehr, Menschen immer

weniger produzieren.

Außerdem herrscht immer noch die Ansicht vor, es sei vordringliche Aufgabe des Sozialstaats,

35 milde Gaben an brave Bedürftige zu verteilen, deren Antragsbetteleien und Gehorsamsge-

lübde 2 umständlich zu prüfen und im Zweifelsfall zu beanstanden sind. Kein Wunder, dass

uns diese [...] Kontrollbürokratie inzwischen zwar sehr viel kostet, aber wenig bringt.

Welche unserer aktuellen Probleme wären uns denn mit einem bedingungslosen Grund-

einkommen erspart geblieben?

40 Nehmen wir nur das Beispiel Hartz IV: Das Bundesverfassungsgericht hat in mehreren Urtei-

len das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums gestärkt.

Außerdem hat es die bisherigen Hartz-IV-Sanktionen als teilweise verfassungswidrig verwor-

fen. Dennoch fehlt uns bis heute eine bürokratiearme, sanktionsfreie Grundsicherung. Das ist

aktuell, da Millionen Menschen auf einen Schlag in Existenznot geraten, besonders fatal und

45 wäre mit einem bedingungslosen Grundeinkommen nicht passiert.

Das Grundeinkommen erkennt an, dass jeder Mensch, der in einer modernen arbeitsteiligen

Gesellschaft lebt, unbedingt ein Einkommen benötigt, um seine Grundbedürfnisse zu befrie-

digen und an der Gesellschaft teilzuhaben. Ganz egal, ob er arbeitet oder nicht, jung oder alt

ist, in mageren ebenso wie in fetten Jahren. Damit wären wir nicht nur in der jetzigen Krise

50 besser aufgestellt, sondern ebenfalls für die Zukunft der Arbeit gut gerüstet.

Für die Zukunft der Arbeit gilt: Gehorchen sollten nicht Menschen, sondern Maschinen. Men-

schen werden gebraucht als Gestalter. Das bedingungslose Grundeinkommen ermöglicht ge-

rade jenen Gestaltungsspielraum, der die beste Voraussetzung guter menschlicher Leistung

ist. [...]

55 Macht die Corona-Krise ein bedingungsloses Grundeinkommen wahrscheinlicher oder

unwahrscheinlicher?

Ich gehe davon aus, dass das bedingungslose Grundeinkommen früher oder später kommen

wird. Dank der Corona-Krise eher früher als später, weil wir gerade alle live miterleben, was

uns ohne Grundeinkommen fehlt. Wenn wir verhindern wollen, dass es uns bald schon wie-

60 der fehlt, dann sollten wir das Grundeinkommen so schnell wie möglich einführen.

Was meinen Sie? Was genau fehlt ohne Grundeinkommen?

Eben genau das: Ohne Grundeinkommen fehlt das Grundeinkommen! Aber das ist nicht alles.

Es fehlt noch mehr: Das Grundeinkommen entspricht einem institutionalisierten Vertrauens-

vorschuss. Eigentlich sollten wir den gewohnt sein, denn sowohl Demokratie als auch Markt-

65 wirtschaft wären ohne Vertrauen auf Mündigkeit und Fähigkeit der anderen undenkbar. [...]

Hauptsächlich geht es beim Grundeinkommen um die Frage, wie wir künftig miteinander

leben und arbeiten wollen. Das Grundeinkommen bedeutet in dieser Hinsicht eine große Trans-

formation, da es Arbeitszwang de facto abschafft und damit reale Freiheit für alle ermöglicht.

Das ist revolutionär und betrifft alle – von der Kita bis zum Altenheim. Solch ein neuer Gesell-

70 schaftsvertrag sollte nicht Hals über Kopf aufgesetzt, sondern ebenso besonnen wie beharr-

lich ausgehandelt werden. [...]

Grundsätzlich gilt: Ein bedingungsloses Grundeinkommen muss stets so hoch bemessen sein,

dass man davon bescheiden, aber menschenwürdig leben kann. Um das zu gewährleisten,

müsste es im Zweifelsfall inflationsbedingt angepasst werden.

75 Das wäre auch gar kein Problem: Steigen die Preise, so steigen die Steuereinnahmen – und

dementsprechend das Grundeinkommen. [...] Geld muss für das Grundeinkommen nicht neu

geschöpft, sondern bloß neu verteilt werden. [...]

Beim Grundeinkommen handelt es sich nicht um zusätzliches, sondern um grundsätzliches

Einkommen. Es ersetzt den existenzsichernden Anteil der bestehenden Einkommen und macht

80 ihn bedingungslos. Finanziell gesehen ist das ein Nullsummenspiel, kulturell gesehen ein Quan-

tensprung. [...]

1 Otto von Bismarck: von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches

2 Gelübde: feierliches Versprechen

Zum Interviewten: Philip Kovce, geb. 1986, Ökonom und Philosoph, forscht u. a. an der Universität Witten/Herdecke.

