Aufgabe 1 · Abitur NRW Philosophie GK · Nachtermin 2023
Thema: Freiheit und Determinismus · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 · Philosophie, Grundkurs
Aufgabenstellung 1
Materialgrundlage: Gerhard Roth: Willensfreiheit und Autonomie (2001)
1 Die Freiheit des Wünschens, Planens und Wollens ist ein [...] Grundpfeiler unseres traditionellen Menschenbildes. Sie besteht in der Fähigkeit, ohne erkennbaren Zwang, aus „sich heraus“ zu wollen und zu handeln und damit in einer bestimmten Situation auch anders handeln zu können, wenn man nur anders will.
5 Diese starke Form der Willensfreiheit ist, auch wenn sie von uns in dieser Form subjektiv erlebt wird, eine Illusion. Das Gefühl des „freien“ Willensaktes entsteht in uns, nachdem limbische Strukturen und Funktionen¹ bereits festgelegt haben, was wir zu tun haben. Das Gefühl der Willensfreiheit im starken Sinne des Anders-Handeln-Könnens dient der Selbst-Zuschreibung des Ich, ohne die eine komplexe Handlungsplanung nicht möglich ist.
10 Unsere bewussten Wünsche und Absichten und unser Wille stehen unter Kontrolle des unbewussten, limbischen Erfahrungsgedächtnisses, und ebenso wird von dieser Instanz festgelegt, ob und in welchem Maße das, was bewusst gewollt wurde, wirklich getan wird. In dieser Weise ist garantiert, dass alles, was wir tun, im Lichte der gesamten individuellen (auch sozial vermittelten) Erfahrung geschieht, die im limbischen System gespeichert ist.
15 Dies macht ein rationales Abwägen in Entscheidungssituationen keineswegs überflüssig, im Gegenteil: Ein Einsatz von Verstand und Vernunft im Unterschied zu den Funktionen subcortikaler Zentren² ist notwendig, um mittel- und langfristige Konsequenzen unseres Handelns zu erkennen. Entsprechend sind Verstand und Vernunft in komplexen und hinreichend wichtigen Entscheidungssituationen gefragt. Das limbische System legt jedoch fest, wann, in welchem Ausmaß und mit welchen Argumenten das rationale cortikale System³ zum Einsatz kommt. Wir haben durch anhaltende Belehrung und noch stärker durch bittere Erfahrung gelernt, dass es nützlich ist, bei wichtigen Dingen Verstand und Vernunft walten zu lassen. Beide entscheiden jedoch nichts; sie fungieren für das emotionale handlungssteuernde System als Ratgeber, indem sie wünschbare oder nicht wünschbare Konsequenzen der verschiedenen Alternativen aufzeigen.
25 Menschen fühlen sich frei, wenn sie das tun können, was sie zuvor wollten; die Frage nach der Freiheit des Wollens wird von ihnen dabei erlebnismäßig gar nicht thematisiert. Dieses Handeln aus eigenem Wollen ist die Grundlage menschlicher Autonomie, nicht ein tatsächliches Anders-Handeln-Können. Dieses würde in vielen Situationen als willkürliches Handeln erscheinen und ein ersprießliches menschliches Zusammenleben unmöglich machen.
30 Der Verzicht auf die Annahme einer Willensfreiheit im Sinne des Anders-Handeln-Könnens bedeutet auch den Verzicht auf einen subjektiven Schuldbegriff. Menschen können als bewusste Individuen nichts für das, was sie tun, denn ihr bewusstes Handeln wird durch das emotionale Erfahrungsgedächtnis geleitet, das nicht dem Willen unterliegt. Entsprechend müssen sich Strafrecht und Strafvollzug anstelle einer moralischen Verdammung auf den Erziehungs- und Besserungsaspekt konzentrieren, sofern ein Straftäter besserbar erscheint, bzw. auf den Schutz der Gesellschaft vor „unverbesserlichen“ Straftätern. Dies schließt nicht den Gedanken der Verantwortlichkeit für das eigene Handeln und dessen Konsequenzen aus. Diese Verantwortlichkeit ist aber selbst ein Erziehungsprodukt und legt fest, was ein Mensch ohne Nachteile für sich und andere in der Gesellschaft tun darf und was nicht.
¹ limbische Strukturen und Funktionen: Das limbische System ist eine Funktionseinheit im Gehirn, die für die Verarbeitung von Emotionen sowie für bewusstes und unbewusstes Verhalten verantwortlich ist.
² subcortikale Zentren: Teile des limbischen Systems
³ cortikales System: Teil des limbischen Systems
Zum Autor: Gerhard Roth (geb. 1942), Hirnforscher, zählt zu den führenden Neurowissenschaftlern in Deutschland.
1.
Stellen Sie die Frage, von der der Text ausgeht, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Abfolge seiner Gedanken.
[26 Punkte]
2.
Vergleichen Sie die Aussagen Roths mit der einschlägigen Position Sartres. Stellen Sie dafür zunächst deren Grundzüge dar.
[30 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu dem folgenden Zitat von Christian Thies: „Im Raum der Gründe fallen Freiheit und Determinismus zusammen. Denn Gründe sind zwingend, ohne dass wir sie als Zwang empfinden.“
[24 Punkte]
Hinweis zur Bewertung: Zusätzlich zu den inhaltlichen Teilleistungen (80 Punkte: 26 + 30 + 24) fließen bis zu 20 Punkte für die Darstellungsleistung in die Gesamtbewertung (100 Punkte) ein.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie die Frage, von der der Text ausgeht, sowie die Hauptthese des Autors dar und erarbeiten Sie die Abfolge seiner Gedanken.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (Fragestellung: Ist der menschliche Wille frei?; These: Willensfreiheit im starken Sinne des Anders-Handeln-Könnens ist eine Illusion; strukturierte Darstellung des Gedankengangs).
2. Vergleichen Sie die Aussagen Roths mit der einschlägigen Position Sartres. Stellen Sie dafür zunächst deren Grundzüge dar.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung: Darstellung von Sartres Position (Existenz geht der Essenz voraus, radikale Freiheit und Verantwortung), Kennzeichnung als Existentialismus/Indeterminismus sowie Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu Roth.
3. Beurteilen Sie, wie überzeugend beide Positionen sind, und nehmen Sie Stellung zu dem folgenden Zitat von Christian Thies: „Im Raum der Gründe fallen Freiheit und Determinismus zusammen. Denn Gründe sind zwingend, ohne dass wir sie als Zwang empfinden.“
Lösung: Individuelle kritische Beurteilung der Reichweite beider Positionen sowie begründete Stellungnahme zum Zitat von Thies bezüglich der Vereinbarkeit von Freiheit und Determination im Raum der Gründe.
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