Aufgabe 4 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2022

Thema: Neue Musik: Determination und Zufall · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Die Projections 1 – 5 des US-amerikanischen Komponisten Morton Feldman (1926 – 1987) von 1950/51 zählen zu den frühesten Werken mit grafischer Notation, bei denen die klangliche Umsetzung den Ausführenden selbst obliegt. Der französische Komponist Pierre Boulez (1925 – 2016) nahm in seinem Aufsatz „Alea“ (1957) zu derartigen Konzepten wie folgt Stellung:

„Die Notation wird hinlänglich unpräzis werden, um die vom Augenblick diktierte und wechselhafte, schillernde Wahl des Interpreten durchzulassen. Er wird diese Pause verlängern können, jenen Ton aushalten können, er wird …, er kann … jeden Augenblick; kurzum, man entschloß sich, hinfort geradezu peinliche Sorgfalt auf die Ungenauigkeit zu verwenden. Sehen Sie, worauf es wieder hinausläuft? Immer aufs Zurückschrecken vor der Entscheidung. Man wälzt seine Entscheidung auf den Interpreten ab.“

Zur Überprüfung dieser Aussagen stehen Ihnen zur Verfügung:

NB 01: die grafische Partitur der Komposition Projection 1 für Cello Solo von Morton Feldman,

daraus als NB 02 die erste Partiturseite mit den Transkriptionen der Tonhöhen zweier klanglicher Realisationen durch die Cellisten Taco Kooistra und Giorgio Casati,

die Angaben von Morton Feldman zur Realisierung der grafischen Partitur,

drei Hörbeispiele:

HB 01: die gesamte Komposition in der Einspielung von Taco Kooistra,

HB 02: die Einspielung der ersten Partiturseite von Taco Kooistra,

HB 03: die Einspielung der ersten Partiturseite von Giorgio Casati zum Vergleich.

Hinweise zum Untersuchungsgegenstand / Lesehilfe

Erläuterung der Klangfarben (Spieltechniken):

Flageolett: Die Saite wird mit dem Finger nicht auf das Griffbrett gedrückt, sondern an bestimmten Stellen, z. B. Schwingungsknoten, nur leicht berührt. Dadurch entstehen flötenähnliche, zarte, meist hohe Töne.

Pizzicato: Die Saite wird nicht mit dem Bogen gestrichen, sondern gezupft.

Arco: Die Saite wird (wie gewöhnlich) mit dem Bogen gestrichen.

Lesehilfe: Übersicht über die Oktavbereiche der Transkriptionen:

Angaben Morton Feldmans zur Realisierung der grafischen Partitur

Übersetzung der Angaben Morton Feldmans:

Projection 1 für Solo-Cello

Die Klangfarbe ist angegeben: ⋄\diamond = Flageolett; P = Pizzicato; A = Arco.

Die relative Tonhöhe (hoch, mittel, tief) ist angegeben: oberes Kästchen = hoch; mittleres Kästchen = mittel; unteres Kästchen = tief. Jeder Ton innerhalb dieser Bereiche darf erklingen.

Die Grenzen dieser Bereiche können vom Spieler frei gewählt werden.

Die Tondauer ist durch die räumliche Ausdehnung der Quadrate oder Rechtecke angegeben, jeder Kasten kann möglicherweise 4 Schläge lang sein.

Der einzelne Schlag oder Puls hat das Tempo von 72 oder ungefähr 72 [Schlägen pro Minute].

NB 01: Morton Feldman, Projection 1 für Cello Solo, gesamte Partitur, S. 1 – 4

NB 02: Morton Feldman, Projection 1 für Cello Solo, erste Partiturseite mit Transkription der Tonhöhen beider klanglicher Realisationen von Taco Kooistra und Giorgio Casati

1.

Geben Sie die zuvor zitierten Aussagen von Pierre Boulez mit eigenen Worten wieder. Skizzieren Sie Ihren optischen Eindruck und Ihr Verständnis der Partitur (NB 01) und stellen Sie unter Berücksichtigung der Angaben von Morton Feldman deren Aufbau dar. Beschreiben Sie, wie Sie die Komposition Projection 1 (HB 01) beim Hören wahrnehmen. [23 Punkte]

2.

Analysieren Sie unter Einbezug von Morton Feldmans Angaben zur Umsetzung des Stücks die Seite 1 der Partitur (NB 02) hinsichtlich folgender Gesichtspunkte:

die Verteilung der Tonhöhen,

die Anordnung von Tönen und Pausen im Sinne rhythmischer oder motivischer Gruppierungen,

der Einsatz der Spieltechniken,

die Berücksichtigung weiterer Parameter.

Vergleichen Sie die beiden Einspielungen der Seite 1 durch Taco Kooistra und Giorgio Casati (HB 02, HB 03) in Bezug auf Aspekte wie die Umsetzung der Tondauern und die Tempowahl; ziehen Sie anhand der Transkriptionen außerdem den Gesamt-Tonumfang und die Abgrenzung der Tonhöhenbereiche tief – mittel – hoch heran. [37 Punkte]

3.

Ordnen Sie Projection 1 dem Feld „Musik im Spannungsfeld zwischen Determination und Zufall“ zu. Diskutieren Sie darauf aufbauend, inwieweit das Stück durch seine Notation festgelegt oder dem Zufall überlassen ist. Nehmen Sie dabei auch Bezug auf die Wirkung des Stücks auf Hörerinnen und Hörer und berücksichtigen Sie Ihre eigenen Höreindrücke. [27 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die zuvor zitierten Aussagen von Pierre Boulez mit eigenen Worten wieder. Skizzieren Sie Ihren optischen Eindruck und Ihr Verständnis der Partitur (NB 01) und stellen Sie unter Berücksichtigung der Angaben von Morton Feldman deren Aufbau dar. Beschreiben Sie, wie Sie die Komposition Projection 1 (HB 01) beim Hören wahrnehmen. [23 Punkte]

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltlich 23 Punkte + anteilige Darstellungsleistung).

2. Analysieren Sie unter Einbezug von Morton Feldmans Angaben zur Umsetzung des Stücks die Seite 1 der Partitur (NB 02) hinsichtlich folgender Gesichtspunkte: die Verteilung der Tonhöhen, die Anordnung von Tönen und Pausen im Sinne rhythmischer oder motivischer Gruppierungen, der Einsatz der Spieltechniken, die Berücksichtigung weiterer Parameter. Vergleichen Sie die beiden Einspielungen der Seite 1 durch Taco Kooistra und Giorgio Casati (HB 02, HB 03) in Bezug auf Aspekte wie die Umsetzung der Tondauern und die Tempowahl; ziehen Sie anhand der Transkriptionen außerdem den Gesamt-Tonumfang und die Abgrenzung der Tonhöhenbereiche tief – mittel – hoch heran. [37 Punkte]

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltlich 37 Punkte + anteilige Darstellungsleistung).

3. Ordnen Sie Projection 1 dem Feld „Musik im Spannungsfeld zwischen Determination und Zufall“ zu. Diskutieren Sie darauf aufbauend, inwieweit das Stück durch seine Notation festgelegt oder dem Zufall überlassen ist. Nehmen Sie dabei auch Bezug auf die Wirkung des Stücks auf Hörerinnen und Hörer und berücksichtigen Sie Ihre eigenen Höreindrücke. [27 Punkte]

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben (inhaltlich 27 Punkte + anteilige Darstellungsleistung).

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