Zum Interviewer: Rico Grimm, geb. 1986, ist Journalist und Chefredakteur beim Online-Magazin „Krautreporter“.

2.

Stellen Sie dar, wie sich Erwerbsstrukturen und Erwerbsbiografien im Zuge des Übergangs zur postindustriellen Arbeitsgesellschaft verändern. Erläutern Sie auf dieser Grundlage, weshalb die erwähnte Finanzierung des Sozialstaats durch Lohnnebenkosten als problematisch beurteilt werden kann. (26 Punkte)

Aufgabe 3 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Väter zwischen aktiver Vaterschaft und alten Rollenzwängen

Materialgrundlage: Wilke, Felicitas: Und jetzt ist Papa dran. In: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

Felicitas Wilke

Und jetzt ist Papa dran

Als Hans-Georg Nelles vor 25 Jahren mit seiner Arbeit begann, hieß die Elternzeit noch Er-

ziehungsurlaub. Nur ungefähr ein Prozent der Väter machten damals die Erfahrung, dass es

eher Arbeit als All-inclusive-Ferien gleichkommt, ein Baby zu wickeln, zu füttern und her-

umzutragen, bis es einschlummert. Denn all das erledigten fast immer die Mütter. Wenn in

5 politischen Willenserklärungen und bunten Arbeitgeber-Broschüren von „Vereinbarkeit von

Beruf und Familie“ die Rede war, dann ging es meist um Mütter, fast nie um Väter. „Das

wollte ich ändern“, sagt Nelles, der selbst drei erwachsene Kinder hat. Heute leitet er die Lan-

desarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW und berät Unternehmen, wie sie „väterbewusste

Personalpolitik“ machen können.

10 Auch wenn sich in den vergangenen 25 Jahren viel getan hat: Die Arbeit dürfte ihm so schnell

nicht ausgehen.

Spricht man mit Aktivisten wie Nelles, mit Juristinnen und Juristen oder Wissenschaftlern,

dann wird klar: Ähnlich wie Mütter machen auch Väter im Beruf diskriminierende Erfahrun-

gen. Es fällt nur seltener auf, weil Männer generell seltener und kürzer in Elternzeit gehen.

15 Da ist der Arbeitgeber, der den werdenden Vater sicherheitshalber noch mal fragt, ob er sich

das mit der Elternzeit denn gut überlegt habe. Oder der Angestellte, dessen Leistungsbeurtei-

lung nach der beruflichen Auszeit schlechter ausfällt als zuvor. Oder aber, im Extremfall, der

Mitarbeiter, dem direkt nach seiner Elternzeit die Kündigung ins Haus flattert. Andererseits

gibt es auch Beispiele, die Väter ermutigen könnten, länger im Job auszusetzen.

20 Bis zu drei Jahre lang können Eltern hierzulande pro Kind in Elternzeit gehen, egal ob Vater

oder Mutter. Das Elterngeld […] wird in der Basis-Version bis zu 14 Monate an die Eltern

ausgezahlt, wobei maximal zwölf Monate von einem Elternteil genommen werden dürfen.

In der Praxis beantragt ein Elternteil, meist die Mutter, das Elterngeld in knapp drei Viertel

aller Fälle für zwölf Monate, der andere Elternteil, meist der Vater, für zwei. Auch deshalb

25 gelten sie umgangssprachlich als „Vätermonate“. Das kann schon mal zu Missverständnissen

führen: „Teilweise fragen Vorgesetzte werdende Väter, ob sie das denn überhaupt dürften –

mehr als zwei Monate in Elternzeit gehen“, berichtet Nelles. Er lacht dabei ein wenig ver-

zweifelt.

Der Anteil der Väter an allen Elterngeldbeziehern ist 2020 auf knapp 25 Prozent angestiegen,

30 fünf Jahre zuvor lag er noch bei knapp 21 Prozent. Es hat sich also etwas getan, seit der CSU-

Politiker Peter Ramsauer die Partnermonate als „Wickelvolontariat“ verspottete: Davon zeugt

die Statistik genauso wie die sichtbar gestiegene Zahl von Männern, die Kinderwagen durch

Straßen und Parks schieben. „Es ist bei den meisten Arbeitgebern angekommen und akzep-

tiert, wenn Väter für zwei Monate in Elternzeit gehen“, sagt der Soziologe Benjamin Neumann,

35 der an der TU Dortmund zu dem Thema forscht. Aber: „Bei allem, was darüber hinausgeht,

beginnen oft die Sorgen, sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Vätern.“

Bleibt ein Mitarbeiter seinem Arbeitsplatz länger fern, können Arbeitgeber die Abwesenheit

nicht mehr wie einen längeren Urlaub behandeln. „Sie müssen sich in diesem Fall überlegen,

wie sie die Arbeit neu verteilen und ob eine Vertretung eingestellt wird“, sagt Neumann.

40 Eigentlich alles Aufgaben, die sie von Mitarbeiterinnen in Elternzeit kennen könnten. Aber

eben auch: zusätzlicher Aufwand.

