Aufgabe 3: Zeitdilatation am Beispiel der Lichtuhr · Abitur NRW Physik GK · Haupttermin 2023

Thema: Spezielle Relativitätstheorie · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Aufgabe: Zeitdilatation am Beispiel der Lichtuhr

Die Spezielle Relativitätstheorie (SRT) wurde im Jahre 1905 von Albert Einstein begründet, insbesondere um verschiedene Phänomene im Bereich des Elektromagnetismus zu erklären. Die SRT hat weitreichende Konsequenzen für die gesamte Physik, auch im Bereich der Kinematik. Zu diesen Konsequenzen gehört die sogenannte „Zeitdilatation“.

Teilaufgabe 1: Gedankenexperiment „Lichtuhr“

a)

Beim Erkenntnisgewinn wird in der SRT häufig auf Realexperimente verzichtet.

• Erläutern Sie den Grund dafür, dass in der SRT oft keine Realexperimente herangezogen werden.

Das Phänomen der relativistischen Zeitdilatation kann mittels der sogenannten „Lichtuhr“, eines sogenannten „Gedankenexperiments“, illustriert werden.

Die hier vorgestellte Lichtuhr besteht aus zwei planparallelen Spiegeln mit festem Abstand LL und einer im Bezugssystem der Spiegel ruhenden Uhr als Zeitmessgerät. Licht bewegt sich zwischen den beiden Spiegeln hin und her, und die Uhr wird genutzt, um die Laufzeiten des Lichts zwischen den Spiegeln im Ruhebezugssystem zu messen (siehe Abbildung 1 (links)).

• Berechnen Sie für L=6⋅106 mL = 6 \cdot 10^6\text{ m} die Zeit TT, die das Licht für den Weg von einem Spiegel zum anderen braucht.

Hinweis: Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt etwa c=3⋅108 m/sc = 3 \cdot 10^8\text{ m/s}.

In einem zweiten Bezugssystem sollen sich die beiden Spiegel geradlinig gleichförmig in der gleichen Richtung und mit der gleichen Geschwindigkeit vv bewegen. (Diese Bewegungsrichtung soll aus Sicht des ersten Bezugssystems senkrecht zur Bewegungsrichtung des Lichtstrahls verlaufen.) In diesem zweiten Bezugssystem bilden die Hin- und Rückwege des Lichts eine Zickzacklinie (siehe Abbildung 1 (rechts)).

• Erklären Sie, weshalb der Spiegelabstand LL in beiden Bezugssystemen übereinstimmt, obwohl Längen in der SRT relativ sind.

Im zweiten Bezugssystem besitzt jedoch der Lichtweg zwischen den Spiegeln nicht die Länge LL (wofür das Licht die Zeit TT benötigen würde), sondern die Länge L′L' (wofür es die Zeit T′T' benötigt), da sich die Spiegel in diesem Bezugssystem in Bewegung befinden (siehe Abbildung 2).

Die Größen L,T,L′,T′L, T, L', T' und vv erfüllen die folgenden Gleichungen:

(L′)2=L2+(vT′)2L=cTL′=cT′(L')^2 = L^2 + (vT')^2 \qquad L = cT \qquad L' = cT'

• Begründen Sie anhand von Abbildung 2, dass die linke Gleichung gilt.

Die beiden anderen Gleichungen lassen (auch ohne Rechnung) erkennen, dass das Einsteinsche Postulat der „Konstanz der Lichtgeschwindigkeit“ vorausgesetzt wird.

• Begründen Sie diese Feststellung.

b)

Ausgehend von diesen drei Gleichungen lässt sich mit einigen Umformungen die folgende Formel der Zeitdilatation ableiten:

T′=T1−v2c2T' = \frac{T}{\sqrt{1 - \frac{v^2}{c^2}}}

Ist somit eine Zeit TT im Ruhebezugssystem der Lichtuhr gegeben, lässt sich die Zeit T′T' in einem Bezugssystem berechnen, das sich relativ zum Ruhebezugssystem mit der Geschwindigkeit vv bewegt.

• Berechnen Sie T′T' für T=100 sT = 100\text{ s} und v=0,80 cv = 0{,}80\text{ c}.

• Zeigen Sie an einem Beispiel, dass bei hinreichend kleinen Geschwindigkeiten näherungsweise T=T′T = T' gilt.

• Begründen Sie, dass T′T' bei jeder Geschwindigkeit vv mindestens so groß wie TT ist.

Teilaufgabe 2: Zeitdilatation und Längenkontraktion in der SRT

a)

Auf einer im Ruhebezugssystem einer Raumstation unbewegten Uhr sollen 2,0 Minuten2{,}0\text{ Minuten} vergehen (siehe Abbildung 3). Aus Sicht des Ruhebezugssystems einer Rakete, die sich mit einer konstanten Geschwindigkeit vv relativ zur Raumstation bewegt, sollen währenddessen 4,0 Minuten4{,}0\text{ Minuten} vergehen.

