Abitur NRW Katholische Religion 2022 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Katholische Religion in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 12 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild
Aufgabe 1 - Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Halík, Tomáš*: Berühre die Wunden. Predigt für den zweiten Sonntag der Osterzeit. In: Ders.: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens. Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth. Freiburg i. Br./Basel/Wien 2021, S. 145 – 151 (Auszug)
* Tomáš Halík (*1948) ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine Lieben,
auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]
5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.
Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]
Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der- 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.
Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.
Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!
Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!
Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.
[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ- 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.
70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.
75 Amen.
1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.
2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.
1. Erarbeiten Sie das Thema, die Gedankenführung und die Intention in der Predigt von Halík. (28 Punkte)
Aufgabe 1 - Biblisches Reden von Gott · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder
Materialgrundlage
Halík, Tomáš*: Berühre die Wunden. Predigt für den zweiten Sonntag der Osterzeit. In: Ders.: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens. Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth. Freiburg i. Br./Basel/Wien 2021, S. 145 – 151 (Auszug)
* Tomáš Halík (*1948) ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine Lieben,
auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]
5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.
Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]
Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der- 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.
Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.
Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!
Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!
Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.
[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ- 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.
70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.
75 Amen.
1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.
2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.
2. Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Stellen aus dem Buch Exodus, inwiefern deutlich wird, dass „der Gott der Bibel“ (Z. 66) nicht als ein Gott verstanden werden kann, der „sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völlig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde“ (Z. 64 f.), sondern als „ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher“ (Z. 70 f.). (20 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 1 - Theodizee · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott
Materialgrundlage
Halík, Tomáš*: Berühre die Wunden. Predigt für den zweiten Sonntag der Osterzeit. In: Ders.: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens. Aus dem Tschechischen von Markéta Barth unter Mitarbeit von Benedikt Barth. Freiburg i. Br./Basel/Wien 2021, S. 145 – 151 (Auszug)
* Tomáš Halík (*1948) ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine Lieben,
auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]
5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.
Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]
Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der- 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.
Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.
Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!
Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!
Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.
[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ- 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.
70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.
75 Amen.
1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.
2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.
3. Entfalten Sie vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik die theologische Position „Leid als Preis der Freiheit“; nehmen Sie – auch auf der Grundlage dieser entfalteten Position – Stellung zu der Frage, ob Halíks Predigt dazu motivieren kann, der in den Zeilen 47 – 52 formulierten „Einladung und [...] Aufforderung“ (Z. 47) zu folgen. (32 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 2 - Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Henkel, Peter*: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben. Berlin ³2010, S. 16 – 22
* Peter Henkel (*1942) ist Journalist und Sachbuchautor.
Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt
werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber
keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen
den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für
5 sich beanspruchen kann. [...]
Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn
spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-
windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und
religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das
10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch
die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-
zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.
Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch
vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu
15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-
zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-
gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die
Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,
vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an
20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur
grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-
dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1
Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-
tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.
25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.
Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-
gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-
rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-
genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-
30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es
sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-
täuschung handelt.
Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,
dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-
35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich
ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:
Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch
deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-
sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-
40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:
„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles
so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es
einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant
wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-
45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“
Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,
wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-
kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen
und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck
50 ansehen.
Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes
it all.
Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo
so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,
55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]
Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit
haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr
menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,
anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-
60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-
kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-
lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-
nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von
ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]
65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –
und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele
Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.
Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von
dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener
70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und
von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so
etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-
lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.
1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.
2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.
3 behände: gewandt, flink, geschickt.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie der Gedankengang aufgebaut ist und welche Intention sich daraus erkennen lässt. [26 Punkte]
Aufgabe 2 - Biblisches Reden von Gott · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder
Materialgrundlage
Henkel, Peter*: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben. Berlin ³2010, S. 16 – 22
* Peter Henkel (*1942) ist Journalist und Sachbuchautor.
Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt
werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber
keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen
den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für
5 sich beanspruchen kann. [...]
Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn
spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-
windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und
religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das
10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch
die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-
zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.
Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch
vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu
15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-
zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-
gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die
Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,
vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an
20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur
grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-
dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1
Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-
tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.
25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.
Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-
gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-
rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-
genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-
30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es
sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-
täuschung handelt.
Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,
dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-
35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich
ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:
Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch
deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-
sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-
40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:
„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles
so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es
einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant
wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-
45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“
Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,
wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-
kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen
und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck
50 ansehen.
Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes
it all.
Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo
so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,
55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]
Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit
haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr
menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,
anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-
60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-
kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-
lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-
nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von
ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]
65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –
und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele
Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.
Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von
dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener
70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und
von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so
etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-
lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.
1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.
2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.
3 behände: gewandt, flink, geschickt.
2. Erläutern Sie, welche Gottesbilder im Buch Exodus erkennbar werden, und beziehen Sie sich dabei auf eine Textstelle aus dem Alten Testament. Prüfen Sie im Anschluss, ob sich die Kritik, die Henkel in den Zeilen 56 – 59 äußert, auch auf das biblische Gottesbild übertragen lässt. [16 Punkte]
a)
b)
Aufgabe 2 - Religionskritik · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus
Materialgrundlage
Henkel, Peter*: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben. Berlin ³2010, S. 16 – 22
* Peter Henkel (*1942) ist Journalist und Sachbuchautor.
Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt
werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber
keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen
den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für
5 sich beanspruchen kann. [...]
Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn
spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-
windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und
religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das
10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch
die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-
zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.
Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch
vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu
15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-
zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-
gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die
Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,
vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an
20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur
grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-
dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1
Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-
tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.
25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.
Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-
gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-
rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-
genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-
30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es
sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-
täuschung handelt.
Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,
dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-
35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich
ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:
Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch
deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-
sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-
40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:
„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles
so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es
einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant
wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-
45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“
Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,
wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-
kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen
und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck
50 ansehen.
Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes
it all.
Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo
so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,
55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]
Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit
haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr
menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,
anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-
60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-
kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-
lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-
nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von
ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]
65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –
und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele
Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.
Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von
dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener
70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und
von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so
etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-
lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.
1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.
2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.
3 behände: gewandt, flink, geschickt.
3. Entfalten Sie die religionskritische Haltung Ludwig Feuerbachs und bringen Sie diese mit dem vorliegenden Ansatz in einen Zusammenhang. Erörtern Sie im Anschluss daran, ob eine Welt und ein Leben ohne Gott „sinnlos“ und „gefährlich“ (vgl. Z. 72 f.) sind. [38 Punkte]
a)
b)
c)
Aufgabe 3 - Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Joachim Reger: Gott und das Virus. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur. Heft 10, Oktober 2020, S. 723 – 732 (Auszug).
* Joachim Reger (*1960) lehrt Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau und ist Islambeauftragter des Bistums Speyer.
Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die
Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-
tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe
des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen
5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.
[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-
ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man
darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-
retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-
10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]
Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil
er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-
sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,
da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott
15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-
sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und
werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind
seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?
Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der
20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.
Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid
seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?
Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-
abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild
25 sein Abbild scheinbar allein lässt?
Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns
leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren
lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]
Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,
30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:
Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott
verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-
ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und
Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht
35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]
Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]
aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für
dieses Leid verantwortlich machen kann.
Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die
40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen
Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass
er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-
rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine
Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-
45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich
verstanden wird. [...]
Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass
man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade
im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz
50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht
gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-
dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.
Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt
sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch
55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-
werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-
ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.
[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-
mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint
60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-
dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach
Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-
wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre
Macht qualifiziert.
65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,
aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung
der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz
bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird
als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch
70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den
Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]
Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser
in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das
Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein
75 innerstes Wesen offenbaren. [...]
Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.
1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.
2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie er gedanklich aufgebaut ist und welche Intention sich darin zeigt. (28 Punkte)
a)
b)
c)
Aufgabe 3 - Reich-Gottes-Botschaft · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch
Materialgrundlage
Joachim Reger: Gott und das Virus. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur. Heft 10, Oktober 2020, S. 723 – 732 (Auszug).
* Joachim Reger (*1960) lehrt Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau und ist Islambeauftragter des Bistums Speyer.
Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die
Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-
tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe
des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen
5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.
[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-
ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man
darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-
retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-
10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]
Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil
er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-
sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,
da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott
15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-
sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und
werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind
seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?
Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der
20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.
Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid
seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?
Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-
abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild
25 sein Abbild scheinbar allein lässt?
Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns
leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren
lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]
Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,
30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:
Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott
verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-
ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und
Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht
35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]
Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]
aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für
dieses Leid verantwortlich machen kann.
Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die
40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen
Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass
er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-
rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine
Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-
45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich
verstanden wird. [...]
Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass
man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade
im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz
50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht
gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-
dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.
Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt
sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch
55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-
werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-
ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.