Auch viele Väter schrecken davor zurück, den Schreibtisch länger gegen die Wickelkommode

einzutauschen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass

dies vorwiegend finanzielle Gründe hat. Noch immer verdienen Männer in Deutschland mehr

45 als Frauen, was wiederum auch daran liegt, dass sie öfter in besser bezahlten Branchen und

Berufen arbeiten. Da das Elterngeld in der Regel nur 65 Prozent des letzten Nettogehalts be-

trägt und bei 1800 Euro gedeckelt ist, bedeutet mehr Zeit mit Papa für viele Familien auch

weniger Geld. „Gerade in größeren Städten muss man sich erst mal leisten können, darauf zu

verzichten“, sagt Nelles.

50 Die Sorge, im Job benachteiligt zu werden, ist ein zweiter Grund, weshalb viele Männer eine

längere Elternzeit scheuen. Fernab heftiger Mehr-oder-weniger-Einzelfälle gibt es zwar keine

empirischen Belege, ob sich längere Abwesenheiten negativ auf die berufliche Laufbahn von

Vätern auswirken. Was Mütter im Job erleben, dürfte manchen jedoch als abschreckendes

Beispiel genügen: So ist erstens nur knapp jede dritte Führungskraft in Deutschland eine Frau.

55 Und zweitens kostet das Muttersein eine Frau bis zu zwei Drittel ihres Lebenserwerbseinkom-

mens. Damit dieses Szenario nicht auch noch dem Hauptverdiener droht, kehrt er schneller

an den Arbeitsplatz zurück. Es ist ein Kreislauf aus alten Rollenbildern und strukturellen

Ungleichheiten. […]

In Schweden, Norwegen oder Spanien sieht der Staat mehr Partnermonate als in Deutschland

60 vor. Nimmt sie der Vater oder der zweite Elternteil nicht, verfallen sie. Ein Anreiz also für

eine gleichmäßigere Aufteilung der Elternzeit. Gleichzeitig ist der Maximalbetrag für das

Elterngeld in diesen Ländern teils deutlich höher, was finanzielle Sorgen nehmen und dazu

führen kann, dass auch der besserverdienende Partner Elterngeld-Monate nimmt. „Wären die

Regeln andere, würden die Väter auch länger in Elternzeit gehen und sich die Arbeitgeber

65 darauf einstellen“, glaubt Hans-Georg Nelles. Er hofft darauf, dass sich auch hierzulande poli-

tisch etwas tut.

Tatsächlich schlägt die Expertenkommission im jüngsten Familienbericht des Bundesfamilien-

ministeriums aus dem März eine solche Reform vor. Sie empfiehlt „drei exklusive Monate für

jeden Elternteil und acht weitere Monate, die die Eltern frei untereinander aufteilen können“.

70 Außerdem regt sie an, das Elterngeld für maximal sieben Monate pro Elternteil auf 80 Prozent

des Nettoeinkommens zu erhöhen.

Manchmal, sagt Hans-Georg Nelles, hätten Väter allerdings auch selbst Einfluss darauf, ob

ihre Elternzeit so verläuft, wie sie sich das wünschen. Sie könnten früh das Gespräch mit

ihrer Führungskraft suchen, sie könnten Sorgen ansprechen und Kollegen um Rat fragen, die

75 schon mal in Elternzeit waren. Die aktuelle Vätergeneration sehe er auf einem guten Weg,

sagt Nelles. „Sie will konstruktive Lösungen und fordert sie auch ein.“

Zur Autorin: Felicitas Wilke, geb. 1990, ist Journalistin im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung.

1.

Analysieren Sie, was die Autorin über die Elternzeit von Vätern aussagt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang sozioökonomische Gründe für die im Text erkennbare Veränderung der Vaterrolle. [27 Punkte]

3.

Gestalten Sie als Soziologe bzw. Soziologin einen Redebeitrag für eine Tagung von Führungskräften in Unternehmen, der darauf zielt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Väter zu verbessern. Entwickeln Sie darin zwei Vorschläge für „väterbewusste“ (Z. 8) Maßnahmen in der Arbeitswelt, die über die Angaben im Text hinausgehen. [27 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde gespeichert. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den Kriterien der offiziellen Musterlösung.

