Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2022
Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Meine Lieben,
auf einer meiner Studien- und Vortragsreisen nach Indien machte ich eine Erfahrung, die mir die Botschaft des heutigen Evangeliums vom ungläubigen Thomas auf eine ganz neue, erstaunliche Art und Weise erschloss. [...]
5 Noch am Morgen hatte ich bei der Messe in der Kathedrale von Madras 1, wo seit jeher das Grab des Apostels Thomas verehrt wird, jenen Abschnitt aus dem Evangelium des heiligen Johannes vorgetragen, der auf diesen Sonntag fällt. In jenem Moment habe ich ihn noch so wahrgenommen, wie ich ihn zuvor jedes Mal wahrgenommen hatte und wie er gewöhnlich ausgelegt wird: Jesus hat durch seine Erscheinung den skeptischen Apostel von jedem Zweifel 10 an der Realität seiner Auferstehung befreit; aus dem „ungläubigen Thomas“ wurde mit einem Male der gläubige. Ich ahnte noch nicht, dass mich dieser Text noch ganz anders und tiefer ansprechen würde, bis sich der Tag neigte – und dass er mir sogar das größte Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht zeigen würde: die Auferstehung Jesu und seine Göttlichkeit. An dem heißen Nachmittag jenes Tages führte mich mein indischer Kollege, 15 katholischer Priester und Professor für Religionswissenschaft an der Universität in Madras, an den Ort, wo der Legende zufolge der Apostel Thomas zu Tode gefoltert wurde. Dann besuchten wir zusammen ein katholisches Waisenhaus, das sich nur wenige Schritte entfernt befindet. Es war ein erschütterndes Erlebnis. In Bettchen, die eher an Geflügelkäfige erinnerten, lagen kleine verlassene Kinder mit Bäuchen, die vor Hunger aufgebläht waren, kleine, 20 mit Haut überzogene Skelette. Von allen Seiten schauten mich ihre fiebrigen Augen an und streckten mir ihre rosafarbenen Handflächen entgegen. Die Luft nahm mir den Atem. Inmitten des Gestanks und des Weinens ging es mir psychisch, physisch und moralisch schlecht. Ich erinnerte mich an die Worte von Iwan Karamasow 2, der Gott die Eintrittskarte für die Welt zurückgeben wollte, in der Kinder leiden. Aber gerade in dem Moment tauchte in mir aus der 25 Tiefe der Satz auf: „Berühre die Wunden!“ Und wieder: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite“ (Joh 20,27). Auf einmal erschloss sich mir jene Geschichte des Apostels Thomas neu. Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die „Wunden Christi“. An Christus zu glauben, „mein Herr 30 und mein Gott“ (Joh 20,28) rufen zu dürfen – das kann ich nur dann, wenn ich diese seine Wunden berühre, von denen unsere Welt auch heute so voll ist. Ansonsten würde ich nur sinnlos und vergebens „Herr, Herr!“ rufen.
Auch wenn wir nicht alle Wunden der Welt heilen können, dürfen wir trotzdem vor ihnen nicht die Augen verschließen und ihnen gleichgültig den Rücken zuwenden, wir müssen sie 35 zumindest wahrnehmen, berühren, und uns von ihnen berühren, ergreifen lassen. Dort in Madras war es für mich auf einmal offensichtlich: Ich habe nicht das Recht, Gott zu bekennen, wenn ich den Schmerz und das Elend meiner Nächsten nicht ernst nehme. [...]
Jesus kommt zu Thomas und zeigt ihm seine Wunden: Sieh her, das Leid – egal welches Leid – ist nicht einfach weggewischt und vergessen! Die Wunden bleiben Wunden. Aber der 40 jenige, der „die Krankheiten von uns allen getragen hat“ (vgl. Jes 53,4), durchschritt gehorsam auch das Tor der Hölle und des Todes, und er ist hier weiterhin (unbegreiflich) mit uns.
Er zeigte, dass die Liebe alles erträgt, „gewaltige Wasser können die Liebe nicht löschen und auch Ströme schwemmen sie nicht fort“, „stark wie der Tod ist die Liebe“ (Hld 8,6f.) – und sogar stärker als er. Die Liebe erscheint im Licht dieses Ereignisses als ein Wert, den wir nicht 45 dem Bereich des Sentimentalen preisgeben dürfen; sie bedeutet eine Kraft – die einzige Kraft, die den Tod selbst überlebt und mit den durchbohrten Händen seine Tore aufstößt.
Die Auferstehung ist also kein Happy End, sondern eine Einladung und eine Aufforderung: Wir dürfen nicht vor dem Feuer des Leids kapitulieren, auch wenn wir es jetzt nicht löschen können. Wir dürfen uns angesichts des Bösen nicht so verhalten, als sollte ihm das letzte Wort 50 gehören. Haben wir keine Angst, „an die Liebe zu glauben“ (1 Joh 4,16) auch dort, wo sie gemäß aller Kriterien der Welt verliert. Haben wir den Mut, gegen „die Weisheit dieser Welt“ auf die Torheit des Kreuzes (1 Kor 1,18) zu setzen!
