Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 a · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Kaufmann, Robert: Götter-Menschen, Menschen-Götter. Der überfällige Abschied von Götzenbildern. Neu-Isenburg 2015, S. 108 – 118 (Auszug).
* Robert Kaufmann, Lebensdaten unbekannt, ist Jurist und gehört zum Redaktionsteam des Humanistischen Verbands Österreich.
Aus biologischer Sicht besteht kein Zweifel daran, dass das Leben des Menschen wie auch
jenes aller anderen Lebewesen endlich ist. Das Ende des Lebens ist durch den Tod und durch
den nachfolgenden allgemeinen Zerfallsprozess [...] des Körpers gekennzeichnet.
Nichtsdestotrotz wird in vielen Religionen die Auffassung vertreten, dass dem begrenzten
5 Leben auf der Erde ein ewiges Leben in einem Paradies oder einer Hölle nachfolgt – mit ge-
naueren Ortsangaben über die Lage des Paradieses oder der Hölle können Religionen leider
nicht dienen.
Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Seele, die eben nach Sichtweise vieler
Religionen unsterblich sein soll. Über die Vorstellungen, wie die Seele beschaffen sei und wie
10 oder wo sie nach dem Tod des Individuums weiter bestehe, gibt es unterschiedliche Auffas-
sungen der verschiedenen Religionen, die von der Fortsetzung der Seelenexistenz nach dem
Tod, der Wiedergeburt der Seelen, Seelenwanderungen bis zu speziellen Aufenthaltsorten
(Paradies, Hölle [...]) reichen. Ich möchte daher auch in diesem Zusammenhang unterstrei-
chen: Es gibt auch hier seitens der Theisten nicht eine allgemeingültige These hinsichtlich der
15 Ausgestaltung der unsterblichen Seele, sondern unterschiedliche zueinander im Widerspruch
stehende Vorstellungen. Es gibt auch hier, wie etwa hinsichtlich der divergierenden¹ Verhal-
tensgebote der unterschiedlichen Religionen, ein völliges Wirrwarr, ein Chaos, das auf unter-
schiedliche mehr oder minder bizarre (Wunsch-)Vorstellungen verschiedener Menschen zu-
rückzuführen ist. Ich selbst bringe mit der Seele lediglich eine Befindlichkeit in Verbindung,
20 die selbstverständlich mit dem Ende der Körperlichkeit einer physischen Entität² gänzlich
endet. Der Körper und die Seele sind somit zwingend eine Einheit, die nie auseinanderfällt.
Ich habe noch keine Seelenerfahrung ohne Körper gehabt und werde auch keine diesbezüg-
lichen Erfahrungen machen, mögen mir auch Vertreter diverser Religionen anderes einreden
wollen.
25 [...] Wenn ich meinen Geist³ lediglich als eine bestimmte Funktion meines Körpers begreife,
die der Erhaltung des Lebens dient und unausweichlich und selbstverständlich mit dem Tod
endet, so interessieren mich Beeinflussungen durch religiöse Würdenträger in Hinblick auf
eine Nachbehandlung meiner Seele durch den von ihnen kreierten Gott nicht. Mich interes-
siert eine „Vorbehandlung“ meiner Seele durch die ehrenwerten geistigen Würdenträger⁴ zeit
30 meines Lebens dann auch nicht. Die geistigen Würdenträger sind bei mir arbeitslos. Denn
meine Seele, wenn man diesen Ausdruck verwenden will, endet unausweichlich mit meinem
Leben. Das ist – für mich – gewiss und es ist gut, dies zu wissen, um nicht ein Opfer von
Märchenerzählern zu werden, die teilweise gutgläubig agieren, zum Teil aber auch wissent-
lich Fehlinformationen verbreiten.
35 Mit der Endlichkeit meiner Seele ist diese jedoch nicht weniger wert als eine geglaubte un-
sterbliche Seele. Es geht für mich einfach nur darum, Grenzen des Lebens, Grenzen der Natur
anzuerkennen und zu respektieren und nicht die Natur durch irgendwelche bizarren Ideen ein-
zelner Angehöriger einer Spezies auf den Kopf zu stellen! Die Natur stellt uns Menschen eine
begrenzte Zeit einer körperlichen und geistigen Einheit zur Verfügung. Diese Grenzen sollten
40 nicht durch religiöse gedankliche Exzesse eines ewigen Daseins ohne Körper verletzt werden.
Ich erachte es für unmoralisch, Gelüste nach einem alternativen Dasein jenseits der Körper-
lichkeit zu schüren, denn das jetzige und einzige Leben eines jeden wird hiermit eigentlich
abgewertet. [...]
Sich zu wünschen, nach dem Tod irgendwie weiter zu existieren, ist ein unerfüllbarer Wunsch.