Aufgabe 3 - Rollentheorien und Rollenkonflikte · Rollentheorien und Rollenkonflikte

Thema: Vereinbarkeit von Familie und Beruf – Väter zwischen aktiver Vaterschaft und alten Rollenzwängen

Materialgrundlage: Wilke, Felicitas: Und jetzt ist Papa dran. In: Süddeutsche Zeitung vom 12./13.05.2021 (Auszüge; auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

Felicitas Wilke

Und jetzt ist Papa dran

Als Hans-Georg Nelles vor 25 Jahren mit seiner Arbeit begann, hieß die Elternzeit noch Er-

ziehungsurlaub. Nur ungefähr ein Prozent der Väter machten damals die Erfahrung, dass es

eher Arbeit als All-inclusive-Ferien gleichkommt, ein Baby zu wickeln, zu füttern und her-

umzutragen, bis es einschlummert. Denn all das erledigten fast immer die Mütter. Wenn in

5 politischen Willenserklärungen und bunten Arbeitgeber-Broschüren von „Vereinbarkeit von

Beruf und Familie“ die Rede war, dann ging es meist um Mütter, fast nie um Väter. „Das

wollte ich ändern“, sagt Nelles, der selbst drei erwachsene Kinder hat. Heute leitet er die Lan-

desarbeitsgemeinschaft Väterarbeit in NRW und berät Unternehmen, wie sie „väterbewusste

Personalpolitik“ machen können.

10 Auch wenn sich in den vergangenen 25 Jahren viel getan hat: Die Arbeit dürfte ihm so schnell

nicht ausgehen.

Spricht man mit Aktivisten wie Nelles, mit Juristinnen und Juristen oder Wissenschaftlern,

dann wird klar: Ähnlich wie Mütter machen auch Väter im Beruf diskriminierende Erfahrun-

gen. Es fällt nur seltener auf, weil Männer generell seltener und kürzer in Elternzeit gehen.

15 Da ist der Arbeitgeber, der den werdenden Vater sicherheitshalber noch mal fragt, ob er sich

das mit der Elternzeit denn gut überlegt habe. Oder der Angestellte, dessen Leistungsbeurtei-

lung nach der beruflichen Auszeit schlechter ausfällt als zuvor. Oder aber, im Extremfall, der

Mitarbeiter, dem direkt nach seiner Elternzeit die Kündigung ins Haus flattert. Andererseits

gibt es auch Beispiele, die Väter ermutigen könnten, länger im Job auszusetzen.

20 Bis zu drei Jahre lang können Eltern hierzulande pro Kind in Elternzeit gehen, egal ob Vater

oder Mutter. Das Elterngeld […] wird in der Basis-Version bis zu 14 Monate an die Eltern

ausgezahlt, wobei maximal zwölf Monate von einem Elternteil genommen werden dürfen.

In der Praxis beantragt ein Elternteil, meist die Mutter, das Elterngeld in knapp drei Viertel

aller Fälle für zwölf Monate, der andere Elternteil, meist der Vater, für zwei. Auch deshalb

25 gelten sie umgangssprachlich als „Vätermonate“. Das kann schon mal zu Missverständnissen

führen: „Teilweise fragen Vorgesetzte werdende Väter, ob sie das denn überhaupt dürften –

mehr als zwei Monate in Elternzeit gehen“, berichtet Nelles. Er lacht dabei ein wenig ver-

zweifelt.

Der Anteil der Väter an allen Elterngeldbeziehern ist 2020 auf knapp 25 Prozent angestiegen,

30 fünf Jahre zuvor lag er noch bei knapp 21 Prozent. Es hat sich also etwas getan, seit der CSU-

Politiker Peter Ramsauer die Partnermonate als „Wickelvolontariat“ verspottete: Davon zeugt

die Statistik genauso wie die sichtbar gestiegene Zahl von Männern, die Kinderwagen durch

Straßen und Parks schieben. „Es ist bei den meisten Arbeitgebern angekommen und akzep-

tiert, wenn Väter für zwei Monate in Elternzeit gehen“, sagt der Soziologe Benjamin Neumann,

35 der an der TU Dortmund zu dem Thema forscht. Aber: „Bei allem, was darüber hinausgeht,

beginnen oft die Sorgen, sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Vätern.“

Bleibt ein Mitarbeiter seinem Arbeitsplatz länger fern, können Arbeitgeber die Abwesenheit

nicht mehr wie einen längeren Urlaub behandeln. „Sie müssen sich in diesem Fall überlegen,

wie sie die Arbeit neu verteilen und ob eine Vertretung eingestellt wird“, sagt Neumann.

40 Eigentlich alles Aufgaben, die sie von Mitarbeiterinnen in Elternzeit kennen könnten. Aber

eben auch: zusätzlicher Aufwand.

Auch viele Väter schrecken davor zurück, den Schreibtisch länger gegen die Wickelkommode

einzutauschen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass

dies vorwiegend finanzielle Gründe hat. Noch immer verdienen Männer in Deutschland mehr

45 als Frauen, was wiederum auch daran liegt, dass sie öfter in besser bezahlten Branchen und

Berufen arbeiten. Da das Elterngeld in der Regel nur 65 Prozent des letzten Nettogehalts be-

trägt und bei 1800 Euro gedeckelt ist, bedeutet mehr Zeit mit Papa für viele Familien auch

weniger Geld. „Gerade in größeren Städten muss man sich erst mal leisten können, darauf zu

verzichten“, sagt Nelles.

