Aufgabe HT 4 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Dorothea Sattler*: Darf Gott den Menschen gegenüber gnädig handeln? Annäherungen an eine unvertraute Frage in ökumenischer Perspektive

In: Knop, Julia (Hrsg.): Die Gottesfrage zwischen Umbruch und Abbruch. Theologie und Pastoral unter säkularen Bedingungen. Freiburg i. Br. 2019, S. 294 f., 301 – 305 (Auszug).

Gibt es berechtigte Gründe, an der Existenz eines zugleich allmächtigen und allgütigen (barm-

herzigen) Gottes festzuhalten angesichts der Leiden der Geschöpfe? Wird Gott gnädig handeln

an den Menschen, die andere Geschöpfe quälen und töten? Darf Gott dies überhaupt? Vergisst

Gott in seinem gnädigen Handeln nicht die unschuldigen Opfer, denen Gewalt angetan wird

5 weltweit? […]

Der Kolosserbrief bezeichnet Jesus Christus als das „Bild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15).

Er ist Gottes sichtbare Erscheinung in Zeit und Geschichte. […]

Wie hat Jesus in seinem Leben bezeugt, dass er innerlich auf einen gnädigen Gott vertraute?

Auf welche Weise wird Jesus von einem Mahner vor Gottes Gericht (im Sinne des Täufers

10 Johannes) zu einem Verkündiger der Gnade Gottes? Die Betrachtung der Lebensweise Jesu

kann eine Antwort auf diese Fragen schenken. Menschen haben in der Begegnung mit Jesus

eine Wandlung erfahren, die sie als Heilung wahrnahmen. Jesus lebte mit den Menschen eine

Gestalt von Beziehung, in der die einzelnen zur Selbstannahme befähigt wurden. Jesus fragte

die Menschen, die sich an ihn wandten, was sie von ihm möchten. Er ermutigte dazu, die eige-

15 nen Lebenswünsche anzuerkennen. Jesus suchte nach Gemeinschaft mit denen, die an den

Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Seine besonders in der Mahlgemeinschaft erfahrene

Beziehungswilligkeit vergegenwärtigt die Antwort des bleibend bundeswilligen Gottes auf

die Sünde des Gemeinschaftsbruchs.

Inwiefern kann Jesu Weise zu sterben als Ort der Erkenntnis der Güte und Menschenliebe

20 Gottes gelten? Warum kann gerade das Sterben – die Weise, wie der eigene Tod gelebt, ange-

nommen und gedeutet wird – ein Ort der Erkenntnis der Sinngestalt des Daseins sein? Das

zwischenmenschliche Gemeinschaftsleben ist ein Ort, an dem erfahren werden kann, dass es

einen Zusammenhang zwischen unbedingter Beziehungswilligkeit und Lebensminderung gibt:

Wahre Versöhnung kostet etwas. Menschen, die auch in Anfechtungen beziehungswillig blei-

25 ben und die Situation der Feindschaft in Gemeinschaftstreue durchstehen, lassen sich das

eigene Leben von Anderen nehmen. Wahre Liebe ist bereit zur Lebenseinbuße – zum Tod

mitten im Leben schon. Jesus war ein Mensch, der sich hat verzehren lassen von der Not der

Menschen.

In der Situation der Gefährdung des eigenen Lebens durch einen gewaltsam herbeigeführten

30 Tod ist die Bereitschaft, den drohenden Menschen in Liebe zugewandt zu bleiben, ein in beson-

derer Weise qualifiziertes Zeugnis der Beziehungswilligkeit. Die Sünde entfaltet eine bezie-

hungsfeindliche Dynamik, deren letzte Konsequenz die Infragestellung der Existenzberech-

tigung des anderen Menschen ist. Jesus antwortet auf das Nein des Todes, das andere über ihn

sprechen, mit dem Ja zu ihrem Leben – Ja zum Leben auch derer, die ihn töten.

35 Der Begriff der Stellvertretung lässt sich als Rede von der heilvollen Wirkung der Tat des

einen für die anderen verstehen: Jesus tritt an die Stelle der Sünder; er nimmt in seinem Tod

die Folgen ihrer Beziehungsfeindlichkeit an. Er stiftet darin eine unverbrüchliche Beziehung

zwischen Gott und den Menschen. Ein Gedanke scheint mir an dieser Stelle aber ganz wesent-

lich zu sein: Ohne die Wahrheit des sich in seiner Beziehungswilligkeit bewährenden Gottes

40 wäre auch das an Jesus Geschehene bloß eine Bestätigung der sündigen Beziehungsfeindlich-

keit der Welt. Im Lebendigen, im Auferweckten, erweist sich die Liebe stärker als der Tod.

Das gemeinsame christliche Gottesbekenntnis hält die beiden Aspekte zusammen: Gnade

wird gewährt und Gerechtigkeit ist zu leben. Im Hintergrund steht die Annahme, dass ein

gottesfürchtiger Mensch auf Gottes gnädiges Handeln keinen Anspruch hat. Gerechtigkeit zu

45 leben, ist nicht darin begründet, sich das ewige Leben zu verdienen. Wer liebt, lebt jetzt schon

in irdischer Zeit befreit, erlöst, versöhnt.

