Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Freiheit und Determinismus · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Philosophie, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie dessen Argumentationsgang. (26 Punkte)

2.

Vergleichen Sie die Aussagen Humes mit vergleichbaren Gedanken Sartres. Stellen Sie hierfür zunächst die Grundzüge der Position Sartres dar. (30 Punkte)

3.

Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern sich das Kausalitätsprinzip und die Willensfreiheit sinnvoll miteinander vereinbaren lassen. (24 Punkte)

Materialgrundlage

David Hume: An Enquiry Concerning Human Understanding / Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Übers. v. Herbert Herring. Hrsg. v. Falk Wunderlich. Stuttgart: Reclam 2016, S. 213–217, 225–235, 243–255. (Gekürzter Textausschnitt. Die Rechtschreibung folgt der Vorlage.)

David Hume: Über Freiheit und Notwendigkeit (1748)

1 Ich hoffe [...] klarzumachen, dass alle Menschen von jeher über die Lehre von Notwendigkeit und Freiheit einig gewesen sind, wenn man diesen Ausdrücken einen vernünftigen Sinn gibt, und dass sich die ganze bisherige Kontroverse bloß um Worte gedreht hat. Wir wollen mit der Prüfung der Lehre von der Notwendigkeit beginnen. [...]

5 [U]nsere Idee von Notwendigkeit und Verursachung [entsteht] ausschließlich aus der im Naturgeschehen beobachtbaren Gleichförmigkeit 1, wo gleichartige Gegenstände beständig miteinander verbunden sind und der Geist durch Gewohnheit veranlasst wird, den einen aus dem Auftreten des anderen zu folgern. Diese beiden Umstände machen das Ganze jener Notwendigkeit aus, die wir der Materie zuschreiben. [...]

10 Es ist allgemein anerkannt, dass eine große Gleichförmigkeit unter den Handlungen der Menschen bei allen Völkern und zu allen Zeiten besteht und dass die menschliche Natur in ihren Prinzipien und Handlungsweisen immer dieselbe bleibt. Dieselben Motive führen immer zu denselben Handlungen; dieselben Ereignisse folgen aus denselben Ursachen. Ruhmsucht, Habgier, Selbstliebe, Eitelkeit, Freundschaft, Großmut, Gemeinsinn – diese Leidenschaften waren und sind stets, in unterschiedlichem Grad gemischt und in der Gesellschaft verteilt, seit Anbeginn der Welt die Quelle aller Handlungen und Unternehmungen, die man je unter den Menschen beobachtet hat. [...]

18 Ich gebe zu, dass man Handlungen finden kann, die keine regelmäßige Verknüpfung mit irgendwelchen bekannten Motiven zu haben scheinen [...].

20 Die unregelmäßigsten und unerwartetsten Entschlüsse des Menschen können [jedoch] oft von denen erklärt werden, die jede Einzelheit ihres Charakters und ihrer Situation kennen. Ein dem Wesen nach liebenswürdiger Mensch gibt eine mürrische Antwort: er hat aber Zahnschmerzen oder nicht zu Mittag gegessen. Ein Dummkopf legt eine ungewöhnliche Heiterkeit in seinem Betragen 2 an den Tag: ihm ist aber unerwartetes Glück begegnet. [...]

25 In der Tat, wenn wir bedenken, wie trefflich natürliche und moralische 3 Gewissheit zusammenhängen und nur eine einzige Begründungskette bilden, werden wir keine Bedenken haben zuzugeben, dass sie gleicher Natur und aus den gleichen Prinzipien hergeleitet sind. Ein Gefangener, der weder Geld noch Einfluss hat, erkennt die Unmöglichkeit seiner Flucht ebenso, wenn er die Standhaftigkeit des Gefängniswärters, wie wenn er die ihn umgebenden Mauern und Gitter betrachtet; und bei allen Befreiungsversuchen wird er lieber gegen Stein und Eisen der einen als gegen die unnachgiebige Natur des anderen arbeiten. [...]

32 Denn da diese [Handlungen des Willens] offenbar eine regelmäßige Verbindung mit Motiven, Umständen und Charaktereigenschaften aufweisen und wir stets eines aus dem anderen folgern, sind wir gezwungen, jene Notwendigkeit ausdrücklich anzuerkennen, die wir bereits bei jeder Überlegung in unserem Leben und bei jedem Schritt in unserem Verhalten und Benehmen anerkannt haben.