[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-
mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint
60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-
dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach
Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-
wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre
Macht qualifiziert.
65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,
aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung
der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz
bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird
als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch
70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den
Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]
Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser
in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das
Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein
75 innerstes Wesen offenbaren. [...]
Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.
1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.
2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.
2. Erläutern Sie, worin der Zuspruch und der Anspruch der Reich-Gottes-Botschaft Jesu bestehen, und entfalten Sie anhand einer Textstelle aus dem Neuen Testament, inwiefern das „von Jesus verkündete und gelebte Reich Gottes […] den Wünschen des Menschen […], der sich nach Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt“ (Z. 60 – 62), diesen Wünschen entgegenkommt. (22 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 3 - Theodizee · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott
Materialgrundlage
Joachim Reger: Gott und das Virus. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur. Heft 10, Oktober 2020, S. 723 – 732 (Auszug).
* Joachim Reger (*1960) lehrt Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau und ist Islambeauftragter des Bistums Speyer.
Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die
Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-
tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe
des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen
5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.
[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-
ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man
darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-
retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-
10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]
Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil
er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-
sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,
da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott
15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-
sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und
werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind
seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?
Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der
20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.
Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid
seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?
Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-
abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild
25 sein Abbild scheinbar allein lässt?
Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns
leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren
lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]
Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,
30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:
Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott
verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-
ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und
Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht
35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]
Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]
aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für
dieses Leid verantwortlich machen kann.
Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die
40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen
Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass
er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-
rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine
Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-
45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich
verstanden wird. [...]
Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass
man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade
im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz
50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht
gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-
dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.
Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt
sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch
55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-
werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-
ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.
[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-
mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint
60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-
dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach
Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-
wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre
Macht qualifiziert.
65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,
aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung
der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz
bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird
als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch
70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den
Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]
Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser
in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das
Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein
75 innerstes Wesen offenbaren. [...]
Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.
1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.
2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.
3. Entfalten Sie vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik die theologische Position „Leid als Preis der Freiheit“. Setzen Sie sich danach mit der Frage auseinander, ob Regers „dritte Strategie“ (vgl. Z. 47 – 76) im Umgang mit Leid Menschen in Krisenzeiten „Trost und Halt“ (Z. 12) geben kann. (30 Punkte)
a)
b)
Aufgabe 4 - Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Tück, Jan-Heiner *: Das „ewige Gedächtnis“ als Fluchtpunkt der Hoffnung. Das Jüngste Gericht und die Wahrheit der Geschichte. In: Rahner, Johanna / Söding, Thomas (Hrsg.): Kirche und Welt – ein notwendiger Dialog. Stimmen katholischer Theologie. (QD 300) Freiburg i. Br./Basel/Wien 2019, S. 427 – 443 (Auszug)
* Jan-Heiner Tück (*1967) ist ein deutscher katholischer Theologe und Professor für Dogmatik an der Universität Wien.
Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In
der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes
Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Ver-
störung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit ge-
5 rade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet.
Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit
widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen
von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. [...]
Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den
10 Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf
nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgrei-
chen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen,
die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen
und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.
15 Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern
[ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott ein-
geschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor
sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. [...]
Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Chris-
20 tus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. [...] Das leitende Vorstellungs-
modell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes
dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch
die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In
seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensge-
25 schichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn:
Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die
Negation des Vergessens [...]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Ver-
borgenen [...]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden alle-
mal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. [...]
30 Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet
werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das
Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der
schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegen-
über der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen.
35 Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das
Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn
es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten
Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit
ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die
40 keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht
auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zu-
gleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht
gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sün-
ders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber mensch-
45 lichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. [...] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung
für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht,
dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypo-
theken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere,
Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. [...] Aber niemand, auch der ruchloseste
50 Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im
Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die
Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der
Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit
diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen
55 Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie
sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können,
ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes ge-
hofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und
in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theo-
60 logisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Men-
schen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge
eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.
Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden.
Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen
65 abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die
Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt
wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters
übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso
wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweck-
70 ten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jeden-
falls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion
auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend
sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.
1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.
2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.
3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.
4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.
5 persuasiv: überzeugend.
