Abitur NRW Katholische Religion 2022 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Katholische Religion in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 12 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Meine Lieben,

auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]

5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.

Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]

Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.

Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.

Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!

Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!

Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.

[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.

70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sympathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.

75 Amen.

1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.

2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema Halíks Predigt behandelt, wie sie gedanklich aufgebaut ist und welche Absicht sie verfolgt. (28 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Meine Lieben,

auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]

5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.

Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]

Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.

Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.

Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!

Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!

Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.

[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.

70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sympathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.

75 Amen.

1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.

2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.

2. Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Stellen aus dem Buch Exodus, inwiefern daran erkennbar wird, dass „der Gott der Bibel“ (Z. 66) nicht ein Gott ist, der „sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völlig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde“ (Z. 64 f.), sondern „ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher“ (Z. 70 f.). (20 Punkte)

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 3 · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott

Meine Lieben,

auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]

5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.

Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]

Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.

Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.

Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!

Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!

Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.

[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.

70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sympathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.

75 Amen.

1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.

2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.

3. Entfalten Sie mit Blick auf die Theodizeefrage die theologische Position „Leid als Preis der Freiheit“; nehmen Sie – auch auf der Grundlage dieser entfalteten Position – Stellung dazu, ob Halíks Predigt dazu bewegen kann, der in den Zeilen 47 – 52 geäußerten „Einladung und […] Aufforderung“ (Z. 47) zu folgen. (32 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt

werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber

keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen

den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für

5 sich beanspruchen kann. [...]

Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn

spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-

windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und

religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das

10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch

die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-

zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.

Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch

vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu

15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-

zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-

gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die

Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,

vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an

20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur

grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-

dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1

Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-

tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.

25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.

Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-

gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-

rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-

genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-

30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es

sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-

täuschung handelt.

Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,

dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-

35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich

ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:

Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch

deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-

sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-

40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:

„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles

so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es

einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant

wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-

45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“

Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,

wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-

kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen

und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck

50 ansehen.

Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes

it all.

Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo

so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,

55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]

Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit

haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr

menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,

anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-

60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-

kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-

lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-

nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von

ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]

65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –

und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele

Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.

Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von

dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener

70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und

von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so

etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-

lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.

1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.

2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.

3 behände: gewandt, flink, geschickt.

Aus: Peter Henkel: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben, Frankfurt am Main 2010.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sich der Gedankengang entwickelt und welche Intention des Verfassers erkennbar wird. (26 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt

werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber

keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen

den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für

5 sich beanspruchen kann. [...]

Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn

spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-

windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und

religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das

10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch

die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-

zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.

Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch

vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu

15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-

zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-

gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die

Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,

vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an

20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur

grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-

dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1

Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-

tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.

25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.

Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-

gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-

rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-

genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-

30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es

sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-

täuschung handelt.

Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,

dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-

35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich

ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:

Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch

deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-

sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-

40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:

„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles

so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es

einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant

wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-

45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“

Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,

wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-

kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen

und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck

50 ansehen.

Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes

it all.

Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo

so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,

55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]

Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit

haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr

menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,

anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-

60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-

kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-

lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-

nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von

ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]

65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –

und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele

Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.

Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von

dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener

70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und

von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so

etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-

lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.

1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.

2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.

3 behände: gewandt, flink, geschickt.

Aus: Peter Henkel: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben, Frankfurt am Main 2010.

2. Erläutern Sie unter Heranziehung einer Textstelle aus dem Alten Testament die Gottesbilder im Buch Exodus. Prüfen Sie im Anschluss, ob die Kritik, die Henkel in den Zeilen 56 – 59 äußert, ebenso für das biblische Gottesbild gilt. (16 Punkte)

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus

Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt

werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber

keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen

den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für

5 sich beanspruchen kann. [...]

Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn

spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-

windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und

religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das

10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch

die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-

zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.

Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch

vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu

15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-

zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-

gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die

Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,

vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an

20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur

grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-

dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1

Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-

tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.

25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.

Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-

gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-

rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-

genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-

30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es

sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-

täuschung handelt.

Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,

dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-

35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich

ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:

Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch

deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-

sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-

40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:

„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles

so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es

einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant

wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-

45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“

Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,

wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-

kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen

und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck

50 ansehen.

Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes

it all.

Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo

so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,

55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]

Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit

haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr

menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,

anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-

60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-

kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-

lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-

nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von

ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]

65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –

und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele

Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.

Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von

dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener

70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und

von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so

etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-

lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.

1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.

2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.

3 behände: gewandt, flink, geschickt.

Aus: Peter Henkel: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben, Frankfurt am Main 2010.

3. Entfalten Sie die religionskritische Position Ludwig Feuerbachs und beziehen Sie sie auf den vorliegenden Ansatz. Erörtern Sie im Anschluss, ob ein Leben und eine Welt ohne Gott „sinnlos“ und „gefährlich“ (vgl. Z. 72 f.) sind. (38 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Joachim Reger: Gott und das Virus (2020)

Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die

Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-

tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe

des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen

5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.

[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-

ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man

darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-

retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-

10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]

Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil

er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-

sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,

da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott

15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-

sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und

werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind

seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?

Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der

20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.

Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid

seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?

Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-

abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild

25 sein Abbild scheinbar allein lässt?

Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns

leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren

lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]

Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,

30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:

Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott

verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-

ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und

Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht

35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]

Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]

aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für

dieses Leid verantwortlich machen kann.

Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die

40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen

Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass

er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-

rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine

Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-

45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich

verstanden wird. [...]

Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass

man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade

im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz

50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht

gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-

dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.

Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt

sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch

55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-

werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-

ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.

[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-

mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint

60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-

dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach

Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-

wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre

Macht qualifiziert.

65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,

aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung

der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz

bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird

als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch

70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den

Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]

Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser

in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das

Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein

75 innerstes Wesen offenbaren. [...]

Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.

1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.

2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie er gedanklich aufgebaut ist und welche Absicht darin erkennbar wird. (28 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch

Joachim Reger: Gott und das Virus (2020)

Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die

Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-

tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe

des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen

5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.

[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-

ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man

darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-

retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-

10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]

Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil

er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-

sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,

da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott

15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-

sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und

werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind

seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?

Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der

20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.

Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid

seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?

Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-

abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild

25 sein Abbild scheinbar allein lässt?

Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns

leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren

lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]

Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,

30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:

Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott

verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-

ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und

Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht

35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]

Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]

aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für

dieses Leid verantwortlich machen kann.

Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die

40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen

Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass

er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-

rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine

Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-

45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich

verstanden wird. [...]

Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass

man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade

im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz

50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht

gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-

dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.

Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt

sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch

55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-

werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-

ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.

[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-

mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint

60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-

dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach

Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-

wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre

Macht qualifiziert.

65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,

aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung

der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz

bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird

als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch

70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den

Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]

Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser

in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das

Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein

75 innerstes Wesen offenbaren. [...]

Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.

1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.

2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.

2. Erläutern Sie, worin der Zuspruch und der Anspruch der Botschaft Jesu vom Reich Gottes bestehen, und entfalten Sie an einer Stelle aus dem Neuen Testament, inwiefern das „von Jesus verkündete und gelebte Reich Gottes [...] den Wünschen des Menschen [...], der sich nach Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt“ (Z. 60 – 62), diesen Wünschen entgegenkommt. (22 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott

Joachim Reger: Gott und das Virus (2020)

Als im Frühjahr dieses Jahres 1 der reguläre Schulunterricht in Rheinland-Pfalz endete und die

Schülerinnen und Schüler ins Wochenende entlassen wurden, bestand nur eine vage Vermu-

tung, dass der Unterricht bald darauf nicht wieder wie gewohnt beginnen würde. Im Laufe

des letzten Schultages noch meldeten die Medien die beschlossene Schließung der Schulen

5 und die weit darüber hinaus gehende Aussetzung der meisten gesellschaftlichen Aktivitäten.

[...] Auch wenn einige Beobachter durchaus positive Auswirkungen der Pandemie bemerk-

ten, wie beispielsweise die Entlastung der Umwelt und die allgemeine Entschleunigung, man

darüber zu reflektieren begann, was man an Positivem für die Zeit nach der Pandemie hinüber-

retten könne, führte die Seuche zu Verunsicherung, rief Ängste hervor, hinterließ eine allge-

10 meine Verstörung und die Erfahrung der Ohnmacht. [...]

