Aufgabe MU GK HT 4 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2021

Thema: Neue Musik: Determination und Zufall · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Musik, Grundkurs

Aufgabenstellung (MU GK HT 4)

Während der 1960er-Jahre wurden unterschiedliche Wege erprobt, die strikte Festlegung des Tonsatzes, wie sie die serielle Musik kennzeichnete, aufzuweichen. Einige Komponisten nutzten hierfür auch grafische Partituren. Anestis Logothetis (1921 – 1994) äußerte sich dazu wie folgt:

„Die Graphik bietet durch die Mehrdeutigkeit ihrer Zeichen [und] die divergierenden Reaktionen der Spieler dem Moment der Überraschung ein weites Feld; Interpreten und Dirigenten können das Werk immer neu und unterschiedlich erstehen lassen. Das Überraschungsmoment ist in dieser Art von Musik von entscheidender Bedeutung.“

Folgende Materialien stehen Ihnen zur Verfügung:

die grafische Partitur von Styx: Komposition für variable Besetzung aus dem Jahr 1968 (NB 01),

der Anfang der Partitur (0'00 – 5'25) zur besseren Lesbarkeit größer dargestellt und mit Hinweisen zu den „Tonhöhen“ versehen (NB 02),

ein Auszug aus dem Vorwort von Anestis Logothetis,

drei Hörbeispiele:

0'00 – 5'25 der Partitur in der Realisation des Werks durch das Deutsche Zupforchester unter Leitung von Siegfried Behrend (HB 01),

0'00 – 1'37 der Partitur in derselben Einspielung (HB 02),

0'00 – 1'37 der Partitur in einer anderen Realisation: Ensemble BFSyndicate (HB 03).

Erläuterung zu NB 02 & Auszug aus dem Vorwort

Logothetis verwendet in seinen Werken ein Zeichensystem zur Notation konkreter Tonhöhen, das mit zwei Hilfslinien auskommt. Stammtöne werden weiß und alterierte Töne schwarz dargestellt. Das Oktavregister ist dabei nicht festgelegt und kann von den Ausführenden je nach dem Tonumfang ihrer Instrumente frei gewählt werden:

Die Notenköpfe können gegebenenfalls durch „Assoziations-Faktoren“ ersetzt werden, sodass Tonhöhe und Dynamik in einem einzigen Zeichen dargestellt werden; so in Styx z. B.:

Anestis Logothetis – Styx: Komposition für variable Besetzung – Vorwort

„ Styx ist von sämtlichen Spielern in gemeinsamer Lesart zu interpretieren entsprechend jenen Zeit-Ziffern, welche Einsätze, Dauer und Reihenfolge der Klangereignisse anzeigen. Die Zeichen sind aus einer Verkettung von „Tonhöhen-Symbolen“, „Aktions-Signalen“ und „Assoziations-Faktoren“ entwickelt. Soweit beliebige Tonhöhen oder Klangmixturen erwünscht sind, fallen die „Tonhöhen-Symbole“ weg; „Aktions-Signale“ und „Assoziations-Faktoren“ zeigen aber den jeweiligen spezifischen Charakter des Klangs an.

Der Name „Styx“ gibt dem Werk seine Bedeutung auf drei Ebenen: der Anfangsbuchstabe (das griechische Sigma) prägt 1) die Richtung der Lesart und damit 2) die optische Form der Komposition; gleichzeitig aber 3) auch den akustischen Fluss der Klangereignisse, die immer wieder aus einer Turbulenz heraus in verschiedensten Arten von „Stille“ münden und somit den begrifflichen Inhalt des Wortes „Styx“ klangformal deuten.“

Notenbeispiele

NB 01: Gesamte grafische Partitur

NB 02: Partitur (Ausschnitt 0'00 – 5'25)

1.

Geben Sie die These von Anestis Logothetis über den Stellenwert grafischer Partituren in eigenen Worten wieder. Fassen Sie zusammen, wie er die Notation von Styx erklärt, und beschreiben Sie, welchen optischen Eindruck die gesamte grafische Partitur (NB 01) auf Sie macht. Schildern Sie außerdem, wie Sie den Werkbeginn (0'00 – 5'25 der Partitur) in der Wiedergabe des Deutschen Zupforchesters (HB 01) wahrnehmen. [27 Punkte]

2.

Analysieren Sie den Beginn von Styx mit folgenden Schwerpunkten:

Beschreiben Sie anhand des Notentextes (NB 02) die formale Grobgliederung des Abschnitts 0'00 – 5'25,

charakterisieren Sie die Formteile mithilfe der Partitur in Bezug auf Tonhöhen, Tondauern, Zusammenfassung der Töne zu Klangbereichen, Dynamik und Spielweise,

am Anfang der Partitur (0'00 – 1'37) beispielhaft darstellen, wie weitgehend die Notation die einzelnen musikalischen Parameter festlegt,

vergleichen Sie die beiden Einspielungen dieses Ausschnitts (HB 02 und HB 03) hinsichtlich der Umsetzung der Partiturvorgaben.

[33 Punkte]

3.

Diskutieren Sie ausgehend von Ihrer Analyse Logothetis' These, bei grafisch notierten Kompositionen könnten die Ausführenden „das Werk immer neu und unterschiedlich erstehen lassen“. Berücksichtigen Sie hierbei den Vergleich der beiden Einspielungen. Erörtern Sie, wo Styx zwischen Determination und Zufall einzuordnen ist. [27 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe MU GK HT 4 · Abitur NRW Musik GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die These von Anestis Logothetis über den Stellenwert grafischer Partituren in eigenen Worten wieder. Fassen Sie zusammen, wie er die Notation von Styx erklärt, und beschreiben Sie, welchen optischen Eindruck die gesamte grafische Partitur (NB 01) auf Sie macht. Schildern Sie außerdem, wie Sie den Werkbeginn (0'00 – 5'25 der Partitur) in der Wiedergabe des Deutschen Zupforchesters (HB 01) wahrnehmen.

Lösung: Wiedergabe der These von Logothetis, Zusammenfassung der Notationserläuterungen (Zeitachse, Tonhöhensymbole, Sigma-Struktur), Beschreibung des visuellen Gesamteindrucks (NB 01) und differenzierter Wahrnehmungseindruck von HB 01.

2. Analysieren Sie den Beginn von Styx (Grobgliederung 0'00–5'25, Charakterisierung der Formteile, Grad der Festlegung 0'00–1'37 und Vergleich HB 02 und HB 03).

Lösung: Grobgliederung in vier Formteile (A: 0'00–1'00, B: 1'00–4'10, C: 4'10–5'00, D: 5'00–5'25); detaillierte Parameteranalyse; Nachweis des variierenden Determinationsgrads; vergleichende Höreranalyse von HB 02 und HB 03.

3. Diskutieren Sie ausgehend von Ihrer Analyse Logothetis' These („das Werk immer neu und unterschiedlich erstehen lassen“). Berücksichtigen Sie den Vergleich der beiden Einspielungen und erörtern Sie, wo Styx zwischen Determination und Zufall einzuordnen ist.

Lösung: Kritische Erörterung der These von Logothetis anhand der Analyse- und Hörergebnisse; Begründung der Positionierung des Werks zwischen Determination (Makroform, Zeitablauf) und Zufall/Freiheit (Mikrostruktur, Klangfarbe).

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