Abitur NRW Musik 2022 · GK · Haupttermin
Abiturprüfung Musik in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Programmmusik und absolute Musik. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Programmmusik und absolute Musik · Neue Musik: Determination und Zufall · Liebe und Tod im Musiktheater · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung
Aufgabe 1 · Liebe und Tod im Musiktheater
Aufgabenstellung:
Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer (*1941) äußert sich zur Darstellung der Liebe in den Opern Wolfgang Amadeus Mozarts (1756 – 1791) wie folgt:
„Betrachten wir die Operngeschichte der Liebe, so ist [Liebe] bis weit ins 18. Jahrhundert fast immer etwas Vorgegebenes 1. Erst die Gefühlsrevolution der Empfindsamkeit 2 im 18. Jahrhundert stellt die Liebe und alle Gefühle nicht mehr einfach als fix und fertig hin, sondern zeigt ihre [Entstehung]. Was sich [bei Mozart] abspielt, ist die hier und jetzt entstehende Liebe. Was sich musikalisch ereignet, eine Abfolge von spontanen Impulsen, wird durch den Text vorbereitet.“
1 Vorgegebenes: Gemeint ist, dass Liebe in Barockarien als etwas bereits Existentes dargestellt wird, das auch nur in bestimmten Konventionen existiert und sich nicht im Rahmen der Handlung entwickelt.
2 Empfindsamkeit: musikalischer Stil- und Epochenbegriff für das zweite Drittel des 18. Jahrhunderts; Ziel des empfindsamen Stils war es, einen intimen, sensiblen und tief empfundenen subjektiven Ausdruck für Emotionen innerhalb eines musikalischen Werks zu erreichen.
Untersucht werden soll die Arie Dies Bildnis ist bezaubernd schön aus Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Zauberflöte.
Hinweise zum Untersuchungsgegenstand:
a) Zum Kontext der Arie in der Oper Die Zauberflöte:
Die Arie des Tamino wird unmittelbar nach der Eröffnungsszene des ersten Akts der Oper gesungen. Tamino soll eine ihm unbekannte, junge Frau, Pamina, aus der Gefangenschaft eines Tyrannen befreien. Um ihn zu motivieren, wird ihm ein Bild der schönen Pamina gezeigt.
b) Liste der im Klavierauszug verwendeten Instrumentenbezeichnungen:
Bezeichnung · Bedeutung
Archi · Streicher
Clar. (Clarinetti) · Klarinetten
Cor. (Corni) · Hörner
Fg. (Fagotti) · Fagotte
Fiati · Bläser
Tutti · das gesamte Orchester
Text der Arie Dies Bildnis ist bezaubernd schön
Dies Bildnis ist bezaubernd schön,
Wie noch kein Auge je gesehn!
Ich fühl' es, wie dies Götterbild 3
Mein Herz mit neuer Regung füllt.
Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen,
Doch fühl' ich's hier wie Feuer brennen;
Soll die Empfindung Liebe sein?
Ja, ja, die Liebe ist's allein.
O wenn ich sie nur finden könnte!
O wenn sie doch schon vor mir stünde!
Ich würde – würde – warm und rein –
Was würde ich? – Ich würde sie voll Entzücken
An diesen heißen Busen 4 drücken,
Und ewig wäre sie dann mein.
3 Götterbild: Mit diesem Begriff soll die „Empfindung“ Taminos gegenüber dem Abbild Paminas erfasst werden: das Überwältigtsein von der Schönheit, ggf. auch die Unerreichbarkeit dieser jungen Frau etc.
4 Busen: Brust.
Notenbeispiel (Klavierauszug, T. 1 – 63):
1.
Geben Sie die Positionen Dieter Borchmeyers wieder. Stellen Sie dar, wie Sie Form und Inhalt des Arientextes verstehen, und beschreiben Sie Ihren Wahrnehmungseindruck von der vorliegenden Arie Dies Bildnis ist bezaubernd schön. (25 Punkte)
2.
Analysieren Sie die Arie im Hinblick auf die folgenden Gesichtspunkte: formale Gestaltung,
Melodik und motivische Arbeit,
Verhältnis zwischen Gesangsstimme und Orchesterpart,
klangliche Wirkung an den markierten Stellen: T. 3 im Vergleich zu T. 9,
T. 12 im Vergleich zu T. 15,
T. 37, 39 und 43 im Vergleich,
T. 54 im Vergleich zu T. 57, 59 und 61.
Berücksichtigen Sie jeweils, wie sich Textaussage und kompositorische Umsetzung zueinander verhalten. (35 Punkte)
3.