Der gläubige Mensch hat es in dieser Situation leichter und schwerer zugleich. Leichter, weil

er in Krisenzeiten in Gott Trost und Halt finden kann, er nicht ausschließlich darauf angewie-

sen ist, Sinnstiftung rein innerweltlich zu erlangen. Gleichzeitig hat er es aber auch schwerer,

da die Geschehnisse nicht nur das christliche Menschenbild, sondern auch das Bild von Gott

15 als Liebenden infrage stellen. Die Eindrücke von Menschen, die an Corona erkranken, ein-

sam und verlassen sterben, lassen an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen zweifeln und

werfen [...] die Frage auf, wer dieser Gott eigentlich ist: Wie ist er zu erkennen? Was sind

seine Wege? Sind seine Wege womöglich nicht unsere Wege?

Darüber hinaus folgt aus der Bestimmung Gottes als demjenigen, der in allem ist und der

20 alles durchdringt, nicht nur, dass er im Leid ist, sondern dass er es zumindest auch zulässt.

Was nützt dann aber die Religion und der Glaube, wenn das konkrete Leben mit seinem Leid

seinen Lauf nimmt, egal, ob der Mensch sich gläubig als Abbild Gottes versteht oder nicht?

Hat Gott sich dann nicht vom Menschen mit seinen Sehnsüchten und dem Lauf der Welt ver-

abschiedet? Was soll also dieser Gott, zu was ist er und die Religion nütze, wenn das Urbild

25 sein Abbild scheinbar allein lässt?

Es geht um die Radikalisierung der Theodizee, also nicht nur um die Frage, warum Gott uns

leiden lässt und wie sich seine Allmacht und Liebe mit dem Leid in der Welt vereinbaren

lässt, sondern um Gottes Erkennbarkeit, Berechenbarkeit, Brauchbarkeit. [...]

Letztlich sind angesichts des Leids in der Welt bezüglich Gottes und seiner Erkennbarkeit,

30 seinem Nutzen wohl drei Bestimmungen möglich:

Erstens: die Abwendung von Gott. Wenn das Leid dem Menschen nahelegt, dass er von Gott

verlassen sei, sein Abbildsein durch das Leid verdunkelt werde, sein Leben scheinbar in kei-

ner Entsprechung zum Horizont Gottes stehe, dann folgt daraus Gottes Unerkennbarkeit und

Bedeutungslosigkeit. Der Mensch verfällt in Gleichgültigkeit gegenüber Gott, da er ihn nicht

35 mehr betrifft. Letztlich endet diese Erfahrung in der Leugnung Gottes, dem Atheismus. [...]

Die Frage nach der Bewältigung des Leids stellt sich dem Menschen, der Gott fahren lässt[,]

aber selbstverständlich immer noch, vielleicht noch beißender, da ihm Gott fehlt, den er für

dieses Leid verantwortlich machen kann.

Hält der Mensch im Angesicht des Leids an Gott fest, dann muss er das Leid irgendwie in die

40 Beziehung zu Gott hineinnehmen. Er darf es nicht, wie bei der Auffassung der göttlichen

Strafe, von Gott abspalten. Eine Strategie besteht darin, Gott als so groß zu verstehen, dass

er all unsere Sehnsüchte und Wünsche überschreitet. Wird das Leid die bestimmende Erfah-

rung des Menschen und bleibt der Weg des Atheismus verschlossen, dann muss Gott eine

Größe eigen sein, die sowohl die Erfüllung unserer Wünsche wie auch ihre Enttäuschung um-

45 fasst. Dies geht nur, wenn Gott absolut jenseitig, erhaben, übernatürlich und unbegreiflich

verstanden wird. [...]

Die dritte Strategie des Umgangs des gläubigen Menschen mit dem Leid besteht darin, dass

man das Leid nicht als Ausdruck der Unbegreiflichkeit Gottes deutet, sondern sich gerade

im Leid die Wirklichkeit Gottes offenbart. Im Leid zeigt sich Gott selbst, wird sein Antlitz

50 anschaulich. Diesen Weg ist das Judentum mit der Vorstellung vom leidenden Gottesknecht

gegangen, der ohne Schuld von den Menschen geschunden wird, dabei nicht verzweifelt, son-

dern sein Leid als besondere Auserwählung durch Gott deutet.

Das Christentum ist dieser Vorstellung gefolgt. In Christus wird Gott Mensch. Gott zeigt

sich, ist im Antlitz Christi eindeutig zu schauen. Damit wird die Auffassung, dass der Mensch

55 Abbild Gottes sei[,] nicht nur bekräftigt, sondern auf die Spitze getrieben. Durch die Mensch-

werdung Christi bekennt sich Gott ausdrücklich zum Menschen und verleiht ihm eine heraus-

ragende Würde, nennt den Menschen nicht mehr Knecht, sondern Freund 2.