50 Die Sorge, im Job benachteiligt zu werden, ist ein zweiter Grund, weshalb viele Männer eine

längere Elternzeit scheuen. Fernab heftiger Mehr-oder-weniger-Einzelfälle gibt es zwar keine

empirischen Belege, ob sich längere Abwesenheiten negativ auf die berufliche Laufbahn von

Vätern auswirken. Was Mütter im Job erleben, dürfte manchen jedoch als abschreckendes

Beispiel genügen: So ist erstens nur knapp jede dritte Führungskraft in Deutschland eine Frau.

55 Und zweitens kostet das Muttersein eine Frau bis zu zwei Drittel ihres Lebenserwerbseinkom-

mens. Damit dieses Szenario nicht auch noch dem Hauptverdiener droht, kehrt er schneller

an den Arbeitsplatz zurück. Es ist ein Kreislauf aus alten Rollenbildern und strukturellen

Ungleichheiten. […]

In Schweden, Norwegen oder Spanien sieht der Staat mehr Partnermonate als in Deutschland

60 vor. Nimmt sie der Vater oder der zweite Elternteil nicht, verfallen sie. Ein Anreiz also für

eine gleichmäßigere Aufteilung der Elternzeit. Gleichzeitig ist der Maximalbetrag für das

Elterngeld in diesen Ländern teils deutlich höher, was finanzielle Sorgen nehmen und dazu

führen kann, dass auch der besserverdienende Partner Elterngeld-Monate nimmt. „Wären die

Regeln andere, würden die Väter auch länger in Elternzeit gehen und sich die Arbeitgeber

65 darauf einstellen“, glaubt Hans-Georg Nelles. Er hofft darauf, dass sich auch hierzulande poli-

tisch etwas tut.

Tatsächlich schlägt die Expertenkommission im jüngsten Familienbericht des Bundesfamilien-

ministeriums aus dem März eine solche Reform vor. Sie empfiehlt „drei exklusive Monate für

jeden Elternteil und acht weitere Monate, die die Eltern frei untereinander aufteilen können“.

70 Außerdem regt sie an, das Elterngeld für maximal sieben Monate pro Elternteil auf 80 Prozent

des Nettoeinkommens zu erhöhen.

Manchmal, sagt Hans-Georg Nelles, hätten Väter allerdings auch selbst Einfluss darauf, ob

ihre Elternzeit so verläuft, wie sie sich das wünschen. Sie könnten früh das Gespräch mit

ihrer Führungskraft suchen, sie könnten Sorgen ansprechen und Kollegen um Rat fragen, die

75 schon mal in Elternzeit waren. Die aktuelle Vätergeneration sehe er auf einem guten Weg,

sagt Nelles. „Sie will konstruktive Lösungen und fordert sie auch ein.“

Zur Autorin: Felicitas Wilke, geb. 1990, ist Journalistin im Wirtschaftsressort der Süddeutschen Zeitung.

2.

Stellen Sie die theoretischen Zugänge des Strukturfunktionalismus sowie des Interaktionismus dar. Erläutern Sie anhand dieser Theorien, vor welchen im Text geschilderten Herausforderungen Väter stehen, die mehr als zwei Monate Elternzeit nehmen möchten. [26 Punkte]

Ihre Ausarbeitung wurde gespeichert. Vergleichen Sie Ihre Antwort mit den Kriterien der offiziellen Lösung.

Aufgabe 4 - Wandel von Familie, Lebensformen und… · Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt

Thema: Flexibilisierung der Arbeit – ökonomisch sinnvoll und sozial verträglich?

Grundlage der Aufgaben ist der nachstehende Zeitungsartikel von Carla Baum:

Carla Baum

Es ist Zeit für radikale Flexibilität

Die Nachricht war zu schön, um wahr zu sein: Die neue finnische Regierungschefin Sanna Marin schlägt die Viertagewoche mit nur sechs Stunden am Tag vor. Rasant verbreitete sich das angebliche Vorhaben der finnischen Koalition Anfang der Woche in sozialen Medien. Eine 34-jährige Mutter, die jüngste Regierungschefin der Welt, pustet frischen Wind nicht nur 5 in die Politik, sondern auch in die Arbeitswelt. Das passte. Stimmte aber nicht. Wenig später stellte die finnische Regierung auf Twitter klar, die Viertagewoche sei kein Bestandteil des neuen Regierungsprogramms, sondern lediglich eine Idee, die Marin auf einer Podiumsdiskussion im August vorgestellt habe.

Die Begeisterung, die diese Falschnachricht auslöste, kann man als Symptom einer gesamt 10 gesellschaftlichen Sehnsucht deuten: nach mehr Zeit, mehr Abwechslung, einem Alltag, der nicht nur aus Arbeit und einem oft mit Organisationsstress gefüllten Feierabend besteht.

