Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2023

Thema: Sozialpsychologische Theorien anwenden · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Die Macht des Selbstbildes – Ich über mich

Das Selbstbild prägt uns: Wie wir uns sehen beeinflusst Handlungsspielräume, Selbstvertrauen und Beziehungen

[...] Wie siehst du dich? Jahrelang hätte Jana Kuhnke auf diese Frage nur vage Antworten

geben können. In der Zeit ihres Studiums erlebte sich die heute 42-Jährige als arrogant und

distanziert, durcheinander und suchend, nur in Freundschaften kommunikativ und zuge-

wandt – ansonsten ziemlich belastet durch chronische Bauchschmerzen. Erst als die Sozial-

5 arbeiterin wegen eben dieser Schmerzen mit Mitte zwanzig eine Psychotherapie begann,

fing sie an, sich zu fragen, was für ein Mensch sie ist und wie ihr bisheriges Selbstbild

überhaupt zustande gekommen war. Sie stellte fest, dass sich hinter ihrer Arroganz viel

Angst vor dem Versagen verbarg und hinter den Bauchschmerzen ein Gefühl von Einsam-

keit. In dieser Phase der Selbsterkenntnis änderte sich ihr Bild von sich selbst, es nahm

10 Konturen an und wurde zugleich positiver. Jana Kuhnke, die in Wirklichkeit anders heißt,

erkannte auch, dass sie ihre kommunikative Art nicht nur in Freundschaften, sondern in

vielen Situationen nutzen konnte. Das machte sie stärker. Als arrogant würde sie sich heute

auch nicht mehr beschreiben, eher als leicht zu verunsichern. „Ich weiß mittlerweile genauer,

wie ich ticke und wie das Bild, das ich mir von mir mache, mein Leben beeinflusst", sagt

15 sie. „Meine Selbstsicht hat sich allein dadurch verändert, dass ich mich eine Weile ernsthaft

damit beschäftigt habe."

[...]

Es ist sinnvoll, sich das Selbstbild – also per Definition das Bild, das wir uns von uns selbst

machen – bewusst und genau anzuschauen, das gilt heute als Konsens in der Psychologie

20 und Psychotherapie. „Der erste Schritt ist, sich klarzumachen, dass dieses Bild eine Moment-

aufnahme und äußerst subjektiv ist", sagt Thorsten Padberg, Verhaltenstherapeut aus Berlin,

der sich in Fachartikeln immer wieder mit Themen rund um Selbsterkenntnis und Selbst-

sicht beschäftigt. Die Art, wie wir uns sehen und einschätzen, die Eigenschaften, die wir

uns zuordnen, und die Fähigkeiten, die wir uns bescheinigen, sind nicht unbedingt richtig,

25 korrekt oder wahr. Es ist eher wie bei einem Selbstporträt, das ein Künstler von sich zeich-

net, das ja auch nicht unbedingt einem Foto entspricht. Dennoch ist das Selbstbild sehr

mächtig – eine Art Schaltzentrale der persönlichen Entwicklung. „Wie man sich selbst

sieht, bestimmt auch, was man sich zutraut und wie man sich beurteilt", sagt Padberg. [...]

Dabei ist es laut Padberg eine Chance, wenn man erkennt, dass das Selbstbild eine Kon-

30 struktion ist, die zwar durch Erfahrungen, Gefühle, Gedanken und Erinnerungen gespeist

und beeinflusst wird – aber durchaus veränderbar ist.

Denn ob man das Selbstbild als starr oder als wandelbar ansieht, hat weitreichende Folgen:

Psychologieprofessorin Carol Dweck von der Stanford University hat in zahlreichen Studien

belegen können, dass Menschen sich sehr darin unterscheiden, ob sie ein starres Selbstbild

35 haben und beispielsweise von sich denken: „Ich bin stur, hübsch, mittelintelligent – und da-

ran ist auch nichts zu ändern", oder ob sie ein dynamisches Selbstbild haben und sich denken,

dass sie ihre Marotten, Einstellungen und Fähigkeiten zum Teil verändern und auch verbes-

sern können. In ihren Beobachtungs- und Befragungsstudien fand Dweck heraus, dass

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild günstigere Voraussetzungen haben, Neues zu

40 lernen, sich weiterzuentwickeln und mit Krisen und Veränderungen zurechtzukommen. In

einer Metastudie zu Forschungen rund um die Lernfähigkeit von Schülern zeigte sich etwa,

dass solche, die davon ausgingen, dass sie ihre Leistung, ihr Verhalten und sogar ihre Intel-

ligenz verändern könnten, mit herausfordernden Situationen wie Schulwechseln oder

schwierigen Mathematikkursen konstruktiver umgehen konnten und sich weniger gestresst

45 fühlten als Schüler, die ein starres Selbstbild hatten. [...]