[...] Gott ist so mächtig, dass er sich einlassen, sich zeigen kann. Der qualitative Monotheis-

mus wird im Christentum noch radikalisiert. Wahre Größe braucht keine Distanz. Gott scheint

60 nun in Jesus Christus den Sehnsüchten des Menschen zu entsprechen. Das von Jesus verkün-

dete und gelebte Reich Gottes kommt den Wünschen des Menschen entgegen, der sich nach

Liebe, Achtung, Geborgenheit, nach Frieden und Harmonie sehnt. Der Mensch wird aufge-

wertet, Randgruppen integriert, Frauen in ihrer Würde geachtet, die Ohnmacht als wahre

Macht qualifiziert.

65 In der Radikalität seiner Botschaft, die Jesus, gelegen oder ungelegen, lebt und verkündet,

aber vor allem sein gewaltsames Ende am Kreuz scheint die Hoffnung auf die Entsprechung

der menschlichen Wünsche mit Gottes Handeln aber wieder nachhaltig zu zerstören. Im Kreuz

bricht die Unbegreiflichkeit Gottes, seine Andersheit, wieder mit aller Kraft durch, ja wird

als Eigenart Gottes qualifiziert, da selbst Jesus in scheinbarer Gottverlassenheit stirbt. Durch

70 den Tod Jesu am Kreuz [werden] Gott und Leid miteinander verbunden. Gerade im Leid, den

Leidenden wird das Angesicht Gottes sichtbar. [...]

Das Leid als zentrale Krise des Menschen lässt Einblicke in das Wesen Gottes zu, da dieser

in es selbst eingegangen ist. Gott macht unsere Welt zu seiner Welt und seine zu unserer. Das

Leid muss daher nicht zur Unbegreiflichkeit oder Leugnung Gottes führen, sondern kann sein

75 innerstes Wesen offenbaren. [...]

Er ist verlässlich in seiner Liebe zu uns, die alles durchdringt, keine Wirklichkeit auslässt.

1 Frühjahr dieses Jahres: März 2020.

2 nicht mehr Knecht, sondern Freund: Anspielung auf Joh 15,15; „Knecht“ hier im Sinne von „Bediensteter sein“.

3. Entfalten Sie die theologische Position „Leid als Preis der Freiheit“ vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik. Setzen Sie sich anschließend damit auseinander, ob Regers „dritte Strategie“ (vgl. Z. 47 – 76) im Umgang mit Leid Menschen in Krisenzeiten „Trost und Halt“ (Z. 12) geben kann. (30 Punkte)

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention

Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Verstörung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit gerade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. […]

Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgreichen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen, die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.

Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern [ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott eingeschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. […]

Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Christus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. […] Das leitende Vorstellungsmodell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensgeschichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn: Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die Negation des Vergessens […]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Verborgenen […]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden allemal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. […]

Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegenüber der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen. Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zugleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sünders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber menschlichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. […] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht, dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypotheken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere, Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. […] Aber niemand, auch der ruchloseste Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können, ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes gehofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theologisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Menschen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.

Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden. Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweckten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jedenfalls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.

1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.

2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.

3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.

4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.

5 persuasiv: überzeugend.

Aufgabe 1: Erarbeiten Sie, welches Thema der vorliegende Text behandelt und wie sein Gedankengang aufgebaut ist. [28 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch

Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Verstörung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit gerade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. […]

Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgreichen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen, die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.

Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern [ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott eingeschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. […]

Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Christus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. […] Das leitende Vorstellungsmodell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensgeschichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn: Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die Negation des Vergessens […]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Verborgenen […]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden allemal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. […]

Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegenüber der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen. Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zugleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sünders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber menschlichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. […] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht, dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypotheken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere, Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. […] Aber niemand, auch der ruchloseste Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können, ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes gehofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theologisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Menschen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.

Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden. Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweckten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jedenfalls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.

1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.

2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.

3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.

4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.

5 persuasiv: überzeugend.