Dem Wunsch nach einer Viertagewoche liegt natürlich der Traum von mehr Freizeit zugrunde. Aber nicht alle Arbeitnehmerinnen wollen oder können weniger arbeiten. Vielen würde es schon genügen, flexibler zu sein. Denn arbeiten, das heißt oft Nine-to-Five, Montag bis Freitag. 15 Um 7.15 Uhr klingelt der Wecker, um 7.25 Uhr läuft die Dusche, um 7.50 Uhr noch schnell ein Kaffee, um 8.11 Uhr fährt die S-Bahn. Fünf Tage die Woche, 250 im Jahr, täglich grüßt der Kollege in morgendlicher Plauderlaune.

Die digitalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts lässt es eigentlich zu, aus diesen starren Konstrukten auszubrechen. Es ist längst Zeit für mehr Flexibilität. Aber Unternehmen kom 20 men diesem Wunsch viel zu zögerlich nach. Viele werben zwar mit Familienfreundlichkeit und flexiblen Arbeitszeiten, in der Realität beschränken sie sich aber auf Gleitzeit-Regelungen und wenige Tage Homeoffice pro Jahr. Viertagewochen gibt es bisher nur bei einigen wenigen kleinen, meist jungen Firmen und für manche Mitarbeiter großer Tech-Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft.

25 Dass nicht viel mehr Arbeitgeber so etwas versuchen, lässt sich einerseits damit erklären, dass sie an alten Strukturen festhalten. Die Konferenz um 8 Uhr morgens? Haben wir hier schon immer so gemacht. Viele Arbeitsverhältnisse beruhen außerdem auf Kontrolle: Wenn die Mitarbeiter zu festgelegten Zeiten an ihren Schreibtischen sitzen, kann die Chefin jederzeit nachsehen, ob Herr Özcan lieber beim Kaffee plaudert, statt den Kunden anzurufen.

30 Flexibilisierung verlangt von Vorgesetzten, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen. Am Ende zählt ohnehin nicht, wie lange Frau Friedrich Zigarettenpause macht, sondern dass sie die Bestellung wie geplant bis Mittwochnachmittag aufgegeben hat. Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft ergab, dass flexible Zeiten und Arbeitsverhältnisse, die von Vertrauen gekennzeichnet sind, Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern auch pro 35 duktiver machen. Gleichzeitig müssen Führungskräfte flexible Arbeitszeiten auch selbst vorleben. Wenn die Chefin immer um 8 am Schreibtisch sitzt und als Letzte das Büro verlässt – wer traut sich da, seine Aufgaben an vier Tagen abzuarbeiten und freitags zu Hause zu bleiben?

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssten sich ihre Zeit wirklich so einteilen können, wie sie 40 wollen. Denkbar wäre selbst in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen vieles: Jede zweite Woche freitags frei, dafür vier lange Tage mit je zehn Stunden. Oder ein Wechsel von Tagen, an denen man nach dem Abendessen noch mal arbeitet, und welchen mit freien Nachmittagen. Vielleicht gibt es sogar den ein oder anderen, der sich gern am Sonntagabend vor den Rechner setzt, wenn die Familie einen langweiligen Tatort schaut.

45 Eine solche Flexibilität ist nicht in allen Branchen umzusetzen. Eine Grundschullehrerin kann nicht morgens erst zum Yoga und um 11 Uhr vor der Klasse stehen, wenn der Unterricht um 8 Uhr beginnt. Ein Pfleger kann nicht am Donnerstagabend besonders viele Menschen waschen und mit Essen versorgen, um ab Freitagmittag mit einem Buch im Park zu sitzen. Und eine Fabrikarbeiterin im Schichtdienst kann nicht einfach mal für eine Stunde ihren Arbeitsplatz 50 verlassen, um die Aufgaben später flexibel nachzuholen. Dazu kommt: Sofern es allgemein verbindliche Tarifverträge in einem Unternehmen gibt, sind individuelle Regelungen umso schwerer umzusetzen.

Aber rund die Hälfte der deutschen Angestellten arbeitet am Computer, Tendenz steigend. Sie sind oft für festgelegte Aufgaben zuständig, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt er 55 ledigt sein müssen. In solchen Bereichen könnte man beispielsweise ansetzen – und flexible Arbeitszeiten einfach mal ausprobieren. Vorgesetzte könnten ihre Mitarbeiterinnen fragen, welche Arbeitszeiten sie sich wünschen. Wann sie am produktivsten sind, wann sie ihr Tief haben, welche Termine im Team für sie wichtig sind. Und daraus einen Test für einen begrenzten Zeitraum ableiten: Was passiert, wenn alle für einen Monat nur von Montag bis Donners 60 tag im Büro sein müssen? Wie funktioniert der Arbeitsalltag, wenn Herr Özcan schon um 7.30 Uhr kommt und früher geht, Frau Friedrich hingegen ausschläft und bis 20 Uhr bleibt? Im schlimmsten Fall ist das Experiment ein chaotischer Ausbruch aus dem Alltagstrott – der allerdings auch mal erfrischend sein kann. Im besten Fall entstehen daraus Modelle, von denen alle profitieren.

