Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Selbstverständlich kann die These, es gebe einen [...] Gott, weder bewiesen noch widerlegt

werden. Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht macht diese[] fast triviale Feststellung aber

keineswegs jede weitere Beschäftigung mit dem Thema sinnlos oder entzieht Kontroversen

den Boden. Vielmehr bleibt die notwendige Frage, ob und wieviel Plausibilität Glaube für

5 sich beanspruchen kann. [...]

Die [hier] ausgebreiteten Überlegungen münden in die These, dass nicht nur nichts für ihn

spricht. Sondern dass er eigentlich längst zugrunde gegangen sein müsste an seinen unüber-

windlichen inneren Widersprüchen, an der Unvereinbarkeit von realer Welterfahrung und

religiöser Spekulation, am Fehlen aller Spuren zu einem göttlichen Wesen. Und dass das

10 Überleben des Glaubens nicht etwa durch die Existenz Gottes erklärbar wird, sondern durch

die Beschaffenheit des Menschen. Seine Wünsche und Ängste, seine Anfälligkeit für die Fas-

zination von Magie und Macht sind es, die ihn an einen Herrn des Himmels glauben lassen.

Gott wird zur Erklärung der Welt nicht gebraucht. Oder anders: Bei dem, was der Mensch

vorfindet, wenn er sich in der Welt umsieht oder etwa die Vergangenheit des Universums zu

15 erforschen sucht, dann ist er auf die Hypothese, da sei eine wie auch immer geartete Trans-

zendenz zumindest mit am Werk gewesen, nicht angewiesen. [...] Bei solchen Vorstellun-

gen handelt es sich um zunächst einmal nachvollziehbare menschliche Reaktionen auf die

Begegnung mit sich selbst, mit Natur und Welt. Und doch: Zwingend sind sie keineswegs,

vielmehr gibt es Alternativen. Gerade wer ein großes Rätselhaftes und Staunenmachendes an

20 der Wirklichkeit erlebt – die, daran muss immer wieder erinnert werden, ja mitnichten nur

grandios ist, sondern zugleich erbärmlich, grässlich und grausam –, muss solchen Empfin-

dungen nicht gleich schon wieder den Garaus machen, auch nicht mit einer metaphysischen 1

Patenterklärung. Nüchterner und realistischer wäre es, sich zu bescheiden mit jenen Interpre-

tationen und Befunden, die der Wirklichkeit Schritt für Schritt abgerungen werden können.

25 Und den kleinen und großen Rätseln ihr Recht zu lassen, so lange es Rätsel sind.

Dass die These, es gebe so etwas wie Gott, weder Voraussetzung noch unumgängliches Er-

gebnis menschlichen Denkens und Forschens ist, lässt die Frage seiner Existenz noch unbe-

rührt und mithin offen. Dabei gilt es aber nicht stehen zu bleiben. Vielmehr werden im Fol-

genden Tatsachen und Hinweise ausgebreitet, die über diese Unentschiedenheit weit hinaus-

30 gehen – und [...] die Vermutung, ja sogar so etwas wie die Gewissheit nahe legen, dass es

sich beim Glauben an eine Transzendenz und erst recht an die des Christentums um Selbst-

täuschung handelt.

Den Anfang machen mag dies: Wenn der Glaube an Gott bedeutet, dass ein höheres Wesen,

dem wir diesen Namen gegeben haben, das Universum (mit-)erschaffen haben, eine prinzi-

35 piell positive, ja sogar liebende persönliche Beziehung zu Menschen unterhalten und zugleich

ihrem Leben sowohl Sinn als auch Orientierung verleihen soll, dann ist festzustellen:

Wie selbstverständlich werden auf diese Weise Gott gleich drei Aufgaben – und prompt auch

deren Erfüllung – zugeschrieben. Dabei sind sie doch sehr voneinander verschieden und müs-

sen keinesfalls zwingend miteinander zu tun haben: Weltenschöpfer, Menschenbehüter, Sinn-