• Berechnen Sie die Relativgeschwindigkeit vv.

Die Geschwindigkeit soll nun weiterhin vv betragen, allerdings sollen nun, anders als zuvor, auf einer im Ruhebezugssystem der Rakete ruhenden Uhr 4,0 Minuten4{,}0\text{ Minuten} vergehen (siehe Abbildung 4).

• Entscheiden Sie mithilfe der folgenden Alternativen, welche Zeit in der Zwischenzeit aus Sicht der Raumstation (d. h. in deren Ruhebezugssystem) vergeht:

Es wird nun angenommen, dass die beiden Uhren (die relativ zur Raumstation ruhende Uhr und die relativ zur Rakete ruhende Uhr) gerade in dem einen Moment auf „0:00 Uhr“ stehen, in dem die Rakete die Raumstation passiert. Dann werden etwas später, in beiden Bezugssystemen in unterschiedlicher Reihenfolge, beide Uhren sukzessive auf „0:01 Uhr“ umspringen.

• Beurteilen Sie, welche der beiden Uhren aus Sicht der Rakete zuerst auf „0:01 Uhr“ umspringt.

b)

Neben der Zeitdilatation ist die Längenkontraktion eine weitere, für die Kinematik bedeutsame Konsequenz der SRT.

Wird beispielsweise die Entfernung zwischen vorderem und hinterem Ende der Rakete gemessen, so ergibt sich im Ruhebezugssystem der Rakete die sogenannte Ruhelänge Δx\Delta x. Im Ruhebezugssystem der Raumstation dagegen wird zwischen vorderem und hinterem Ende der Rakete eine kürzere Länge Δx′\Delta x' gemessen.

• Entscheiden Sie, welche der folgenden Formeln die Beziehung zwischen Δx\Delta x und Δx′\Delta x' physikalisch richtig beschreibt:

Die Ruhelänge der Rakete soll Δx=50 m\Delta x = 50\text{ m} und die Geschwindigkeit v=0,95 cv = 0{,}95\text{ c} betragen.

• Berechnen Sie die Länge Δx′\Delta x' der Rakete, die im Bezugssystem der Raumstation gemessen wird.

Es wird nun angenommen, dass die Rakete von Beginn an in der entgegengesetzten Richtung geflogen ist.

• Erläutern Sie, wie sich diese Annahme auf die Stärke der Längenkontraktion auswirkt.

Teilaufgabe 3: Zeitdilatation in der Technik

Erkenntnisse der SRT sind nicht nur bei klassischen Realexperimenten zu berücksichtigen, etwa beim Verständnis verschiedener Experimente mit Teilchenbeschleunigern, sondern auch bei komplexen technischen Systemen wie etwa Satellitennavigationssystemen.

•

Geben Sie zwei weitere Realexperimente an, bei deren Deutung Ergebnisse der SRT beachtet werden müssen.

Bei modernen Navigationssystemen wie beispielsweise GPS werden Funksignale zwischen Navigationsgerät (etwa im Auto oder Flugzeug) und mindestens drei im Erdorbit befindlichen Satelliten (für die drei Raumkoordinaten x, y und z) ausgetauscht (von den Satelliten in Richtung des Navigationsgeräts). Die Signallaufzeiten dienen als Navigationsgrundlage.

•

Erklären Sie qualitativ, weshalb solche Navigationssysteme die Zeitdilatation zwingend einbeziehen müssen.

Die für das Navigationssystem GPS notwendige zeitliche Genauigkeit wird innerhalb der Satelliten durch hochpräzise Atomuhren sichergestellt. Das GPS-Gerät des Empfängers (das sich beispielsweise in einem Auto befindet) verfügt in der Regel jedoch über keine Atomuhr zur präzisen Zeitmessung.

•

Stellen Sie dar, warum die Signale von vier statt drei GPS-Satelliten genauere Zeitmessungen am Empfängerort erlauben.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3: Zeitdilatation am Beispiel der Lichtuhr · Abitur NRW Physik GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erläutern Sie den Grund dafür, dass in der SRT oft keine Realexperimente herangezogen werden.

Lösung: Effekte der SRT sind bei kleinen Geschwindigkeiten nur von geringem Ausmaß und erfordern großen Messaufwand; hohe Geschwindigkeiten sind experimentell nur aufwendig zu verwirklichen.

Berechnen Sie für L=6⋅106 mL = 6 \cdot 10^6\text{ m} die Zeit TT, die das Licht für den Weg von einem Spiegel zum anderen braucht.

