Aufgabe 1 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2022

Thema: Neue Musik: Determination und Zufall · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Wie viele Komponisten der Neuen Musik verwendete auch Luciano Berio (1925 – 2003) seit den 1950er-Jahren in seinen Werken immer wieder serielle Verfahren – so etwa in seinem 1968 als Totenklage für den ermordeten afroamerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King komponierten Stück O King für Sopran und fünf Instrumente.

Gleichwohl stand Berio der seriellen Technik als Theorie nicht unkritisch gegenüber. So stellt er fest:

„Die Ideologie neigt dazu, Erfahrung zu Schemata und Stilen erstarren zu lassen: Formbildung wird Form; Schönbergs und Weberns Poetik wird das Zwölfton-System. Mir dagegen ist es wichtig, dass ein Komponist in der Lage sein sollte, die relative Natur musikalischer Prozesse unter Beweis zu stellen: Ihre Strukturmodelle, die auf vorheriger Erfahrung beruhen, bringen nicht nur Gesetze hervor, sondern auch die Umwandlung und die Zerstörung eben dieser Gesetze. Eine Theorie kann den Sinn und die Idee nicht ersetzen; auf die Idee kommt es an und nicht auf den Stil.“

Ihnen liegen vor: Luciano Berios musikalische Totenklage O King für Sopran und fünf Instrumente (1968) als Hörbeispiel (HB 01), die dem Stück zugrunde liegende Tonreihe als Notenbeispiel (NB 01), sowie zwei Ausschnitte aus O King in Noten- und Hörbeispielen: der Anfang des Stückes: T. 1 – 28 (NB 02, HB 02) und das Ende des Stückes: T. 69 – 91 (NB 03, HB 03).

Hinweise zum Untersuchungsgegenstand

Dem Vokalpart des Stückes liegt die Wortfolge „O Martin Luther King“ zugrunde, die allerdings erst in T. 80 (oder evtl. erst in T. 83 mit Auftakt) – 88 in vollständiger Form erklingt. Über weite Teile ist der Text auf die Phoneme (Sprachlaute) dieser Wortfolge reduziert. Die Anordnung der Laute folgt seriellen Prinzipien; Berio behandelt sie als eine sechsgliedrige Phonem-Reihe, wobei er die Abfolge der Phoneme in den ersten Durchgängen schrittweise verändert:

Takt · Phonem

1 – 6 · (i) · (3) · (a) · (o) · (u) · (i)

7 – 10 · (o) · (i) · (3) · (a) · (u) · (i)

11 – 14 · (o) · (a) · (i) · (3) · (u) · (i)

14 – 17 · (o) · (a) · (i) · (u) · (3) · (i)

Luciano Berio legt seinem Stück die folgende Reihe aus 21 Tönen zugrunde:

NB 01: Dem Stück zugrunde liegende Reihe aus 21 Tönen

Partiturausschnitte:

NB 02: Takt 1 – 28

NB 03: Takt 69 – 91

Erläuterungen zu Sonderzeichen in der Partitur:

1.

Geben Sie wieder, wie sich Luciano Berio zur seriellen Musik positioniert. Beschreiben Sie, welchen Höreindruck die Totenklage O King bei Ihnen hinterlässt. [18 Punkte]

2.

Untersuchen Sie Berios Totenklage O King unter Berücksichtigung seiner Äußerungen und der Hinweise zum Untersuchungsgegenstand hinsichtlich der verwendeten seriellen Techniken und ihrer Wirkung. Gehen Sie dabei folgendermaßen vor: den Aufbau der zugrunde liegenden Tonreihe (NB 01) beschreiben,

die Verarbeitung der Tonreihe im Vokalpart der T. 1 – 28 (NB 02, HB 02) analysieren und den damit verbundenen Ausdruck beschreiben,

den kompositorischen Umgang mit den Phonemen in den T. 1 – 28 des Vokalparts und die damit verbundene Wirkung darstellen,

anhand der T. 1 – 8 den Zusammenhang zwischen Vokal- und Instrumentalpart und die so erzeugte Wirkung beschreiben,

motivische bzw. figurative Elemente im Flöten- und Klavierpart von T. 1 – 28 herausarbeiten,

die dynamische Gestaltung in den T. 1 – 28 und deren Wirkung beschreiben,

die kompositorische Umsetzung der Textworte „O Martin Luther King“ in T. 69 – 91 (NB 03, HB 03) und deren musikalischen Ausdruck exemplarisch herausarbeiten.

[42 Punkte]

3.

Interpretieren Sie Berios O King anhand Ihrer Analyseergebnisse und der Hinweise zum Untersuchungsgegenstand im Hinblick darauf, wie die Idee einer Totenklage umgesetzt wird. Diskutieren Sie dabei, inwieweit es Berio gelingt, seiner Forderung nachzukommen, eine kompositorische „Idee“ zu verwirklichen, anstatt starren „Gesetzen“ zu folgen. Ziehen Sie in Ihren Überlegungen vergleichend weitere Stücke aus dem Bereich „Determination und Zufall“ heran. [27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung]

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie wieder, wie sich Luciano Berio zur seriellen Musik positioniert. Beschreiben Sie, welchen Höreindruck die Totenklage O King bei Ihnen hinterlässt. (18 Punkte)

Lösung: Ausführliche Darstellung von Berios Kritik an der Dogmatisierung serieller Schemata sowie subjektive und analytische Beschreibung des Höreindrucks.

2. Untersuchen Sie Berios Totenklage O King unter Berücksichtigung seiner Äußerungen und der Hinweise zum Untersuchungsgegenstand hinsichtlich der verwendeten seriellen Techniken und ihrer Wirkung... (42 Punkte)

Lösung: Detaillierte Analyse der 21-Ton-Reihe, der Vokal- und Instrumentalbehandlung, der Phonem-Permutation, der Motivik und der dynamischen Zuspitzung in T. 69–91.

3. Interpretieren Sie Berios O King anhand Ihrer Analyseergebnisse... Diskutieren Sie dabei, inwieweit es Berio gelingt, seiner Forderung nachzukommen... Ziehen Sie vergleichend weitere Stücke heran. (27 Punkte + 13 Punkte Darstellungsleistung)

Lösung: Interpretation als musikalische Totenklage, Diskussion des Verhältnisses von serieller Bindung und expressiver Idee, und vergleichende Einordnung in das Spannungsfeld 'Determination und Zufall'.

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