Interpretieren Sie die vorliegende Arie Dies Bildnis ist bezaubernd schön unter Heranziehung Ihrer Analyseergebnisse vor dem Hintergrund von Dieter Borchmeyers Aussage, Mozarts Musik stelle die „hier und jetzt entstehende Liebe“ dar (Z. 5). Diskutieren Sie Borchmeyers These: „Was sich musikalisch ereignet, [...] wird durch den Text vorbereitet.“ (Z. 5 f.). Ziehen Sie in Ihrer Argumentation auch Werke heran, die Ihnen bekannt sind. (27 Punkte)
Hinweis: Auf die Darstellungsleistung entfallen bis zu 13 Punkte.
Aufgabe 2 · Programmmusik und absolute Musik
Aufgabenstellung:
Üblicherweise ordnet man das Charakterstück zwischen der beschreibend-darstellenden Programmmusik und der absoluten Musik ein. Als „Musterbeispiele“ dieser Gattung gelten viele Klavierwerke Robert Schumanns (1810 – 1856), etwa der Zyklus Kinderszenen op. 15, der aus 13 kurzen Stücken besteht. Diese Einordnung stützt sich vor allem auf verschiedene Aussagen, die Schumann selbst zu seinen Stücken getroffen hat.
Für Ihre Untersuchung stehen Ihnen zur Verfügung:
ein Auszug aus dem Lexikonartikel „Charakterstück“ von Bernhard R. Appel sowie das Klavierstück Nr. 12, Kind im Einschlummern, aus den Kinderszenen op. 15 von Robert Schumann.
Bernhard R. Appel: Lexikonartikel „Charakterstück“
Charakterstück ist die Bezeichnung für ein formal knapp und klar gegliedertes Instrumentalstück, dessen Ausdruck und Gehalt durch Überschriften mehr oder weniger deutlich festgelegt sein kann. Das vor allem im Bereich der Klaviermusik ab etwa 1825 auftretende Charakterstück trägt neben inhaltlich unverbindlichen Satzbezeichnungen häufig auch Titel, welche seelische Befindlichkeiten anzeigen, oder bildhafte, poetische Überschriften, wodurch Inhalt, Gestus und Ausdruck der Komposition verbal umrissen und damit die Assoziationen des Hörers gelenkt werden, ohne ihn auf ein bestimmtes Programm festzulegen. Idealtypisch betrachtet sucht Programmmusik durch Tonmalerei und andere Mittel musikalischer Nachahmung und Analogiebildung und gegebenenfalls auch durch einen am jeweiligen Sujet orientierten Formaufbau außermusikalische Erscheinungen, Ereignisse wie Handlungsverläufe für den Hörer referenzierbar darzustellen. Dagegen verharrt das Charakterstück im Bereich von Befindlichkeiten, Gemütslagen oder seelischen Zuständen. Doch sind die Übergänge zwischen programmatischer und charakteristischer Musik fließend.
(132 Wörter, bearbeitet)
Notenbeispiel: Robert Schumann, Kind im Einschlummern op. 15 Nr. 12
Hinweise zum Notentext:
• ritard./ritardando (ital. „verzögernd“): langsamer werdend
• Ped.: Spielanweisung, das Pedal zu treten, bewirkt die Aufhebung der Saitendämpfer und das Weiterklingen der angeschlagenen Saiten
1.
Fassen Sie die Aussagen des Lexikonartikels „Charakterstück“ von Bernhard R. Appel zusammen. Beschreiben Sie Ihren Wahrnehmungseindruck bezüglich des vorliegenden Klavierstücks Kind im Einschlummern op. 15 Nr. 12. [22 Punkte]
2.
Analysieren Sie das Klavierstück Kind im Einschlummern op. 15 Nr. 12 ausgehend von Ihrem Wahrnehmungseindruck unter folgenden Gesichtspunkten:
formale Anlage,
motivische Arbeit und melodische Gestaltung,
satztechnische Gestaltung im Hinblick auf Melodik und Begleitung,
Arbeit mit Dynamik und Tempo.
[37 Punkte]
3.