Aufgabe 2: Erläutern Sie, inwiefern sich an einer selbst gewählten Stelle des Neuen Testaments die „werbende[] Macht der Liebe Gottes“ (Z. 57) zeigt. [14 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 3 · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild

Dass die Zeit Wunden heile, ist ein viel bemühter, aber hoch ambivalenter 1 Gemeinplatz. In der Tat kann mit zunehmendem Abstand die Erinnerung an ein verstörendes und verletzendes Ereignis verblassen. Es kann aber auch genau das Gegenteil eintreten. Das Trauma der Verstörung bleibt. Es kann zerstörend wirken, so dass es durch das Voranschreiten der Zeit gerade nicht verheilt, sondern sich langsam und hartnäckig wie ein Krebsgeschwür ausbreitet. Die Sehnsucht aber, dass Wunden geheilt und den Leiden der Vergangenheit Gerechtigkeit widerfährt, reicht immer dann ins Eschatologische hinein, wenn sie unter den Bedingungen von Zeit und Geschichte nicht mehr gestillt werden kann. […]

Es gibt aus dem Blick gefallene Menschen, für die sich niemand mehr interessiert, an den Rand gedrängte, die im Zentrum keinerlei Anerkennung erfahren, Geschädigte, deren Ruf nach Behebung des Unrechts ungehört bleibt. Es gibt aber auf der Gegenseite die Erfolgreichen, die sich mit allen Mitteln in die Mitte drängen, die anpassungsbeflissenen Karrieristen, die den Mächtigen nach dem Mund reden, um selbst nach oben zu kommen, ja die Täterinnen und Täter, die „nur pflichtschuldig“ Befehle ausgeführt haben.

Mit diesem hier nur holzschnittartig angedeuteten Antagonismus 2 zwischen Opfern und Tätern [ist] die Schwelle zur theologischen Reflexion erreicht, welche die dem Glauben an Gott eingeschriebene Hoffnung bedenkt, dass alle Vergangenheit der Geschichte eine Zukunft vor sich hat, in der sie durch Gott, den Richter und Retter, in die Wahrheit geführt wird. […]

Die Aufdeckung der Wahrheit des Vergangenen erfolgt durch die Person des erhöhten Christus selbst, der das Buch der Geschichte 3 liest und entziffert. […] Das leitende Vorstellungsmodell ist daher nicht die menschliche Strafjustiz, die unparteiisch auf der Basis des Gesetzes dem Angeklagten Urteil und Strafmaß von außen zuspricht. Vielmehr ist gerichtstheologisch die persönliche Konfrontation mit Jesus Christus, dem Richter und Retter entscheidend. In seinem alles durchdringenden Blick liegt die verborgene Wahrheit einer jeden Lebensgeschichte mit ihren Licht- und Schattenseiten offen zutage, und dies in einem doppelten Sinn: Zum einen geht es in diesem Wahrheitsgeschehen Aug-in-Aug mit dem Erlöserrichter um die Negation des Vergessens […]. Wahrheit meint zum anderen aber auch die Negation des Verborgenen […]. Das Verborgene kommt ans Licht. Das ist für die ungerecht Leidenden allemal Grund zur Hoffnung, für die Peiniger aber Grund zur Furcht. […]

Das Gericht kann vor diesem Hintergrund als der Ort der eschatologischen Krisis 4 gedeutet werden, an dem die Wahrheit der Geschichte aufgerichtet, das Vergessene erinnert und das Verdrängte offenbar gemacht wird. Das Gegenteil, das Ausbleiben des Gerichts, „wäre der schreckliche Ausdruck göttlicher Gleichgültigkeit: der Gleichgültigkeit des Schöpfers gegenüber der eigenen Schöpfung und speziell gegenüber dem von ihm geschaffenen Menschen. Nichts aber würde den Menschen tiefer erniedrigen als dies, Gott gleichgültig zu sein.“ Das Gericht aber bliebe unter dem Niveau der menschlichen Leidens- und Schuldgeschichte, wenn es nicht die ganze Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen bis in die zerrütteten Täter-Opfer-Konstellationen hinein in die Wahrheit führen würde. Erst wenn diese Wahrheit ungeschönt aufgerichtet und rückhaltlos aufgearbeitet sein wird, können die Wunden heilen, die keine Zeit heilen kann. Die Aufrichtung dieser Wahrheit ist nicht gnadenlos, sie zielt nicht auf eine Zugrunderichtung und Verurteilung der Übeltäter und Frevler, weil der Richter zugleich Anwalt und Retter der zu richtenden Menschen ist. Die Gnade in Person kann nicht gnadenlos richten! Dennoch ist das Gericht keine billige Begnadigung, die anstelle des Sünders die Sünden selbst rechtfertigen würde. Das Gericht der Gnade wird gegenüber menschlichem Unrecht nicht gleichgültig bleiben. […] Mit einem „wattigen Ungefähr der Erlösung für alle“ ist das Gericht schon deshalb nicht zu verwechseln, weil sein Drama darin besteht, dass keiner dem Blick des Richters ausweichen kann und jeder mit den moralischen Hypotheken seiner Geschichte konfrontiert wird. Eingeübte Schuldabwehrreflexe laufen ins Leere, Fassaden werden weggenommen, Masken enttarnt. […] Aber niemand, auch der ruchloseste Täter nicht, wird durch den Richter und Retter auf die Summe seiner Untaten reduziert. Im Gegenteil: als Person, die sich zu sich selbst verhalten kann, erhält er die Möglichkeit, in die Wahrheit zu kommen und sich von seinen Taten reuevoll zu distanzieren, wenn denn der Richter zugleich der Anwalt und Erlöser ist, der sich an die Seite der Schuldigen stellt, damit diese sich gegen sich selbst stellen können. Ob die Täterinnen und Täter in der dramatischen Konfrontation mit Christus der ungeschminkten Wahrheit der Geschichte standhalten, ob sie sich von ihren Taten reuevoll distanzieren und das Angebot der Vergebung annehmen können, ist nicht vorwegzunehmen, darf aber angesichts der werbenden Macht der Liebe Gottes gehofft werden. Der eschatologische Ernstfall, dass sich eine Person definitiv verschließt und in Selbstherrlichkeit das Angebot der Vergebung ablehnt, ist eine reale Möglichkeit, die theologisch durch den Begriff der Hölle angezeigt wird. Die Hölle als endgültige Abkehr des Menschen von Gott wäre dann selbstgewählt und ein Akt kreatürlicher Freiheit – nicht aber Folge eines eschatologischen Verdammungsurteils Gottes selbst.