Aufgabenstellung 1
Erarbeiten Sie, welches Thema der vorliegende Text behandelt und wie sein Gedankengang verläuft. (28 Punkte)
Aufgabe 4 - Reich-Gottes-Botschaft · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch
Materialgrundlage
Tück, Jan-Heiner *: Das „ewige Gedächtnis“ als Fluchtpunkt der Hoffnung. Das Jüngste Gericht und die Wahrheit der Geschichte. In: Rahner, Johanna / Söding, Thomas (Hrsg.): Kirche und Welt – ein notwendiger Dialog. Stimmen katholischer Theologie. (QD 300) Freiburg i. Br./Basel/Wien 2019, S. 427 – 443 (Auszug)
* Jan-Heiner Tück (*1967) ist ein deutscher katholischer Theologe und Professor für Dogmatik an der Universität Wien.
Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In
der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes
Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Ver-
störung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit ge-
5 rade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet.
Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit
widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen
von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. [...]
Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den
10 Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf
nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgrei-
chen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen,
die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen
und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.
15 Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern
[ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott ein-
geschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor
sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. [...]
Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Chris-
20 tus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. [...] Das leitende Vorstellungs-
modell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes
dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch
die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In
seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensge-
25 schichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn:
Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die
Negation des Vergessens [...]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Ver-
borgenen [...]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden alle-
mal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. [...]
30 Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet
werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das
Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der
schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegen-
über der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen.
35 Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das
Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn
es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten
Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit
ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die
40 keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht
auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zu-
gleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht
gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sün-
ders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber mensch-
45 lichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. [...] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung
für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht,
dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypo-
theken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere,
Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. [...] Aber niemand, auch der ruchloseste
50 Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im
Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die
Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der
Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit
diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen
55 Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie
sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können,
ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes ge-
hofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und
in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theo-
60 logisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Men-
schen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge
eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.
Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden.
Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen
65 abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die
Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt
wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters
übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso
wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweck-
70 ten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jeden-
falls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion
auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend
sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.
1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.
2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.
3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.
4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.
5 persuasiv: überzeugend.
Aufgabenstellung 2
Erläutern Sie unter Heranziehung einer Textstelle aus dem Neuen Testament, inwiefern sich darin die „werbende[] Macht der Liebe Gottes“ (Z. 57) zeigt. (14 Punkte)
Aufgabe 4 - Gericht und Vollendung · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild
Materialgrundlage
Tück, Jan-Heiner *: Das „ewige Gedächtnis“ als Fluchtpunkt der Hoffnung. Das Jüngste Gericht und die Wahrheit der Geschichte. In: Rahner, Johanna / Söding, Thomas (Hrsg.): Kirche und Welt – ein notwendiger Dialog. Stimmen katholischer Theologie. (QD 300) Freiburg i. Br./Basel/Wien 2019, S. 427 – 443 (Auszug)
* Jan-Heiner Tück (*1967) ist ein deutscher katholischer Theologe und Professor für Dogmatik an der Universität Wien.
Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In
der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes
Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Ver-
störung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit ge-
5 rade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet.
Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit
widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen
von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. [...]
Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den
10 Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf
nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgrei-
chen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen,
die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen
und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.
15 Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern
[ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott ein-
geschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor
sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. [...]
Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Chris-
20 tus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. [...] Das leitende Vorstellungs-
modell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes
dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch
die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In
seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensge-
25 schichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn:
Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die
Negation des Vergessens [...]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Ver-
borgenen [...]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden alle-
mal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. [...]
30 Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet
werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das
Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der
schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegen-
über der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen.
35 Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das
Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn
es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten
Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit
ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die
40 keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht
auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zu-
gleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht
gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sün-
ders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber mensch-
45 lichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. [...] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung
für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht,
dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypo-
theken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere,
Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. [...] Aber niemand, auch der ruchloseste
50 Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im
Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die
Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der
Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit
diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen
55 Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie
sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können,
ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes ge-
hofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und
in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theo-
60 logisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Men-
schen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge
eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.
Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden.
Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen
65 abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die
Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt
wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters
übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso
wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweck-
70 ten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jeden-
falls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion
auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend
sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.
1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.
2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.
3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.
4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.
5 persuasiv: überzeugend.
Aufgabenstellung 3
a)
Entfalten Sie eine traditionelle oder gegenwärtige theologische Interpretation der Bilder von Gericht und Vollendung und gehen Sie dabei auf das darin erkennbare Gottes- und Menschenbild ein; bringen Sie Ihre Darlegungen mit der vorliegenden Position in Verbindung. (24 Punkte)
b)
Setzen Sie sich kritisch und würdigend damit auseinander, ob Tücks Verständnis des Gerichts die menschliche Sehnsucht nach „Aufrichtung der Gerechtigkeit“ (Z. 65) erfüllen kann. (14 Punkte)
a)
b)
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