Interpretieren Sie das Klavierstück anhand Ihrer Analyseergebnisse im Hinblick auf den Titel Kind im Einschlummern. Nehmen Sie darauf aufbauend begründend Stellung, inwieweit in diesem Werk „die Übergänge zwischen programmatischer und charakteristischer Musik fließend“ sind (Z. 12 f.). Ziehen Sie in Ihrer Stellungnahme weitere Kompositionen heran. [28 Punkte]
Aufgabe 3 · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung
Aufgabenstellung
Als Ausgangspunkt für eine Gestaltung dient Ihnen das Gedicht Nr. 8 aus Wanderung im Gebirge, das Nikolaus Lenau 1832 verfasst hat.
Hinweise zur Gestaltungsgrundlage
Bei dem Gedicht handelt es sich um das achte Stück des aus zehn Gedichten bestehenden Zyklus Wanderung im Gebirge von Nikolaus Lenau. Die zehn Gedichte beschreiben, wie das lyrische Ich aus einer ruhigen Morgenstimmung aufbricht, einen Wald durchquert und bis zum Gipfel des Gebirges aufsteigt.
Nikolaus Lenau: Wanderung im Gebirge – Nr. 8
1 Noch immer lag ein tiefes Schweigen
Rings auf den Höh’n; doch plötzlich fuhr
Der Wind nun auf zum wilden Reigen,
Die sausende Gewitterspur.
5 Am Himmel eilt mit dumpfem Klange
Herauf der finstre Wolkenzug:
So nimmt der Zorn im heißen Drange
Den nächtlichen Gedankenflug. –
Der Himmel donnert seinen Hader;
10 Auf seiner dunklen Stirne glüht
Der Blitz hervor, die Zornesader,
Die Schrecken auf die Erde sprüht.
Der Regen stürzt in lauten Güssen;
Mit Bäumen, die der Sturm zerbrach,
15 Erbraust der Strom zu meinen Füßen; –
Doch schweigt der Donner allgemach.
Der Sturm läßt seine Flügel sinken,
Der Regen säuselt milde Ruh:
Da sah ich froh ein Hüttlein winken,
20 Und eilte seiner Pforte zu.
1.
Entwerfen Sie ausgehend von Lenaus Gedicht das Konzept für eine textausdeutende Vertonung als Komposition für Sprechstimme und Klavier. Gehen Sie dabei folgendermaßen vor:
den Aufbau des Gedichts sowie Ihr Verständnis des Inhalts darstellen,
entwickeln Sie hieraus Gestaltungsideen,
wählen Sie mit Begründung eine aus dem Unterricht bekannte Kompositionstechnik und nutzen Sie deren gestalterische Möglichkeiten,
beziehen Sie die Parameter Tonhöhe, Tondauer, Klangfarbe, Dynamik, Artikulation sowie weitere instrumentale (ggf. auch mit Präparierung des Klaviers) und vokale Möglichkeiten der Klanggestaltung ein,
skizzieren Sie einen Kompositionsplan. [37 Punkte]
2.
Komponieren Sie nach Ihrem Gestaltungskonzept einen oder mehrere Abschnitte des Stücks, die zusammen 12 Takte oder etwa eine Minute umfassen. Notieren Sie traditionell, grafisch mit Legende oder in einer Mischform aus beidem. [32 Punkte]
3.
Erläutern Sie Ihre Entscheidungen beim Komponieren auf der Basis Ihres Gedichtverständnisses. Bewerten Sie dabei, wie sich Konstruktion und Ausdruck der gewählten Kompositionstechnik in Ihrer Komposition zueinander verhalten. [18 Punkte]
Aufgabe 4 · Neue Musik: Determination und Zufall
Aufgabenstellung:
Die Projections 1 – 5 des US-amerikanischen Komponisten Morton Feldman (1926 – 1987) von 1950/51 zählen zu den frühesten Werken mit grafischer Notation, bei denen die klangliche Umsetzung den Ausführenden selbst obliegt. Der französische Komponist Pierre Boulez (1925 – 2016) nahm in seinem Aufsatz „Alea“ (1957) zu derartigen Konzepten wie folgt Stellung:
„Die Notation wird hinlänglich unpräzis werden, um die vom Augenblick diktierte und wechselhafte, schillernde Wahl des Interpreten durchzulassen. Er wird diese Pause verlängern können, jenen Ton aushalten können, er wird …, er kann … jeden Augenblick; kurzum, man entschloß sich, hinfort geradezu peinliche Sorgfalt auf die Ungenauigkeit zu verwenden. Sehen Sie, worauf es wieder hinausläuft? Immer aufs Zurückschrecken vor der Entscheidung. Man wälzt seine Entscheidung auf den Interpreten ab.“
Zur Überprüfung dieser Aussagen stehen Ihnen zur Verfügung:
NB 01: die grafische Partitur der Komposition Projection 1 für Cello Solo von Morton Feldman,
daraus als NB 02 die erste Partiturseite mit den Transkriptionen der Tonhöhen zweier klanglicher Realisationen durch die Cellisten Taco Kooistra und Giorgio Casati,
die Angaben von Morton Feldman zur Realisierung der grafischen Partitur,
drei Hörbeispiele:
HB 01: die gesamte Komposition in der Einspielung von Taco Kooistra,
HB 02: die Einspielung der ersten Partiturseite von Taco Kooistra,
HB 03: die Einspielung der ersten Partiturseite von Giorgio Casati zum Vergleich.