65 Bis neue Ansätze in allen Branchen ankommen, wird es dauern. Auch zur Fünftagewoche mit 40 statt 48 Wochenstunden war es ein langer Weg: Ab Mitte der Fünfzigerjahre setzte sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für einen freien Samstag und die Einführung der 40-Stunden-Woche ein – „Samstags gehört Vati mir“. Den damaligen Wirtschaftsminister und späteren Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard (CDU) veranlasste das zu einer wütenden Reak 70 tion: Ein Volk, das international wettbewerbsfähig sein wolle, solle sich nicht „Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben“. Es dauerte schließlich bis weit in die Sechzigerjahre hinein, bis die 40-Stunden-Woche in einem großen Teil der Branchen zum Standard wurde.

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, ist es wieder Zeit, auf die veränderten Bedürfnisse der Arbeit 75 nehmerinnen und Arbeitnehmer zu hören.

Zur Autorin: Carla Baum, geb. 1989, studierte Kultur- und Politikwissenschaften. Sie ist als Redakteurin bei ZEIT ONLINE tätig.

Quelle: Baum, Carla: Es ist Zeit für radikale Flexibilität. In: ZEIT ONLINE vom 09.01.2020 (auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

1.

Analysieren Sie, was die Autorin zur Flexibilisierung der Arbeit ausführt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang den Wandel hin zur postindustriellen Arbeitsgesellschaft, der dieser Entwicklung zugrunde liegt, sowie die damit verbundene Veränderung der Arbeitsstrukturen. [30 Punkte]

3.

Diskutieren Sie die im Text dargestellte Flexibilisierung der Arbeit unter sozialen und ökonomischen Gesichtspunkten. [24 Punkte]

Aufgabe 4 - Wertewandel und Individualisierung · Wertewandel und Individualisierung

Thema: Flexibilisierung der Arbeit – ökonomisch sinnvoll und sozial verträglich?

Grundlage der Aufgabe ist der nachstehende Zeitungsartikel von Carla Baum:

Carla Baum

Es ist Zeit für radikale Flexibilität

Die Nachricht war zu schön, um wahr zu sein: Die neue finnische Regierungschefin Sanna Marin schlägt die Viertagewoche mit nur sechs Stunden am Tag vor. Rasant verbreitete sich das angebliche Vorhaben der finnischen Koalition Anfang der Woche in sozialen Medien. Eine 34-jährige Mutter, die jüngste Regierungschefin der Welt, pustet frischen Wind nicht nur 5 in die Politik, sondern auch in die Arbeitswelt. Das passte. Stimmte aber nicht. Wenig später stellte die finnische Regierung auf Twitter klar, die Viertagewoche sei kein Bestandteil des neuen Regierungsprogramms, sondern lediglich eine Idee, die Marin auf einer Podiumsdiskussion im August vorgestellt habe.

Die Begeisterung, die diese Falschnachricht auslöste, kann man als Symptom einer gesamt 10 gesellschaftlichen Sehnsucht deuten: nach mehr Zeit, mehr Abwechslung, einem Alltag, der nicht nur aus Arbeit und einem oft mit Organisationsstress gefüllten Feierabend besteht.

Dem Wunsch nach einer Viertagewoche liegt natürlich der Traum von mehr Freizeit zugrunde. Aber nicht alle Arbeitnehmerinnen wollen oder können weniger arbeiten. Vielen würde es schon genügen, flexibler zu sein. Denn arbeiten, das heißt oft Nine-to-Five, Montag bis Freitag. 15 Um 7.15 Uhr klingelt der Wecker, um 7.25 Uhr läuft die Dusche, um 7.50 Uhr noch schnell ein Kaffee, um 8.11 Uhr fährt die S-Bahn. Fünf Tage die Woche, 250 im Jahr, täglich grüßt der Kollege in morgendlicher Plauderlaune.

Die digitalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts lässt es eigentlich zu, aus diesen starren Konstrukten auszubrechen. Es ist längst Zeit für mehr Flexibilität. Aber Unternehmen kom 20 men diesem Wunsch viel zu zögerlich nach. Viele werben zwar mit Familienfreundlichkeit und flexiblen Arbeitszeiten, in der Realität beschränken sie sich aber auf Gleitzeit-Regelungen und wenige Tage Homeoffice pro Jahr. Viertagewochen gibt es bisher nur bei einigen wenigen kleinen, meist jungen Firmen und für manche Mitarbeiter großer Tech-Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft.

25 Dass nicht viel mehr Arbeitgeber so etwas versuchen, lässt sich einerseits damit erklären, dass sie an alten Strukturen festhalten. Die Konferenz um 8 Uhr morgens? Haben wir hier schon immer so gemacht. Viele Arbeitsverhältnisse beruhen außerdem auf Kontrolle: Wenn die Mitarbeiter zu festgelegten Zeiten an ihren Schreibtischen sitzen, kann die Chefin jederzeit nachsehen, ob Herr Özcan lieber beim Kaffee plaudert, statt den Kunden anzurufen.