45 Man sollte ihn sich möglichst rasch abgewöhnen, wenn man ihn denn überhaupt schon hat.
Dann ist man vor den seltsamen Verlockungen mancher Religionen, die von haltlosen Ver-
sprechen leben, gefeit. Der Lebenswille ist gut und natürlich. Hätten wir ihn nicht, so könnten
wir nicht überleben. Dies gilt für uns genauso wie für jede andere Spezies auf dem Planeten
Erde. Aber ein Wille in Hinblick auf ein Nachher? Dieser Wunsch ist nicht natürlich und
50 nicht gut. Ein Wille in Hinblick auf ein Nachher entspringt somit nur manchen von Größen-
wahn befallenen Primatengehirnen, und durch den Sanktionscharakter in der Nachexistenz
wird von manchen Menschen, vor allem religiösen Autoritäten, auf das Verhalten der Mit-
menschen – dies eben ohne taugliche Grundlage – Einfluss geübt. Das gilt vor allem dann,
wenn mit der begehrten Nachexistenz nach dem Tod von den Urhebern des irrwitzigen Pro-
55 gramms gleich noch ein im Jenseits richtender Gott mitgeliefert wird. Besonders abstoßend
sind Religionen, die sogar eine ewige Bestrafung der Seele vorsehen, wenn man sich nicht an
ihre jeweiligen Verhaltensgebote hält [...].
Somit wird die Unsterblichkeit in Verbindung mit der Seele nichts anderem als einem Bedürf-
nis des Menschen gerecht, der seine zeitlich begrenzte Belebtheit im sozialen Kontext einfach
60 nicht hinnehmen will. Der Tod kann unter Umständen als weniger belastend wahrgenommen
werden, wenn er als eine bloße Durchgangspforte zu einer neuen Existenz begriffen wird.
Religionen kommen in diesem Sinne dem menschlichen Bedürfnis nach Unsterblichkeit nach.
Aufgrund des Bestehens eines menschlichen Bedürfnisses kann aber gerade nicht auf die
Existenz des Bedurften oder Gewünschten geschlossen werden, sondern ganz im Gegenteil.
65 Nebst diesem wesentlichen Faktor für die Generierung der Vorstellungen von der unsterblichen
Seele ist zu unterstreichen, dass es sich um eine wesentliche Grundlage für die Einflussnahme
religiöser Würdenträger handelt, da die Seele vor allem ja auch Adressat der Sanktionen des
den Menschen richtenden jeweiligen Gottes [...] ist beziehungsweise die nachfolgende Wei-
terexistenz vom Vorleben abhängt, was beides selbstverständlich blanker Unfug ist.
¹ divergierend: unterschiedlich, verschieden.
² physische Entität: das körperlich Seiende, die körperliche Existenz.
³ Geist: Der Autor verwendet die Begriffe „Geist“ und „Seele“ synonym.
⁴ geistige Würdenträger: gemeint sind geistliche Würdenträger, die Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
3. a)
Entfalten Sie, wie sich die Bilder von Gericht und Vollendung heute theologisch deuten lassen, und beziehen Sie dabei das Gottes- und Menschenbild ein, das ihnen zugrunde liegt. [14 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Zeitgenössische theologische Deutung der Bilder von Gericht und Vollendung (z. B. nach G. Greshake)
Lösung: - Biblische Bilder vom Ende dürfen nicht als empirische Reportagen, Endzeit-Szenarien oder räumliche Orte missverstanden werden, sondern müssen personal-beziehungshaft verstanden werden. - Himmel: Bild für die vollendete, endgültige Gemeinschaft mit Gott und den Mitmenschen; Erfüllung aller menschlichen Sehnsucht nach personaler Liebe und Kommunikation (universale Heilsverheißung). - Hölle: Keine von außen verfügte göttliche Strafe, sondern das Bild für das selbstverschuldete radikale Nein des Menschen zu Gott und den Mitmenschen; die Konsequenz der menschlichen Verweigerung von Liebe. - Gericht und Fegefeuer: Keine Schauprozesse oder physischen Folterorte, sondern die heilsame, wenngleich schmerzhafte Begegnung des Menschen mit der Wahrheit der Liebe Gottes, in der das irdische Leben in Gerechtigkeit und Gnade geläutert und zur Versöhnung geführt wird.
Zugrunde liegendes Gottes- und Menschenbild
Lösung: - Gottesbild: Gott ist die unbedingte, barmherzige Liebe und das Wohlwollen gegenüber jedem Menschen. Er will das Heil aller (Himmel), achtet aber die Freiheit des Menschen und respektiert auch dessen Ablehnung (Hölle). Gott ist ein gerechter Richter, der zugleich voll Gnade ist. - Menschenbild: Der Mensch ist als personales Gegenüber Gottes geschaffen, mit Freiheit, Würde und Verantwortung ausgestattet (Gabe und Aufgabe). Vollendung widerfährt dem Menschen nicht fremdbestimmt oder magisch, sondern verlangt sein freies Mitwirken und die Bereitschaft zur Umkehr und Versöhnung.
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