Dwecks Untersuchungen legen auch nahe, dass ein starres Selbstbild dazu führt, dass Men-

schen kränkbarer sind und sich eher entmutigen lassen. Sie werten schlechte Leistungen

und Rückmeldungen stärker als Angriff auf ihre Persönlichkeit und nicht als Folge einer

schwierigen Situation, die man verändern kann. Diese Zusammenhänge wurden in Gruppen

50 mit Studierenden, mit Arbeitnehmern und bei Grund- und Vorschulkindern gefunden. Alle,

die ein dynamisches Selbstbild hatten, glaubten daran, dass es sich lohnt, sich anzustrengen.

Sie fragten sich nur selten „Kann ich das?", sondern viel häufiger: „Was muss ich tun, um

das zu können?" Wer ein dynamisches Bild von sich entwickelt, ist also motivierter zu han-

deln, statt sich im So-bin-ich-eben-Modus zu hemmen. Allerdings ist auch die Unterschei-

55 dung von „starrem" versus „dynamischem" Selbstbild nicht in Stein gemeißelt. Dweck hat

ebenfalls herausgefunden, dass Menschen ein dynamisches Selbstbild und damit mehr

Handlungsorientierung erlernen können. Das ist eine Chance für alle, die bisher noch ein

starres Bild von sich haben.

[...] Die Art, wie wir uns selbst sehen, beeinflusst also nicht nur unser Verhalten – sondern

60 unser konkretes Verhalten wirkt auch umgekehrt auf unser Selbstbild zurück. Jana Kuhnke

hat erlebt, wie sehr sich das Selbstbild erweitert, wenn man im Alltag neue Erfahrungen

macht. Sie wurde von ihrem Therapeuten ermuntert, ihre kommunikative Art nicht nur bei

Freunden zu zeigen, sondern sie auf andere Lebensbereiche auszudehnen. Obwohl sie zu-

nächst skeptisch war und dachte: „Aber ich bin doch eher distanziert!", gelang es ihr nach

65 einiger Zeit, mit fremden Menschen offener in Kontakt zu treten. Heute weiß sie nicht nur,

dass sie sich auf ihre sozialen Fähigkeiten verlassen kann, sondern auch, dass es ihr möglich

ist, sich entscheidend zu verändern. „Auch deshalb bin ich jetzt selbstbewusster als früher",

sagt Jana Kuhnke. [...]

Selbstwert und Selbstbild sind ohnehin eng verzahnt. „Sobald es nicht nur um die reine

70 Wahrnehmung geht, sondern man Bewertungen sich selbst gegenüber vornimmt, kommt

man in den Bereich der Selbstwertschätzung", sagt Astrid Schütz, Professorin für Persön-

lichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik von der Universität Bamberg. Eine

der grundlegenden Erkenntnisse in dieser Forschungsrichtung: Wie wir uns selbst subjektiv

beurteilen, wie wir unsere Fähigkeiten sehen, steuert den Selbstwert weitaus stärker als ob-

75 jektive Leistungen oder Fähigkeiten. Schätzt jemand beispielsweise seine Fähigkeiten in

Sachen Kommunikation höher ein, als sie wirklich sind, wird er sich besser fühlen als eine

Person wie Jana Kuhnke, die zwar sozial kompetent und eloquent ist, das aber lange nicht

erkannt hat. Ob es einem gelingt, das eigene Selbstporträt eher vorteilhaft zu zeichnen oder

extra hart und gnadenlos auszuleuchten, scheint auch vom Persönlichkeitsstil abzuhängen.

80 Menschen, die eher depressive Persönlichkeitsanteile haben, sehen sich oft hart und

nüchtern, beschönigen nichts. Menschen, die eher narzisstisch 1 sind, zeichnen von sich

schmeichelhafte Heldenporträts. [...]

Doch was hilft, um in den mittleren Bereich zu kommen, in dem die Zweifler ein positives

Selbstbild stabilisieren lernen und die Selbstüberschätzer ein bisschen zurückrudern? „Hier

85 kommen soziale Kontakte und die Rückmeldungen anderer Menschen ins Spiel", sagt Astrid

Schütz. Auch wenn wir das Selbstbild oft als Privatsache empfinden, so leben wir doch

nicht isoliert, sondern in sozialen Beziehungen, die uns so stark prägen, dass sie einen Teil

unserer Identität ausmachen.