30 Flexibilisierung verlangt von Vorgesetzten, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen. Am Ende zählt ohnehin nicht, wie lange Frau Friedrich Zigarettenpause macht, sondern dass sie die Bestellung wie geplant bis Mittwochnachmittag aufgegeben hat. Eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft ergab, dass flexible Zeiten und Arbeitsverhältnisse, die von Vertrauen gekennzeichnet sind, Mitarbeiter nicht nur zufriedener, sondern auch pro 35 duktiver machen. Gleichzeitig müssen Führungskräfte flexible Arbeitszeiten auch selbst vorleben. Wenn die Chefin immer um 8 am Schreibtisch sitzt und als Letzte das Büro verlässt – wer traut sich da, seine Aufgaben an vier Tagen abzuarbeiten und freitags zu Hause zu bleiben?

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen müssten sich ihre Zeit wirklich so einteilen können, wie sie 40 wollen. Denkbar wäre selbst in Vollzeit-Arbeitsverhältnissen vieles: Jede zweite Woche freitags frei, dafür vier lange Tage mit je zehn Stunden. Oder ein Wechsel von Tagen, an denen man nach dem Abendessen noch mal arbeitet, und welchen mit freien Nachmittagen. Vielleicht gibt es sogar den ein oder anderen, der sich gern am Sonntagabend vor den Rechner setzt, wenn die Familie einen langweiligen Tatort schaut.

45 Eine solche Flexibilität ist nicht in allen Branchen umzusetzen. Eine Grundschullehrerin kann nicht morgens erst zum Yoga und um 11 Uhr vor der Klasse stehen, wenn der Unterricht um 8 Uhr beginnt. Ein Pfleger kann nicht am Donnerstagabend besonders viele Menschen waschen und mit Essen versorgen, um ab Freitagmittag mit einem Buch im Park zu sitzen. Und eine Fabrikarbeiterin im Schichtdienst kann nicht einfach mal für eine Stunde ihren Arbeitsplatz 50 verlassen, um die Aufgaben später flexibel nachzuholen. Dazu kommt: Sofern es allgemein verbindliche Tarifverträge in einem Unternehmen gibt, sind individuelle Regelungen umso schwerer umzusetzen.

Aber rund die Hälfte der deutschen Angestellten arbeitet am Computer, Tendenz steigend. Sie sind oft für festgelegte Aufgaben zuständig, die bis zu einem bestimmten Zeitpunkt er 55 ledigt sein müssen. In solchen Bereichen könnte man beispielsweise ansetzen – und flexible Arbeitszeiten einfach mal ausprobieren. Vorgesetzte könnten ihre Mitarbeiterinnen fragen, welche Arbeitszeiten sie sich wünschen. Wann sie am produktivsten sind, wann sie ihr Tief haben, welche Termine im Team für sie wichtig sind. Und daraus einen Test für einen begrenzten Zeitraum ableiten: Was passiert, wenn alle für einen Monat nur von Montag bis Donners 60 tag im Büro sein müssen? Wie funktioniert der Arbeitsalltag, wenn Herr Özcan schon um 7.30 Uhr kommt und früher geht, Frau Friedrich hingegen ausschläft und bis 20 Uhr bleibt? Im schlimmsten Fall ist das Experiment ein chaotischer Ausbruch aus dem Alltagstrott – der allerdings auch mal erfrischend sein kann. Im besten Fall entstehen daraus Modelle, von denen alle profitieren.

65 Bis neue Ansätze in allen Branchen ankommen, wird es dauern. Auch zur Fünftagewoche mit 40 statt 48 Wochenstunden war es ein langer Weg: Ab Mitte der Fünfzigerjahre setzte sich der Deutsche Gewerkschaftsbund für einen freien Samstag und die Einführung der 40-Stunden-Woche ein – „Samstags gehört Vati mir“. Den damaligen Wirtschaftsminister und späteren Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard (CDU) veranlasste das zu einer wütenden Reak 70 tion: Ein Volk, das international wettbewerbsfähig sein wolle, solle sich nicht „Überlegungen nach Verkürzung der Arbeitszeit hingeben“. Es dauerte schließlich bis weit in die Sechzigerjahre hinein, bis die 40-Stunden-Woche in einem großen Teil der Branchen zum Standard wurde.

Jetzt, mehr als 50 Jahre später, ist es wieder Zeit, auf die veränderten Bedürfnisse der Arbeit 75 nehmerinnen und Arbeitnehmer zu hören.

Zur Autorin: Carla Baum, geb. 1989, studierte Kultur- und Politikwissenschaften. Sie ist als Redakteurin bei ZEIT ONLINE tätig.

Quelle: Baum, Carla: Es ist Zeit für radikale Flexibilität. In: ZEIT ONLINE vom 09.01.2020 (auf Zwischenüberschriften wurde zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtet).

2.

Stellen Sie die Veränderungen der Familie seit 1949 sowie eine Theorie des Wertewandels dar. Erläutern Sie anhand dessen den im Text geschilderten Wunsch nach einer Viertagewoche. [26 Punkte]

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