37 Fahren wir aber in unserem die Frage von Freiheit und Notwendigkeit betreffenden versöhnlichen Vorhaben fort – [...] was ist mit Freiheit in ihrer Anwendung auf willentliche Handlungen gemeint? [...] Unter Freiheit können wir somit nur eine Macht, zu handeln oder nicht zu handeln, entsprechend den Entschlüssen des Willens, verstehen; d. h., beschließen wir, uns ruhig zu verhalten, so können wir es; beschließen wir, uns zu bewegen, so können wir es auch. Diese bedingte Freiheit wird nun allgemein jedem zugestanden, der kein Gefangener ist und in Ketten liegt. Das ist also unbestritten. [...]

44 Es gibt kein gebräuchlicheres und gleichzeitig verwerflicheres Begründungsverfahren, als in philosophischen Streitfragen zu versuchen, die Widerlegung einer Hypothese durch den Vorwand zu erreichen, sie hätte gefährliche Folgen für Religion und Moralität 4. [...] Ich unterwerfe mich bereitwillig einer solchen Prüfung und wage zu behaupten, dass die vorhin dargelegten Lehren von Notwendigkeit und Freiheit nicht nur mit der Moralität verträglich, sondern ihr eine unerlässliche Stütze sind. [...]

50 Handlungen sind, ihrer eigensten Natur nach, zeitlich und vergänglich, und wo sie nicht von irgendeiner Ursache in Charakter und Anlage der handelnden Person ausgehen, können sie ihr weder zur Ehre, sofern sie gut sind, noch, wenn sie schlecht sind, zur Schande gereichen. Die Handlungen selbst mögen verwerflich sein, sie mögen wider alle Regeln der Moralität und Religion sein: Dennoch ist die Person nicht für sie verantwortlich; und da sie aus nichts Dauerhaftem und Beständigem in ihr hervorgehen und nichts Derartiges hinterlassen, kann sie unmöglich ihretwegen Gegenstand von Strafe oder Rache werden. Nach dem Prinzip, das die Notwendigkeit und folglich die Ursachen leugnet, ist somit ein Mensch, nachdem er das abscheulichste Verbrechen begangen hat, ebenso rein und makellos wie im ersten Augenblick seiner Geburt; auch sein Charakter ist an seinen Handlungen in keiner Weise beteiligt, da diese ja nicht aus ihm entstehen, und die Schlechtigkeit der einen kann niemals als Beweis der Verderbtheit des anderen dienen.

62 Man tadelt Menschen nicht für Handlungen, die sie unwissend und zufällig begehen, welche Konsequenzen sie auch immer haben mögen. [...]

64 Ebenso leicht lässt sich mit denselben Argumenten beweisen, dass Freiheit nach der oben gegebenen und von allen Menschen zugegebenen Definition für die Moralität ebenfalls wesentlich ist und dass, wo sie fehlt, keine menschlichen Handlungen moralische Eigenschaften haben oder Gegenstand von Billigung oder Missbilligung sein können. Da nämlich Handlungen nur insofern Gegenstand unseres moralischen Gefühls 5 sind, als sie auf den inneren Charakter, auf Leidenschaften und Neigungen verweisen, können sie unmöglich dort zu Lob oder Tadel Anlass geben, wo sie nicht aus diesen Prinzipien hervorgehen, sondern völlig äußerer Gewalt entspringen.

Zum Autor: David Hume (1711–1776) war ein schottischer Philosoph der Aufklärung, der sich u. a. mit Fragen der Erkenntnistheorie und der praktischen Philosophie beschäftigt hat.

1 Gleichförmigkeit, hier: Regelmäßigkeit

2 Betragen: Verhalten

3 moralisch, hier: praktisch, auf menschliche Handlungen bezogen

4 Moralität, hier: moralische Verantwortlichkeit bzw. deren Begründbarkeit

5 moralisches Gefühl: Gefühl der Lust bzw. Unlust bei der Wahrnehmung einer moralisch guten bzw. schlechten Handlung

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden bis zu 20 weitere Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das Problem, das dem Text zugrunde liegt, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie dessen Argumentationsgang. (26 Punkte)

Lösung: Ausarbeitung zur Textanalyse von Humes Position zu Freiheit und Notwendigkeit.

2. Vergleichen Sie die Aussagen Humes mit vergleichbaren Gedanken Sartres. Stellen Sie hierfür zunächst die Grundzüge der Position Sartres dar. (30 Punkte)

Lösung: Darstellung von Sartres Position und vergleichende Analyse mit Humes Konzeption.

3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen jeweils sind, und nehmen Sie Stellung dazu, ob bzw. inwiefern sich das Kausalitätsprinzip und die Willensfreiheit sinnvoll miteinander vereinbaren lassen. (24 Punkte)

Lösung: Kritische Beurteilung beider Konzeptionen und eigene reflektierte Stellungnahme zum Verhältnis von Kausalität und Willensfreiheit.

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