Welche Bedeutung hat das Nachdenken über Gottes Gnade und Gottes Gerechtigkeit […] im

Hinblick auf die Erwartung der Geschehnisse anlässlich des Todes eines Menschen? Werden

alle Geschöpfe fraglos von Gott begnadigt oder gibt es einen Prozess der Selbsterkenntnis in

50 der Läuterung und im Gericht, bei dem auch die Lebenden auf geistliche Weise mitwirken?

In der neueren römisch-katholischen Eschatologie ist es vertraut, die Läuterung als einen

integralen Aspekt des Gerichtsgeschehens zu betrachten. Läuterung und Gericht gelten als

zwei Vollzüge, die ein Gesamt bilden: Gott erspart niemandem die schmerzlich heilvolle Wie-

dererkenntnis der Zusammenhänge des Lebens. Nicht der Wunsch nach Vergeltung leitet ihn

55 dabei, sondern sein heiliger Zorn angesichts der in der Lebenszeit verwirkten Möglichkeiten,

im Leben bereits in der Gemeinschaft der Geschöpfe das Gute füreinander zu ergreifen.

[…] Auch für den gnädigen Gott bleibt jede Feindschaft unter den Geschöpfen eine Sünde.

Das Vertrauen auf Gottes Gnade darf nicht verwechselt werden mit der Annahme göttlicher

Gleichgültigkeit angesichts des Unrechts, das weltweit geschieht. Resignation scheint Gott in

60 diesem Zusammenhang fremd zu sein. Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott sich als

eine Person vorgestellt, die das Böse bekämpft und zugleich den Bösen das Leben schenkt –

in Erwartung ihrer Einsicht und Umkehr bis zum letzten möglichen Augenblick. Wann wird

dieser sein? Wir Menschen sollten uns mäßigen in der Vorstellung, Gott vorschreiben zu kön-

nen, was er darf oder nicht. Gott ist der Allergeduldigste. Nach allem, was uns in der jüdisch-

65 christlichen Tradition als Zeugnis von Gott überliefert worden ist, wird der gnädige Gott ge-

recht handeln – gerecht allen gegenüber. Wer dürfte je einen Stein auf andere Menschen wer-

fen, ohne an die eigene Schuld zu denken? Das ist die Frage des Evangeliums. Es gilt, Gottes

Gnädigkeit auszuhalten und sie einander heute und immerzu zu erweisen. Wo finden wir ange-

sichts dieses Gottes Menschen, die einander gnädig sind? Vielleicht ist dies die Frage unserer

70 Zeit.

* Dorothea Sattler, geb. 1961, ist Professorin für Ökumenische Theologie und Dogmatik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

3.

Entfalten Sie eine gegenwärtige Auffassung von Gericht und Vollendung unter Berücksichtigung des ihr zugrunde liegenden Gottes- und Menschenbildes und untersuchen Sie danach, ob Sattlers Ausführungen in den Zeilen 51 – 56 zur „neuere[n] römisch-katholische[n] Eschatologie“ (Z. 51) auf die von Ihnen dargestellte Position zutreffen. [18 Punkte]

4.

Nehmen Sie begründet Stellung zu Sattlers Aussage, die „Frage unserer Zeit“ (Z. 69 f.) bestehe vielleicht darin, dass wir angesichts eines gnädigen Gottes Menschen finden, die „einander gnädig sind“ (Z. 69). [14 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 · Abitur NRW Katholische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Entfalten Sie eine gegenwärtige Auffassung von Gericht und Vollendung unter Berücksichtigung des ihr zugrunde liegenden Gottes- und Menschenbildes und untersuchen Sie danach, ob Sattlers Ausführungen in den Zeilen 51 – 56 zur „neuere[n] römisch-katholische[n] Eschatologie“ (Z. 51) auf die von Ihnen dargestellte Position zutreffen. (18 Punkte)

Lösung: Individuelle Ausarbeitung: Entfaltung zeitgenössischer Eschatologie (z. B. nach G. Greshake: personale Deutung biblischer Bilder, Himmel als vollendete Gemeinschaft, Hölle als selbstverschuldete Beziehungsverweigerung, Gericht/Fegefeuer als läuternde Begegnung mit Gott) samt Gottes- und Menschenbild; anschließende Prüfung der Passung zu Sattlers Aussagen über Läuterung, schmerzhaften Selbsterkenntnisprozess und den „heiligen Zorn“ Gottes.

4. Nehmen Sie begründet Stellung zu Sattlers Aussage, die „Frage unserer Zeit“ (Z. 69 f.) bestehe vielleicht darin, dass wir angesichts eines gnädigen Gottes Menschen finden, die „einander gnädig sind“ (Z. 69). (14 Punkte)

Lösung: Individuelle begründete Stellungnahme: Abwägung von Chancen (Überwindung von Schuldzuweisungsmustern, Versöhnung im Nahbereich, gesellschaftlich-ökologischer Einsatz gegen Beziehungsfeindlichkeit) und Grenzen/Risiken (Gefahr der Banalisierung von Unrecht und Verharmlosung von Tätern, Überforderung der Opfer, Spannung zum irdischen Gerechtigkeitsempfinden).

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