40 stifter. Der britische Physiker Nevill Mott 2 schrieb:

„Vielleicht wurde alles von einer hohen Intelligenz geplant, von einem Gott, der, als er alles

so einrichtete, schon an uns dachte. Ich weiß es nicht, und ich erwarte auch nicht, dass ich es

einmal wissen werde, noch bin ich sehr daran interessiert. Falls dies alles von Gott geplant

wurde, so ist Er so weit entfernt von dem allgegenwärtigen Gott des Gebets und der Vereh-

45 rung, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass es sich um das gleiche Wesen handelt.“

Atheisten glauben weder an den einen noch an den anderen Gott. Allerdings erstaunt es sie,

wie behände 3 Gläubige vom vermeintlichen Verursacher des Urknalls, also eines rein physi-

kalisch-chemischen Vorgangs, auf einen damit identischen Gott der Menschenliebe schließen

und dieses Wesen am Ende auch noch als zuständig für Themen wie Moral und Lebenszweck

50 ansehen.

Ironisch ließe sich zu einer derartig umfassenden Vereinnahmung sagen: The winner takes

it all.

Und ernsthaft ist hier erstmals der massive Verdacht gegen den Glauben zu erheben, dass, wo

so viele und so unterschiedliche Bedürfnisse von einer einzigen Instanz abgedeckt werden,

55 mit hoher Wahrscheinlichkeit Wunschdenken am Werk ist. [...]

Auf Ungläubige wirkt es verwunderlich und befremdlich, wie wenig Probleme Gläubige damit

haben, dass ihr Gott so sehr menschlichen Bildern und Begriffen entgegenkommt und so sehr

menschliche Wünsche zu erfüllen scheint. Dieser Gott ist, mit dem griechischen Fremdwort,

anthropomorph (= menschengleich) durch und durch. Nicht anders als all die vielen Gotthei-

60 ten, mit denen schon die alten Griechen den Himmel respektive Ober- und Unterwelt bevöl-

kerten und denen sie die denkbar menschlichsten Eigenschaften andichteten. Nach Herzens-

lust wird bekanntlich in der griechischen Mythologie von den diversen Göttern und Göttin-

nen geliebt, gehasst, intrigiert, gekämpft, erobert, gerächt – gerade so, wie es die Menschen von

ihresgleichen nur zu gut kannten. [...]

65 Indessen muss, wer sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzt, immer wieder erfahren –

und sich diese Erfahrung immer wieder ins Bewusstsein rufen –, dass viele, nur allzu viele

Gläubige eine (selbst-)kritische Auseinandersetzung eben gerade nicht wollen.

Das Bedürfnis zu glauben, die Sehnsucht nach Gehaltensein von einer Instanz, die nicht von

dieser Welt ist, das Verlangen nach übernatürlicher Überwölbung des Irdischen und eigener

70 Teilhabe daran – das scheint für eine große Zahl der Mitmenschen geradezu übermächtig und

von fundamentaler Bedeutung. Und umgekehrt hielten sie eine Welt und ein Leben ohne so

etwas wie Gott für sinnlos, für absurd. Und den Glauben an einen leeren Himmel für gefähr-

lich, und zwar sowohl für die Individuen wie für die Gesellschaft.

1 metaphysisch: jede empirische Erfahrung überschreitend.

2 Nevill Mott (1905 – 1996): englischer Physiker, 1977 Nobelpreis für Physik.

3 behände: gewandt, flink, geschickt.

Aus: Peter Henkel: Ach, der Himmel ist leer. Lauter gute Gründe gegen Gott und Glauben, Frankfurt am Main 2010.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sich der Gedankengang entwickelt und welche Intention des Verfassers erkennbar wird. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2022

Lösung

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1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sich der Gedankengang entwickelt und welche Intention des Verfassers erkennbar wird. (26 Punkte)

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