Umgekehrt ist mit dem Gericht Jesu Christi zugleich Trost für die Leidenden verbunden. Ihre Entwürdigung wird anerkannt, sie werden bei ihrem Namen gerufen und ihre Tränen abgewischt. Ihre Sehnsucht nach Aufrichtung der Gerechtigkeit aber wird gestillt, wenn die Schuldabwehrreflexe der Täter ins Leere laufen und die Wahrheit rückhaltlos aufgedeckt wird. Ob allerdings die Opfer der Geschichte den vergebenden Blick des Erlöserrichters übernehmen und in ihren Peinigern vergebungsbedürftige Nächste sehen können, ist ebenso wenig vorwegzunehmen, darf aber mit Blick auf die Nähe zwischen Passion des auferweckten Gekreuzigten und den Passionsgeschichten der Opfer gehofft werden. Größeres kann jedenfalls nicht gehofft werden, als dass die persuasive 5 Macht der Liebe Gottes, die in der Passion auf Golgotha ihre äußerste Offenbarungsgestalt gefunden hat, auch im Gericht bestimmend sein sowie ihre rettende und erlösende Kraft erweisen wird.

1 ambivalent: in sich widersprüchlich, zwiespältig.

2 Antagonismus: Gegensatz, Widerstreit.

3 Buch der Geschichte: Bereits im Alten Testament taucht die Rede von einem Buch, in dem die Geschichte der Menschen verzeichnet ist, auf. In diesem ist menschliches Tun und Unterlassen vermerkt und so durch die Geschichte hindurch gesichert. Das Buch bildet die Grundlage für das Gericht. Aus ihm bezieht der Richter sein Wissen und fällt auf dieser Grundlage sein Urteil. Diese alttestamentliche Vorstellung wird im Neuen Testament in der Johannesoffenbarung aufgegriffen.

4 eschatologische Krisis: hier die endgültige Unterscheidung von Gut und Böse am Ende der Zeiten.

5 persuasiv: überzeugend.

Aufgabe 3:

a)

Entfalten Sie eine traditionelle oder eine zeitgenössische theologische Interpretation der Bilder von Gericht und Vollendung und gehen Sie dabei auf das jeweils zugrunde liegende Gottes- und Menschenbild ein; stellen Sie Ihre Darlegungen in einen Bezug zur vorliegenden Position. [24 Punkte]

b)

Setzen Sie sich kritisch und würdigend damit auseinander, ob Tücks Interpretation des Gerichts dem menschlichen Verlangen nach „Aufrichtung der Gerechtigkeit“ (Z. 65) gerecht werden kann. [14 Punkte]

Du kannst auch nach Themen lernen

Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.

Alle 10 Themen ansehen

Andere Prüfungen 2022

GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022) · LK · Haupttermin (2022)