Ganz praktisch heißt das: Es ergibt Sinn, andere in den Prozess der Selbstdefinition mitein-

90 zubeziehen und Resonanz, Kontakt und Rückmeldungen zu suchen. Thorsten Padberg erlebt

in seiner Praxis zum Beispiel oft Menschen, die von sich sagen: „Mich mag keiner, außer

meiner Mutter." Oder: „Ich bin eh unfähig." Wenn Patienten solche Überzeugungen äußern,

rät der Therapeut ihnen zu Umfragen im Bekanntenkreis: Was halten Kollegen, Freunde

und Bekannte wirklich von einem? Sehr oft kommen überwiegend positive Resonanzen,

95 die stabilisierend wirken, wenn es den Kollegen gelingt, sie anzunehmen. [...]

Doch die Selbsterkenntnis aus sozialer Rückmeldung, das Lernen aus Erfahrungen und im

eigenen Tun haben einen Haken: Sie können nur die Teile des Selbstbildes erfassen, die einem

bewusst sind. Die Kognitions- und Emotionsforscher gehen aber heute ebenso wie viele

Psychotherapeuten davon aus, dass Teile des Selbstbildes auch unbewusst oder halbbewusst

100 sind. Das hat natürlich damit zu tun, dass ein Großteil unseres Bildes von uns selbst in der

Kindheit entsteht, wo uns erste Bezugspersonen wie Eltern und Geschwister stark prägen

und uns Bilder von uns anbieten und zum Teil auch aufdrängen, die wir übernehmen – und

nicht gut hinterfragen können. Wir haben also, was unser Selbstbild angeht, ziemlich groß-

flächige blinde Flecken. Studien zeigen beispielsweise, dass man zwischen einerseits expli-

105 ziten (also bewussten) und andererseits impliziten (eher unbewussten) Selbstwertanteilen

unterscheiden kann.

[...] Das Forschen nach der Herkunft bestimmter Selbstbilder beschreibt auch Jana Kuhnke

als einen zentralen Teil ihrer Entwicklung. Dass sie sich so lange für arrogant und distan-

ziert gehalten hatte, stammte von einem Label, das ihre Eltern ihr gegeben hatten. In der

110 Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte hat sie verstanden, dass sie in der Kind-

heit tatsächlich Ideen entwickelt hatte wie: „Ich muss stark sein, darf mich keinem anver-

trauen. [...]

1 selbstverliebt, eigensüchtig

1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Annahmen zum Selbstbild gemacht werden, wie sich ein starres und ein dynamisches Selbstbild jeweils auf das Individuum auswirken und welche Maßnahmen der Stabilisierung des Selbstbildes dienen. Erklären Sie anschließend die Auswirkungen eines starren und eines dynamischen Selbstbildes mithilfe der Theorie der Kausalattribution. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Annahmen zum Selbstbild gemacht werden, wie sich ein starres und ein dynamisches Selbstbild jeweils auf das Individuum auswirken und welche Maßnahmen der Stabilisierung des Selbstbildes dienen. Erklären Sie anschließend die Auswirkungen eines starren und eines dynamischen Selbstbildes mithilfe der Theorie der Kausalattribution.

Lösung: Ausarbeitung mit folgenden Elementen: - Annahmen zum Selbstbild: subjektive Konstruktion (Momentaufnahme), geprägt durch Erfahrungen/Gefühle/Gedanken/Erinnerungen, bewusste und unbewusste Anteile, veränderbar. - Auswirkungen starres Selbstbild: Glaube an Unveränderbarkeit von Fähigkeiten/Einstellungen, höhere Kränkbarkeit/Entmutigung, Misserfolge als persönlicher Angriff, Verharren im 'So-bin-ich-eben-Modus'. - Auswirkungen dynamisches Selbstbild: Glaube an Entwickelbarkeit, günstigere Lernvoraussetzungen, konstruktiver Umgang mit Krisen, höhere Motivation und Handlungsorientierung. - Maßnahmen zur Stabilisierung: Handlungsorientierung einüben, erprobte Fähigkeiten auf andere Bereiche übertragen, soziale Rückmeldung/Resonanz einholen. - Skizze Kausalattribution: Ursachenzuschreibung entlang von Dimensionen (internal vs. external, stabil vs. variabel, global vs. spezifisch). - Erklärung: Starres Selbstbild führt zu pessimistischem Attributionsstil bei Misserfolg (internal, stabil, global -> Inaktivität, Resignation). Dynamisches Selbstbild führt zu optimistischem Attributionsstil (Erfolg internal-stabil, Misserfolg external oder variabel/spezifisch -> Motivation bleibt erhalten).

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