Lösung: 0,02 s0{,}02\text{ s} / 20 ms20\text{ ms}

Erklären Sie, weshalb der Spiegelabstand LL in beiden Bezugssystemen übereinstimmt, obwohl Längen in der SRT relativ sind.

Lösung: Die Längenkontraktion wirkt sich nur in Richtung der Relativbewegung aus; der Abstand LL steht senkrecht zur Bewegungsrichtung.

Begründen Sie anhand von Abbildung 2, dass die linke Gleichung gilt.

Lösung: Die Strecken LL, L′L' und vT′vT' bilden ein rechtwinkliges Dreieck; nach dem Satz des Pythagoras gilt (L′)2=L2+(vT′)2(L')^2 = L^2 + (vT')^2.

Begründen Sie diese Feststellung [dass die beiden anderen Gleichungen das Postulat der Konstanz der Lichtgeschwindigkeit voraussetzen].

Lösung: In beiden Gleichungen (L=cTL = cT und L′=cT′L' = cT') wird derselbe Wert für die Lichtgeschwindigkeit cc verwendet.

Berechnen Sie T′T' für T=100 sT = 100\text{ s} und v=0,80 cv = 0{,}80\text{ c}.

Lösung: 167 s167\text{ s} / 1,7⋅102 s1{,}7 \cdot 10^2\text{ s}

Zeigen Sie an einem Beispiel, dass bei hinreichend kleinen Geschwindigkeiten näherungsweise T=T′T = T' gilt.

Lösung: Für v=0,001 cv = 0{,}001\text{ c} ist 1−(0,001)2=0,999999≈1\sqrt{1 - (0{,}001)^2} = \sqrt{0{,}999999} \approx 1, daher T′≈TT' \approx T.

Begründen Sie, dass T′T' bei jeder Geschwindigkeit vv mindestens so groß wie TT ist.

Lösung: Da v2c2≥0\frac{v^2}{c^2} \ge 0, ist der Radikand ≤1\le 1, die Wurzel somit ≤1\le 1 und der Quotient T′≥TT' \ge T.

Berechnen Sie die Relativgeschwindigkeit vv.

Lösung: 2,6⋅108 m/s2{,}6 \cdot 10^8\text{ m/s} / 2,60⋅105 km/s2{,}60 \cdot 10^5\text{ km/s} / 0,87 c0{,}87\text{ c}

Entscheiden Sie anhand der folgenden Alternativen, wie viel Zeit währenddessen aus Sicht der Raumstation vergeht:

Lösung: Δt=8,0 min\Delta t = 8{,}0\text{ min}

Beurteilen Sie, welche der beiden Uhren aus Sicht der Rakete zuerst auf „0:01 Uhr“ umspringt.

Lösung: Aus Sicht der Rakete springt die Raketenuhr als erstes auf 0:01 Uhr um, da die relativ bewegte Uhr der Raumstation dilatiert (langsamer) läuft.

Entscheiden Sie, welche der folgenden Formeln die Beziehung zwischen Δx\Delta x und Δx′\Delta x' physikalisch richtig beschreibt:

Lösung: Δx′=Δx⋅1−v2c2\Delta x' = \Delta x \cdot \sqrt{1 - \frac{v^2}{c^2}}

Berechnen Sie die Länge Δx′\Delta x' der Rakete, die im Bezugssystem der Raumstation gemessen wird.

Lösung: 16 m16\text{ m} / 15,6 m15{,}6\text{ m}

Erläutern Sie, wie sich diese Annahme auf die Stärke der Längenkontraktion auswirkt.

Lösung: Die Umkehrung der Bewegungsrichtung hat keinen Einfluss auf das Ausmaß der Längenkontraktion, da in der Formel nur v2v^2 eingeht.

Geben Sie zwei weitere Realexperimente an, bei deren Deutung Ergebnisse der SRT beachtet werden müssen.

Lösung: Michelson-Morley-Experiment und Lebensdauer / Zerfall atmosphärischer Myonen.

Erklären Sie qualitativ, weshalb solche Navigationssysteme die Zeitdilatation zwingend einbeziehen müssen.

Lösung: Ohne Berücksichtigung der Zeitdilatation würden fehlerhafte Signallaufzeiten berechnet, was zu gravierenden Positionsfehlern fÿhrt.

Stellen Sie dar, warum die Signale von vier statt drei GPS-Satelliten genauere Zeitmessungen am Empfängerort erlauben.

Lösung: Der vierte Satellit ermöglicht über seine Atomuhr die Korrektur des Uhrenfehlers der ungenauen Empfängeruhr (Bestimmung von vier Unbekannten: x, y, z und Empfängerzeitfehler).

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