Hinweise zum Untersuchungsgegenstand / Lesehilfe
Erläuterung der Klangfarben (Spieltechniken):
Flageolett: Die Saite wird mit dem Finger nicht auf das Griffbrett gedrückt, sondern an bestimmten Stellen, z. B. Schwingungsknoten, nur leicht berührt. Dadurch entstehen flötenähnliche, zarte, meist hohe Töne.
Pizzicato: Die Saite wird nicht mit dem Bogen gestrichen, sondern gezupft.
Arco: Die Saite wird (wie gewöhnlich) mit dem Bogen gestrichen.
Lesehilfe: Übersicht über die Oktavbereiche der Transkriptionen:
Angaben Morton Feldmans zur Realisierung der grafischen Partitur
Übersetzung der Angaben Morton Feldmans:
Projection 1 für Solo-Cello
Die Klangfarbe ist angegeben: = Flageolett; P = Pizzicato; A = Arco.
Die relative Tonhöhe (hoch, mittel, tief) ist angegeben: oberes Kästchen = hoch; mittleres Kästchen = mittel; unteres Kästchen = tief. Jeder Ton innerhalb dieser Bereiche darf erklingen.
Die Grenzen dieser Bereiche können vom Spieler frei gewählt werden.
Die Tondauer ist durch die räumliche Ausdehnung der Quadrate oder Rechtecke angegeben, jeder Kasten kann möglicherweise 4 Schläge lang sein.
Der einzelne Schlag oder Puls hat das Tempo von 72 oder ungefähr 72 [Schlägen pro Minute].
NB 01: Morton Feldman, Projection 1 für Cello Solo, gesamte Partitur, S. 1 – 4
NB 02: Morton Feldman, Projection 1 für Cello Solo, erste Partiturseite mit Transkription der Tonhöhen beider klanglicher Realisationen von Taco Kooistra und Giorgio Casati
1.
Geben Sie die zuvor zitierten Aussagen von Pierre Boulez mit eigenen Worten wieder. Skizzieren Sie Ihren optischen Eindruck und Ihr Verständnis der Partitur (NB 01) und stellen Sie unter Berücksichtigung der Angaben von Morton Feldman deren Aufbau dar. Beschreiben Sie, wie Sie die Komposition Projection 1 (HB 01) beim Hören wahrnehmen. [23 Punkte]
2.
Analysieren Sie unter Einbezug von Morton Feldmans Angaben zur Umsetzung des Stücks die Seite 1 der Partitur (NB 02) hinsichtlich folgender Gesichtspunkte:
die Verteilung der Tonhöhen,
die Anordnung von Tönen und Pausen im Sinne rhythmischer oder motivischer Gruppierungen,
der Einsatz der Spieltechniken,
die Berücksichtigung weiterer Parameter.
Vergleichen Sie die beiden Einspielungen der Seite 1 durch Taco Kooistra und Giorgio Casati (HB 02, HB 03) in Bezug auf Aspekte wie die Umsetzung der Tondauern und die Tempowahl; ziehen Sie anhand der Transkriptionen außerdem den Gesamt-Tonumfang und die Abgrenzung der Tonhöhenbereiche tief – mittel – hoch heran. [37 Punkte]
3.
Ordnen Sie Projection 1 dem Feld „Musik im Spannungsfeld zwischen Determination und Zufall“ zu. Diskutieren Sie darauf aufbauend, inwieweit das Stück durch seine Notation festgelegt oder dem Zufall überlassen ist. Nehmen Sie dabei auch Bezug auf die Wirkung des Stücks auf Hörerinnen und Hörer und berücksichtigen Sie Ihre eigenen Höreindrücke. [27 Punkte]
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