Aufgabe HT 1 - Wandel von Familie, Lebensformen und Arbei… · Abitur NRW Soziologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Wandel von Familie, Lebensformen und Arbeitswelt · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Peter Lindner
„Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion“
[...]
SZ: Herr Reckwitz, manche sehen in der Coronakrise einen Epochenbruch. Auch Bundespräsident Steinmeier meint, dass die Welt nach Corona eine andere sein wird. Wird auch unsere Gesellschaft eine andere sein?
Andreas Reckwitz: Moderne Gesellschaften wandeln sich ständig, das ist gewissermaßen ihr 5 Normalzustand. Natürlich wird auch nach Corona manches anders sein. Ich bezweifle jedoch, dass die Coronakrise einen Epochenbruch markiert. Veränderungsprozesse in der Gesellschaft lassen sich kaum auf einzelne Ereignisse reduzieren. Der eigentliche Epochenbruch vollzieht sich nicht jetzt, sondern hat schon in den 1980er Jahren begonnen.
Was genau meinen Sie?
10 Seit mehreren Jahrzehnten ist in den westlichen Gesellschaften ein tiefgreifender sozialer, kultureller, technologischer und ökonomischer Wandel zu beobachten, von der industriellen Moderne zur Spätmoderne. Er umfasst die Liberalisierung der Lebensstile, die Digitalisierung, die Globalisierung und die Postindustrialisierung der Ökonomie.
Es ist interessant zu beobachten, wie dieser Strukturwandel gerade jetzt, in der Coronakrise, 15 besonders deutlich zum Vorschein tritt und wie auch die Probleme, die diese Veränderungen mit sich bringen, geradezu grell ausgeleuchtet werden.
Die wachsende soziale Ungleichheit zum Beispiel.
Genau. Sehr augenfällig wird auch die Diskrepanz zwischen den Lebenswelten nach dem Ende der ‚nivellierten Mittelstandsgesellschaft‘. Auf der einen Seite stehen die Wissensarbei- 20 ter aus der neuen Mittelklasse, die im Homeoffice arbeiten können. Und auf der anderen Seite jene Menschen, die im Bereich der sogenannten einfachen Dienstleistungen tätig sind. Dort haben Sie es oft mit schlecht bezahlten und verletzlichen Beschäftigungsverhältnissen zu tun. Die sind von der Krise ganz anders betroffen…
…wie etwa auch die prekär beschäftigten Arbeiter in der Fleischindustrie, von denen 25 derzeit viel die Rede ist 1. Aber unabhängig davon: Es gab doch auch vor den 80er Jah- ren nicht die eine gleiche Lebenswelt.
Natürlich nicht. Aber im Vergleich zu heute waren die Lebenswelten in den 50er, 60er und 70er Jahren relativ ähnlich: Es gab eine große dominante Mittelschicht. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die Lebenswelten deutlich auseinanderentwickelt, sowohl nach oben 30 als auch nach unten. Diese Diskrepanz ist prägend für die spätmoderne Gesellschaft.
In der Krise ist auch deutlich geworden, wie dringend die Gesellschaft auf Pfleger, Rei- nigungskräfte, Kassiererinnen und andere Beschäftigte im Dienstleistungssektor ange- wiesen ist. Sie sind „systemrelevant“ und haben dafür viel Applaus erhalten. Inwieweit können solche Erfahrungen ein besseres, wertschätzenderes Miteinander in der Gesell- 35 schaft dauerhaft befördern?
Es war jedenfalls ein wichtiger Moment, als diese oft unsichtbaren Tätigkeiten plötzlich sicht- bar und als gesellschaftlich notwendig eingeordnet wurden. Da hat sich eine gesellschaftliche Bewertung massiv verändert. Die einfachen Dienstleistungen waren ja sonst ein Bereich, der häufig als Terrain der ‚Niedrigqualifizierten‘ abgetan wurde. Ob das Ansehen solcher Berufe 40 allerdings dauerhaft steigt und ob sich dies auch in einer besseren Bezahlung niederschlägt, bleibt abzuwarten.
