Aufgabe 2 · Abitur NRW Musik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Neue Musik: Determination und Zufall · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Musik, Leistungskurs
Aufgabe 2: Erörterung fachspezifischer Aspekte
Aufgabenstellung
Der Begriff „Faßlichkeit“ bezeichnet die Verständlichkeit eines Kunstwerks jeder Gattung und stand im frühen 20. Jahrhundert im Zentrum vieler musikalischer Debatten. Auch Arnold Schönberg (1874–1951), der Begründer der Zwölftontechnik, beschäftigt sich in einem Aufsatz von 1935 rückblickend auf sein Schaffen mit seinen eigenen Antworten auf diese Frage.
Als Untersuchungsgrundlage dienen Ihnen ein Auszug aus Arnold Schönbergs Aufsatz „Komposition mit zwölf Tönen“ (1935) und seine Chorkomposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 von 1925.
Material 1: Arnold Schönberg – Komposition mit zwölf Tönen (1935)
Form in der Kunst, und besonders in der Musik, trachtet in erster Linie nach Faßlichkeit. Die Entspannung, die der zufriedene Hörer erlebt, wenn er einem Gedanken, einer Entwicklung und den Gründen für diese Entwicklung zu folgen vermag, ist, psychologisch gesehen, eng verwandt mit einer Empfindung von Schönheit. Daher gehört zum künstlerischen Wert Faßlichkeit, nicht nur um der verstandesmäßigen, sondern auch um der gefühlsmäßigen Befriedigung willen.
Die ersten Kompositionen in [meinem] neuen Stil [, der zunächst auf ein tonales Zentrum, eine Tonika, verzichtete,] wurden 1908 von mir geschrieben. Gleich von Anfang an unterschieden sich diese Stücke von aller vorhergehenden Musik, nicht nur harmonisch, sondern auch melodisch, thematisch und motivisch. Aber die charakteristischsten Merkmale dieser Stücke waren ihre äußerste Ausdrucksstärke und ihre außerordentliche Kürze.
Früher hatte die Harmonie nicht nur als Quelle der Schönheit gedient, sondern, was wichtiger war, als Mittel zur Unterscheidung der Formmerkmale. Für den Schluß wurde zum Beispiel nur eine Konsonanz als passend erachtet. Die Erfüllung [dieser] Funktionen – vergleichbar der Zeichensetzung im Satz, der Unterteilung in Abschnitte und der Zusammenfassung in Kapiteln – war [allerdings] kaum mit [solch neuen] Akkorden zu gewährleisten, deren konstruktive Werte bisher noch nicht erforscht waren. Daher schien es zunächst unmöglich, Stücke von komplizierter Organisation oder großer Länge zu komponieren.
Wenig später entdeckte ich, wie sich größere Formen konstruieren ließen, indem man einem Text oder Gedicht folgte. Die Unterschiede in der Länge und Form der Teile und der Wechsel im Charakter und in der Stimmung [des Textes] wurden in der Form und dem Umfang der Komposition, ihrer Dynamik und ihrem Tempo, in der Figurierung und Akzentuierung widergespiegelt. Auf diese Weise wurden Teile genauso deutlich differenziert wie früher durch die tonalen und strukturellen Funktionen der Harmonie.
Nach vielen [weiteren] Versuchen legte ich den Grund zu einem neuen musikalischen Konstruktionsverfahren, das geeignet schien, jene strukturellen Differenzierungen zu ersetzen, für die früher die tonalen Harmonien gesorgt hatten.
Ich nannte dieses Verfahren Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen.
Diese Methode besteht in erster Linie aus der ständigen und ausschließlichen Verwendung einer Reihe von zwölf verschiedenen Tönen. [Die] Vereinigung von Tönen und Harmonien und deren Aufeinanderfolge wird von der Anordnung dieser Töne geregelt.
Die Einführung meiner Methode, mit zwölf Tönen zu komponieren, erleichtert das Komponieren nicht; im Gegenteil, sie erschwert es. Die Einschränkungen, die der Zwang, nur eine Reihe in einer Komposition zu verwenden, dem Komponisten auferlegt, sind so streng, daß sie nur von einer Phantasie, die eine Vielzahl von Abenteuern bestanden hat, überwunden werden können.
