Aufgabe 3 - Texterschließung · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Joachim Reger: Gott und das Virus. In: Stimmen der Zeit. Die Zeitschrift für christliche Kultur. Heft 10, Oktober 2020, S. 723 – 732 (Auszug).
* Joachim Reger (*1960) lehrt Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau und ist Islambeauftragter des Bistums Speyer.
Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die
Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-
tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe
des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen
5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.
[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-
ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man
darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-
retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-
10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]
Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil
er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-
sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,
da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott
15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-
sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und
werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind
seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?
Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der
20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.
Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid
seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?
Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-
abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild
25 sein Abbild scheinbar allein lässt?
Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns
leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren
lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]
Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,
30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:
Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott
verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-
ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und
Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht
35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]
Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]
aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für
dieses Leid verantwortlich machen kann.
Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die
40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen
Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass
er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-
rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine
Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-
45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich
verstanden wird. [...]
Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass
man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade
im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz
50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht
gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-
dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.
Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt
sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch
55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-
werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-
ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.
[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-
mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint
60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-
dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach
Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-
wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre
Macht qualifiziert.
65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,
aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung
der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz
bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird
als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch
70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den
Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]
Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser
in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das
Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein
75 innerstes Wesen offenbaren. [...]
Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.
1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.
2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie er gedanklich aufgebaut ist und welche Intention sich darin zeigt. (28 Punkte)
a)
b)
c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt.
Lösung: Theologische und christologische Reflexionen zur Rechtfertigung Gottes im Leid anlässlich der Covid-19-Pandemie.
Erarbeiten Sie, wie der Text gedanklich aufgebaut ist und welchen Gedankengang er verfolgt.
Lösung: 1. Wahrnehmung der Ausgangslage: Physische und psychische Belastungen sowie Erfahrungen der Ohnmacht und Einsamkeit durch Covid-19 bringen für Gläubige eine Ambivalenz mit sich: Gott als Halt versus Infragestellung seiner Liebe und seines Handelns. 2. Radikalisierung der Theodizee: Scheinbare Paradoxie eines allgegenwärtigen Gottes im pandemiebedingten Leid; Zweifel an Berechenbarkeit, Erkennbarkeit und Nutzen von Glaube und Religion. 3. Drei Reaktionsweisen im Umgang mit Leid: - Abwendung von Gott / Atheismus: Leid verdunkelt Gottesbild, Mensch bleibt auf sich allein gestellt. - Gott als unbegreiflich Erhabener: Gottes Größe übersteigt jedes menschliche Begreifen und schließt sowohl Erfüllung als auch Enttäuschung ein. - Dritte Strategie: Leid als Ort göttlicher Offenbarung, angelehnt an die jüdische Tradition des leidenden Gottesknechts. 4. Christologische Vertiefung: Menschwerdung Gottes in Jesus Christus; Solidarität Gottes im Leiden und Sterben Jesu am Kreuz; Gott leidet mit und offenbart darin sein innerstes Wesen verlässlicher Liebe.
Erarbeiten Sie, welche Intention sich im Text zeigt.
Lösung: Appellative Intention: Stärkung des Vertrauens und der Hoffnung auf einen solidarischen, liebenden und allmächtigen Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart.
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