Wir haben in der Krise in zahlreichen Lebensbereichen viel Solidarität und Gemeinsinn erlebt. Sie haben einmal gesagt: „Auch ohne Gemeinschaft kann es Gemeinsinn geben.“ Wie soll das funktionieren?
45 In der Gegenwartsgesellschaft ist oft die Klage zu hören, es gebe zu wenig Gemeinschaft. Wir bräuchten wieder mehr davon. Aus soziologischer Sicht bin ich da sehr skeptisch. Denn es ist wichtig zu sehen: Moderne Gesellschaften sind keine Gemeinschaft mehr. Vormoderne Gesellschaften waren Gemeinschaften. Die Menschen lebten etwa in Dorfgemeinschaften, die ihre ganze Welt waren.
50 Und jetzt gibt es viele Welten.
Genau. Moderne Gesellschaften sind anders organisiert. Sie leben von der Differenz, also von der Unterschiedlichkeit. Natürlich gibt es auch hier verschiedene Communities. Aber das sind kleinere Zirkel von Wahlgemeinschaften. Die gesamte moderne Gesellschaft kann nicht zu einer Gemeinschaft werden. Es ist gefährlich diesen Eindruck zu erwecken.
55 Das lässt sich im Zusammenhang mit dem Populismus gerade beobachten, wie bei Viktor Orban in Ungarn 2. Er suggeriert, dass man auch in der Gegenwart so etwas wie eine homo- gene Gemeinschaft wiederaufbauen kann, welche dann die Nation trägt. Hinter dieser Gemein- schaftsvorstellung liegt ein Homogenitätsideal, eine Gleichförmigkeit, die in der Moderne nicht mehr zu haben ist. Ein Zurück zur Gemeinschaft ist eine Illusion.
60 Was bedeutet das für den Gemeinsinn?
Dass die Gesellschaft keine homogene Gemeinschaft mehr ist, bedeutet jedenfalls nicht, dass so etwas wie Gemeinsinn in der Moderne nicht möglich oder nötig wäre, im Gegenteil. Eine Gesellschaft, auch wenn sie noch so differenziert und individualisiert ist, kommt offensicht- lich nicht ohne ein Mindestmaß an sozialer Integration aus, das heißt an zivilen Normen, die 65 alle teilen. Fehlen solche gemeinsamen Regeln, zum Beispiel Normen der Gewaltlosigkeit, bricht das Soziale zusammen.
Genauso wichtig ist für die liberale Demokratie, die ja auf der Pluralität unterschiedlicher Interessen und Werte beruht, dass sie auf grundlegender Ebene ein gemeinsames Anliegen teilt. Das wäre gewissermaßen ein republikanisches Moment 3: trotz aller Interessensunter- 70 schiede das Wohl der eigenen Gesellschaft als kollektives Projekt. Das stünde dem Freund- Feind-Denken des Populismus entgegen.
Der gemeinsame Kampf gegen Corona, um die Risiken für alle zu verringern, ist ja in gewisser Weise auch so ein gemeinsames Projekt. Jeder Einzelne ist gefordert – vor allem aber auch der Staat. Hat Deutschland in der Krise das Richtige getan?
75 Der Staat war und ist in der Corona-Krise, nicht nur in Deutschland, vor allem als Risiko- manager gefordert. Auch im Hinblick auf seine Rolle werden in der Krise grundlegende Probleme der vergangenen Jahre klarer als bisher sichtbar.
Welche?
Wir haben in den 80er Jahren einen Wandel vom Wohlfahrtsstaat zum Wettbewerbsstaat 80 erlebt. Der Staat ist vor allem als Dynamisierer in Erscheinung getreten, der Märkte und Wettbewerb ermöglicht. Der sich eher zurückzieht auf die Rolle des Schiedsrichters oder Coaches. Diese zurückhaltende Rolle des Staates steht schon seit etwa zehn Jahren zurecht in der Kritik. [...]