Bei den ersten Werken, in denen ich diese Methode anwandte, war ich noch nicht überzeugt, daß der ausschließliche Gebrauch einer Reihe nicht in Monotonie enden würde. Würde sie das Hervorbringen einer ausreichenden Anzahl charakteristisch differenzierter Themen, Phrasen, Motive, Sätze und anderer Formen erlauben? [Bald] entdeckte ich, daß meine Furcht unbegründet war und ich fand, daß ich im Gegenteil Themen um so leichter von einer Reihe abzuleiten vermochte, je vertrauter ich mit ihr wurde.
Material 2: Arnold Schönberg – Tapfere (1925) (Textvorlage)
Tapfere sind solche, die Taten vollbringen,
an die ihr Mut nicht heranreicht.
Sie besitzen nur die Kraft, den Auftrag zu konzipieren,
und den Charakter, ihn nicht abweisen zu können.
War ein Gott noch so ungnädig,
ihnen Erkenntnis ihrer Lage zu gewähren,
dann sind sie nicht zu beneiden.
Und darum werden sie beneidet.
Material 3: Analysehilfe (Reihe und Modi) & Notenbeispiel
Hinweis: In der Komposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 kommen die Reihe (R), ihr Krebs (K) und die vom Anfangston ges auf h transponierten Modi Umkehrung (U(h)) und Krebsumkehrung (U(h)K) zur Anwendung.
Partitur von Arnold Schönberg: Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 (Takte 1–31):
1.
Geben Sie die Aussagen Arnold Schönbergs wieder und stellen Sie dar, wie Sie Form und inhaltliche Aussage des dem Chorstück zugrunde liegenden Textes verstehen. Beschreiben Sie vor diesem Hintergrund, welchen Wahrnehmungseindruck Schönbergs Komposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 bei Ihnen hinterlässt. [22 Punkte]
2.
Analysieren Sie Schönbergs Komposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 unter Berücksichtigung der Hinweise zum Untersuchungsgegenstand in Bezug auf diese Aspekte: [38 Punkte]
Einsatz der Zwölftonreihe,
melodisch-rhythmische Gestaltung,
kompositorische Struktur und Form,
weitere Gestaltungselemente wie „Dynamik“ und „Akzentuierung“,
strukturierende Funktion des Textes.
3.
Überprüfen Sie anhand Ihrer Analyseergebnisse, inwieweit A. Schönberg in diesem Werk seine Überlegungen zur „Faßlichkeit“ (Z. 1) eines Werkes und zur Vermeidung von „Monotonie“ (vgl. Z. 39) verwirklicht hat. Erläutern Sie dabei, welche Funktion die von Schönberg eingesetzten kompositorischen Mittel hinsichtlich der Strukturierungshilfe durch einen Text und der Anwendung der Zwölftontechnik (vgl. Z. 19 ff.) erfüllen. [27 Punkte]
(Hinweis: Weitere 13 Punkte werden für die Darstellungsleistung nach dem Bewertungsbogen vergeben.)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie die Aussagen Arnold Schönbergs wieder und stellen Sie dar, wie Sie Form und inhaltliche Aussage des dem Chorstück zugrunde liegenden Textes verstehen. Beschreiben Sie vor diesem Hintergrund, welchen Wahrnehmungseindruck Schönbergs Komposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 bei Ihnen hinterlässt.
Lösung: Ausführliche Textwiedergabe, Gedichtanalyse und Beschreibung des Wahrnehmungseindrucks gemäß Korrekturvorgaben.
2. Analysieren Sie Schönbergs Komposition Unentrinnbar op. 27, Nr. 1 unter Einbezug der Hinweise zum Untersuchungsgegenstand hinsichtlich der Aspekte Einsatz der Zwölftonreihe, melodisch-rhythmische Gestaltung, kompositorische Struktur und Form, Dynamik/Akzentuierung sowie strukturierende Funktion des Textes.
Lösung: Fachspezifische Werkanalyse anhand der fünf Aspekte gemäß Analysenschema und Vorgaben.
3. Überprüfen Sie anhand Ihrer Analyseergebnisse, inwieweit A. Schönberg in diesem Werk seine Überlegungen zur „Faßlichkeit“ (Z. 1) eines Werkes und zur Vermeidung von „Monotonie“ (vgl. Z. 39) verwirklicht hat. Erläutern Sie dabei, welche Funktion die von Schönberg eingesetzten kompositorischen Mittel hinsichtlich der Strukturierungshilfe durch einen Text und der Anwendung der Zwölftontechnik (vgl. Z. 19 ff.) erfüllen.
Lösung: Reflektierte Erörterung und thesenbasierte Urteilsbildung zu Faßlichkeit, Monotonievermeidung und Textfunktion gemäß Kriterienkatalog.
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