Vielleicht wollte Jesus Thomas, indem er seinen Glauben durch die Berührung der Wunden auferweckte, genau das sagen, was sich mir wie vom Blitz getroffen im Waisenhaus in Madras 55 erschloss: Dort, wo du das menschliche Leid berührst – und vielleicht nur dort! –, dort erkennst du, dass ich lebendig bin, dass „ich es bin“. Du begegnest mir überall dort, wo die Menschen leiden. Weiche mir in keiner dieser Begegnungen aus. Habe keine Angst! Sei nicht ungläubig, sondern glaube!
Gott, der Herr des Alten Bundes, erschien Mose im brennenden Dornbusch; sein eingeborener 60 Sohn, unser Herr und Gott, erscheint im Feuer des Leids, im Kreuz – und wir verstehen seine Stimme nur dann, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und bereit sind, auch die Lasten der anderen zu tragen, nur dann, wenn die Narben der Welt – seine Narben – für uns zu einer Aufforderung werden.
[...] Ein Gott, der sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völ 65 lig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde, das wäre nicht mein Gott, nicht der Gott der Bibel, nicht der Gott meines Glaubens. Die Geschichte, die die Bibel erzählt, ist kein süßes Idyll, sondern ein beunruhigendes Drama; die Welt, von der die Schrift spricht, hat (genauso wie unsere heutige Welt) blutige und schmerzhafte Wunden – und der Gott, den sie bekennt, trägt diese ebenfalls.
70 Dem christlichen Glauben stellt sich Gott als ein verwundeter Gott vor [...]. Es ist ein sympathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher. [...] Ich glaube nicht an einen Glauben ohne Wunden, an eine Kirche ohne Wunden, an einen Gott ohne Wunden. Nur ein verwundeter Gott kann durch unseren verwundeten Glauben die verwundete Welt heilen.
75 Amen.
1 Madras: früherer Name der Stadt Chennai im Südosten Indiens.
2 Iwan Karamasow: eine Figur aus Fjodor Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ (1878 – 1880), der vordergründig eine Kriminalgeschichte erzählt, vor allem aber auch gesellschaftliche Strukturen und politisch-philosophische Diskussionen im damaligen Russland darstellt. Die drei Brüder verkörpern drei Prinzipien: Iwan das Denken (und den Zweifel an Gott und allen Werten), Dimitri die Leidenschaft und Aljoscha den schöpferischen Willen.
2. Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Stellen aus dem Buch Exodus, inwiefern daran erkennbar wird, dass „der Gott der Bibel“ (Z. 66) nicht ein Gott ist, der „sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völlig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde“ (Z. 64 f.), sondern „ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher“ (Z. 70 f.). (20 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Stellen aus dem Buch Exodus, inwiefern daran erkennbar wird, dass „der Gott der Bibel“ (Z. 66) nicht ein Gott ist, der „sich narzisstisch in dem unbeschädigten Spiegel seiner vollkommenen, völlig harmonischen Welt ohne Widersprüche, Gegensätze und Rätsel anschauen würde“ (Z. 64 f.), sondern „ein sym-pathischer Gott, das heißt ein mit-fühlender, mit-leidender, mit-leidenschaftlicher“ (Z. 70 f.). (20 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung an zwei exemplarischen Textstellen des Buches Exodus (je 10 Punkte): 1. Erste Textstelle (z. B. Ex 3,1–17: Die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch): - Gott offenbart sich nicht fern in Harmonie, sondern im brennenden, nicht verbrennenden Dornbusch – ein paradoxes Bild, das Widersprüche der leidvollen Realität aufnimmt. - Gott sieht das Elend seines Volkes in Ägypten und hört ihr Schreien (Ex 3,7): Er erweist sich als empathisch, mitfühlend und parteiisch für die Unterdrückten. - Die Zusage des göttlichen Namens (»Ich bin da / Ich werde sein, der ich sein werde«) verheißt verlässliche, solidarische Begleitung im geschichtlichen Handeln. 2. Zweite Textstelle (z. B. Ex 32,1–35: Der Abfall des Volkes beim Goldenen Kalb): - Realität von Konflikt, Vertrauensbruch und Scheitern: Gott entzieht sich der disharmonischen Situation nicht, sondern reagiert leidenschaftlich und verwundet über die Treulosigkeit. - Auf die Fürbitte des Mose hin zeigt sich Gott berührbar: Er lässt sich erweichen, bereut das Unheil und bricht den Bund nicht endgültig ab. - Gott erweist sich als beziehungsorientierter Gott, der mit seinem Volk mitgeht und ihm trotz Schuld und Strafe die Verheißung und Begleitung aufrechterhält.
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