Zum Interviewer:
Peter Lindner, geb. 1975, ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung und leitet dort das Ressort Politik. Er hat Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie studiert.
Zum Interviewten:
Andreas Reckwitz, geb. 1970, ist ein deutscher Soziologe und Kulturwissenschaftler. Er ist Professor für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
1 Hier wird darauf angespielt, dass es während der Coronapandemie im Juni 2020 in Deutschland in mehreren Schlachthöfen zu Coronaausbrüchen unter den Arbeitern kam.
2 Viktor Orban ist seit 2010 Regierungschef in Ungarn.
3 Hier bezieht sich Reckwitz auf die Staatstheorie des Republikanismus. Zu deren zentralen Merkmalen gehört die Annahme, dass der einzelne Staatsbürger vernunftbestimmt und solidaritätsorientiert handelt.
Teilaufgabe 1
1. Analysieren Sie, was der befragte Andreas Reckwitz über den gesellschaftlichen Wandel ausführt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die von ihm genannte „Liberalisierung der Lebensstile“ sowie die „Postindustrialisierung der Ökonomie“.
(30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie, was der befragte Andreas Reckwitz über den gesellschaftlichen Wandel ausführt. Erläutern Sie in diesem Zusammenhang die von ihm genannte „Liberalisierung der Lebensstile“ sowie die „Postindustrialisierung der Ökonomie“.
Lösung: Eine vollständige Ausarbeitung umfasst: - Einleitung: Nennung von Interviewer (Peter Lindner), Interviewtem (Andreas Reckwitz), Titel, Erscheinungsort (Süddeutsche Zeitung), Datum (25.06.2020) und Thema (Wandel zur gegenwärtigen spätmodernen Gesellschaft unter dem Einfluss der Coronakrise). - Kernaussagen: Die Pandemie markiert keinen Epochenbruch, sondern beleuchtet und verstärkt den seit den 1980ern laufenden Strukturwandel; Beleuchtung bestehender sozialer Ungleichheit (Wissensarbeiter im Homeoffice vs. prekäre Beschäftigte im einfachen Dienstleistungssektor/Lebensmittelindustrie); Diskrepanz der Lebenswelten nach dem Ende der nivellierten Mittelstandsgesellschaft; kurzfristige Aufwertung von Systemberufen ohne gesicherte langfristige Besserstellung; Zurückweisung des Ideals homogener Gemeinschaften (populistische Illusion) bei gleichzeitiger Notwendigkeit von Gemeinsinn (zivile Normen wie Gewaltlosigkeit, Pluralismus, Gemeinwohl); Kritik am Rückzug des Staates seit den 1980er Jahren (vom Wohlfahrts- zum Wettbewerbsstaat) und Notwendigkeit einer aktiveren Gestalterrolle. - Analyse von Struktur und Argumentationsweise: Orientierung an Interviewfragen, Veranschaulichung an Beispielen und historischen Vergleichen, soziologische Fachsprache. - Erläuterung der „Liberalisierung der Lebensstile“: Wohlstand, Bildungsexpansion und Freizeit führten zur Pluralisierung der Lebens- und Familienformen; Ablösung der bürgerlichen Kleinfamilie als alleinige Norm; Wandel zu postmaterialistischen Werten und Selbstverwirklichung; Freisetzung von traditionellen Bindungen (Individualisierungsthese). - Erläuterung der „Postindustrialisierung der Ökonomie“: Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft; Technologisierung/Digitalisierung; Erosion des Normalarbeitsverhältnisses und Zunahme atypischer/prekärer Beschäftigung; Polarisierung des Arbeitsmarktes zwischen hochqualifizierten Wissensarbeitern und einfachen Dienstleistungen. - Intention: Pointierte Einordnung des gesellschaftlichen Wandels unter der Pandemie und Plädoyer für stärkere staatliche Regulierung.
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